Cannabis in der Medizin verringert den Verkauf anderer Medikamente, zeigt eine Studie aus den USA. © Collective Evolution
Cannabismedikament sorgen für einen deutlichen Rückgang verschreibungspflichtiger Schmerzmittel. © Daniela Gschweng

Bittere Medizin für Big Pharma

Red. / 03. Aug 2016 - Cannabismedikamente reduzieren den Schmerzmittelverbrauch, zeigt eine US-Studie. Der Pharmaindustrie schmeckt das gar nicht.

Über die Legalisierung von Cannabis wird international seit Jahrzehnten gestritten. Mal waren die berauschenden Blüten erlaubt, mal verboten, in einigen Ländern befinden sie sich rechtlich sogar in einer Kategorie mit harten Drogen wie Heroin.

Doch die medizinische Wirkung von Cannabis wird immer breiter anerkannt. In der Schweiz ist die Behandlung mit dem Cannabis-Wirkstoff THC in Sonderfällen erlaubt. Wer Cannabis als Tinktur oder Öl zu sich nehmen will, braucht aber nicht nur ein Rezept vom Arzt, sondern auch eine Genehmigung des Bundesamtes für Gesundheit.

Eine Studie mit deutlichen Resultaten

Anders in den USA: In derzeit 25 Bundesstaaten ist der therapeutische Einsatz von Cannabis erlaubt. Ein Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin der University of Georgia haben nun Daten analysiert, die die Auswirkung der Legalisierung auf den Medikamentenverbrauch in den betreffenden Staaten aufzeigen, berichtet die «Washington Post».

In allen 17 untersuchten Staaten, schreiben die Autoren, verschrieben Ärzte von 2010 bis 2013 deutlich weniger Medikamente als vor der Legalisierung: Ein durchschnittlicher Arzt verschrieb pro Jahr 265 Dosen weniger Antidepressiva, 486 Dosen weniger krampflösende Medikamente (Antikonvulsiva) und 1‘826 Einheiten weniger Schmerzmittel.

Cannabismedikamente sorgen bei bestimmten Krankheiten für einen deutlichen Rückgang von Verschreibungen anderer Medikamente. (Bild: Daniela Gschweng)

Bei Krankheiten, für deren Behandlung Cannabis nicht relevant ist, hatten sich die verschriebenen Mengen im gleichen Zeitraum nicht verändert. «Ein deutlicher Beweis, dass die Veränderung auf die Legalisierung von Cannabis zurückzuführen ist», sagen Ashley und W. David Bradford. «Die Resultate zeigen auch, dass Patientinnen und Patienten Cannabis als Medikament nutzen und nicht nur zur Freizeitgestaltung.»

Der staatlichen Krankenversicherung Medicare, bei der ältere Bürger der USA ab 65 Jahren pflichtversichert sind, habe das in den 17 untersuchten Staaten im Jahr 2013 rund 165 Millionen Dollar gespart, rechneten die Forscher vor. Medicare-Daten bildeten auch die Basis für die Berechnung des Forscherteams, was ein Kritikpunkt an der Studie ist: Sie bildet nicht den Gesamtbedarf der US-Bevölkerung ab. Allerdings nehmen ältere Menschen am häufigsten dauerhaft Schmerzmittel und Psychopharmaka ein.

Umsatzrückgang für die konventionelle Pharmaindustrie

Was die beiden Wissenschaftler herausgefunden haben, dürfte der Pharmaindustrie Kopfzerbrechen bereiten. Viele Pharmaunternehmen wollten keine Umsatzeinbussen in Kauf nehmen und wehrten sich deshalb vehement gegen eine Legalisierung von Cannabis. Pharmafirmen unterstützten auch Anti-Cannabis-Gruppen wie die Community Anti-Drug Coalitions of America (CADCA) oder Wissenschaftler, die sich gegen die medizinische Verwendung aussprechen.

Auch auf Ebene der US-Bundesstaaten wird Einfluss genommen, um zu verhindern, dass weitere US-Gliedstaaten Cannabis legalisieren. Auf Bundesebene stellte das amerikanische Gesundheitsministerium HHS vor einigen Monaten bei der Drogenkontrollbehörde DEA (Drug Enforcement Administration) den Antrag, Cannabis und dessen Wirkstoff THC von der höchsten Drogen-Gefahrenklasse «Schedule 1» in eine niedrigere einzugruppieren.

Diese bisherige Klassifizierung verbietet die Forschung und den Anbau von natürlichem Cannabis. Dafür ist eine spezielle Erlaubnis der DEA nötig. Bisher gebe es eine einzige Lizenz für den Anbau, beschreibt der Antrag. Das sei zu wenig. Im vergangenen Jahr habe die DEA auch nur zwei Forschungslizenzen für Wissenschaftler ausgestellt. Einzelne Bundesstaaten, welche Cannabis legalisiert haben, wenden die Bundesvorschriften allerdings nicht an.

Das Drug Scheduling der US-Behörden

Die US-Behörde DEA (Drug Enforcement Administration) teilt Substanzen nach dem Controlled Substance Act (CSA) in fünf verschiedene Klassen ein. Die ersten drei sind:

  • Schedule I: (illegale) Drogen mit hohem Abhängigkeitspotential, deren medizinische Nutzung verboten ist, beispielsweise Heroin, LSD, Ecstasy, Cannabis, THC.

  • Schedule II: Substanzen mit hohem Missbrauchspotential in Konzentration von weniger als 15 Milligramm wie Kokain, MDMA, Oxycodon, Methadon, Fentanyl und Ritalin.

  • Schedule III: Substanzen mit mittlerem oder niedrigem Missbrauchspotential in Konzentrationen von weniger als 90 Milligramm, zum Beispiel Tylenol (Markenname für Paracetamol) in Verbindung mit Codein, Ketamine, anabole Steroide, Testosteron.

Verwirrend ist, dass Cannabis in der nationalen Gesetzgebung per se als illegal gehandhabt wird. Die abweichende Gesetzgebung der einzelnen Staaten wird von der DEA jedoch toleriert.

Das Missbrauchspotential eines offenen Cannabisanbaus sei zu hoch, lautete eine Einsprache. Geschrieben wurde sie ausgerechnet von «INSYS Therapeutics», einer Pharmafirma, die den Cannabis-Wirkstoff THC synthetisch herstellt. Das Gesuch der HHS wurde von der DEA kommentarlos abgelehnt.

Cannabis gegen den Tod auf Rezept

Eine fast wichtigere Rolle spielen andere Fakten. Der Wirkstoff THC bietet gegenüber konventionellen Medikamenten einige Vorteile: Cannabis hat weniger Nebenwirkungen als starke Schmerzmittel und die Gefahr einer Überdosierung besteht kaum. Jedoch, darauf weisen Wissenschaftler hin, sind noch sind nicht alle Neben- und Langzeitwirkungen bekannt. Es gibt jedoch starke Argumente, eine therapeutische Nutzung zu erlauben.

Eine Studie, die 2014 von einem anderen Forscherteam vorgestellt wurde, analysierte Daten aller 50 US-Staaten aus den Jahren 1999 bis 2010 und kam zu einem anderen aufsehenerregenden Ergebnis. Während fünf bis sechs Jahren nach der Legalisierung von Cannabis als Therapeutikum hatte in den betreffenden Staaten die Anzahl der Todesfälle durch Medikamentenüberdosen stark abgenommen.

In den «Medical Marijuana States» war die Anzahl der Menschen, die an Überdosen von Opiumderivaten wie Morphin und Oxycodon gestorben waren während fünf bis sechs Jahren um 33 Prozent zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum vervielfachte sich die Zahl der Opioidopfer im Rest des Landes. 60 Prozent der Todesopfer hatten laut Reuters ein legales Rezept.

Selbst skeptische Ärzte äussern sich positiv über die Legalisierung

Der hohe Verbrauch von Schmerzmitteln ist ein drängendes Problem in den USA. Auch starke Schmerzmedikamente werden gerne und oft verschrieben. Ärzte versuchen diese Praxis mit vielen Mitteln einzudämmen. Selbst Ärzte, die sich skeptisch gegenüber einer therapeutischen Verwendung von Cannabis äussern, sehen sie diesbezüglich als Erfolg an.

«Alles, was wir bisher versucht haben, hatte keinen Effekt [zur Reduzierung des Schmerzmittelgebrauchs], ausser in den Staaten, in denen Cannabis zur medizinischen Verwendung freigegeben wurde», zitiert Reuters die Neurologin und Psychologin Marie J. Hayes von der University of Maine.

  • Zum Infosperber DOSSIER: Drogen verbieten oder legalisieren?

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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts des US-Mediums «The Washington Post» und anderer Quellen erstellt. Medien in der Schweiz haben bisher nicht darüber berichtet.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«One striking chart shows why pharma companies are fighting legal marijuana», Washington Post
«Prescription painkiller deaths fall in medical marijuana states», Reuters (2014)
«Elizabeth Warren asks CDC to consider legal marijuana as alternative painkiller», The Guardian
«Wo Cannabis in der Schweiz heute schon legal ist», Aargauer Zeitung
Zum Infosperber-DOSSIER: Drogen verbieten oder legalisieren?

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Eine Meinung

Ja, es ist erstaunlich dass der Hanfanbau verboten ist. Neben der medizinischen Wirkung von Blüte und Blätter, wären Hanffasern des Stengels eine perfekte Alternative zu importierter Baumwolle und der Nutzen der gesamten Pflanzen ein schönes Beispiel für einen Cradle-to-Cradle Kreislauf.

Man kann den Verkauf von THC-haltigen Produkten durchaus auch besteuern, so wie das bei Tabakwaren und alkoholischen Getränken ja auch der Fall ist.

Bringt Geld in die Staatskasse, statt das Geld für teure Massnahmen gegen den Hanfanbau auszugeben.
Stephan Klee, am 03. August 2016 um 10:21 Uhr

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