Kommentar

Rote Karten vor dem Ende einer Epoche

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/  Ein «Nein» als Aufschrei der Gedemütigten. Aktuell in Griechenland wie einst in der französischen Kolonie Guinea.

Das NEIN der Griechen ähnelt dem historischen NON der französischen Kolonie Guinea im einstigen Afrique occidentale française am 2. Oktober 1958. Beide Antworten stiften im herkömmlichen Sinn keine Legitimation, sondern sind letztlich Ausdruck dafür, dass es so nicht weitergehen kann. Mit seinem Votum hat das Volk ein Signal gesetzt gegen einen vorgegebenen Kurs, der scheinbar ohne Alternative ist.
Frankreich vermochte dieses NON nicht zu lesen und stoppte von einem Tag auf den anderen jede Zusammenarbeit mit französisch Guinea. Sogar Baumaterialien und Bürotische wurden hastig abtransportiert. Der Rachegeist Frankreichs schürte auf der kolonialen Seite das Gegenteil dessen, was man als «treues Verhältnis» zum Mutterland bezeichnet. Schliesslich läutete der in Vergeltungswut vorgenommene Strafübereifer das Ende des Kolonialismus ein.
Dieses historische NON in Guinea kam mir beim Referendum in Griechenland am 5. Juli 2015 in den Sinn. Ich erinnere mich gut, wie erzürnt damals meine Professoren im Priesterseminar waren und uns Studierende sofort darauf hinwiesen, dass dahinter in Wirklichkeit die Kommunisten stecken würden. Und weiter: Wie nur kann eine Kolonie so undankbar sein? Es waren ganz ähnliche Emotionen und Verwirrungen wie heute 2015 nach der Abstimmung in Griechenland. Nur Wenige verstanden, die Zeichen zu lesen.
Ob nun das «Ja» oder «Nein» auf dem Stimmzettel an richtiger Stelle stand, ob der Text unklar war, ob die Griechen nicht wussten, worüber sie eigentlich abstimmten – um all das ging es längst nicht mehr. Wie immer das Resultat entstand, klar war nur eines: Man wollte diese Art von Behandlung nicht länger ertragen, nämlich dass alle Griechen endlich zugeben sollten, dass sie die falschen Politiker gewählt hatten, dass ein ganzes Volk zu Kreuze kriechen sollte.
Signal und Aufschrei der Ohnmacht
Das Nein der Griechen ist ein Signal. Es geht wahrlich um mehr als um Schulden und Sparen, als um Steuererhöhungen oder Privatisierungen, sogar um mehr und anderes als Euro oder Grexit. Es geht um einen Aufschrei der Ohnmacht. Das Volk spürt, dass falsches Recht gemacht wird, um die Kleinen zum Narren zu halten oder um einseitige Macht auszuüben oder um einer Nation statt Spekulanten, Banken oder Rechtsinstitutionen Schuld zu geben. Zugegeben – und das ist mir wichtig – es gibt keine einseitige Schuld; alle Beteiligten tragen mit, sowohl an den Schulden als auch an der ethisch-politischen Schuld. Das Abstimmungsresultat ist ein lauter Ruf nach einer anderen Sprache, nach neuen Dimensionen und Sinndeutungen. Es sollte auch eine Warnung sein: So nicht weiter!
Für mich ist der Ausgang der Abstimmung in Griechenland mit dem Nein der Guineer 1958 vergleichbar. Guinea: ins Chaos getrieben und bis heute ein total ruiniertes Land. Und Griechenland 2015? Geht es zugrunde wegen der Selbstgerechtigkeit der gesamten EU, dem IWF oder der Weltbank? Vor dem Tilgen der Schulden muss man sich gegenseitig verstehen lernen, statt eine neue Währung braucht es neue Begriffe und Worte mit menschlichem Bezug.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor kennt Afrika seit Jahrzehnten, hat politische und literarische Texte übersetzt und gilt als einer der besten Kenner dieses Kontinents. Imfeld hatte in den USA in evangelischer Theologie doktoriert und anschliessend vergleichende Religionswissenschaft, Entwicklungssoziologie und Tropenlandwirtschaft studiert. Anfang der 1970er Jahre gründete er das Informationszentrum Dritte Welt i3w. Imfeld ist Autor von über fünfzig Büchern.

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36 Meinungen

  • am 8.07.2015 um 11:56 Uhr
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    Dass Al Imfeld sich an das «NON» von Guinea erinnert fühlt, sei ihm unbenommen. Dass er den Satz schreibt: «Geht es (Griechenland) zugrunde wegen der Selbstgerechtigkeit der gesamten EU, dem IWF oder Weltbank?» finde ich eine sehr einfache Betrachtungsweise. Mir scheint, der Vergleich hinke doch recht ordentlich.

  • billo
    am 8.07.2015 um 12:15 Uhr
    Permalink

    Danke, Al! Der Vergleich mag hinken oder nicht; wichtig ist der Satz: «Vor dem Tilgen der Schulden muss man sich gegenseitig verstehen lernen, statt eine neue Währung braucht es neue Begriffe und Worte mit menschlichem Bezug.» Diese Schlussfolgerung dürfte auch Judith Stamm verstehen und unterschreiben, denk ich.

  • am 8.07.2015 um 17:48 Uhr
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    "Das Volk spürt, dass falsches Recht gemacht wird, um die Kleinen zum Narren zu halten oder um einseitige Macht auszuüben oder um einer Nation statt Spekulanten, Banken oder Rechtsinstitutionen Schuld zu geben.» Hinkt dieser Teil des Textes auch, Frau Stamm?

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 9.07.2015 um 16:41 Uhr
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    Der Unterschied zwischen Frau Stamm, Autor Al Imfeld und den übrigen Blogteilnehmern liegt nicht in mangelnder kapitalismuskritischer Gesinnung, sondern in konkreter politischer Erfahrung. Solche Vergleiche bringen nun wirklich nichts, so wie man etwa Volksabstimmungen, wie sie Tsipras machen liess, und solche in der Schweiz nicht vergleichen kann. Würde man, weil der Zeitpunkt und Ueberraschungseffekt stimmen, innert Wochenfrist über das Verhältnis Schweiz – Europa abstimmen, etwa betr. Bilaterale, würde das mit Recht als krimineller Putsch bezeichnet, man würde es mit der Machtergreifung Hitlers vergleichen. Das steht nun aber nicht zur Debatte. Anstelle rein ideologischer Diskussionen wie hier, die mit den Problemen Griechenlands bestenfalls im überschneidenden Sinn zu tun haben, höre man sich auf youtube mal die Rede von Guy Verhofstadt im Europäischen Parlament an: rein rhetorisch wohl eine der stärksten Reden der europäischen Parlamentsgeschichte seit Mirabeau, wiewohl erst diese Woche gehalten. Der Mann war nicht nur belgischer Premierminister, sondern verfügt über eine lateinisch-griechische Bildung. Eine solche Parlamentsrede hat es in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr gegeben. Ich bin mir zwar bewusst, dass die Probleme auch mit allerbesten Reden nicht gelöst werden können, aber der Appell an Tsipras war nicht frei von Empathie und wirkt glaubwürdig. Ein Meisterstück der politischen Rhetorik, setzt nach Aristoteles aber immer auch Kompetenz voraus.

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 9.07.2015 um 16:41 Uhr
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    Der Unterschied zwischen Frau Stamm, Autor Al Imfeld und den übrigen Blogteilnehmern liegt nicht in mangelnder kapitalismuskritischer Gesinnung, sondern in konkreter politischer Erfahrung. Solche Vergleiche bringen nun wirklich nichts, so wie man etwa Volksabstimmungen, wie sie Tsipras machen liess, und solche in der Schweiz nicht vergleichen kann. Würde man, weil der Zeitpunkt und Ueberraschungseffekt stimmen, innert Wochenfrist über das Verhältnis Schweiz – Europa abstimmen, etwa betr. Bilaterale, würde das mit Recht als krimineller Putsch bezeichnet, man würde es mit der Machtergreifung Hitlers vergleichen. Das steht nun aber nicht zur Debatte. Anstelle rein ideologischer Diskussionen wie hier, die mit den Problemen Griechenlands bestenfalls im überschneidenden Sinn zu tun haben, höre man sich auf youtube mal die Rede von Guy Verhofstadt im Europäischen Parlament an: rein rhetorisch wohl eine der stärksten Reden der europäischen Parlamentsgeschichte seit Mirabeau, wiewohl erst diese Woche gehalten. Der Mann war nicht nur belgischer Premierminister, sondern verfügt über eine lateinisch-griechische Bildung. Eine solche Parlamentsrede hat es in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr gegeben. Ich bin mir zwar bewusst, dass die Probleme auch mit allerbesten Reden nicht gelöst werden können, aber der Appell an Tsipras war nicht frei von Empathie und wirkt glaubwürdig. Ein Meisterstück der politischen Rhetorik, setzt nach Aristoteles aber immer auch Kompetenz voraus.

  • am 9.07.2015 um 17:13 Uhr
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    Habe mir die Rede von Guy Verhofstadt angehört. Ist genau, was ich meinte, es müssen konkrete Schritte getan werden, sonst gibt es keinen Ausweg!

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 9.07.2015 um 17:50 Uhr
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    @Stamm. Es ist klar, dass eine gute Rede nicht nur kritisieren darf, sondern ganz konkret Wege zeigen muss, also der praktischen Vernunft verpflichtet. Überhaupt fern von bloss abstraktem Geschwafel incl. Rechthaberei auf Vorrat. Verhofstadt hat Massstäbe gesetzt. Tsipras mit seinen Notizen und seinem Mienenspiel nicht unklug reagiert. Eine Rede von dieser Dimension und Qualität ist auf eine historische Situation angewiesen, siehe Mirabeau, es ging damals ebenfalls um eine katastrophale finanzielle Lage, am 17. Juni 1789 im Ballsaal von Versailles, grossartig beschrieben bei Heinrich von Kleist. Finanzkrisen scheinen generell die Eigenschaft zu haben, Revolutionen bzw. Revolten auszulösen, was man nicht unterschätzen sollte.

    PS. Sie Frau Stamm gehören Ihrerseits bereits der Geschichte des schweizerischen Parlamentarismus an. Es ehrt Sie, dass Sie nach wie vor das Geschehen aus der Perspektive einer «elder stateswoman» verfolgen. Dass ich früher, als Delegierter Ihrer Partei, gelegentlich nicht Ihrer Meinung war, nötigt mir einen umso grösseren Respekt ab. Ich bin stolz darauf, mit Ihnen und Frau Ständeratspräsidentin Josi Meier seligen Angedenkens zwei der profiliertesten Politikerinnen der Schweiz «noch» persönlich gekannt zu haben.

  • am 9.07.2015 um 18:39 Uhr
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    Lieber Pirmin Meier, danke für die Blumen! Das politische Geschehen interessiert mich nach wie vor. Aber ich schätze es, dass ich unterdessen wieder zum gewöhnlichen Volk, also zum Souverän, gehöre!

  • am 9.07.2015 um 21:17 Uhr
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    Danke Al Imfeld. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Nur eben, es fehlt nicht an Leuten, die Sie kritisieren. An Leuten, die von sich beanspruchen, fortschrittlich zu sein, humanistisch geprägt, und wohl auch noch des Altgriechischen mächtig. Trotzdem können und wollen sie Tsipras nicht verstehen. Auch Tsipras hat in Brüssel geredet, und das eindrücklich. Es wäre eine Herabwürdigung seiner Worte, würde man sie als kluges Mienenspiel auf Verhofstadts Rede reduzieren. Nicht Verhofstadt schreibt derzeit Geschichte, nein Tsipras tut das. Er redet nicht nur, nein er handelt. Er handelt so, dass Leute wie Verhofstadt und Merkel und Schäuble und viele andere es mit der Angst zu tun bekommen. Das Europa, das sie sich wünschen, ist am Zusammenbrechen. Ein Europa, in dem eine kleine Minderheit den Löwenanteil der Besitztümer sein Eigen nennt. Tsipras hat diesbezüglich Zahlen genannt. Natürlich wird man nun einwenden, in Europa sei es verglichen mit andern Teilen der Welt noch gut. Stimmt, aber es wird rasant schlimmer. Kommt dazu: Das Kerneuropa hat seinen Reichtum, seinen Wohlstand in hohem Masse auf Kosten der armen Länder aufgebaut. Auch innerhalb Europas werden die Reichen reicher und die Armen ärmer.
    Ich bin optimistisch, was Tsipras betrifft. Die Welt wird Verhofstadt vergessen. Er hat geredet, aus seiner und der Sicht seinesgleichen vielleicht klug. Aber er wird Europa nicht verändern. Tsipras wird es aber. Warten wir ab, was in wenigen Monaten in Spanien passiert.

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 9.07.2015 um 21:40 Uhr
    Permalink

    @PB. Veränderung Europas auf griechischem Niveau, Kollega Beutler, hätte «Vorteil», dass afrikanische Einwanderer vielleicht wieder in die «Dritte Welt» zurückreisen würden.Tsipras hat bis jetzt vorab dafür gesorgt, dass z.B. von den 13 wichtigsten Chefbeamten im griechischen Bildungswesen 12 von Syriza sind, auch beruflich hat er wenig geleistet, man konnte ihn nur als Politiker gebrauchen. Immerhin setzt der schlaue Verhofstadt im Vergleich zu Pasok und anderen noch Hoffnungen auf ihn. Es ist mein voller Ernst, dass die Finanzdirektoren des Kantons Aargau oder Bundesrat Willy Ritschard mutmasslich wertvollere Arbeit geleistet haben und dass Kommunisten auf ökonomischem Gebiet kaum zurechnungsfähiger sind wie Faschisten in Sachen Humanität. Ich bin dabei dankbar, dass derlei ökonomische Wahnvorstellungen in der Schweiz und in Deutschland keine Chance haben. Was Du Dir von den Griechen vorstellst, scheint mir reine Projektion zu sein.

    PS. Ich behaupte nicht, Verhofstadt sei ein effizienter Politiker, aber seine Rede war doch immerhin so, wie man im Schweizer Parlament in den letzten 100 Jahren keine vergleichbare gehört zu haben scheint, habe die Protokolle übrigens monatelang durchgesehen. Ich beurteile die Rede nach ihrer rhetorischen Qualität, schliesse nicht aus, dass sie in Lehrbücher eingehen wird. Die politische Bedeutungslosigkeit, die Du, lieber Peter, andeutest, hat ihren tieferen Grund in der Relevanzarmut des Europäischen Parlaments, frage da mal Andy Gross.

  • am 9.07.2015 um 22:24 Uhr
    Permalink

    Wenn man nicht still sein kann, einfach mal Ahnung haben.

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 9.07.2015 um 22:37 Uhr
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    Die Rede von Verhofstadt und – ebenfalls zu beachten – die etwas verlegen wirkende Antwort von Tsipras haben geschichtlichen Quellenwert. Auf dieser Basis kann man sich, allerdings nicht ausschliesslich, «Ahnung» erwerben.

  • am 9.07.2015 um 23:27 Uhr
    Permalink

    Verhofstadt in Ehren aber Carl Friedrich von Weizsäcker sagte in seinem letzten großen Werk Der bedrohte Friede: Politische Aufsätze 1945 – 1981 erschienen 1994 im “Hanser-Verlag”, innerhalb wenigerJahre den Niedergang des Sowjet-Kommunismus voraus(- er wurde damals ausgelacht). (Anmerkung: Und dieses Buch ist offensichtlich auf Anweisung medial ignoriert worden)
    Seine Prognose, auf welches Niveau der Lohn-, Gehaltsabhängigen zurückfallen würde, wenn der Kommunismus nicht mehr existiert, war schockierend.

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 10.07.2015 um 07:50 Uhr
    Permalink

    Weizsäcker – ich habe ihn persönlich gekannt und mehrmals längere Gespräche mit ihm geführt – gehörte alles andere als zu den medial Verkannten. Er erklärte mir, dass Deutschland die A-Bombe hingekriegt hätte, wenn Hitler es zur Priorität erhoben hätte. Erstaunlich war, dass er in der Geschichte der Physik weniger bewandert war als ich es gedacht hätte. Und Platon war eher seine Stärke als die Wirtschaft. Die Verlage riessen sich um ihn, er hatte ein bedeutendes Charisma, wie sein Bruder ein echter deutscher Aristokrat, der zu keiner Zeit seines Lebens trotz Anpassung an die Verhältnisse dumm geschwatzt hat. Er kannte auch noch Bundesrat Philipp Etter. Seine Frau, Gundulena Wille, war Enkelin des Generals Wille und erzählte mir viel von einem komischen Schweizer namens Meienberg. Den Untergang der Sowjetunion, eine Wohltat für die Menschheit und besonders für den Osten, wiewohl mit Nebenfolgen, haben Weizsäckers nicht bedauert. Die beste Vorraussage des Niedergangs der Sowjetunion stammt von Andrei Amalrik aus dem Jahre 1970: «Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?» Ich besprach das Buch damals. Amalrik hat sich nur um sieben Jahre getäuscht, die Sache aber nicht mehr erlebt.

    PS. Eine Nebenfolge des Niedergangs der Sowjetunion war übrigens auch das weltpolitisch geduldete Ende der Apartheid in Südafrika und die Wende von Nelson Mandela von seinem sogenannten Terroristen (Thatcher) zu einem vernünftigen Politiker.

  • am 10.07.2015 um 21:35 Uhr
    Permalink

    Was hat Carl Friederich von Weizsäcker mit Tsipras und Al Imfeld zu tun, Pirmin M.?
    http://www.welt.de/kultur/history/article13680234/Carl-Friedrich-von-Weizsaecker-hat-wohl-gelogen.html
    Ein Ausschnitt aus dem Wikipedia-Eintrag: «Nach seiner Emeritierung 1980 vertrat der evangelische Christ Weizsäcker als Vortragsreisender und Autor einen ‹radikalen Pazifismus als das christlich einzig Mögliche›. »
    Jedenfalls Carl F. v: W. war ganz und gar kein kalter Krieger, wie man aus einem Zitat von dir schliessen könnte.
    Und sein Bruder, der einstige deutsche Bundespräsident?
    Ein Zitat «(…) Richard von Weizsäcker wurde so einerseits zur moralischen Instanz Deutschlands, andererseits zu einem Symbol für die Ambivalenz weiter Teile einer Generation. Schließlich war er selbst jemand, der den Nazis als Offizier gedient hatte. Nach dem Krieg verteidigte er als Jura-Student seinen Vater Ernst von Weizsäcker bei den Nürnberger Prozessen. Dieser war Staatssekretär im Auswärtigen Amt und hatte direkt an Hitler berichtet – und wurde schließlich wegen seiner Mitwirkung an der Deportation französischer Juden nach Auschwitz als Kriegsverbrecher verurteilt.(…)"
    http://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-verliert-seinen-altbundespraesidenten-zum-tode-von-richard-von-weizsaeckers-strahlendes-vorbild-mit-schattenseiten_id_4443765.html
    "Der komische Schweizer namens Meienberg"? Worte aus dem Munde der Tochter des nazifreundlichen Korpskommandanten Ulrich Wille. Wer wundert sich da?

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 10.07.2015 um 22:32 Uhr
    Permalink

    @Beutler. Habe auf R. Weizsäcker in der Schweiz am Sonntag einen sehr würdigen Nachruf geschrieben und kenne nun mal die Weizsäckers nicht einfach aus Wikipedia und aus der Zeitung, sondern bezogen auf die letzten 70 Jahre. Es war verdienstvoll, wie der spätere Bundespräsident in Nürnberg seinen Vater rausgehauen hat, selbst wenn es bei Verteidigungen damals ohne Lügen natürllich nicht erfolgreich abging. Richard v. W. war später ein sehr guter Bürgermeister von Berlin, die Linken übergossen ihn zwar mit Kotze. Der noch bedeutendere C.F. von Weizsäcker war tief befreundet mit Reinhold Schneider, dem christlichen Pazifisten und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, über den ich doktoriert habe. Lernte die Weizsäckers in diesem Zusammenhang 1972 kennen, überreichte mit Carsten Peter Thiede, Karl-Josef Kuschel und anderen Vorstandsmitgliedern C.F. Weizsäcker 1997 die Reinhold-Schneider-Plakette. Schneider und Weizsäcker waren natürlich keine kalten Krieger, aber die Verbrechen des Stalinismus waren ihnen natürlich gut genug bekannt, wiewohl gerade Schneider sich zwischen Bundesrepublik und DDR, beide Systeme lehnte er ab, sich neutral verhielt. C.F. Weizsäcker war ein sehr bedeutender Mann, vor allem als Naturwissenschafter mit ethischem Engagement. Über diese Familie weiss ich nun mal etwas mehr als Du, möchte mich aber hier nicht weiter darüber äussern. Meine schönste Erinnerung an C.F. Weizsäcker war ein Gespräch bei einem Spaziergang um das Freiburger Münster 1972.

  • am 10.07.2015 um 22:56 Uhr
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    @Meier. Nun ja, ein wenig kenne ich Carl Friederich von Weizsäcker von der wissenschaftlichen Seite. Ich habe übrigens in physikalischer Chemie promoviert und mich mit einigen Gebieten, die C. v. W. auch behandelt hat, auseinandergesetzt, am Rande allerdings nur. Und zu den Zitaten, die ich angeführt habe: Sie sind durchaus belegt. Die Wikipediaeinträge sind lediglich eine Zusammenfassung. Über das Thema «Die Weizsäckers und der Nationalsozialismus» gibt es eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur. Von neutralen Stellen, nicht von Stellen, die zum Freundeskreis der Familie Weizsäcker gehören, oder das zumindest glauben.

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 11.07.2015 um 07:13 Uhr
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    @Peter. Gehöre nicht zum Freundeskreis v. Fam. Weizsäcker, meine Einstellung ist kritisch. Ich kann versichern, dass wahrscheinlich ohne das gute Wort von Bundesrat Philipp Etter über Ernst von Weizsäcker (der natürlich mehr wusste als er zugab, aber die Prozesse 1946 – 1949 waren ohnehin Siegerjustiz) die Familie Weizsäcker möglicherweise als Kriegsverbrecherfamilie gegolten hätte und zumal eine Karriere von Richard nicht möglich geworden wäre. Da ich C. F. Weizsäcker u. Karl Popper persönlich gekannt (u. studiert) habe, finde ich, dass der zweite auf dem Gebiet der philosophischen Theorie einen bedeutenderen Leistungsausweis hatte, wobei es aber nicht um die politischen Meinungen der beiden geht. Was Geschichte der Physik betrifft, ist mir zu meinem Erstaunen aufgefallen (bei meiner Studie über den Thermometererfinder M. du Crest), dass C.F. Weizsäcker nicht mal das Standardwerk von Poggendorf studiert hat. Auf Dauer sehe ich bei C.F. Weizsäcker, einem hochgebildeten Essayisten, eher keinen Platz in der Geschichte der Philosophie, im Gegensatz zu Popper, zwar charakterlich ein Rüppel, aber doch der Mann, der in «Logik der Forschung» Einstein sozusagen in die Philosophiegeschichte übertragen hat.

    Zurück zu Tsipras: Guy Verhofstadt schliesst nicht aus, dass dieser Mann noch bedeutend werden kann. Wenig wert ist der sogar von mir mal überschätzte Varoufakis, macht Ferien. Kann sich ein Wissenschaftler in einer wichtigen Lebensphase nicht leisten, auch ein Historiker nicht.

  • am 11.07.2015 um 08:40 Uhr
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    Pirmin, da nähern uns ja wieder, danke. C.F.v.W.möchte ich nicht schlecht reden. Zumindest in seiner Lebensphase war er mir sehr sympathisch. Obwohl ich ihn nicht besonders gut kenne. Ich gehe davon aus, dass er sich verändert hat, vor allem nach 1945, wo er ja einige Zeit von den Allierten interniert wurde. Aber was hatte er mit Tsipras und Al Imfeld zu tun? Ich denke Franz Kengelbacher hat hier eine Antwort gegeben: Weizäckers Prognose, was die Lohnabhängigen betrifft, scheint sich zu bewahrheiten. Und damit hat er sehr viel mit Tsipras und Al Imfeld zu tun. Die Frage ist eben nur, wie man C.F.v.W. auslegt. Da scheint es durchaus eine Rolle zu spielen, welche politische Grundhaltung man hat, vereinfacht vielleicht, ob man nach rechts oder nach links tendiert. Ich sehe in C.F.v.W. einen Menschen, der ganz und gar nicht nach rechts tendiert. Dass er den Stalininus abgelehnt hat, ist dabei kein Widerspruch. Viele «Linke» sehen darin kaum etwas Linkes. Ist Tsipras ein Kommunist? Um diese Frage zu beantworten, müsste man einmal definieren, was man mit Kommunismus meint. Davon gibt es eine Menge Spielarten. Diejenigen, die sich in Griechenland Kommunisten nennen, haben jedenfalls vor der Abstimmung gegen Tsipras demonstriert. Sie sind für den Austritt aus der EU, Tsipras nicht. Und Varufakis? Er ist ein international renommierter Wirtschaftsprofessor und macht ganz sicher nicht Ferien. Er steht weiterhin in Kontakt mit Tsipras und wird bald wieder auf der Bildflöche erscheinen.

  • am 11.07.2015 um 08:43 Uhr
    Permalink

    Ergänzung: in seiner (Weizsäckers) letzten Lebensphase

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 11.07.2015 um 10:29 Uhr
    Permalink

    @Danke, lieber Peter. Unbeschadet der «durchzogenen» Familiengeschichte der Weizsäckers incl. seiner Frau Gundulena Wille und deren Verwandten aus der Familie Bismarck war C.F. von Weizsäcker ein weiser Mann, der es mit der Verantwortung des Naturwissenschafters sehr ernst genommen hat, übrigens durchaus skeptisch war und eher das Nichtwissen als das Wissen betont hat. Ich bin sicher, Peter, dass wir über die politischen Analysen von C.F. Weizsäcker gelegentlich eine Schnittmenge konstatieren würden. Die Geschichte der griechischen Kommunisten ist noch einmal ein anderes Kapitel, da ist es wohl besser, einzelne noch bedeutende Köpfe auszusondern. Über den griechischen Widerstand im 2. Weltkrieg habe ich Aufzeichnungen eines alt Rektors der Kantonsschule Aarau, der für das IKRK in GR war und über den dilettantischen und kontraproduktiven Widerstand vernichtend geurteilt hat, es hätte unzählige Opfer und Gegenopfer gefordert und die Befreiung des Landes nicht um eine Stunde beschleunigt usw. Ein vielleicht einseitiges Urteil, aber doch eine Schweizer Original-Geschichtsquelle, nun halt mal nicht aus Wikipedia.

    PS. Varoufakis. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann mit dem Glamour-Lebensstil wie dieser V. vom geistigen und moralischen Format auch nur ein Prozent Schnittmenge hat etwa von Einstein oder sagen wir mal vom keineswegs nur braven Mandela. In Griechenland ist man der Meinung, er mache Ferien, weswegen auf der Fähre empörte Bürger auf ihn losgegangen sein sollen.

  • am 12.07.2015 um 15:54 Uhr
    Permalink

    Zur Varoufakis. Er wird in weiten Kreisen Europas zu Unrecht schlecht gemacht. Warum nicht sein Buch lesen: Nur wenige wirtschaftswissenschaftliche Bücher sind so eloquent, bissig und verständlich ‹Der globale Minotaurus›. Varoufakis präsentiert eine bemerkenswerte Interpretation globaler Finanzkrisen. Er geht zurück auf den Schwarzen Freitag von 1929.» Mirko Smijanic, Deutschlandfunk.
    Wenn ich da an den dummdreisten Auftritt des Vorsitzenden der Volkspartei im EU-Parlament, der bayrische CSU-Mann, Wie-heisst-er-denn?, denke, mag ich mir nicht vorstellen, wie ein intelligenter Mensch wie V. auf Augenhöhe mit so einfach gestrickten Lebewesen unterhalten kann.
    Ein Zitat aus der WOZ, 9.7.2015. «Die griechische Bevölkerung muss bestraft werden, weil sie sich unbotmässig verhalten hat. (…) Doch offenbar darf nicht sein, dass in Griechenland mit Syriza eine Partei in der Regierung sitzt, die bislang standhaft geblieben ist und deren Personal nicht auf eine neoliberale Generallinie einschwenkt."

  • am 12.07.2015 um 17:04 Uhr
    Permalink

    Ein interessantes Porträt von Giannis Varoufakis enthält die heutige Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Und von seinem Nachfolger Euklid Tsakalotos heisst es: «Einen Aspekt gibt es allerdings, der den europäischen Verhandlungspartnern Sorge bereitet: Tsakalatos steht in seinen ökonomischen Überzeugungen ebenso weit links wie sein Vorgänger Varoufakis. Mindestens.» Es lohnt sich, den Artikel ganz zu lesen. Für die griechische Grossmutter, von deren Rente seit längerem auch die nächste Generation leben muss (ich kenne eine solche), enthält der Artikel wenig Perspektiven!

  • am 13.07.2015 um 09:26 Uhr
    Permalink

    Wie recht hat Al Imfeld! SRF heute Morgen über einen Kommentar in der «New York Times» Die Liste der Forderungen der Eurogruppe nennt der Nobelpreisträger Krugmann «verrückt». «Das europäische Projekt – ein Projekt, das ich immer gelobt und unterstützt habe – hat gerade einen furchtbaren, vielleicht sogar tödlichen Schlag erlitten. Und was immer man von (der griechischen Regierungspartei) Syriza oder Griechenland hält – die Griechen haben es nicht verbockt», schrieb der Ökonom. Laut Krugman liegt der Hashtag «#thisisacoup» genau richtig: Das Vorgehen der Eurogruppe gehe über Strenge hinaus «in schiere Rachsucht, in kompletter Zerstörung nationaler Souveränität, ohne Hoffnung auf Abhilfe». Ein anderer renommierter Ökonom spricht sogar von einem aus Berlin inszenierten Staatsstreich gegen Tsipras. Weit vorne im Kesseltreiben gegen Griechenkand positioniert sich die FAZ, neben der «Welt», dem «Bild» und der anderen Mainstreampresse. Besonders gehässig wird auf Varoufakis eingeprügelt. Lesenswert? Nicht unbedingt. Die ganze Hetzerei gegen Griechenland lässt unangenehme Erinnerungen wach werden, aus einer Zeit, die 70, 80 Jahre zurückliegt. Man darf nicht vergessen, dass Die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg Griechenland überfallen hat, mit zahlreichen Massakern und Hunderttausenden von Opfern. Bis zum heutigen Tag hat sich Deutschland um eine angemessene Wiedergutmachung gedrückt. Aus Berlin müssten Gelder nach Athen fliessen, nicht umgekehrt.

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 13.07.2015 um 10:20 Uhr
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    @Beutler. Beachte bitte die neueste Einigung der EU mit Griechenland. Die Gelder von Deutschland flossen längst und fliessen weiter. Zur Strafe für den Zweiten Weltkrieg ist das deutsche Volk weiterhin bevormundet und darf für weitere Griechenlandhilfe nicht Nein sagen, da sind wir Schweizer schon privilegiert. Schon die Opferung der D-Mark war reine Volksbevormundung. Vgl. noch Oskar Lafontaine, der immerhin, als Linker mit Ahnung von Oekonomie, bislang den Grexit dem derzeitigen Gewurstel vorzieht.

  • am 13.07.2015 um 10:45 Uhr
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    Am Radio habe ich gehört, dass Angela Merkel sagte, es fehle das Vertrauen in die griechische Regierung. Meine Erfahrung sagt mir, dass «Vertrauen» häufig erst auf einem langen, schwierigen, gemeinsamen Weg wachsen, aber nicht zu Beginn schon eingefordert werden kann.
    Auf beiden Seiten geht es um Abwägen von Chancen und Risiken, Scheitern inbegriffen.Und wer entwirft, für beide Seiten, die Strategie der Niederlage?
    Das Ganze ist eine unglaubliche Herausforderung für beide Seiten!

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 13.07.2015 um 11:51 Uhr
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    @ Ich habe den Eindruck, liebe Frau Stamm, dass wir von Ihrer Optik, die Abstand bewahrt und trotzdem realistisch davon ausgeht, dass Leben heisst, Probleme zu lösen, nur lernen könnten. Gilt für mich wie vermutlich auch für den Kollegen Beutler und wohl noch andere. Sie haben sich eine gesunden Distanz von jeder Art politischem Fundamentalismus erarbeitet. Trotzdem ist, das wissen Sie am besten, nie davon auszugehen, dass die Probleme sich von selber lösen bzw. durch Aussitzen gelöst werden können. Es geht um die wahre Verantwortungsfähigkeit, die nie durch Eifer oder Wut oder alleiniges Rechthabenwollen zu ersetzen ist. Schade, dass die besten Politiker und Politikerinnen, wenn sie endlich gut genug wären, in der Regel zurückgetreten sind.

  • Portrait_Josef_Hunkeler
    am 13.07.2015 um 23:38 Uhr
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    Wie auch immer. Die Geschichte wird uns lehren wer «recht» hatte. Das werden wir vielleicht nicht mehr erleben.

    Ich bin aber der Ansicht, dass Frau Merkel ihren Vertrauensbonus weitgehend verspielt hat. Schäuble ist für die Hälfte Europas zu einer Non-Person geworden. Das alles wäre nicht notwendig gewesen. Dass sich Profipolitiker so instrumentalisieren lassen und epidermische Reaktionen vor rationale Staatsmännische oder Staatsfrauliche Haltung setzen ist ein erstaunliches Phänomen. Peter’s Principle wie es im Buche steht.

    Ich habe gedacht, dass sich die De Gaulles, Adenauers und andere Väter Europas (Frauen gab es damals noch nicht) in ihren Gräbern umdrehen würden, wenn sie den prinzipienlosen Umgang mit politischen Zielgrössen wie der eines einigen solidären Europas mitansehen müssten. Webers Gedanken zur Lutheranischen Seriosität spielen hier offenbar mit, und die kulturelle Wasserscheide scheint einen tiefen Graben in Europa zu öffnen. Die Haltung Dijsselbloms war charakteristisch für das selbstgerechte Verhalten der Leute, die die Wahrheit besitzen.

    Ich bin erstaunt über die selbstgerechte Haltung der Regierungen der Länder, deren Banken mit ihrer korrumpierenden Kreditvergabe erst das ganze Schalmassel losgetreten haben.

    Etwas mehr Bescheidenheit würde auch den Deutschen, ebenso wie ihren östlichen und nördlichen Nachbarn gut anstehen. Warum immer die Welt auf «fourmis et cigales» reduzieren. > Die denken wohl «Moral ist was mir nützt» ? Darf das so sein ?

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 14.07.2015 um 07:44 Uhr
    Permalink

    PS. Für Adenauer, dessen Politik ich zu Lebzeiten ab 1957 verfolgte, gehörte es immer quasi zu den Axiomen der Politik, dass Sozialisten zwar nett sein, aber nicht mit Geld umgehen können. Er hat sich schon lange im Grabe umgedreht, weil er unter der Europäischen Union ganz sicher nicht diesen Umgang mit Geld verstand. Bei Schäuble sind noch Restbestände von praktischer Vernunft versammelt. Dass man als Politiker unbeliebt werden muss, gehört zu den Minimalanforderungen.

  • Portrait_Josef_Hunkeler
    am 14.07.2015 um 10:08 Uhr
    Permalink

    Es ist das Geschwätz um den «Grexit», welcher das Liquiditätsproblem der griechischen Banken provoziert hat.

    Das Schuldenproblem der griechischen Regierung ist ein Problem ganz anderer Natur und hat mit dem Euro nichts zu tun. Die Zahlungsbilanz hingegen schon. Doch davon spricht ja niemand. Wenn diese einseitige Interpretation der grundlegenden Fragestellung auf praktische Vernunft hindeuten soll ?

    Wenn Schäuble und Co das griechische Bankensystem durch mutwilliges Schlechtreden der währungstechnischen Perspektiven zerstören will, ist das Hegemoniegehabe wie aus früheren Zeiten. Das ist möglicherweise auch eine Art, «praktischer Vernunft», aber nicht ökonomischer Vernunft zur Problemlösung.

    Das unter Vormundschaftstellen der Griechischen Regierung und die praktische Enteignung der Griechen in der Form des «Schuldentilgungsfonds durch Privatisierung"
    zeugt auch nicht besonders von praktischer Vernunft. Eine «Bad Bank», wie sie von der SNB für die UBS und auch in den Kantonen BE, GE, VD mit einigem Erfolg praktiziert wurde, wäre wol möglich gewesen. Das hätte die EZB problemlos umsetzen können. Aber man wollte klar die Griechen blossstellen und demütigen. Der Eingenstolz der «Häuslebauer» war eben geritzt und musste rehabilitiert werden. Vertritt hier irgendwer echte nationale Interessen ? Das EU-Programm hat kaum mehr als 10% Erfolgswahrscheinlchkeit. Ohne Schuldenschnitt funktioniert das so wie so nicht. «Praktische Vernunft» ?

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 14.07.2015 um 10:37 Uhr
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    Hier müsste tatsächlich weiterdiskutiert werden. Ich verweise indes auf einige Artikel der Frankfurter Allgemeinen von heute.

  • am 14.07.2015 um 10:58 Uhr
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    Danke, Josef Hunkeler. Was Merkel, Schäuble und Co sich in Sachen Griechenland geleistet haben, ist haarsträubend. Es kommt einem von aussen gelenkten Staatsstreich gleich. Die Motive dürften Rache und Angst sein. Die Rache für das Nein, das mehr als 60% der dort Wählenden eingelegt haben. Fast schon mit den folgenden Worten legen sich die Hintergrundkommentare der Mainstreammedien ins Zeug: Hätten die Griech_innen anders gestimmt, wäre Europa Syriza los. Man könnte den neuen (konservativen, neoliberalen) Machthabern entgegenkommen, ein Sparprogramm verordnen, das viel weniger weit ginge, als das, was nun Griechenland aufoktroyiert wurde. Die Angst. Eine linke Regierung in Athen mit einem derart massiven Rückhalt in der eigenen Bevölkerung ist eine Gefahr für den westlichen Turbokapitalismus. Wird die Rechnung der deutschen Regierung und ihrere westlichen Allianzpartner aufgehen? Auch wenn es im Moment so aussieht, wir das kaum geschehen. Auf der iberischen Halbinsel stehen Wahlen an. Sowohl in Madrid wie in Lissabon dürften in wenigen Monaten EU-kritische Linksregierungen sitzen. Und Tsipras, der in seinem Land enorm populär ist, wird sich halten. Auch wenn das verordnete Sparprogramm scheitert, was wohl anzunehmen ist. Er kann dann seiner Bevölkerung sagen, er habe alles versucht, mit der EU eine einvernehmliche Lösung zu finden, aber die Hardliner unter deutscher Führung hätten es hintertrieben. Seit dem letzten Wochenende ist die derzeitige EU dem Tod geweiht.

  • am 14.07.2015 um 11:10 Uhr
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    Ich stelle mal eine ganz konkrete Frage. Bis morgen muss Tsipras dem Parlament drei Gesetzesvorlagen «vorlegen» oder das Parlament muss sie «verabschieden"(verschiedene Wortwahl in verschiedenen Zeitungen). Erhöhung Mehrwertsteuer, Rentenreform, Unabhängigkeit des Statistikamtes (es gibt noch eine vierte)? Wie soll das geschehen? Gibt es da keine Beratungen, die Zeit benötigen?
    Das kommt mir vor, wie die unmöglichen Aufgaben und den Märchen, die dann doch irgendwie, meist durch Intervention einer Fee, gelöst werden können.

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 14.07.2015 um 11:30 Uhr
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    Griechenland hat auch heute abermals eine fällige Tranche an den IWF von 458 Millionen nicht bezahlt. Ein ungelöstes Problem der Europäischen Union ist, dass für den Fall, dass die 52,5 Milliarden von dieser Woche, mit Ergänzungen 82 Milliarden, wieder als Konkursverschlepptung in den Sand gesetzt sind, kein beteiligter mitverantwortlicher Politiker auf seine Rente verzichten muss.

    @Beutler. A propos Respekt vor dem Geld. Wenn ich denke, dass vor 60 Jahren mein väterlicher Freund Karl Kloter, Arbeiterschriftsteller, Gemeinderat SP ZH, Mitglied der Betriebskommission von Siemens-Albis, noch für die Differenz zwischen 10 Rappen oder 20 Rappen mehr Stundenlohn mit Herzblut gekämpft hat! Das war proletarische Solidarität! Kloter hat mir aus seinem Nachlass u.a. noch eine Karl-Marx-Biographie vermacht. Aber wahrscheinlich verstehen wir uns betr. solche Fragen besser als wenn es um die Verantwortung um Milliarden geht, vgl. auch die neueste China-Blase, worüber P. Achten bei infosperber bisher leider nichts schreibt. Diese Summen bleiben für den kleinen Arbeiter politisch und existentiell unvorstellbar. Bei den Politikern liegt indes purer Zynismus vor. «In the long run we all are dead», lautet die am meisten berüchtige Aussage von John Maynard Keynes, als er sagte, man dürfe nicht immer «auf die lange Sicht» hin denken, gemeint: man müsse sich den Problemen kurzfristig annehmen. Aber eines Tages wird uns «die lange Sicht» trotzdem alle einholen!

  • Portrait_Josef_Hunkeler
    am 14.07.2015 um 15:50 Uhr
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    Die Drei-Tage Demokratie, welche Europa den Griechen vorschlägt erinnert schwer an autoritäre Systeme, welche man der Vergangenheit anzugehören glaubte. «Rubberstamping parlaments» ? Das mag in Bananenrepubliken angehen, für Europa ist das eine Schande. Wer so etwas verlangt hat jede demokratische Legitimation verspielt.

    Für die Schweiz ist wohl allen klar, dass solche Leute auf Jahre hinaus jede Glaubwürdigkeit verspielt haben. Auch ohne SVP ist dieses Europa auf absehbare Zeit keine Option mehr.

    Irgendwie schade. Da hat doch Hollande ein so schönes Interview zum 14.7.15 gegeben. Ist da irgendwer, welche die Bastille wieder aufbauen will ?

  • Portrait_Pirmin_Meier
    am 14.07.2015 um 22:42 Uhr
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    @An Frau Stamm. Sie machen hier am wenigsten Worte, sagen aber wohl das Wichtigste. Was das griechische Parlament morgen beschliessen muss, daran hätten die beiden Kammern der Schweiz, von denen Sie eine präsidiert haben, incl. Vernehmlassungen usw. mindestens zwei Jahre. Dies beweist nur, dass unser System das andere Extrem darstellt, wohl auch nicht optimal. Aber eines ist klar, das wissen Sie mutmasslich so gut wie nur wenige Politikerinnen und Politiker in Europa: Eine seriöse und ausgewogene Gesetzgebung ist unter solchen Bedingungen absolut ausgeschlossen, es wird einerseits jede Menge Leerlauf geben und andererseiits wieder unmögliche Härtefälle.

    Nebenbei gesagt: Wir hätten in der Schweiz auch ein paar Leute, die Spitze sind, sagen wir mal etwa in der Liga von Verhofstadt, wiewohl weniger spektakulär, aber ich mache mir keine Illusionen, dass wir beim Mitreden maximal den Einfluss von Oesterreich hätten, aber die Mitverantwortung für eine Politik, die wesentlich von anderen gemacht wird, Europas selbsternannten Leitwölfen, trotzdem übernehmen müssten.

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