Über die Deutsche Bank ziehen Wolken © cc

Deutsche Bank ist Opfer ihrer Mega-Wettgeschäfte

Matthias Weik und Marc Friedrich / 04. Okt 2016 - Die DB sitzt auf Wett-Derivaten, deren Wert das BIP der ganzen EU fast fünfmal übersteigt. Zudem sind etwa 8000 Prozesse hängig.

Red. Selbst wer Finanzzeitungen liest und Börsensendungen sieht, ist schlecht darüber informiert, welches gigantische und gefährliche Ausmass die Wettgeschäfte der Finanzindustrie erreicht haben. Die Summe sogenannter Derivate erscheint in keiner Bankbilanz. Das ungebremste Börsencasino gefährdet die produzierenden Unternehmen und den gesamten Wohlstand. Die Buchautoren Matthias Weik und Marc Friedrich zeigen dies am Beispiel der Deutschen Bank auf.

DB = «Deutsche Bank»» oder «Derivate Bombe»

Brandgefährlich ist der Derivatebestand der Deutschen Bank von – nach eigenen Angaben – fast 46 Billionen Euro – über 15 Mal so viel wie die jährliche Wirtschaftsleistung Deutschlands und sogar fast fünfmal so viel wie die jährliche Wirtschaftsleitung der gesamten EU – und das bei einem Eigenkapitalanteil von lediglich etwa 61 Milliarden Euro! Diese Derivat-Papiere laufen ausserhalb der Bilanz und sind völlig intransparent. Sollten der Bank lediglich fünf Prozent aller Derivate um die Ohren fliegen, gehen in Frankfurt die Lichter ganz schnell aus.

Im Februar 2016 sah sich die Bank sogar gezwungen, öffentlich klarzustellen, dass sie noch liquide sei. Als sich dann auch noch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit den Worten «Ich mache mir keine Sorgen» beruhigend zur Deutschen Bank äusserte, gingen die Alarmglocken an. Die letzten Banken, zu denen solche Äusserungen verbreitet wurden, waren Bear Stearns und Lehman Brothers. Das Ende kennen wir.

«Der Bank geht es gut»

John Cryan, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, sah sich gezwungen verlauten zu lassen, dass es der Bank gut gehe und keine Anfrage auf Staatshilfen gestellt werde. Das Gleiche jedoch hat der Chef der US-Bank Lehman Brothers kurz vor der Pleite 2008 ebenfalls verlauten lassen. Ein weiterer Absturz der Aktie der Deutschen Bank am letzten Freitag konnte nur durch ein ominöses Gerücht gestoppt werden, dass die US-Strafzahlung auf 5,4 Milliarden Dollar runtergehandelt worden sei. Weder die US-Behörde, noch die Deutsche Bank äusserten sich offiziell dazu. Die eigentlichen Verhandlungen der Deutschen Bank mit dem Department of Justice (DOJ) haben noch gar nicht begonnen und DB-Chef Cryan fliegt erst nächste Woche in die USA, um dort mit dem DOJ zu verhandeln. Auch bei Lehman Brothers gab es immer wieder Gerüchte über Rettungen und potenzielle Käufer, die sich alle als Schönwetter-Berichte herausgestellt hatten.

Im Chartverlauf der Aktienkurse gibt es zwischen der Deutschen Bank und Lehman Brothers Parallelen:

Gefährlicher Kurs-Rutsch der DB-Aktie

Das US-Justizministerium fordert von der Deutschen Bank in einem ersten Vergleichsvorschlag im Streit um windige Hypothekengeschäfte vor der Finanzkrise 2008 eine Strafe in Höhe von 14 Milliarden Dollar (rund 12,5 Milliarden Euro) – ein Riesenbatzen Geld. Die Rückstellungen der Bank in Höhe von 5,5 Milliarden Euro werden da wohl kaum ausreichen. Selbst wenn diese Strafzahlung auf 5,4 Milliarden Dollar reduziert würde, wäre die Kasse schon recht knapp bei der Frankfurter Bank. Die Bank hat unter den «systemrelevanten» europäischen Banken eine der schwächsten Kapitalpositionen und die meisten Derivate. Schon im Sommer diesen Jahres hat die DB einen unrühmlichen Titel gewonnen: Deutschlands grösste Bank ist laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) im Kontext systemischer Risiken in der Finanzwirtschaft das global gefährlichste Geldinstitut.

Ende September 2016 ist der Aktienkurs der Deutschen Bank auf ein Rekordtief gefallen. Laut einem Bericht soll Bundeskanzlerin Angela Merkel Staatshilfen für die Bank kategorisch ausgeschlossen haben. Gegenwärtig ist der Aktienkurs des Instituts noch über 10 Euro. Sollte er jedoch unter 10 Euro fallen, dann könnte dies fatal für die Bank werden. Kanzlerin Angela Merkel wird bereit sein, das Portmonnaie mit Steuergeldern für das marode Bankhaus zu öffnen.

Bank als grosse Vernichterin von Kapital

Wie konnte es so weit kommen, dass ein Bankhaus, das einst für Solidität und Seriosität und für den ehrbaren deutschen Bankkaufmann stand, heute so angeschlagen da steht?

Auch wenn die Deutsche Bank sich hierzulande noch immer gerne als Big Player aufspielt, ist sie im globalen Massstab längst nicht mehr so wichtig, wie sie einmal war. Sie ist der Beweis dafür, dass man doch nicht unbegrenzt Geld mit Geld verdienen kann; dass Investmentbanking ein Geldhaus nicht nur in luftige Höhen, sondern auch auf den harten Boden der Tatsachen befördern kann.

Und schliesslich ist das Auf und Ab des deutschen Branchenprimus ein Beleg dafür, dass langjähriger Lug und Trug keine Basis für ein nachhaltiges Geschäftsmodell sind und sich eher früher als später rächen werden. Mit einer Bilanzsumme von etwa 1'600 Milliarden Euro schafft sie es derzeit nicht einmal mehr unter die Top 10 der internationalen Grossbanken. Im Vergleich zu 2006 hatte die Aktie bis Ende September 2016 fast 90 Prozent an Wert verloren. Heute ist die Bank an der Börse nur noch 16 Milliarden Euro wert.

Mit Blick auf den Aktienindex DAX kann man sagen: Bei der Deutschen Bank arbeiten vor allem Kapitalvernichter, die offensichtlich nicht mit Geld umgehen können. Aus den Negativschlagzeilen kommt die Deutsche Bank jedenfalls nicht heraus.

Eine kleine Episode von vielen: 2012 hatte die Deutsche Bank die Stadt Pforzheim bei Derivategeschäften offensichtlich falsch beraten. Erst seit Oktober 2015 geht die Stadt juristisch gegen die Bank vor. Jetzt hat die Stadt einen Vergleichsvorschlag des Landgerichts Frankfurt über 7,7 Millionen Euro angenommen.

Kurz vor der Aktionärsversammlung 2016 hatte der Aufsichtsrat des Instituts den Leiter seines Integritätsausschusses, Georg Thoma, abserviert. Thoma, als Chefaufklärer geholt, lähme die Bank mit seinem Übereifer. Und Aufsichtsratschef Paul Achleitner kam damit durch, trotz herber Kritik von einigen Aktionären.

8000 Prozesse gegen die Deutsche Bank hängig: Milliarden an Prozesskosten

Weltweit werden derzeit über 8000 Prozesse und 180 aufsichtsrechtliche Verfahren gegen die Deutsche Bank geführt. Von betrügerischen Einzelfällen kann keinesfalls mehr die Rede sein. Zahlreiche Urteile sind bereits gesprochen, Vergleiche wurden geschlossen, in anderen Fällen wird noch ermittelt. Unter anderem geht es um Geldwäsche, Steuerkriminalität und Zinsmanipulation. Verspielt wurde jegliches Vertrauen bei den Aufsichtsbehörden an den wichtigsten Finanzmarktplätzen der Welt.

Seit 2012 wandte die Deutsche Bank 12,7 Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten auf. Alleine 2,5 Milliarden Dollar und 725 Millionen Euro wegen Manipulationen von Interbanken-Zinsen, 1,9 Milliarden Euro wegen Streitereien um Hypothekenpapiere, 925 Millionen Euro an die Erben von Leo Kirch....Ein Ende ist nicht in Sicht.

Warum hat bisher kein Aktionär das Management auf exakt diese Summe verklagt? Die Manager und Händler der Deutschen Bank haben sich an nahezu jedem Finanzskandal der vergangenen Jahre beteiligt. Doch der Aufsichtsrat des Finanzkonzerns tat jahrelang alles, um die Aufklärung zu erschweren. Im Januar 2016 kam dann der Hammer: 2015 gab die Deutsche Bank den grössten Jahresverlust ihrer Geschichte bekannt: 6,7 Milliarden Euro, damit fällt die Bilanz noch schlechter aus als einst im Krisenjahr 2008.

Trotzdem wird die Deutsche Bank anders als damals Lehman Brothers nicht pleite gehen. Die DB gilt als «Too big to fail». Aufgrund ihrer Grösse und den Drohungen mit den Folgen wird die Regierung eine Pleite nicht zulassen. Es ist auch unwahrscheinlich, dass ein Konkurrent eine Bank mit knapp 8'000 laufenden juristischen Verfahren und einem Derivate-Portfolio ausserhalb der Bilanz im Volumen von etwa 46 Billionen Euro übernehmen wird. Deshalb dürfte es wohl oder übel auf eine Verstaatlichung hinauslaufen, auch wenn das Frau Merkel heute noch nicht wahrhaben und keinesfalls ihren Wählern kommunizieren möchte.

Wie der Staat eine nächste Bankenrettung finanzieren soll, ist mehr als fraglich. Jedenfalls wird der Steuerzahler bei dieser unvorstellbar teuren Bankenrettung abermals der Dumme sein. Trotzdem werden die tollen Boni, welche die DB-«Topmanager» kassiert haben, kaum zurückgefordert.

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NACHTRAG

Die «New York Times International» berichtet am 4. Oktober, der Deutschen Bank stünde gegenwärtig ein Eigenkapital in Höhe von 67 Milliarden Euro zur Verfügung, während sie 1,6 Billionen Euro Forderungen ausstehend hat. Damit betrage die Leverage-Ratio rund 1:25 und die ungemittelte Eigenkapitalquote nur 4 Prozent. Die Hälfte der ausstehenden Guthaben bestünde zudem aus ziemlich illiquiden und im Wert schwierig schätzbaren Anlagen (level 3 securities).

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Dieser Artikel ist ein exklusiver, aktualisierter Auszug aus dem aktuellen Bestseller „Kapitalfehler – Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen“. Die beiden Autoren sind Inhaber der von Banken und Finanzunternehmen unabhängigen «Friedrich & Weik Vermögenssicherung UG» (haftungsbeschränkt).

Weiterführende Informationen

BBC: «Deutsche Bank: World's most dangerous bank?», 6.7.2016

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