Angstmacherei soll Leute über 60 zum Arzt bringen, der sie von der Impfung überzeugen soll © Pfizer

So wirbt ein Pharmakonzern für seinen Impfstoff

Urs P. Gasche / 10. Jul 2016 - Öffentliche Werbung für Medikamente und Impfstoffe ist in Europa verboten. Doch der Pharmakonzern Pfizer weiss sich zu helfen.

Der Phamakonzern Pfizer möchte mit dem Impfstoff Prevenar 13 zum Schutz gegen Lungeninfektionen durch Pneumokokken einen möglichst hohen Umsatz und Gewinn erzielen. Schliesslich hängt der Aktienkurs und die Höhe der Dividenden von Umsätzen, Marktanteilen und Gewinnen ab. Eine Impfdosis Prevenar kostet in der Schweiz satte 89.10 CHF. Zu diesen 90 Franken kommen noch die Kosten für den Arztbesuch hinzu. Ärzte haben einen finanziellen Vorteil, wenn sie ihren Patienten das Impfen nahelegen.

Dummerweise für die Pharmafirmen ist es in Europa im Gegensatz zu den USA verboten, direkt beim Publikum für einen Impfstoff oder ein anderes Medikament zu werben. Trotzdem können Pharmafirmen – unter Tolerierung der deutschen Aufsichtsbehörden – öffentlich Werbung betreiben, so lange der Markenname des Impfstoffs nicht genannt wird. Um dieses «Handicap» zu umgehen, enthalten fast alle Werbespots, Inserate und Marketing-Webseiten die Aufforderung an die über 60-Jährigen, einen Arzt aufzusuchen. Dieser soll dann die Impfung empfehlen. Die Pfizer-Kampagne schürt mit dem Argument Angst, schwere Lungenentzündungen seien häufig. Die Pfizer-Werbung appelliert mit dem Slogan «Unverhofft kommt oft!».

Impfung für Risikogruppen empfehlenswert

Leute, die bereits chronisch obstruktiv an der Lunge erkrankt sind, an Asthma leiden, ein stark geschwächtes Immunsystem haben, Kettenraucher oder Alkoholiker sind, riskieren bei einer zusätzlichen Lungenentzündung durch Pneumokokken schwer zu erkranken, in seltenen Fällen auch daran zu sterben.

Auch die Webseite von Pfizer zählt diese Risikogruppen in etwas allgemeinerer Form auf. Damit jedoch möglichst nicht nur solche Risikopatienten einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen, sondern alle über 60-Jährigen Frauen und Männer, schreibt Pfizer an prominenter Stelle warnend: «Eine durch Pneumokokken verursachte Lungenentzündung kann jeden treffen – sogar Menschen, die sich regelmässig bewegen, die sich gesund ernähren und insgesamt auf sich achten

Die Fakten

Die von der Pharma unabhängige Fachzeitschrift «Gute Pillen – schlechte Pillen» informiert über den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse wie folgt:

Einschliesslich der Risikopatienten erleidet pro Jahr höchstens ein Einziger von Tausend über 65-Jährigen eine Lungenentzündung durch Pneumokokken. Der Pfizer-Spruch «Unverhofft kommt oft» sei deshalb eine grosse Übertreibung.

Die weitere Pfizer-Aussage «Diese Art von Lungenentzündung ist eine häufige Todesursache bei älteren Menschen» sei ebenso irreführend, weil sie den Eindruck wecke, eine Impfung könne Todesfälle verhindern. Tatsächlich gebe es jedoch keinen Beweis dafür, dass die Impfung die Zahl Todesfälle verringern kann.

Inserat von Pfizer mit den entsprechenden Aussagen:

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Texte und Bilder für die Medien

Im Rahmen der Marketing-Kampagne für das Impf-Präparat Prevenar stellt Pfizer den Medien Artikel und Bilder zur Verfügung:

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Einige Medien übernehmen die Pfizer-Infos als redaktionellen Beitrag:

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In Medien, welche die Botschaft von Pfizer nicht «freiwillig» verbreiten, platziert der Pharmakonzern Anzeigen:

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Für Online-Medien verbreitet Pfizer Video-Clips (hier ein Bild daraus mit Impfszene:

Impfstoff zum halben Preis empfehlenswerter

Das dicke Ende kommt noch: Das Robert Koch-Institut, das in Deutschland für Impf-Empfehlungen zuständig ist, hält für Menschen über 65 Jahre den Impfstoff Mencevax ACWY des Pharmakonzerns GSK für geeigneter* als Prevenar. Eine Impfdosis Mencevax ACWY kostet in der Schweiz 43.20 CHF. Das ist weniger als die Hälfte des Preises für Prevenar.

Leider verdient ein Arzt mehr, wenn er das teurere Prevenar verschreibt. Diesen falschen Anreiz hat das Bundesamt für Gesundheit so verordnet und diese Verordnung trotz breiter Kritik von Seite der Konsumenten- und Patientenorganisationen sowie der Krankenkassen nicht geändert. Die Pharmaindustrie und die Ärzte freut's.

«In der Schweiz nicht zulässig»

«Eine solche Werbekampagne wäre in der Schweiz nicht zulässig», erklärt das Bundesamt für Gesundheit BAG. Auch die Zulassungsbehörde Swissmedic erachte eine solche Kampagne für unzulässig. Für das BAG sei entscheidend, dass die Werbung die Firma Pfizer nennt und es um Pneumokokken-Erkrankungen geht: «So kann aus der Werbung auf das Arzneimittel ‹Prevenar 13› geschlossen werden.»

Novartis weiss sich mit gütigem Wegschauen der Behörden zu helfen

Doch Pharmafirmen wie Novartis wissen sich auch in der Schweiz zu helfen. Ein Beispiel: Weil für das kassenpflichtige Voltaren nicht geworben werden darf, verkauft der Pharmakonzern den gleichen Hauptwirkstoff Diclorfenac in halber Dosierung rezeptfrei unter dem Namen «Voltaren Dolo». Dieses darf Novartis öffentlich ausgiebig bewerben, weil es nicht kassenpflichtig ist. Für das BAG und die Swissmedic hat dies keine Werbewirkung für das kassenpflichtige Medikament «Voltaren», obwohl dessen Markenname mit der Werbung für «Voltaren Dolo» in den Köpfen des Publikums verankert wird.

Mit ihrer eigenartigen Interpretation verletzen unsere Behörden ihre eigene Arzneimittel-Werbeverordnung: Diese verbietet «alle Massnahmen zur Information, Marktbearbeitung, und Schaffung von Anreizen, welche zum Ziel haben, die Verschreibung, die Abgabe, den Verkauf, den Verbrauch oder die Anwendung von [kassenpflichtigen] Arzneimitteln zu fördern».

Die Werbung für «Voltaren Dolo» fördert den Verkauf und die Anwendung von «Voltaren» nach Ansicht der Behörden angeblich nicht. Im Fall «Pfizer/Migräne-Broschüre» hatte das Bundesgericht im Jahr 2006 festgestellt, dass bereits das Erwähnen der Wirkstoffgruppe, ohne Erwähnung des Namens des Medikaments, indirekte Werbung darstellt (BGE 2A, 63/2006). Bei der Werbung für «Voltaren Dolo» wird sogar der Markenname «Voltaren» explizit genannt. Doch gegenüber Infosperber erklärte das BAG: «‹Voltaren› und ‹Voltaren Dolo› sind verschiedene Präparate, die unterscheidbar sind.»

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*STIKO (2015) RKI Epidemiolog. Bulletin Nr, 34, S. 329

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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9 Meinungen

swissmedic stellt diesbezüglich eine Mogelpackung dar. Sie wird mehrheitlich aus den Gebühren der Medikamentenverkäufe der Hersteller mitfinanziert. Wer beisst nun schon in die Hand, die einem füttert?!

So wird swissmedic im Prinzip nur aktiv, wenn ein Mitbewerber Klage einreicht. Es kommt zuerst zu einer Verwarnung. Der fehlbare Hersteller darf sich dabei erklären, was zu einer eigentlichen Spielwiese an heuchlerischen Entschuldigungen der Hersteller führt. Wir meinten, dass / wir haben dabei übersehen, dass etc.
Dasselbe Spiel bei wiederholter Übertretung, mit dem Resultat, dass eine Busse von max. 10'000 Fr. gesprochen wird. Lächerlich im Vergleich zum Umsatz, welche mit gezielt fehlbarer Werbung letzten Endes erzielt wird. Es ist nur für den Werbeverantwortlichen ein bisschen unangenehm, weil die Konzernleitung so tun muss, als ob solche Vergehen nicht duldbar seien! In Tat und Wahrheit sind aber alle über die so erzielte Mengenausweitung und Gewinnoptimierung glücklich!

So auch swissmedic, welche von den Gebühren, resultierend aus dem Medikamentenumsatz, abhängig ist. Das BAG sorgt zudem für hohe Preise. Das 'korrupte' Win-Win Packet ist also gut geschnürt und verpackt.

Konsequenz: Die Kontrolle des Publikum-Werbeverbotes und die Ahndung von Verstössen bei der Verordnung und Abgabe von kassenpflichtigen Medikamenten ist ein Witz. Die swissmedic steht in einem Interessenkonflikt und ist erst noch überflüssig (genauso wie bei der Medikamentenzulassung). Das BAG sorgt zudem für hohe Preise!
Andreas Keusch, am 10. Juli 2016 um 12:13 Uhr
Unverhoffte Lügen (in der Pharmabranche) kommen oft. Und das Bundesamt für Geschäftemacher (=BAG) segnet alles ab.
Jürg Schmid, am 11. Juli 2016 um 16:18 Uhr
eine ältere Bekannte wollte vor einigen Wochen Essigsaure Tonerde kaufen. Ein bewährtes Mittel bei Insektenstichen. Dieses wurde 2014 aus dem Markt genommen und durch ein besseres Gel ersetzt. (siehe Wikipedia).
Die Bekannte benannte auch wofür sie diese Salbe gebrauchen möchte. Es wurde ihr dafür das eben oben erwähnte Voltaren Dolo angeraten. Das Andere gäbe es nicht mehr. Auf das alternative Produkt wurde nicht hingewiesen. Natürlich ist der Preisunterschied erheblich. Es geht also keineswegs um den Kunden, sondern um die Rentabilität einer Apotheke oder Drogerie bzw. des Produkteverkäufers.

Gerade gegenüber Rentnern oder ausgesteuerte Personen, die an jeder Ecke sparen müssen, in Wahrheit eine Ohrfeige in deren Gesicht. Beschämend zu beobachten wie es mehr und mehr nur noch um den Umsatz geht und der Mensch zum erfüllenden Objekt degradiert wurde. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen ein Aussenseiter, so wie die konstruktive Kritik, die sich für Selbige einsetzt.
Barbara Vögeli, am 13. Juli 2016 um 09:09 Uhr
Ueberall Dasselbe. Wir einfachen Staatsbürger werden über unsere National-und Ständeräte systematisch übergangen. Man sehe nur, wie jeweils für die einfachen Leute in den Gremien abgestimmt wird:
(Ein Beispiel Parallelimporte, wären für für viele Produkte billiger geworden, aber die dick mit der Industrie verbandelten Räte schauen in erster Linie für die Industrie. Pharmaindustrie: Wieviele Lobbyisten in den Wandelgängen herumschwirren, die ausschliesslich dem Wohlergehen von Novartis, Roche etc. dienen, wer weiss deren Zahl genau? Ich habe die Konsequenzen gezogen: An den Wahlen für Ständerat und Nationalrat beteilige ich mich nicht mehr. Ich weiss: Das ist ein Mycrotropfen auf einen heissen Stein. Aber ich beteilige mich damit nicht mehr indirekt an den vielen Ungereimtheiten in unserem Staat. Es sind schon sehr, sehr viele Jahrzehnte seit meiner Schulzeit vergangen, damals sangen wir noch aus ganzem Herzen «z´Schiizerländli isch nu chlii, aber schüüner chänds nüd sii. Jetzt hat dieses Lied nur noch einen schaalen Nachgeschmack. Sehr schade für unser Land. Es dient in den oberen Gremien nur noch dem Mammon.Heinrich Elmer.
Heinrich Elmer, am 13. Juli 2016 um 17:08 Uhr
Das ist aber sehr schade, Herr Elmer, dass Sie bei Wahlen zu Hause bleiben. Das ist ein «Microtropfen» aber zu Gunsten unserer Gegner. FDP, SVP und neu mehrheitlich auch die CVP, vertreten nicht den Normalbürger sondern jene Kreise, die nicht von eigener Arbeit sondern von Gewinnen leben, die andere erwirtschaftet haben. Überlegen Sie sich das mit Wahlabstinenz nochmals. Bitte!
Jürg Schmid, am 13. Juli 2016 um 17:37 Uhr
@Schmid: Ob wir wählen oder nicht ist letzten Endes für das Schweizerische Gesundheitswesen völlig irrelevant! Für die Politik steht das Wirtschaftswohl stets im Zentrum des Interesses. Auch die SP ist darauf angewiesen, um deren 'sozialen Anliegen' letzten Endes finanzieren zu können. Seit 2008 die Gesundheitspolitik intensiv analysierend muss man deshalb leider feststellen, dass die Anliegen der Politik mit den Anliegen der Medizin nicht vereinbar sind. Es ist also völlig egal, ob Sie nun Links, Mitte oder Rechts wählen. Das individuelle Patientenwohl und die Kosteneffizienz der OKP spielt nur eine untergeordnete Rolle!
Erschreckend war das Beispiel der letzten Abstimmung zur Einheitskrankenkasse. Was der SP vorschwebte war leider eine regelrechte höchst inkompetente Mogelpackung sondergleichen. Als Patientenschützer konnte ich somit keine Lösung empfehlen! Weder die EK noch das aktuelle Mehrkassensystem ist ohne systematische Qualitätskontrolle der medizinischen Indikation und des Outcomes in der Lage, die Kosten in den Griff zu bekommen! Es findet dann einfach nur eine Umverteilung der Prämiengelder nach den jeweiligen wirtschaftlichen Politinteressen statt! Somit Pech oder Schwefel für die Versicherten und Patienten der OKP. Es braucht deshalb ein grundlegendes Umdenken. Doch Rationalisierung im Gesundheitswesen führt zu einer Kosteneinsparung von mind. 37,9 Mia Fr.! Enorm viel Geld, auf welches die 'Gesundheitsmaschinerie' eben nicht mehr verzichten will ...
Andreas Keusch, am 13. Juli 2016 um 20:27 Uhr
Korrigendum Fehlerteufel: 21,4 Mia oder 30% Kosteneinsparung von 71,2 Mia Fr Gesamtkosten anno 2014 anstelle von 37,9 Mia. Franken. 37,9 Mia kostete das Gesundheitswesen noch anno 1996!
Andreas Keusch, am 13. Juli 2016 um 21:37 Uhr
Sie sollten die kassenpflichtigen Kosten der sozialen Grundversicherung unterscheiden von den Totalausgaben für «gesundheitliche» Produkte inklusive Zahnseide, Hustenbonbons oder Faltencrèmes.
Urs P. Gasche, am 14. Juli 2016 um 10:12 Uhr
Danke Herr Gasche. Adäquate Qualitätsförderung oder Versorgungsforschung zur med. Indikation und daraus resultierendem individuellen Behandlungserfolg dank Erkennen und Aussortieren sinnloser oder übermässiger ärztl. Behandlungen birgt ein Kostenoptimierungspotential von mind. 30% in sich.

Punkto Gesamtkosten anno 2014 von 71,2 Mia bedeutet dies ein Einsparpotential von mind. 21,4 Mia. In Gesamtkosten sind ‚Out-of Pocket’ Kosten miteinberechnet.

In der obligat. Grundversicherung folglich Einsparpotential von 7,8 Mia Fr. (18,2 anstatt 26 Mia).

250 Mio entsprechen Erhöhung oder Senkung der Prämien um 1%. Somit ein Kostenoptimierungspotential in OKP von 31,2% oder Senkung der durchschnittl. Prämien von 265 auf 182 Fr. anno 2014.

Das Einkommen der Kassen ist jedoch abhängig vom OKP-Umsatz. Adäquate Qualitätsförderung würde rein wirtschaftlich so zu einer empfindlichen Umsatzeinbusse von 7,8 Mia führen. Deshalb haben m.E. weder Leistungserbringer noch Dienstleister wirklich ein Interesse an adäquater Qualitätskontrolle im aktuell vorliegenden Selbstbedienungsladen OKP. 7,8 oder 21,4 Mia sind volkswirtschaftl. somit leider für kosteneffiziente Reformen zurzeit noch „To Big To Fail“. Deshalb wäre auch Einheitskasse der SP eine Mogelpackung gewesen, das die SP kein Interesse an adäquater med. Qualitätskontrolle hat. Somit also ein rein systembedingtes wirtschaftliches Problem, ganz im Interesse des grossen 'Idols' aller in der Gesundheitswirtschaft, der Pharmaindustrie.
Andreas Keusch, am 14. Juli 2016 um 13:08 Uhr

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