Gustavo Portela: Kultiviert Saatgut wie Topinambur, Teff oder Weizen aus der Steinzeit © Vanina De Acetis
Samenbank mit Bio-Saatgut von Gustavo Portela © Vanina De Acetis
Gustavo Portela bei der Arbeit im Gemüsegarten «La Abajeña» © Vanina De Acetis

«Der Kontakt zur Natur ist verloren gegangen»

Romano Paganini / 15. Sep 2015 - Gustavo Portela stemmt sich gegen die Agrarindustrie: Er züchtet in Argentinien Bio-Saatgut und beliefert Bauern übers Internet.

Agrarchemikalien, die in Kriegen eingesetzt werden und gentechnisch verändertes Saatgut: Argentinien ist seit Jahren Versuchslabor der Agrarindustrie. Auf den ersten Blick scheint es, dass hinter den Soja-Monokulturen nichts anderes mehr wächst. Auf den ersten Blick. Denn parallel zur Agrarindustrie und der aufkommenden Kritik am herrschenden Produktionsmodell sind kleine Frucht- und Gemüseplantagen entstanden, in denen ohne industrielle Pestizide oder Düngemittel angepflanzt wird. Sie finden sich oft am Rande der Grossstädte und beliefern diese zwei- bis dreimal pro Woche. Ihr Saatgut züchten diese Betriebe selber, sie tauschen es untereinander oder beziehen es übers Internet vom Bio-Produzenten Gustavo Portela.

Der 49-Jährige wuchs in La Plata auf und liess sich 1998 als Selbstversorger im Städtchen Tilcara in der Nähe der bolivianischen Grenze nieder. Dort bewirtschaftet Portela 2500 Meter über Meer auf einer halben Hektare Land den Bio-Gemüsegarten «La Abajeña». Der Autodidakt hat im Laufe der Jahre Saatgut wie Topinambur, Teff oder Weizen aus der Steinzeit kultiviert. Damit hat Portela nicht nur zur Vielfalt in der lokalen Landwirtschaft beigetragen, sondern auch ein Licht für all jene entzündet, die seit Jahren gegen Monsanto, Syngenta und Bayer kämpfen.

Samenbank mit Bio-Saatgut von Gustavo Portela

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Gustavo Portela, wer hat Ihnen beigebracht, wie man einen Gemüsegarten bestellt?

In meiner Familie gab es niemanden, der einen Garten hatte. So begann ich auf eigene Faust in meiner Heimatstadt La Plata – zunächst alleine, später zusammen mit Cedepo (Centro Ecumenico de Educación Popular), einem gemeinnützigen Verein zur Volksbildung. Viele Mitglieder von Cedepo waren Exil-Argentinier, die nach der Diktatur zurück ins Land gekommen waren. Sie sahen, dass es einiges zu tun gab, nicht nur in der Bildung, sondern auch in der Landwirtschaft.

Verfügten Sie über ein Stück Erde, das Sie bewirtschaften konnten?

Cedepo hat in Florencia Varela, einem Ausläufer von Buenos Aires, ein Stück Land gekauft. Der Boden war mit Ziegelsteinen zugemauert und es war praktisch unmöglich, dort etwas anzupflanzen. Doch man kaufte ganz bewusst dieses Stück Land: Zum einen, weil es sehr günstig war, zum anderen wollte man zeigen, dass selbst an unmöglichen Orten wieder Landwirtschaft betrieben werden kann. Heute, fast dreissig Jahre später, steht dort ein Wald, und es ist unglaublich, wie diesem einst trostlosen Ort wieder Leben eingehaucht wurde.

Woher wussten Sie, wie anpflanzen – etwa aus Büchern wie «Leben auf dem Lande» des Engländers John Seymour?

Für Städter, die aufs Land ziehen, ist Seymour so etwas wie der Klassiker. Ausserdem ist es ein gutes Buch. Wir hatten auch Bücher über Biointensiv-Landwirtschaft und auch Fukuokas «Der grosse Weg hat kein Tor» wurde herumgereicht. Aber grundsätzlich galt: säen, ausprobieren, notieren und vor allem registrieren. Wir lernten Schritt für Schritt, hauptsächlich durch eigene Erfahrung.

Und woher kam dann der Impuls, Gemüse anzupflanzen?

Bereits als Kind beobachtete ich Vögel. Mich faszinierte die Vielfalt in der Natur. Das selbe Interesse begann ich irgendwann für die Nahrungsmittel zu entwickeln. Dies führte schliesslich dazu, dass ich bei mir zu Hause einen Garten zu bestellen begann; ich war damals gut zwanzig Jahre alt. Für mich war das ganz natürlich. Ich habe jedenfalls nie länger darüber nachgedacht.

Also keine ideologischen Beweggründe?

Ich tat das, was mir gefiel. Damals kamen meine Freundin und ich gerade von einer Reise durch Lateinamerika zurück, und wir wollten unsere Erfahrungen mit Anderen teilen. Durch Zufall lernten wir Cedepo kennen und begannen zusammenzuarbeiten. Ich bestellte den Garten nicht wegen einer bestimmten Vision, sondern weil ich lernen wollte und mir die Idee der Selbstversorgung gefiel. Erst vor etwa zehn Jahren begann ich zu realisieren, in welchem Kontext wir leben und dass ich genau das mache, was gemacht werden sollte.

Wie meinen Sie das?

Die ganze Geschichte um Monsanto, die gentechnisch veränderten Samen, das Fehlen von Bio-Saatgut, die Tendenz zum Selbstmord. Ich wirke mit meiner Arbeit dagegen, ohne mir dessen bewusst gewesen zu sein. Nun, eigentlich geht es nicht darum, gegen, sondern für etwas zu sein.

Wofür sind Sie?

Für die Transition und den Schrumpfungsprozess. Für das Leben an und für sich. Wenn du dich dem Konsum entziehen möchtest, musst du produzieren. Und wenn du Produzent bist, beginnst du die Verkettungen zu verstehen: Produktion-Konsum, Produktor-Konsument, Landwirtschaft-Stadt – die Ressourcen und das Wasser. Jeder, der natürliche Landwirtschaft betreibt, ist wie ein kleines Licht. Ich sehe die Umbrüche auf der Welt realistischer dank dieser kleinen Lichtern.

Kleine Lichter...

Ich sehe die Situation ziemlich apokalyptisch, und es hilft mir, wenn ich weiss, dass es Leute gibt, die zum Beispiel eine eigene Obstplantage aufgebaut haben. Dies ist wie ein kleines Licht, dass sich irgendwann mit anderen Lichtern an anderen Orten zu überschneiden beginnt. Die Fähigkeit seine eigenen Nahrungsmittel zu produzieren ist in vielen Kulturen verloren gegangen. Umso wichtiger ist es, dass die Leute, die die Stadt verlassen, zu säen beginnen. Wir werden sie in Zukunft brauchen, auch wenn dies ziemlich messianisch klingen mag.

Inwiefern messianisch?

Die heutige Gesellschaft betrachtet jemanden, der seine eigenen Tomaten pflanzt, bereits als Genie. Was während zehntausend Jahren Menschheitsgeschichte etwas absolut normales war, hat sich in etwas seltsames verwandelt, ja schon fast in etwas mystisches. Das liegt daran, dass der Kontakt zu den Nahrungsmitteln und also auch zur Erde verloren gegangen ist. Und ich meine damit nicht einmal die Agrarwirtschaft, sondern der Kontakt zur Natur.

Der Kontakt zu den Pflanzen, Bäumen, Tieren, dem Essen...

Genau das. Wenn du dich dann richtig zu verbinden beginnst, möchtest du automatisch auch natürliche Landwirtschaft. Ich sehe das Gleichgewicht, das in der Natur herrscht, Tag für Tag. Ich unterscheide nicht zwischen Viechern, Pflanzen und Menschen. Für mich ist alles eins – und ich dachte, dass sei für alle so (lacht).

Sie haben den Kontakt zur Erde nie verloren?

Im Gegenteil: Ich habe ihn gesucht. Mein Umzug von La Plata nach Tilcara hängt direkt damit zusammen. Aus Sicht der Landwirtschaft ist Tilcara sicherlich nicht der ideale Ort. Doch ich kam hierher um mehr Zeit für mich zu haben, im Fluss zu baden und sein Wasser zu trinken. Für mich ist das die Basis unseres Daseins. So beginnst du mit der Zeit deine eigene Entwicklung innerhalb der Natur kennenzulernen.

Gustavo Portela bei der Arbeit in seinem Gemüsegarten «La Abajeña»

Heute lebt über die Hälfte der Menschheit in Städten oder stadtnahen Gebieten, in Lateinamerika sind es über 80 Prozent. Die Mehrheit ist weit weg von der Natur.

In der Stadt ist man sich dessen schon bewusst, denn wenn die Menschen rausfahren und zum Beispiel hierhin kommen, sagen sie: Schau dir diesen Ort an, wie schön die Natur doch ist! Die Menschen haben die Verbindung zur Natur nicht verloren. Sie stellen lediglich fest, dass sich die Welt irgendwie verschoben hat.

Sie stellen fest...

…dass ihnen die Form wie sie leben, nicht gut tut. Doch Feststellen ist eine Sache. Danach mangelt es oft daran, sein Verhalten und seine Handlungen entsprechend anzupassen. Die Städter verbrauchen enorm viel Energie in Wiederstand, Aufklärung und Kommunikation. Doch wenn sie ihren Körper nicht einsetzen, hat auch die natürliche Landwirtschaft keine Zukunft. 5000 Personen, die gegen Monsanto auf die Strasse gehen, das ist eine gute Sache. Doch 5000 Personen bestellen eine halbe Hektare Gemüsegarten in einem Tag.

Mit anderen Worten: Statt gegen das Bekannte anzukämpfen sollte man die Alternativen aktivieren?

Wenn Monsanto gentechnisch verändertes Soja auf dem ganzen Planeten anbaut und niemand andere Samen züchtet, sondern sich die Menschen lediglich gegen die aktuelle Praxis wehren, wird Monsanto weiter voranschreiten. Das ist Funktion, Aufgabe und Geschäft des Unternehmens. Wenn jemand sagt, man müsse mehr Bio-Samen züchten, dann frage ich: Und was machst Du? Wir müssen kohärent sein mit dem, was wir sagen und dem was wir tun, denn Landwirtschaft ist etwas physisches. Was wir brauchen sind Menschen, die ihren Körper einsetzen, ein wenig schwitzen und weniger schwatzen. Allerdings ist in der städtischen Mittelschicht der Weg des Autodidakten, der probiert und Fehler macht, wenig entwickelt. Man verlässt sich lieber auf Rezepte.

Es herrscht eine tiefe Angst, sich zu irren.

Natürlich, niemand will sich irren. Aber dies ist der einzige Weg.

Das würde bedeuten, das Leben aus einem anderen Winkel zu betrachten. 

Klar, du kannst auf dem Land nicht gleich leben wie du das in der Stadt getan hast – weder philosophisch noch materiell. Der Umgang mit dem eigenen Einkommen ist die grosse Schwierigkeit für jene, die die Stadt verlassen. Dort, innerhalb der Transition zwischen Stadt und Land, kommt es dann zu Problemen mit den Partnern oder auch den Kindern.

Sie erwähnten Monsanto und die Folgen des Geschäftsmodells für die Landwirtschaft. Sehen sie ihre Bio-Saatgut-Poduktion als Verteidigung eines kulturellen Erbes?

Die Konservierung von Saatgut ist seit jeher eng mit Landwirtschaft verbunden und die logische Folge eines jeden Gemüsegartens. Ich wiederhole es: Wir haben uns derart von der Natur entfernt, dass auch das Konservieren von Saatgut als etwas exotisches erscheint.

So exotisch, dass Gemüsegärtner, die die Stadt verlassen, Samen kaufen, statt sie von ihren eigenen Pflanzen zu ernten.

Der Punkt ist, dass irgendwann jemand begonnen hat, die Samen zu verkaufen, zu verbessern und dies auch noch gut zu vermarkten wusste. Also kaufte auch der Bauer diese Samen, und so begann die Abhängigkeit von hybridem und gentechnisch verändertem Saatgut. Doch vergessen wir nicht: Die Firmen, die Saatgut verkaufen gibt es seit weniger als 200 Jahren.

Was wollen Sie damit sagen?

Dass das Saatgut der Bauern möglicherweise Schwierigkeiten mit den klimatischen Veränderungen hat, aber nicht einfach alles verloren ist. Natürlich, wenn du auf einem Sojafeld stehst, siehst du diese Realität nicht, aber wenn du nach Yacoraite fährst (ein Dorf, zwanzig Kilometer nördlich von Tilcara, Anm. d. Red.), dann siehst du, dass dort alle ihr eigenes Saatgut konservieren. Manchmal kaufen sie Samen aus anderen Gegenden und kreuzen sie mit eigenem Saatgut. Doch stets mit dem Kriterium, ihr eigenes Bio-Saatgut zu verbessern.

Sie bieten auf ihrer Homepage Samen wie Tobinambur an, die heutzutage auf dem Markt schwierig zu finden sind. Letzten Endes geht es trotz allem um den Erhalt einer Kultur.

Es geht nicht um den Erhalt einer Kultur, die vor zweitausend Jahren bestanden hat, nicht einmal vor hundert. Ich habe einen Saat-Kalender aus den 1930er- und 1940er-Jahren. Dort sind all die «komischen» Samen vertreten, die ich habe, inklusive Daten für die Aussaat. Es ist der Kalender einer Saatgutfirma, die Samen wie Topinambur verkauft hatte. Ich mache nichts weiter, als diese weiterhin zu säen.

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Veranstaltungs-Hinweis

Vortrag von Romano Paganini: Soja, Land und Nahrungsmittel. Die Konsequenzen der industriellen Nahrungsmittelproduktion und wie wir alternative Wege finden, lokal zu essen, zu arbeiten und zu wohnen.

Dienstag, 22. September, 20 Uhr in der Stadtgärtnerei der Grün Stadt Zürich, Sackzelg 27, Raum Allium

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Romano Paganini, aufgewachsen in Greifensee, lebt seit sechs Jahren in Argentinien. Der Journalist, Gärtner und Lehmbau-Maurer besuchte sowohl urban-gardening-Projekte in Valencia, Buenos Aires und Santiago als auch Kommunen von Indigenen in Chile und Argentinien. Er war bei Lehmhaus-Konstrukteuren in Patagonien, Selbstversorgern in Uruguay und in Dörfern Spaniens, die von Krisen-Kids wiederaufgebaut werden.

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