Subventionen für Wasserkraft schaden zusätzlich

Hanspeter Guggenbühl © Guggenbühl
Hanspeter Guggenbühl / 14. Aug 2014 - Tiefe Marktpreise drücken die Margen der Stromproduzenten. Die begehrten Subventionen für Wasserkraft verschärfen diese Situation.

Die Diagnose ist bekannt: Nach den fetten erleben die Stromproduzenten magere Jahre («Stromproduzenten fahren ins Jammertal»). Darum verlangt die Schweizer Stromwirtschaft, die jahrelang von der indirekten Subventionierung der Atomenergie profitierte, jetzt auch noch Subventionen für die Nutzung der Wasserkraft. Politiker der Bergkantone, die nebenbei in Verwaltungsräten von Stromgesellschaften sitzen, schliessen sich diesem Begehren an.

So fordern etwa die beiden Stände- und Verwaltungsräte Martin Schmid (Kraftwerke Hinterrhein, Engadiner Kraftwerke, Repower) und Stefan Engler (Grischelectra) via Bündner Medien, die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) müsse neben kleinen auch grossen Wasserkraftwerken zu Gute kommen. Zusätzlich wollen sie den Absatz des Stroms aus Wasserkraft mit einem Quotenmodell fördern. Und schliesslich wünschen sie vom Bund zinsgünstige Darlehen, um den Ausbau der Wasserkraft zu fördern.

Im Parlament, das demnächst über die Energiestrategie des Bundesrates beraten wird, stossen solche Begehren auf offene Ohren. Denn unter der schönen Etikette «Energiewende» lässt sich die Subventionsspirale trefflich weiter drehen. Ökonomisch und ökologisch hingegen sind solche Stützmassnahmen aus folgenden Gründen völlig verkehrt:

  • ALTE WERKE BILLIG Zwar ist die Rendite gesunken. Doch die Kosten des Stroms aus alten Wasserkraftwerken liegen im Durchschnitt immer noch deutlich unter dem Niveau der europäischen Marktpreise für den entsprechenden Band- oder Spitzenstrom. («Das PR-Märchen der unrentablen Wasserkraft»). Das gilt speziell für Graubünden. Beispiel: Die Gestehungskosten der Kraftwerke Vorderrhein, Hinterrhein, Zervreila oder der EWZ-Kraftwerke in Mittelbünden und Bergell lagen im Schnitt der letzten Jahre unter der Schwelle von fünf Rappen/kWh. Mit diesen tiefen Gestehungskosten haben Stromkonzerne wie Axpo, BKW, Alpiq oder das Zürcher Stadtwerk EWZ während vielen Jahren riesige Gewinne von den Alpen ins Mittelland verschoben.

  • NEUE WERKE UNNÖTIG Die Preise auf dem Strommarkt sind deshalb in den Keller gefallen, weil die Kapazität der Stromproduktion in Europa weit über dem seit 2009 gesunkenen Bedarf liegt. Der Bau von zusätzlichen Kraftwerken erhöht diese Überkapazität und drückt damit zusätzlich auf den Marktpreis. Vergünstigte Darlehen sind darum generell fehl am Platz.

  • VERKEHRTE STRATEGIE Auf Druck der Stromlobby und der Regierungen der Gebirgskantone hat der Bundesrat in seiner Energiestrategie das Ziel verankert, die Kapazität der Wasserkraft zu erhöhen, um den mittel- oder langfristig wegfallenden Atomstrom zu ersetzen. Darauf pochen nun bürgerliche Parlamentsmitglieder, welche gleichzeitig die Energiespar-Ziele in dieser Energiestrategie streichen wollen. Doch diese Strategie ist verkehrt. Denn mit konsequenten Sparmassnahmen - von Vorschriften bis zu Lenkungsabgaben - lässt sich weit mehr Atomstrom auf wirtschaftlichere Art ersetzen als mit dem Bau von zusätzlichen Kraftwerken. Auch ökologisch schneiden Sparinvestitionen besser ab als neue Kraftwerke, die der Natur zusätzliches Wasser abgraben.

  • UNNÖTIGER SOMMERSTROM Neue Wasserkraftwerke sind das am wenigsten geeignete Mittel, um Atomstrom zu ersetzen. Grund: Die AKW produzieren mehrheitlich im Winterhalbjahr. Die meisten geplanten (kleinen und grossen) Wasserkraftwerke hingegen erzeugen den überwiegenden Teil ihres Stroms im Sommerhalbjahr, wenn die Schweiz ohnehin im Strom schwimmt.

  • RISIKO PUMPSPEICHER Eine Versorgungslücke im Winterhalbjahr können auch die grossen Pumpspeicher-Kraftwerke nicht decken, die in der Schweiz zurzeit geplant und zum Teil bereits gebaut werden. Denn erstens fressen Pumpspeicher-Kraftwerke mehr Winterstrom, als sie in Spitzenzeiten erzeugen. Zweitens dienen Pumpspeicher nicht zum Ausgleich der saisonalen Nachfrage, sondern nur als Batterien, um kurzfristige Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage auszugleichen. Drittens stellen die milliardenteuren Pumpspeicher-Kraftwerke ein Klumpenrisiko dar («Wer zu früh baute, den bestraft der Markt»). Denn es ist ungewiss, ob in den nächsten Jahrzehnten nicht wirtschaftlichere Mittel zur Stromspeicherung entwickelt werden.

Fazit: Die Baisse auf dem Strommarkt und die Energiewende dienen Stromlobbyisten und ihren Sachwaltern in den Parlamenten als Vorwand, um neue Subventionen zu ergattern. Damit aber führen sie die Energiepolitik auf den falschen Weg.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Dossier: Die Politik der Stromkonzerne
Hanspeter Guggenbühl: «Die Energiewende, und wie sie gelingen kann», Rüegger-Verlag 2013

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2 Meinungen

Zum Punkt «neue Werke unnötig": Das ist nur die halbe Wahrheit. Da, wie im Artikel «Stromproduzenten fahren ins Jammertal» aufgezeigt, rund die Hälfte des Stroms in Europa aus Kohle stammt, sind neue Werke sehr wohl nötig - sofern sie dreckige Werke ersetzen. Aber dazu müsste die Politik andere Regelmechanismen schaffen, und dazu ist sie nicht gewillt.
Felix Rothenbühler, am 15. August 2014 um 08:57 Uhr
Zu den Pumpspeicherwerken habe ich gerade keine Zahlen vor mir, aber bei meiner letzten Betrachtung solcher Daten fiel mir auf, dass diese Anlagen technisch gesehen durchaus geeignet sind, viel mehr zum Ausgleich der saisonalen Schwankungen beizutragen. Dass dies nicht der Optimierung der Rendite dient, ist mir bewusst (das Wasser müsste länger unproduktiv im See verbleiben), doch solange die Stromkonzerne ja selber das Credo der Versorgungssicherheit predigen und nicht zugeben, dass für sie Gewinne eine höhere Priorität haben, lassen wir diesen Aspekt einfach mal unter den Tisch fallen.
Felix Rothenbühler, am 15. August 2014 um 09:20 Uhr

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