Zu viel Aufregung um Religionen

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Jürg Müller-Muralt / 04. Nov 2016 - Etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit Religionen wäre hilfreich. Eine Entgegnung auf Niklaus Ramseyer.

Religion kann (fast) alles: Freiheit fördern, Unterdrückung rechtfertigen, zu Bescheidenheit oder zu Grössenwahn führen, Ungerechtigkeit anprangern, Frieden und Unfrieden stiften, trösten, «Erklärungen» für letztlich Unerklärliches liefern – und vor allem aufregen. Letzteres zeigt der Beitrag von Niklaus Ramseyer exemplarisch. Seine kürzlich auf Infosperber vorgetragene Standpauke mit dem Titel «Linke religiös im Abseits» ist zwar ein sehr kämpferischer Beitrag, der aber viel Schwarz-Weiss und wenig Grautöne enthält.

Ramseyer argumentiert auf drei Ebenen: Erstens geht es um das Verhältnis von Staat und Kirche, bzw. Religion, zweitens generell um die Einschätzung des Religiösen im gesellschaftlichen Kontext; und als Spezialthema kommt auch noch das Burkaverbot zur Sprache.

Trennung von Staat und Kirche: kein Allheilmittel

Zu Punkt eins. Ich bin einverstanden mit der Aussage, dass Religionen grundsätzlich einen Hang zu absoluten Wahrheiten haben und deshalb, je nach politisch-gesellschaftlicher Situation, äusserst anfällig für Totalitarismus sind. Es steht ausser Frage: Der säkulare Staat hat absoluten Vorrang vor religiösen Ansprüchen. Staat und Politik definieren den Rahmen, in welchem sich Religionen zu bewegen haben, und nicht umgekehrt. Deshalb ist der Vorwurf des «christlichen Totalitarismus» von SP-Präsident Christian Levrat gegenüber CVP-Präsident Gerhard Pfister gerechtfertigt, wenn letzterer die Schweiz als «christliches Land» bezeichnet.

Gerade weil das allen Religionen innewohnende Absolutheitsprinzip eine permanente Gefahr darstellt, müssen Staat und Gesellschaft eine Antwort darauf finden. Es geht darum, Religionen zu domestizieren und zu zivilisieren. Je nach historischer Lage kann die strikte Trennung von Kirche und Staat die Lösung sein. Doch ein Allheilmittel ist sie nicht. Man kann damit ganz unterschiedliche Ziele verfolgen oder gar Unerwünschtes provozieren. Ein Blick nach Frankreich und die USA macht das deutlich. Beide Staaten kennen eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Die Franzosen wollen vermeiden, dass sich die Kirche bzw. die Religion in die Politik einmischt. Die Amerikaner bezwecken das genaue Gegenteil: Sie wollen diese Domestizierung durch den Staat eben gerade nicht. Religionsgemeinschaften sollen sich möglichst ungehindert von staatlichen Vorgaben entfalten und sich damit auch möglichst ungehindert in die Politik einmischen können. Das Religiöse spielt bekanntlich in den USA eine enorm grosse Rolle, eine grössere als in jedem europäischen Staat.

Privatisierung als Bumerang

Auf diese Zusammenhänge macht die frühere SP-Politikerin, Juristin und Publizistin Gret Haller in ihrem 2002 erschienenen Buch «Die Grenzen der Solidarität. Europa und die USA im Umgang mit Staat, Nation und Religion» aufmerksam. In einem Interview mit dem «Bund» vom 4. Juni 2015 plädierte sie dafür, das Staatskirchentum nicht leichtfertig aufzugeben: «Jede nicht in die Staatlichkeit eingebundene Religion trägt die Gefahr in sich, Menschen im Namen der Religion zur Gewaltanwendung zu motivieren. Das war in Europa vor 1648 nicht anders als heute in einigen islamisch geprägten Konfliktherden.» Wenn man Religionsgemeinschaften domestizieren und gesellschaftlich einbinden will, kommt man um die Debatte über die öffentlich-rechtliche Anerkennung islamischer Gemeinschaften nicht herum. Die von Ramseyer propagierte «definitive Privatisierung aller Religionen und Kirchen» ist ein allzu simples Rezept und könnte sich als Bumerang erweisen.

Religionen sind so ambivalent wie alles Menschliche

Womit wir bei Punkt zwei wären, der grundsätzlichen Einschätzung des Religiösen im gesellschaftlichen Kontext. Die Religionskritik von Karl Marx, aber auch von Ludwig Feuerbach und anderen, in Ehren. Aber sie steht im Gegensatz zur Empirie: Religiosität ist schon beinahe so etwas wie eine anthropologische Konstante. Der Einzelne mag zum «Glauben» stehen, wie er will: Religionen waren und sind starke gesellschaftliche und kulturelle Kräfte. Wer ausschliesslich ihre destruktiven Kräfte zur Kenntnis nimmt oder den Wahrheitsgehalt ihrer bunten Geschichten allein am aktuellen Stand moderner Wissenschaft misst, geht kulturell blind durch die Welt. Religionen sind genauso ambivalent wie die Menschen selbst. Sie können gut und nett sein, oder intolerant und fanatisch. Der Erkenntniswert der Feststellung, dass Religionen einen Hang zum Totalitären haben, ist etwa so gross, wie die Aussage, dass gewisse politische Ideologien (z.B. Nationalismus) einen Hang zum Totalitären haben.

Die fanatischen Religionskritiker

Etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit Religionen könnte nicht schaden. Wer das sehr gut begriffen hat, ist der Atheist und Schriftsteller Alain de Botton. Er schreibt in seinem Buch «Religion für Atheisten»: «Der Versuch, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen, kann für Atheisten eine unterhaltsame Tätigkeit sein. Fanatische Religionskritiker hatten schon immer einen Heidenspass daran, mit erbarmungsloser Pingeligkeit darauf hinzuweisen, wie schwachsinnig jemand sein muss, der ‹glaubt›, und sie hörten erst auf, wenn sie das Gefühl hatten, ihre Gegner als heillose Dummköpfe oder Verrückte blossgestellt zu haben. (…) Gott mag ja tot sein, doch die drängenden Fragen, die uns dazu trieben, ihn zu erfinden, lassen uns nach wie vor keine Ruhe, verlangen nach Antworten und Erklärungen, und verschwinden nicht einfach»; auch dann nicht, wenn wir uns haben überzeugen lassen, dass das Dogma der christlichen Dreifaltigkeit und andere religiöse «Wahrheiten» wissenschaftlich nicht haltbar sind.

Dialektik der Aufklärung

Ramseyer betont die «Vernunft und die kritisch verifizierbare Wissenschaft» (im Gegensatz zu den theologischen Lehrstühlen an den Universitäten) und hält fest: «Die Gefahr des Totalitären schlummert nämlich in allem Irrationalen und damit auch in den Religionen und ihren kirchlichen Institutionen.» Absolut einverstanden. Nur gebietet es die intellektuelle Redlichkeit, nicht zu verschweigen, dass uns auch das intendierte Gegenteil des Irrationalen, nämlich Aufklärung, Ratio und Rationalität nicht vor der «Gefahr des Totalitären» verschont haben. Wir wissen es aus der Geschichte, und wir wissen es philosophisch spätestens seit der «Dialektik der Aufklärung» von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Sie fragten sich 1947, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus, «warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in einer neuen Art von Barbarei versank». Die Autoren mussten erkennen, dass der Fortschritt, der einerseits «die Gewalt der Gesellschaft über die Natur auf eine nie geahnte Höhe» treibt, Hand in Hand gehe mit einem technologischen Bewusstsein, dem nur das als wirklich gelte, was greifbar, unmittelbar nützlich und technisch zu verwerten sei. Diese Erkenntnis ist auch heute noch aktuell. Und sie zeigt, dass sich politisch-gesellschaftliche Gefahren noch aus ganz anderen Quellen speisen als nur aus «der Religion» …

Burkaverbot: Subtext ist entscheidend

Völlig unklar ist, weshalb Ramseyer findet, die Linke habe «Angst vor den Religiösen». Zeugt es von «Angst vor den Religiösen», wenn SP-Chef Christian Levrat seinem CVP-Amtskollegen Gerhard Pfister «christlichen Totalitarismus» vorwirft? Aber Ramseyer geht es nicht darum, und jetzt sind wir beim dritten Punkt, sondern um das Burkaverbot, gegen welches die links-grünen Parteien im Nationalrat geschlossen, aber erfolglos, angetreten sind. Für Ramseyer ist das der Beweis, dass die Linken «Angst vor den Religiösen» haben. Das ist eine reichlich absurde Argumentation. Die Linken haben bloss erkannt, dass Politik konkrete Probleme lösen sollte. Die Vollverschleierung gehört nicht dazu und ist in der Schweiz äusserst selten, wenn man von arabischen Touristinnen absieht. Mit der Burka-Debatte wird bloss unter falschem Etikett ein religiöser Kulturkampf vom Zaun gebrochen. Denn es geht letztlich nicht um den Grad der weiblichen Verhüllung, sondern um den gratis mitgelieferten Subtext, der da heisst: Stimmungsmache gegen den Islam und die Muslime. Wenn beim knappen Nationalratsentscheid für das Burkaverbot Angst im Spiel war, dann nicht bei den Linken, sondern bei den bürgerlichen Parteien, die nicht mehr wagen, den Rechtspopulisten die Stirn zu bieten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor bezeichnet sich – mangels eines besseren Begriffs – als Agnostiker.

Weiterführende Informationen

Nicht totzukriegen – Die ewige Rückkehr der Götter (auf Infosperber)

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4 Meinungen

Wieder einmal eine brillante, sachliche Analyse einer Thematik; wichtig auch der Verweis auf das «Nicht-Problem» Burka.
Hermann K.J. Fritsche, am 04. November 2016 um 13:38 Uhr
Auf den Punkt gebracht, Jürg-Müller-Muralt. Noch bevor ich diesen Beitrag gelesen habe, hatte ich Niklaus Ramseyer geantwortet. Ich bin auch zum Schluss gekommen, dass es nicht um die Burka geht, sondern darum, Gräben zwischen der angestammten Bevölkerung und den Migranten aus muslimischen Ländern auszuheben. Wer im Nationalrat für ein Burkaverbot gestimmt hat, dem/der ging es überhaupt nicht um die unterdrückten Frauen in den fundamental sunnitischen Gesellschaften. Genau diejenigen, die die wenigen Burkas hierzulande verbieten möchten, waren gegen die Einstellung des Waffnhandels mit den Golfstaaten. Die Waffen werden dort nicht etwa gegen den IS eingesetzt, sondern gegen Demokratiebestrebungen . Gegen die Ganzkörperverschleierung protestierende Frauen etwa. Was sich bei der Burkadebatte im Parlament angespielt hat, ist eine scheinheilige Schmierenkommödie. Es hat weder mit Frauenrechten noch mit dem Schutz vor Terror zu tun. Es ist ein Bückling vor islamophoben Hassprediger_innen.
Peter Beutler, am 06. November 2016 um 22:02 Uhr
Ich vermisse die Zauberformel mit der eigentlich das ganze Problem aufgelöst wird:

"Wahrscheinlich gibt es gar keinen Gott» - gell!
Rolf Raess, am 07. November 2016 um 13:57 Uhr
Jürg Müller-Muralt fordert mehr Gelassenheit im Umgang mit Religionen. Was meint er wohl? Etwa die Gelassenheit beim Umgang mit dem bekennenden Christen GW. Bush, nachdem er ausgiebig gelogen und ebenso ausgiebig getötet hat, auch ihm ist vergeben, für seine Sünden ist ja Christus am Kreuze gestorben!
Oder die Gelassenheit im Umgang mit dem politischen Islam, dessen selbsternannte Vertreter Gottes Willen kennen. «Tötet sie, wo immer ihr sie findet!"

Darf man alles glauben, Religionsfreiheit! Aber wenn die «Gläubigen» jeder Couleur das Gesetz brechen hört die Gelassenheit auf. Das Gesetz steht, wegen der Trennung von Kirche und Staat, über jeder Religion.

Diese «Rechtslage» ist das Resultat von jahrhundertelangem Irren und Wirren und Blutvergiessen. Ich hoffe auf eine Politikergeneration, die endlich den Mut hat, diese Rechtslage durchzusetzen, in Demokratien, versteht sich. Oder dann schaffen wir sie eben wieder ab und gründen Gottesstaaten. Gott wird sich dazu mit Sicherheit nicht äussern, weil niemand weiss und je wissen wird, wer Gott ist.
Walter Schenk, am 15. November 2016 um 16:09 Uhr

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