Zwei Meldungen: von schlecht zu schlechter. Oder?

Robert Ruoff © VH/R.
Robert Ruoff / 12. Okt 2013 - Die einen plädieren für die Abschaffung der Entwicklungshilfe in Afrika. Die anderen schicken Katastrophenmeldungen aus Europa.

Während meiner Arbeit am Thema «bedingungsloses Grundeinkommen» kommen mir zwei Nachrichten in die Quere. Die eine erreicht mich von einem Kollegen, der mich aufmerksam macht auf das neue Buch von René Zeyer: «Armut ist Diebstahl. Warum die Armen uns ruinieren». Und im Interview mit «20min.ch» erklärt René Zeyer: «400 Jahre Armutsbekämpfung in Europa hat nichts genützt». Was folgerichtig heisst: das herrschende kapitalistische System mit seinen Wechselbädern von Aufschwung und Krise hat es in zwei bis drei Jahrhunderten nicht geschafft, so etwas wie dauerhafte soziale Sicherheit für alle herzustellen. Im Gegenteil.

Seine Schlussfolgerung lautet aber nicht: Überwindung dieses offenkundig asozialen Systems oder wenigstens: Suche nach einer sozialeren Gestaltung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Sie lautet vielmehr: Abschaffung einer menschenwürdigen Demokratie. Er kritisiert die Anonymität der Sozialleistungen und erklärt: «Bedürftige müssen in die Pflicht genommen werden» und: Statt «fördern und fordern» «befehlen und bestrafen». Wer arm ist – und sei es, weil eine Bank oder ein Produktionsunternehmen Hunderte oder Tausende auf die Strasse gestellt hat –, wird zuerst angeprangert, dann entmündigt und schliesslich entwürdigt.

Die zweite Meldung: Die Internationale Föderation der Organisationen des Roten Kreuz und des Roten Halbmond stellt in Europa (und Kleinasien) eine andauernde dramatische Verschlechterung der Lage fest. Die Zusammenfassung lautet: «Von ‚schlecht’ zu ‚schlechter’». 13 Länder melden eine katastrophale Jugendarbeitslosigkeit von einem Drittel bis zu 60 Prozent. Und die Arbeitslosigkeit im Alter zwischen 50 und 64 Jahren ist seit 2008 von 2,8 auf 4,6 Millionen gestiegen (2012). 43 Millionen Menschen in Europa sind nicht mehr in der Lage, sich aus eigenen Mitteln Essen zu besorgen.

Alle selber schuld?

Alle an den Pranger stellen und dann unter die Knute nehmen nach dem Motto: «Befehlen und strafen»?

Oder was?

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Siehe auch:

«Die latente Aggressivität gegen ärmere Menschen» vom 25.9.2013

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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6 Meinungen

Der Auftritt von René Zeier in der gestrigen Arena von SRF1 war nicht zielführend, obwohl gewisse seiner Aussagen nicht völlig falsch sind, ebenso die oben erwähnten!
Die Anonymität der Sozialleistungen ist eine Tatsache, allerdings ist die Aussage: «Bedürftige müssen in die Pflicht genommen werden» und: Statt «fördern und fordern» «befehlen und bestrafen» ein deplatzierter Rundumschlag! Die gestrige Sendung zeigte die Hilflosigkeit auf, internationale Solidarität und Aktion wäre gefordert, ein notwendiges Betätigungsfeld der UNO oder der Gesamt-EU!
Beda Düggelin, am 12. Oktober 2013 um 11:47 Uhr
Alles Chabis, die Chinesen machen es längst vor, wie der neue Kolonialismus funktioniert (siehe auch Tages-Anzeiger vom 11.10.13 p. 39: «China sichert sich mit Milliardensummen für die Entwicklungshilfe Loyalität und Zugang zu Rohstoffen.»
Während die Amis die Welt bedrohnen und mit sich selber Krieg führen schläft Europa, die Schweiz besonders, den Schlaf der Gerechten – das wird sich noch böse rächen…
Rolf Raess, am 12. Oktober 2013 um 13:07 Uhr
Was R. Zeyer in der «Arena» erzählte, kam bei mir streckenweise als menschenverachtend an. (Dazu gehörte übrigens auch die nonverbale Ebene). Vor allem dort, wo er die Abschaffung der Entwicklungszusammenarbeit fordert. Ich habe in Kamerun, im Tschad, in Tansania, Indien usw. viele Projekte dokumentiert, die Schweizer NGO's in Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen lanciert haben. Alle waren, sind sie auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Und bei keinem hat man einfach nur Geld zum Fenster hinausgeschmissen, wie uns das Zeyer in seinen verallgemeinernden populistisch-gefährlichen Statements weis machen wollte. – Genervt hat mich im übrigens auch Zeyers stilloser Versuch, gleich zu Beginn den deutschen Gast mit nebulösen Anschuldigungen zu disqualifizieren. Zeyer hat sich damit selber ins Abseits geredet.
Peter Jaeggi, am 12. Oktober 2013 um 15:49 Uhr
Zeyer, ein studierter Germanist und noch begabter Publizist, hat sich schon oft zwischen Stühle und Bänke katapultiert, galt auch schon mal als Linker. Immerhin weiss man bei ihm, wenn er etwas sagt oder schreibt, nicht schon im voraus, was er sagen und schreiben wird. Zeyer ist also dann und wann noch für eine Überraschung gut. Als Fernsehabstinent weiss ich nicht, was er in der «Arena» gesagt hat. Aber die schädlichen Nebenfolgen vieler Formen der Entwicklungshilfe sind bekannt, und es war der bei Infosperber auf der Publizistenliste stehende Afrikakenner Al Imfeld, der schon mal vorgeschlagen hat, Entwicklungshilfe-Gelder zugunsten von Aufklärung über die Dritte Welt im Inland zu investieren. Wir wissen unterdessen, dass Entwicklungshilfe, früher politisch korrekt Entwicklungszusammenarbeit genannt, in keiner Weise mit der Marshall-Hilfe an Deutschland zu verwechseln ist, sondern hauptsächlich eine politische und moralische, auch psychologische Funktion hat. Dies wissen u.a. die Chinesen.

Wie Al Imfeld verfügt Peter Jaeggi auch Afrika-Erfahrung. Aussagen über das, was alle machen würden, nämlich dass «alle NGOs» auf Nachhaltigkeit ausgerichtet seien, sind wissenschaftstheoretisch und erkenntnistheoretisch fragwürdig und grundsätzlich etwa so wahr wie der Satz «Alle Männer sind treu". Wahr bzw. falsch ist immer nur der Einzelfall. Im Einzelfall ist es falsch, ein Projekt zu unterstützen, im anderen Einzelfall richtig, wiewohl selbst auch beim vermeintlich Richtigen die langfristigen Nebenfolgen nicht immer bedacht werden, vgl. absurde Kleidersammlungen mit ihren Folgen auf das einheimische Textilgewerbe in den Adressatenländern usw.
Pirmin Meier, am 14. Oktober 2013 um 12:55 Uhr
Lieber Robert Ruoff,

Goldrichtig kombinierte Themen : die Zukunft liegt in einem weltweiten unbedinten Grundeinkommen an die Familien STATT Entwicklungshilfe an Regimes.
Hauptvorteil: 40 Millionen Tote durch Armutsfolgen weniger pro Jahr. Keynesianismus via Arme aber richtig gemacht.

Alles durchgerechnet inklusive Finanzierung durch eine Gruppe um den Friedensforscher Johan Galtung:

www.transcend.org/tri/downloads/Living_Income.pdf

Gruss
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 19. Oktober 2013 um 12:55 Uhr
Lieber Werner T. Meyer
Wie wir das Grundeinkommen finanzieren ist noch nicht sicher.
Banker und Bauland- Bauern haben ja schon ein Grundeinkommen durch Zinsen die wir als Bewohner und Konsumenten bezahlen.
Warum finanzieren wir das BGE nicht durch Lenkungs-Abgaben für Land und Energie?
Pius Lischer, am 10. Dezember 2014 um 09:57 Uhr

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