Volk Elite Schweiz © Tamedia

«Die Ohnmacht der Elite» (im Text zitierter Ausschnitt aus dem Tages-Anzeiger vom 30.1.2016)

Volk ohne Kopf oder Einfamilienhaus- & Blockkinder

Jürgmeier / 04. Feb 2016 - Einfamilienhäuser machen friedfertig, Wohnblöcke schlagkräftig; Eliten denken mit dem Kopf, Völker mit dem Bauch. Tagi-Weisheiten.

Es ist in diesen Tagen viel, für die eidgenössische Musterdemokratie irritierend viel die Rede von der «Elite», vom Graben zwischen «Volk» beziehungsweise «Basis» und «Elite». Zum Beispiel in Zusammenhang mit der «Durchsetzungsinitiative».

Dieses Volksbegehren will, dass (Schwer-)Kriminelle ohne Schweizer Pass doppelt, mit Gefängnis & Landesverweis, bestraft werden. Auch wenn sie besser Bündner Dialekt sprechen als ihre Mutter- oder Vatersprache. Selbst wenn ihnen die Namen der Schweizer BundesrätInnen vertrauter sind als diejenigen der MinisterInnen ihres Heimatlandes, das sie, wenn überhaupt, nur von den Sommerferien kennen. Und sie im Fussballstadion sogar «Hopp Schwyz» rufen. Sie hätten ja Alternativen gehabt, hält SVP-Nationalrat Heinz Brand im Tages-Anzeiger-Interview vom 2. Februar 2016 fest – «nicht straffällig werden oder sich einbürgern lassen».

Wenn mit der Ausschaffung fremder «schwarzer Schafe» das Ziel – «Endlich Sicherheit schaffen!», verspricht die SVP in ihrem Abstimmungs-Extrablatt – nicht erreicht wird, liebäugeln sie womöglich mit der von der französischen Regierung geplanten «Ausbürgerung von Terroristen und ihren Helfershelfern» (Neue Zürcher Zeitung, 2.2.2016) und treiben einen Prozess weiter voran, an dessen Ende Begriffe wie «Papierlischwyzer», «Halbafrikaner» und «Viertelmuslim» zu Verfassungsnormen werden könnten.

50% Volk, 50% Elite

Die Abstimmung über die «Durchsetzungsinitiative» scheint eine knappe Angelegenheit zu werden. Der am 30. Januar 2016 vom Tages-Anzeiger beschworene «Konflikt zwischen Elite und Basis» spaltet die Schweizer Bevölkerung, ganz demokratisch, in zwei fast gleich grosse Teile. 50% Volk, 50% Elite. Die Denkfiguren «Volk» und «Elite» werden gerne und ziemlich beliebig als verbale Keulen eingesetzt. Abgehobene Professoren. Tumbes Volk.

Der Tages-Anzeiger illustriert den Artikel mit dem besorgten Titel «Die Ohnmacht der Elite» – der die BefürworterInnen der Durchsetzungsinitiative, vermutlich zu ihrer Freude, aus dieser «eine Auslese darstellenden Gruppe von Menschen mit besonderer Befähigung, besonderen Qualitäten» (Definition Duden – Deutsches Universalwörterbuch) ausgrenzt – mit einer vieldeutigen Schaad-Karikatur. Da wirft eine Art Mutter-Helvetia-Figur einen mit etwas Eichenlaub dekorierten (elitären?) Kopf in einen Abfalleimer und erklärt: «Ich setze fortan auf Bauchentscheide!» Ganz Körper, nur Bauch – so steht sie da, die Frau & Landesmutter, kopflos, wie in alten Zeiten, das Volk.

«Es sei gar nicht so schlecht, wenn ein Grossteil der Bevölkerung ‹mit dem Bauch› abstimme», lässt sich CVP-Ständerat Pirmin Bischof zitieren. «So verhindert sie, dass die Elite mit einer falschen Idee in eine falsche Richtung rennt.» Trotz dieser Rehabilitierung des «Bauches» durch ein Mitglied der ominösen «Elite», diesem vagen «Gebilde aus Meinungsmachern, der politischen Klasse, Wirtschaft, Bildung, Kultur und Medien» (Tages-Anzeiger-Journalist Philipp Loser) – die Diskreditierung des Emotionalen, insbesondere der Ängste, ist bei PolitikerInnen aller Couleur eine beliebte Kampfformel. Die anderen, sagen sie, vor und, je nach Resultat, nach Abstimmungen, hätten Ressentiments und Ängste in der Bevölkerung geschürt – gegen AusländerInnen und (Erfolg-)Reiche, vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, sinkenden Renten, schmelzenden Gletschern, tödlichen Waffen und sterbenden Wäldern. Sie wollen sich nicht vorstellen, dass eine Mehrheit anders denkt als sie. Und dass es «Eliten» unterschiedlichster Couleur gibt.

Der Angriff auf das Herz der Elite

Ein Volk ohne Kopf braucht eine klare «Führung». Auch so ein Begriff, der, obwohl demokratiefeindlich, Hochkonjunktur hat. Landauf, landab werden «Führungskräfte» gesucht und «Führungs-»Kurse angeboten. «Eliten haben einen Führungsanspruch in der Gesellschaft – und diesen müssen sie auch in der Politik wahrnehmen.» Doziert Politologe Michael Hermann laut Tages-Anzeiger. Und er muss es ja wissen, der analytische Kopf, der, selbst getroffen, dann doch noch ganz emotional wird: «Die Initiative ist ein Angriff auf das Herz der Elite.» Wenn das keine Ermutigung von aufrechten DemokratInnen zum Sturm der Bastille ist. So leicht, mit ein paar ausgeschafften AusländerInnen, wird die Macht der «Eliten» nicht so bald wieder gebrochen.

«Elite» – das Wort erschien mir schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren ebenso verstaubt wie unser Geschichtsunterricht. Damals, als sie uns als Absolventen einer (Männer-)Mittelschule immer mal wieder ermahnten, wir sollten uns benehmen, wie es sich für künftige Mitglieder der «Elite» zieme. Aber wahrscheinlich war ich als «Blockkind» zu lange in der Sekundarschule gewesen, bevor ich, erst nach der dritten Sek, doch noch ins Kurzzeitgymnasium, wie die damalige Oberrealschule heute heisst, wechselte. Vermutlich hatte mir der «Geruch von Zigarettenrauch und Fischgerichten» das Hirn vernebelt. Den hätten die Kinder aus den Blockwohnungen ins Schulzimmer mitgebracht, erinnert sich Beat Metzler Jahrzehnte später im gleichen «elitären» Tages-Anzeiger am 30. Januar 2016, in einem an sich sympathischen Plädoyer gegen das Langzeitgymnasium, das die «Streber von den Arbeitern» trenne und die «soziale Abschottung» beschleunige und verfestige.

«Wir sind das Volk!»

In einer seltsamen Mischung aus Faszination & Dünkel schürt der Journalist – der schon nach der zweiten Sek «aus rauem Winterwetter in einen beheizten Raum» trat – Klassenklischees. «Einfamilienhauskinder flüstern den Blockkindern im Unterricht Antworten zu, umgekehrt bekommen sie Nachhilfestunden darin, wie man sich in der Pausenhofhierarchie schlau nach oben bewegt … Um sich gegen sie [die Blockkinder, Jm] durchzusetzen, brauchte es Schlagfertigkeit und die ständige Bereitschaft zum Austeilen, besonders wenn die eigenen Eltern Ärztinnen waren oder Lehrer.» Seine Mitschüler im Gymnasium waren dann «fast alle … gut erzogen» sowie «fleissig» und «bewohnten helle Einfamilienhäuser». Villen machen clever & friedfertig, Blockwohnungen schlagkräftig & dumm.

Abgesehen von sozialen Vorurteilen und den Folgen realer Benachteiligung – war Beat Metzler in einer reinen Knabenschule? Oder hatte er nur Augen für Buben? Rochen die Mädchen aus den Wohnblocks tatsächlich nach «Zigarettenrauch und Fischgerichten»? Musste er, «um sich gegen sie durchzusetzen», ständig «zum Austeilen» bereit sein? Oder unterschlägt er ganz einfach den Hauptrisikofaktor für gewalttätiges Verhalten – das Geschlecht? Als hätte es seit dem schon am 7. Januar 2002 veralteten Titel des Tages-Anzeigers – «Wenig Gebildete gewalttätiger» – keine neuen Erkenntnisse gegeben.

Wer den «Elite-Volk»-Gegensatz reinszeniert – statt zu akzeptieren, dass das «Volk» (und die «Elite») viele sind und andere anders denken – darf sich nicht wundern, wenn sie aus Wohnblöcken & Villen gegen solche (unterschwelligen) Überheblichkeiten «Wir sind das Volk!» zu schreien beginnen und wir in Block- & Eigentumswohnungen nur noch hoffen können, dass es auch künftig nicht nur ein Volk geben wird.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man ... (auf Infosperber)
Die SVP, der Wunschzettel & der Mut zur Opposition (auf Infosperber)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich: Bis zu 10 CHF per SMS an 9889 mit der Nachricht «Infosperber 10» (10 = Frankenbetrag). Grössere Beträge per IBAN, via PayPal oder mit Kreditkarte (auch ohne PayPal möglich).

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

milliPay

Spenden Sie:    5 CHF    10 CHF    20 CHF    

2 Meinungen

Intellektuelle und Eliten sind seit alters her eine Gefahr für die Rechten. Wer denken kann, lässt sich weniger manipulieren. Wer Angst hat kann nicht denken! Also werden die Gebildeten diffamiert, das Volk verängstigt.
Hermann K.J. Fritsche, am 04. Februar 2016 um 11:55 Uhr
"Lasst dicke Menschen um mich sein !» lässt Shakespeare Julius Caesar sagen. Der hielt es offensichtlich auch eher mit den «Bauch"-Menschen.

Vielleicht war damals mit «Elite» die militärische Altersklasse [ab 23-Jahre ? früher vielleicht etwas älter] gedacht. Das waren die Krieger mit etwas mehr Erfahrung und Ausdauer. Damals war das elitäre Denken eben noch anders [bauchnäher] organisiert.

Was allerdings der Ausschweifer nach Burundi in diesem Artikel zu tun hat ist mir ein Rätsel. Sollte es da auch «Eliten» im Sinne des Artikels geben ? Die aktuelle Regierung scheint eher aus dem Bauchgefühl heraus zu operieren.
Josef Hunkeler, am 05. Februar 2016 um 12:11 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User, um Missbräuche zu vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren.