Gipfel der weltpolitischen Peinlichkeit

Niklaus Ramseyer © Ramseyer
Niklaus Ramseyer / 27. Apr 2017 - Ivanka Trump erntet in Berlin Buhrufe. Doch der peinliche Auftritt wird zu «Merkels Coup» hochgeschrieben.

Nepotismus (hierzulande «Vetterliwirtschaft» genannt) kennt man sonst eigentlich nur von Mafia-Organisationen, oder aus Unrechtsstaaten von Saudi Arabien bis Nordkorea. Der Begriff (der in die Antike zurück geht) bezeichnet die Ernennung von Inhabern wichtiger Machtfunktionen nicht nach deren Kompetenz und schon gar nicht nach demokratischen Regeln – sondern nur darum, weil sie mit dem obersten Chef (Padrone, Diktator) verwandt oder verschwägert sind. Seit John F. Kennedy 1960 seinen Bruder Robert zum Justizminister ernannt hat, ist derlei in den USA eigentlich verboten. Dabei war Robert Kennedy immerhin gelernter Jurist und hatte als solcher schon im Senat erfolgreich gearbeitet.

Gewalttätige Inkompetenz

Doch jetzt ist der Nepotismus in die US-Politik zurückgekehrt. Und nicht zu knapp: Präsident Trumps Tochter Ivanka und ihr Ehemann Jared Kushner haben als «Berater» Büros im Weissen Haus bezogen. Dabei hat die Trump-Tochter für diesen Job genau null Qualifikationen: Sie war bisher höchstens als Vaters Gehilfin in der TV-Show «The Apprentice» aufgefallen und hatte sich nur dank Vaters Geld in der Modebranche versuchen können. Punkt: Wäre sie nicht Trumps Tochter, die USA und die Welt wüssten von ihr genau soviel oder so wenig wie von Käthi Kaderli aus Oberlunkhofen (AG).

Das ist jedoch das Problem der Amerikaner – und könnte uns im weitentfernten Europa Wurst sein. Könnte: Denn inzwischen ist ruchbar geworden, die Modemacherin eher kleineren Kalibers habe ihrem präsidialen Vater und Oberkommandierenden der weltweit operierenden US-Kriegsmaschinerie (Kosten gegen 700 Milliarden Dollars pro Jahr) zu Raketenangriffen auf Syrien und zum Abwurf einer Monsterbombe in Afghanistan geraten – und der habe diesen guten Rat auch gleich befolgt.

Internationale Zumutung

Wie die Mainstream-Medien angesichts derlei gewalttätig-gefährlicher Inkompetenz mutmassen können, Beraterin Ivanka habe «einen mässigenden Einfluss» auf ihren ebenso «unberechenbaren wie unsteten», präsidialen Vater Donald, bleibt schleierhaft. Wie auch der sonst überall angeprangerte Nepotismus in diesem Falle kaum auf Kritik stösst. Die NZZ am Sonntag warnte im Zusammenhang mit Ivanka Trump immerhin vor einer «Lifestylisierung» der Politik und vor jenem «Perwoll-Feminismus», mit dem sie im Internet «die geschmacklosen Entgleisungen ihres Vaters weichzuspülen» versuche.

Das versuchte die ebenso modisch wie militaristisch prädisponierte Präsidenten-Beraterin nun auch in Berlin an einem «Frauen-Gipfel». Sie erntete prompt Buhrufe aus dem spärlichen Publikum im mehr als halbleeren Saal, als sie ihren Vater in günstiges Licht zu rücken versuchte. Und den gestandenen Berufsfrauen in Top-Positionen mit Leistungsausweis, wie Angela Merkel oder IWF-Direktorin Christine Lagarde, die mit der unbedarften Trump-Héritière auf dem Podium sitzen mussten, war das Ganze mehr als peinlich.

Beschönigende bis falsche Berichte

Darüber konnte man in vielen Berichten jedoch nichts lesen: Bund und Tages-Anzeiger etwa werteten Ivanka Trump gar zur «First Daughter» («erste Tochter» der USA) und «erfolgreichen Geschäftsfrau» auf. Diese «angelockt zu haben», sei ein «veritabler Coup» der Kanzlerin. Es wäre nämlich schwer, im Weissen Haus «wichtigere und einflussreichere Vertreter zu finden». Darum «die Einladung von Angela Merkel» an Ivanka. Das ist nun nicht mehr nur beschönigend, sondern schlicht falsch: Eingeladen wurde die junge Trump nicht von Merkel, sondern gemäss «Spiegel» durch deutsche Wirtschaftsvertreter. Merkel habe dann (wohl oder übel) ihre Unterstützung zugesagt.

Deutschlands Kanzlerin sei froh, konnte man andernorts noch lesen, «die Handynummer von jemandem zu haben, die stets um ihn (Trump) herum ist» – wie eben dessen Tochter Ivanka. Umgekehrt brauchen Trumps natürlich Merkels Handynummer nicht, wie man inzwischen weiss: Mit wem sie wann was telefoniert, meldet ihnen ja weiterhin der US-Geheimdienst NSA. Das aber war dann gar kein Thema mehr – weder auf dem Podium, noch in den Medien.

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keine

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3 Meinungen

Informativer Artikel betreff Nepotismus, was man als Politologe/Historiker unbedingt warm halten muss, gibt es auch etwas kleiner bis zur schweizerischen Caritas oder dem gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Fillon. Weltpolitisch bedeutend war die Tochter von Papst Alexander VI., Lucrezia Borgia, Glamour-Vorgängerin von Ivanka. Letztere hat einen Summa cum laude-Abschluss Wirtschaft, andererseits liess John F. Kennedy seine Bücher durch andere schreiben. Auch hatte Bundesrätin Metzler zum Zeitpunkt ihrer Wahl wenig grössere Qualifikationen, immerhin war sie keine Nichte, aber der livestyle stimmte und sie betonte gegenüber dem «Brückenbauer» oder der Coop-Zeitung, dass sei keine Bücher lese. Nun aber «zur Sache Schätzchen»: Merkel und Hollande und die deutsche Unternehmerpräsidentin haben bei diesem Anlass Trumps Tochter propagandistisch geschickt unter den Arm genommen. Es gibt keinen Grund, den personalen Faktor in der Politik, wenigstens für Krisenfälle, zu unterschätzen, man denke an den einstigen deutschen Politiker Hans-Günter Wischnewski, Ben Wisch, der seinerseits geschwätzige wie auch diskrete Beziehungen vor allem zu Diktatoren u. Potentaten unterhielt, was im Krisenfall für Helmut Schmidt brauchbar wurde. Ausserdem konnte Merkel, welche die Begegnung mit Ivanka sichtlich mit Humor genossen hat, dabei darüber abstimmen lassen, ob sie, Merkel, eine Feministin sei, in Sachen Unterhaltungswert sammelte sie Wahlkampfpunkte. Wohl noch durchaus das Niveau WEF Davos.
Pirmin Meier, am 28. April 2017 um 12:06 Uhr
PS. Es war natürlich Merkel und Christina Lagarde, nicht Hollande, welche Ivanka Trump propagandistisch und für alle Fälle, man kann nie wissen, geschickt «unter den Arm» nahmen.
Pirmin Meier, am 28. April 2017 um 14:04 Uhr
<< Und den gestandenen Berufsfrauen in Top-Positionen mit Leistungsausweis, wie Angela Merkel oder IWF-Direktorin Christine Lagarde ... >>

Bitte, lieber Herr Ramseyer sagen Sie uns Lesern, dass dies Satire war! ich kann bei keiner derselben einen vorzeigbaren Leistungsausweis erkennen, es sei denn einen verheerenden.
Heinz Raschein, am 28. April 2017 um 16:34 Uhr

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