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«Der regelmässige Verzehr von Fleisch ist also Selbstmord auf Braten»

#Wurstgate&Biopolitik

Regula Stämpfli / 03. Nov 2015 - Die WHO stellt Wurst, Schinken und Speck an den Gesundheitspranger, aber nicht Wurst- und Pharmaindustrie.

Red. Regula Stämpfli ist Doktorin der Geschichte, Philosophin, Politologin, Autorin und Dozentin.

Mit «Der regelmässige Verzehr von Fleisch ist also Selbstmord auf Braten» oder «Fleisch soll ungesund sein? Das muss ich erst verarbeiten!» machen sich Roli Marti und andere auf #Wurstgate lustig über die WHO-Nachricht, Schinken, Wurst und generell rotes Fleisch erhöhe das Risiko für Darmkrebs. Nachdenken über die «Salamisierung des Abendbrots» (DiePARTEIBremen).

Wer immer noch meinte, bei der Gesundheitspolitik gehe es tatsächlich um Gesundheit, wurde beim «Wurstentscheid» der WHO nun endlich etwas aufmerksam. Die Kontrolle, Verwaltung und Bewirtschaftung der biologischen Rohstoffe gehört seit Jahrzehnten zum nicht offiziell erklärten Ziel der globalen Unternehmen und grossen Industriestaaten. Der wichtigste biologische Rohstoff ist der Mensch. Er ist in der postindustriellen Gesellschaft zur lebendigen Münze mutiert. Je länger die Ware Mensch von Pharma-, Lebensmittel-, Dienstleistungs- und Wissenschaftsindustrie monetarisiert werden kann, umso sicherer der Wachstumsmarkt diesbezüglich. Je früher die «Produktion Mensch» so angesetzt wird, dass die künftige Ausbeutung berechnet, geplant und profitmaximiert werden kann (siehe Ethikerinnen für Leihmutterschaft und Embryonentransfer), umso sicherer das Zukunftsgeschäft Mensch. Dieses besteht aus Lebensdauer, Daten, Organen, Reproduktionskapazität etc.

Tote Arme kosten den Kapitalismus wenig, tote Reiche viel

Deshalb konnte die WHO für die Industrieländer strikte Rauchverbote durchsetzen, während die Nikotinvergiftungen in den Entwicklungsländern gefördert werden. Tote Arme kosten den Kapitalismus wenig, tote Reiche indessen viel. Deshalb wird rassistisch geforscht (siehe Kolumne von Patrik Etschmayer zum Thema), klassenspezifisch verarztet (siehe Krankenkassen), und Produktionsstätten werden strategisch auf Eis gelegt (beispielsweise Menscheneier). Medien und Wissenschaft propagieren ausschliesslich technische, pharmakologische und biometrische Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Sie tun dies effizient, berechnend und mit der Hilfe eines Heers von rechtspopulistischen Behavioristen, apolitischen Technikern und auf Lobbykosten versorgten Politikern.

Selbstverständlich ist die Wurst krebserregend. So what? Dass die existierenden Freihandelsabkommen, die unglaubliche Differenz zwischen Arm und Reich und die Ungleichheit zwischen Menschen mittlerweile Abertausende von Menschen verrecken lassen, wäre eher ein WHO-Bericht wert. Was tötet Menschen und macht sie krank? Richtig. Es sind Armut und die Ungleichstellung der Menschen mit Menstruationshintergrund.

Doch mit Frauen und Armen ist die Profitgier nicht zu stillen – es sei denn als Leihmütter, Eierlieferantinnen, Samen«spender», Organ«spender», Sex«arbeitende» und Altenpfleger. Dies sind die wahren Gesundheitsthemen.

Doch keiner merkt es. Deshalb fiel auch niemanden auf, dass Barack Obama mit seinem Entscheid, den Amerikanern eine Gesundheitsvorsorge zu verordnen statt die Banken zu regulieren, langfristig mehr Menschen krankgemacht, ja, getötet haben wird, als wenn dies grad andersrum gelaufen wäre. Die WHO betreibt seit Jahrzehnten Ideologie statt Gesundheitspolitik. Deshalb erklärt sie nur die Wurst zum Krebs, aber nicht die Wurstindustrie. Dabei ist der Zusammenhang für alle klar, die sich auch nur einen Tag lang mit der industriellen Herstellung, Verbreitung und Werbung von Fleisch auseinandersetzen. Wer lebende Tiere wie tote behandelt, braucht Tausende Tonnen Antibiotika, um doch noch das Fleisch herzustellen, das seinen Namen nicht mehr verdient.

Nicht nur Wurst-, sondern auch Pharmaalarm

Der Billigfleischpreis wird dann durch Multiresistenzen quersubventioniert, ohne dass dies die verdammten Agrarlobbyisten oder WHO-Spezialisten wirklich medienerregend aufzeigen würden. Wurst ist krebserregend? Ein Klacks gegen die Tausenden von Menschen, die wegen diesen Multiresistenzen sterben.

Wurst ist krebsfördernd? Ja klar! Denn die Billigwurst wird von einer Lebensmittelbranche produziert, die mit diversen Zusatzstoffen mittlerweile locker Gammelfleisch, Teigtaschen aus geschreddertem Karton oder Klärschlammgemüse schmackhaft machen kann und diese auch locker verkauft.

#Wurstgate ist lustig. Und wenn es dazu führt, dass einige Schweine, Kälber, Rinder und Hühner weniger in ihrem Kot ersticken, in Enge, Dunkelheit und Tortur verelenden, dann hat die WHO einen Preis verdient. Mit Gesundheit hat dies wiederum nichts zu tun, aber mit der Würde von Lebewesen.

Ginge es der WHO aber wirklich um Gesundheit, dann müsste sie nicht nur Wurstalarm, sondern Pharmaalarm schlagen. Was sie nie tun wird. Denn schliesslich wird sie u.a. auch von der Pharmaindustrie ausgebildet und bezahlt.

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Dieser Beitrag erschien auf news.ch.

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7 Meinungen

Jahrelang habe ich mich über einige Artikel von Regula Stämpfli geärgert, endlich kriege ich als Urenkel, Enkel, Sohn, Bruder, Onkel, Schwager usw. von Metzgern Genugtuung. Im Anschluss noch ein Blogbeitrag zur Aargauerzeitung im Widerspruch zu einer Expertin namens Prof. Zybach, die imperativisch empfahl, «auf Wurst zu verzichten»:

"Als langjähriger Leiter von ernährungsphilosophischen Kursen, unter besonderer Berücksichtigung des zivlisatorischen Faktors und der Herkunft der Wurst bei Römern, Kelten u. Germanen und als Volkskundler für Metzgete-Brauchtum in der Deutschschweiz wage ich die These: 'Es ist empfehlenswert, auf Wurst nicht zu verzichten!' Wer nie seinen Cervelat mit Tränen ass - der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

Gerne mache ich noch auf die Blut- und Leberwurst-Saison aufmerksam, die früher nicht vor dem Gallustag (16. Okt.) beginnen durfte. Ich frage mich, ob Frau Zybach eine Ahnung hat von den klassischen Mus- und Fleischtagen, nach der sich seit 400 Jahren die alte Kundschaftstour der Aargauer Metzger richtete, und zwar zumal in katholischen Gegenden. Es war eine eigentliche Diätetik des Masses, weil nur an dreieinhalb Tagen die Woche Fleisch angesagt war. Ohne dieses lehrreiche kulturhistorische Grundwissen, behaupte ich, ist man natürlich als Wurstkenner nicht Spitze.»

Die Fleischtage: Sonntag, Dienstag, Donnerstag, Samstagabend
Mustage: Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag tagsüber. Vgl. den «Schmutzigen Donnerstag» im Fasnachtsbrauchtum.
Pirmin Meier, am 03. November 2015 um 12:09 Uhr
Qui trop embrasse mal étreint. Ich verstehe, teile sogar Ihre Empörung in mancher Hinsicht.
Doch ist in meinen Augen der Artikel nicht zielführend. Weder ist die WHO monolytisch, noch tötet «der Kapitalismus», sondern es sind Menschen ohne Mitgefühl und mit engem Horizont, Menschen, die kapitalistischer Pseudoreligion anhangen.
Weshalb ausser Ihnen niemanden auffiel, dass, wie Sie schreiben «Barack Obama mit seinem Entscheid, den Amerikanern eine Gesundheitsvorsorge zu verordnen statt die Banken zu regulieren, langfristig mehr Menschen krankgemacht, ja, getötet haben wird, als wenn dies grad andersrum gelaufen wäre» (Zitatende) liegt wohl daran, dass auch bei längerem Nachdenken kein logischer Konnex gefunden wird für einen Nicht- Eingeweihten wie mich. Vielleicht könne Sie mir da etwas nachhelfen.
Hat Obama einfach nicht das Gewicht oder den Mut gehabt, es wirklich mit den Banken aufzunehmen? Hätte das Fahrenlassen der «Obamacare» ihm erlaubt, die Banken an die Kandare zu nehmen?
Sie haben viel zu sagen, aber diese «Bernerplatte» überfordert meinen Magen und lässt ausser Ohnmachtsgefühl und ziellose Empörung nicht viel, was ich assimilieren könnte.
Ein oder zwei Thermen, vertieft dargestellt und vielleicht eine Ermutigung für eine Aktivität wären für mich eine bessere Seelennahrung gewesen, z.B. ein Einsatz für die Konzernverantwortung, oder die Gründung eines Vereins für den Schutz von Whistleblowern wären ja denkbar und möglich.
Freundlich
Jacques Schiltknecht, Luzern
jacques schiltknecht, am 03. November 2015 um 20:54 Uhr
@Schildknecht. Ihre Kritik ist nicht voll daneben. Je allgemeiner eine Debatte geführt wird, desto stärker begeben wir uns in den Nebel des nicht mehr Beweisbaren. Darum bevorzuge ich kritisierbare Rezepte für Blut- und Leberwürste, Angaben über den Anteil dessen, was daran nicht Fleisch ist, sondern zum Beispiel Milch und Zwiebel. Meine Angaben über Fleisch- und Mustage sind präzis. Sie haben sich im Verlauf der Generationen verloren. Wir essen heute zu viel Fleisch. Die alte katholische Regel, nur jeden zweiten Tag Fleisch zu essen, war im Prinzip «diätetisch», also nicht unvernünftig. Der Katholizismus war, wie der Kapitalismus, nicht alleweil unvernünftig. Marcuse, den ich 1969 gelesen habe, stellte in diesem Sinn die «Memoria-These» auf. Die Erinnerung an Zustände, wo die Entfremdung des Menschen von sich selbst durch Systeme vergleichsweise geringer war, was man aber nicht romantisch verkitschen darf. Mein Kollege und Freund Golowin, den ich anfänglich noch als Drogenapostel bekämpfte, vertrat dieses Gedankengut. Seine Ausstrahlung und wohl auch seine Breitenwirkung war zeitweilig stärker als diejenige von Frau Stämpfli, die zwar ihrerseits einen bernischen Hintergrund hat, aber ohne russisch-fürstliche Beimischung. Ich wusste es trotzdem zu schätzen, dass sie Entlastungsargumente gegen die These von der uns mit Krebs und Fettleibigkeit kaputtmachenden Wurst aufzubauen versuchte. Ich glaube durchaus, dass Frau Stämpfli «einige wahre Gesundheitsthemen» aufgegriffen hat.
Pirmin Meier, am 04. November 2015 um 00:07 Uhr
Also soviel ich gelesen habe, hat die WHO den Kuschelkurs mit «BIG FOOD» eingestellt.
Mit BIG FOOD werden die Produkte der Grosskonzerne bezeichnet. Und da sind wir wieder beim (versteckten) Zucker. Unter anderen Stoffen dient er zum Überdecken von allem «Mist», damit billigere Rohstoffe verarbeitet werden können. Und dieses BIG FOOD wird im Risiko von WHO, Versicherungen etc dem Gesundheitsrisiko von BIG TOBACCO gleich gestellt.
BIG FOOD hat aber nichts mit dem lokalen Metzger des Vertrauens zu tun. da muss man halt überlegen was man wo kauft. Beim Fleisch kommt es viel auf die Viehhaltung, besonders auf die Fütterung an.
Bei Butter z.B. kann man den Qualitätsunterschied zwischen Grasfütterung oder Kraftfutter feststellen (Authority Nutrition). Das gilt natürlich auch für Fleisch.
Lieber weniger, dafür gute Qualität.
Ich habe vor vielen Jahren Metzger gelernt. Damals hätte man wegen der jetzigen Zusatzstoffe ein Geschäft von amtswegen geschlossen. (gilt auch für die Behandlung der Tiere)
Also geniesst ein gutes Stück Fleisch oder Wurst, muss ja nicht täglich sein.
Elisabeth Schmidlin, am 11. November 2015 um 12:43 Uhr
"Ich habe vor vielen Jahren Metzger gelernt.» So jemanden, erst noch eine Frau, hätte ich bei Infosperber nicht auf Anhieb erwartet. Der Konkretheitsgrad Ihrer Ausführungen beeindruckt auch so.
Pirmin Meier, am 11. November 2015 um 12:46 Uhr
Hallo, Herr Meier
Danke für das Kompliment. Warum soll eine Metzerin hier die Ausnahme sein?
Etwas anderes ist aber wichtiger. Ich habe erwähnt, dass eben BIG FOOD gefährlichkeits-mässig BIG Tobacco gleich zu stellen ist. Gestern war zu lesen, unser «Gesundheitschef» ist so darauf aus, die Jugendlichen vor dem Rauchen zu bewahren. (Verbote ??)
Ich habe aber noch keinen Buchstaben gelesen oder Ton gehört, der den Schutz vor
BIG FOOD betrifft. Ganz speziell das bereits Buschi den Drogen ausgesetzt werden und dadurch in der Entwicklung - also fürs ganze Leben - geschädigt werden können.
Also «a bisserl weniger Zucker im Yoghourt» und das noch freiwillig?? Das glaubt nicht mal Frau Chan (WHO).
Wenn Tabakindustrie, Wirte, usw. mit diesen Argumenten dagegen hielten, könnte man viel erreichen. Stellen Sie sich ein Plakat vor: Big Food so gefährlich wie Big Tobacco?
Oder «Zucker macht agressiv"? Dazu gibtes sogar eine Studie mit jugendlichen
Straftätern, wovon ein Teil wirklich Entzug so wie bei anderen Drogen durchmachte -
und danach friedlich waren.
Also wer wagt sich an diese Themen und hat die Finanzen dazu??
Herzlich
Elisabeth Schmidlin
Elisabeth Schmidlin, am 13. November 2015 um 15:47 Uhr
Über den Metzgerberuf gibt es bekanntlich Vorurteile. Das Thema Big Food ist natürlich umfassend, da würde ich mich als Ethiklehrer nicht gleich ranwagen. Machen Sie aber weiter so.
Pirmin Meier, am 13. November 2015 um 15:57 Uhr

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