Dezember 1999: NZZ-Schlagzeile zur «Investitionsruine» AKW Leibstadt © nawi112/flickr/cc

Dezember 1999: NZZ-Schlagzeile zur «Investitionsruine» AKW Leibstadt

Als sich die NZZ noch übers AKW Leibstadt mokierte

Kurt Marti / 11. Nov 2016 - Wer erinnert sich noch? 1999 zahlten die Deutschen 120 Millionen für den «Verkauf» ihres 5%-Aktien-Anteils am AKW Leibstadt.

Wie die «SonntagsZeitung» kürzlich berichtete, wollte der Alpiq-Konzern seine Aktienpakete an den Atomkraftwerken Gösgen und Leibstadt an die Franzosen verschenken, welche jedoch dankend ablehnten. Jetzt soll der Bund die beiden AKW-Beteiligungen der Alpiq für einen symbolischen Franken kaufen und dann für die Folgekosten in Milliardenhöhe aufkommen.

Im Klartext: Auch die beiden neueren Atomkraftwerke sind wertlos. Gleichzeitig haben die beiden Eigentümer-Konzerne Alpiq und Axpo die Chuzpe, bei Annahme der Atomausstiegs-Initiative Schadenersatz zu fordern.

Millionen flossen in die «verkehrte Richtung»

Die Schweizer Atomkraftwerke laufen nicht erst in den letzten Krisenjahren finanziell auf den Felgen. Bereits Ende der 90er Jahre war die finanzielle Lage katastrophal. In der NZZ-Ausgabe vom 17. Dezember 1999 konnte man dazu Folgendes lesen: «Die im Sommer herumgebotenen düsteren Bewertungen der ‚Investitionsruine‘ Kernkraft Leibstadt (KKL) scheinen sich zu bewahrheiten.»

Damals «verkaufte» die deutsche Leibstadt-Aktionärin «Kraftübertragungswerke Rheinfelden AG» (heute: Energiedienst Holding mit Tochtergesellschaft EnAlpin) ihre 5%-Leibstadt-Beteiligung an die «Watt AG» und zahlte dafür rund 120 Millionen. Das heisst, die Millionen flossen «in die ‚verkehrte‘ Richtung», wie die NZZ maliziös vermerkte. Damit auch alle NZZ-LeserInnen die Brisanz dieses ungewöhnlichen Transfers mitbekamen, wurde die NZZ noch deutlicher: «Nicht die Verkäuferin erhielt das Geld, sondern sie musste die 120 Millionen draufzahlen, damit sie von der Last der Beteiligung erlöst wurde».

NZZ spottete: «Mirakulöse Kostensenkung»

Die NZZ machte sich noch einen weiteren Spass daraus und rechnete den «Marktwert» von Leibstadt auf 100% hoch und kam auf «minus 2 Milliarden Franken» (ganz genau 2,4 Milliarden, Anm. d. Red.) Doch damit nicht genug. Weil die Leibstadt-Betreiber eine Senkung der Produktionskosten um einen Rappen pro Kilowattstunde budgetierten, bezeichnete dies die NZZ spöttisch als eine «mirakulöse Kostensenkung», die «hauptsächlich auf eine Verlängerung der Abschreibungszeit zurückzuführen» sei. Das AKW Leibstadt werde nämlich ab 2000 statt über 30 neu über 40 Jahre abgeschrieben».

Das war die Geburtsstunde der unbefristeten AKW-Laufzeiten. Weil die AKW-Betreiber seit der Jahrtausendwende zu wenig abgeschrieben haben, wollen sie nun die AKW länger betreiben oder fordern andernfalls Milliarden-Entschädigungen, nota bene für das eigene Verschulden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Geschäftsleiter, Redaktor und Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Weiterführende Informationen

Der Strommix – und die Irrtümer der NZZ
DOSSIER: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

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4 Meinungen

Das nennt man doch Kapitalismus. Die Wirtschaftseliten zahlen sich Millionen-Boni aus, verzocken sich dann und der Steuerzahler darf für den Schaden blechen. Das passiert ja nicht nur bei AKW-Betreiber, auch bei Pharma, Chemie und wie wir nur allzu gut wissen, der Finanzindustrie. Aber scheinbar ist das den meisten Steuerzahler egal, sonst würden sie ja nicht FDP, CVP oder SVP wählen, die genau dafür politisieren.
Daniel Zapf, am 11. November 2016 um 14:06 Uhr
Das AKW Leibstadt soll noch bis 2029 betrieben werden. Dies verlangt die Initiative für einen «geordneten Ausstieg aus der Atomenergie. Wirtschaftlich gesehen hätte Leibstadt eigentlich schon gestern verschrottet werden müssen.

Leibstadt wird noch 13 lange Jahre weiter strahlen, was auch nicht «rentieren» wird. Für Kleinkinder steigt das Erkrankungsrisiko an Krebsleiden und Leukämie mit zunehmender Nähe des Wohnorts zu einem Kernkraftwerk signifikant und stetig an, wie Untersuchungen in Deutschland zwischen 1980 bis 2003 zeigten. Bei Kernkraftwerken kommt es bei der Belegschaft und auch in der Umgebung durch die Aufnahme kleiner Partikeln von radioaktiven Stoffen in den Körper und deren Verbleib im Gewebe zu einer chronischen Bestrahlung.

Die finnische Tageszeitung Helsingin Sanomat hat dazu am 22. Februar 2010 einen Beitrag der deutschen Wissenschaftlerin Prof. Inge Schmitz-Feuerhake veröffentlichte, mit der Überschrift: „Verbreitet Krebs in der Nähe von Atomkraftwerken“. – Trotzdem baut Finnland jetzt ein neues Atomkraftwerk mit der staatlichen russischen Firma Rosatom, trotz dem Desaster mit AKW Olkiluoto der AREVA.

Die Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake wurden von der Atomlobby nicht goutiert. In der deutschen TAZ schilderte die Professorin über ihren Kampf gegen Konzerne die nichts wissen wollten von den Gefahren niedrigdosierter radioaktiver Strahlung. Siehe «Ein kriminalistisches Lehrstück» VON GABRIELE GOETTLE, http://www.taz.de/!437025/
Heinrich Frei, am 11. November 2016 um 17:46 Uhr
@Heinrich Frei: Erzählen Sie bitte kein Stuss! Kein einziger seriöser Wissenschaftler glaubt an das Leukämie-Märchen - eine entsprechende Studie wurde sogar in der Schweiz durchgeführt:
http://www.canupis.ch
Fazit: «Eine grosse schweizweite Langzeitstudie fand keine Hinweise dafür, dass kindliche Krebserkrankungen in der Nähe von Kernkraftwerken häufiger auftreten als anderswo. «

Sehr umfangreiche Analysen in UK kamen zum gleichen Schluss:
http://www.gov.uk/government/publications/comare-14th-report
"…there is no evidence to support the view that there is an increased risk of childhood leukaemia and other cancers in the vicinity of NPPs in Great Britain."

Zu DE: Es gab zwar ein Leukämie-Cluster (Elbmarsch) in der nähe eines AKW (wie andere Clusters ganz weit davon…), aber die Strahlung ist um 1000-10000x zu gering, um als Ursache zu dienen. Schmitz-Feuerhakes «Messungen» waren so grob gefälscht, dass selbst ihr Lager (!) sich von ihr distanzierte:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8440836.html
Thomas Maeder, am 12. November 2016 um 20:40 Uhr
Thomas Maeder schreibt: «Kein einziger seriöser Wissenschaftler glaubt an das Leukämie-Märchen». Auch bei Uranmunition wird eine schädliche Wirkung auf Menschen bestritten. Mit abgereichertem Uran gehärtete Munition, Granaten und Bomben kamen auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak und in Libyen zum Einsatz. Viele Soldaten und Zivilisten wurden krank. Missgeburten traten gehäuft auf.

Zum Kinderkrebs in der Nähe von Atomanlagen schrieb Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake: «Die deutsche Strahlenschutzkommission, Berater der Regierung, behauptet … , die Strahlendosis der Bevölkerung sei mehr als 1000 fach zu klein, um den Effekt hervorzurufen.« … «Der Zusammenhang zwischen Dosis und Krebserkrankung wird üblicherweise aus Befunden bei den Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki abgeleitet"…"Bei Kernkraftwerken kommt es hingegen durch die Aufnahme radioaktiver Stoffe in den Körper und deren Verbleib im Gewebe zu einer chronischen Bestrahlung, die höhere Wirkungen erzeugen kann."

"Die Dosisbestimmung im Fall inkorporierter Radioaktivität ist gerade beim Kleinkind besonders schwierig. In Frage für die Krebsentstehung kommt aber erwiesenermaßen auch die Exposition als Embryo im Mutterleib, bei dem sich die Entwicklungsphasen sehr schnell ändern.... Englische Forscher haben extreme Wirkungen von Alphastrahlern auf das blutbildende Zellsystem im Vorstadium der Organentwicklung festgestellt (Tierversuche, Leukämieauftreten bei der britischen Anlage Sellafield).»
Heinrich Frei, am 13. November 2016 um 16:40 Uhr

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