Linke religiös im Abseits

Niklaus Ramseyer © Ramseyer
Niklaus Ramseyer / 30. Okt 2016 - SP-Grössen fordern staatliche Anerkennung des Islam. Nötig wäre im Gegenteil: Alle Religionen strikt als Privates zu behandeln.

«Sie ist das Opium des Volks.» So hat Marx 1844 im Vorwort zu seiner «Kritik der Hegel’schen Rechts-Philosophie» die Religion definiert. Und festgehalten: «Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.» Denn: «Die Kritik der Religion ist im Keim die Kritik des Jammertals, dessen Heiligenschein die Religion ist.»

Anerkannte Muslime in «christlicher Schweiz»?

In diesem «Jammertal» (helvetischen Zuschnitts) streiten sich derzeit linke und katholische Politiker mit Schützenhilfe von Grünen und SVP-Vertretern um den richtigen Umgang mit Muslimen und dem Islam. CVP-Chef Gerhard Pfister sagt, der Islam gehöre nicht zur Schweiz, weil diese ein «christliches Land» sei. SP-Präsident Christian Levrat («Ich bin ja selber praktizierender Katholik.») wirft ihm «christlichen Totalitarismus» vor – und plädiert für kantonale Anerkennung auch des Islam als öffentlich-rechtliche Körperschaft.

Der Solothurner SVP-Nationalrat und Burka-Lüfter (Initiative gegen Vollverschleierung) Walter Wobmann unterstützt Pfister nach Kräften. Auf Levrats Seite wirft sich seine Parteigenossin, die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr in die Schlacht: Sie will eine Muslimgruppe aus Ex-Jugoslawien – quasi als Zürcher Pilotprojekt – schon mal staatlich approbieren. Der grüne Ex-Nationalrat Jo Lang seinerseits rückt CVP-Pfister in die Nähe antisemitischer Staats-Katholiken in der Zentralschweiz des 19. Jahrhunderts. Immerhin pocht er auf den «säkularen Charakter» des Bundesstaates als Grundlage der Schweiz.

Religionen und Kirchen «privatisieren»

Recht hat er: Liberale und Linke müssten die definitive «Privatisierung» aller Religionen und Kirchen fordern, anstatt zusätzlich zu katholischem, jüdischem und protestantischem Glauben künftig auch noch die kantonale Anerkennung des Islams zu propagieren. Die Schwäche unserer Argumentation gegen übergriffige Ansprüche religiöser Schwärmer aller Art über das Private hinaus liegt ja gerade darin, dass hierzulande die Kantone ausgewählten «Landeskirchen» eine Vorzugsstellung gewähren, für sie Steuern eintreiben und die Pfarrer wie Staatsangestellte halten. Besonders heikel ist dies, wenn sich auch noch der «heilige Stuhl» in Rom einmischt – etwa bei der Wahl der Bischöfe.

Kritikschutz für Religiöse

Gegen die Trennung von Kirche und Staat verstossen auch die mit Steuergeldern finanzierten Lehrstühle für Religionen aller Art an kantonalen Universitäten. An diesen sollten Vernunft und kritisch verifizierbare Wissenschaft gelehrt werden. Und nicht der Glaube an ein «heiliges Buch» etwa, in dem Gott dem Mann aus einer Rippe die Frau als «Gehilfin» schnitzt (Kreationisten). Oder an einen «heiligen Geist» als Samenspender (unbefleckte Empfängnis)* und an wiederkehrende Tote (der Auferstandene).

Aber solche konsequent säkulare Positionen durfte in der TV-Arena vom 21.10. 2016 zum Thema Kirche und Staat niemand prominent vertreten. Dagegen fordern Fundamentalisten aller Art für sich besondere Rücksichtnahme auf ihre «religiösen Gefühle». Behörden und Politiker gewähren den Religionen, den Kirchen und ihren Gläubigen vielfach Schutz vor Kritik. Und leider auch viele Medien: Dieser Text hier dürfte wohl in einigen Mainstream-Medien kaum erscheinen.

Zwar will auch SP-Präsident Levrat «die richtige Distanz zu den Religionsgemeinschaften finden». Den ganzen irrationalen «Glauben» aus Staat, Schule, Universität und öffentlichem Leben in den Privatbereich zu verweisen – das getraut sich Levrat dann aber doch nicht. Was Wunder kommen nun die Muslime mit Gutachten der Hochschule Luzern und fordern für ihre Gemeinschaften auch staatliche Anerkennung oder gar religiöse Uni-Institute.

Religion tendiert ins Totalitäre

Diese sind ein alter Zopf, der ebenso rasch abgeschnitten gehört wie die christlichen «Landeskirchen». Die Gefahr des Totalitären schlummert nämlich in allem Irrationalen und damit auch in den Religionen und ihren kirchlichen Institutionen. Das beginnt beim «geglaubten» (und darum mit rabiatem Kritikverbot geschützten) einzigen «wahren Gott», den jede monotheistische Religion für sich – und gegen «die anderen» – behauptet. Es zeitigt bei extremeren Gläubigen eine invasive Durchdringung sämtlicher Lebens- und Daseinsbereiche mit religiösen (und darum nicht hinterfragbaren) Vorstellungen und Vorschriften.

Es führt zu totalitären Religionssystemen bis hin zu Gottesstaaten. Da trifft es dann stets vorab die Frauen, die entmündigt, zwangsverheiratet, verstümmelt, kahlrasiert oder eingesperrt werden. Und es endet bei der aggressiven Trennung in «Erlöste» und «Verdammte», in «Heilige» und «Teufel», in «Gute» und «Böse». Derlei «Trennungs-Philosophie» hat schon der gescheite Philosoph Ernst Bloch als Ideologie der Gewalt und Grundlage faschistoider Systeme erkannt und analysiert.

Linke Duckmäuserei vor Religiösen

Dass sich die Linke nicht klar von solchen Machenschaften distanziert, sondern im Gegenteil gar noch weitere Religionen staatlich anerkennen will, ist bedenklich. Doch die Angst auch der kritischen Linken vor den Religiösen ist immer noch (oder wieder) stark verbreitet. Das zeigt sich aktuell in der Burka-Debatte: Der links-grüne Block stimmte im Nationalrat geschlossen gegen ein Verbot dieser entwürdigenden kommunikativen Verstümmelung und Bevormundung. Die Linke will für Frauen eine (textile) Käfighaltung tolerieren, wie sie ansonsten hierzulande in der Landwirtschaft für Tiere (Käfighühner) längst verboten ist.

Aus ähnlichen Rücksichten ist in unserem Land (seit 2012 mit Art. 124 StGB) die grässliche Verstümmelung der Genitalien von Kleinkindern zwar verboten. Jedoch nur der «weiblichen». Die körperliche Unversehrtheit und die Religionsfreiheit männlicher Kleinkinder bleibt ungeschützt. Niemand hatte sich in den Räten ernsthaft getraut, die Streichung des Wortes «weiblich» aus dem Gesetz zu verlangen – sei es auch nur der Gleichbehandlung und Gleichberechtigung wegen.

Religiöse Irrationalität wirkt da weiterhin auch in Politik und Gesetzgebung hinein. Dabei hatte Marx schon vor bald 200 Jahren zu religiösen Streitereien, wie jener zwischen SP-Levrat («Noch mehr Religionen anerkennen!») und CVP-Pfister («Nur meine Religion anerkennen!») einigermassen Gültiges gesagt: Er hatte gefragt, wie man wohl einen religiösen Gegensatz aufheben könne. Und geantwortet: «Dadurch, dass man die Religion aufhebt.» Wir wären schon froh, wenn Religion konsequent ins Private verwiesen würde, statt sie mit staatlicher Anerkennung zu adeln, wie Levrat – oder sie wie Pfister dem Staat gar als «Grundlage» unterjubeln zu wollen.

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* BERICHTIGUNG zur «unbefleckten Empfängnis»: Ein diskreter Leser macht mich darauf aufmerksam, dass der Begriff «unbefleckte Empfängnis» nichts mit der wundersamen Zeugung des Heilands durch den Heiligen Geist zu tun habe. Der Mann hat recht: Die Meinung, «unbefleckte Empfängnis» stehe für die Begattung der Maria durch den heiligen Geist (welche etwa Ende April im Jahre 0000 stattgefunden haben müsste), ist zwar weit verbreitet, findet sich aber nirgends in der Bibel. Es hat auch nichts mit Christus zu tun. Der Begriff bezieht sich auf das Glaubensdogma, dass auch Maria, die Mutter von Jesus, völlig sündenfrei («unbefleckt» eben) gewesen sein müsse. Und dies schon als Fötus im Leibe ihrer Mutter Anna. Dieses Dogma ist eine Erfindung der katholischen Kirche und geht auf das Mittelalter zurück. Erst 1854 verkündete und verordnete der Papst dieses Dogma offiziell in einer «Bulle» (hat nichts mit der Polizei und auch nichts mit Viehzucht zu tun).

Nicht ganz korrekt ist auch meine Darstellung, dass der heilige Geist bei der Maria als «Samenspender» auftrete. Lukas (Kap. 1 Vers 34, 35) beschreibt die Szene so: «Da sprach Maria zu dem Engel, wie soll das zugehen, sintemal ich von keinem Manne weiss? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über Dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird Dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.» Eben: Der «Sohn Gottes» und nicht des heiligen Geistes! Die Rolle dieses heiligen Geistes in der ganzen Sache, wäre somit eher jene eines Besamers (heute ein anerkannter Beruf) im Auftrag Gottes, als eines Samenspenders. Und es zeigt sich einmal mehr: Auch im hohen Alter hat man nie ausgelernt.

Niklaus Ramseyer

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34 Meinungen

Lieber Ramseyer,

habe diese Ihre Meinung (als damaliger katholischer Publizist und Ratsmitglied) im Aargauer Verfassungsrat schon vor 41 Jahren vertreten, längst vor den innerkatholischen Steitigkeiten um die Bischöfe Haas und Huonder, wegen deren Fundamentalismus das gegenwärtige staatskirchliche System angeblich nötig sei. Ich vertrat die Säkularisierung aus dem Grundsatz «Freie Kirche im freien Staat», die im 19. Jahrhundert gleichzeitig vom Papst als auch von den damaligen etatistischen Liberalen abgelehnt wurde: ein Konzept also zwischen den Stühlen und Bänken. Von der Publikation «Kulturkampf 1841 - 2016», auf die Sie im Zusammenhang mit Jo Lang anspielen, bin ich auf dem Cover genannter Mitautor. Wir stellen das Buch an nächsten Mittwoch 19 Uhr in Windisch (FHNW) gemeinsam vor. Soeben machte mir ein Kollege eine Mitteilung von meinem ehemaligen Lehrer Hermann Lübbe, zur Zeit meines Antrages 1975 mein Professor für politische Philosophie in Zürich: Der alte Weise finde die Vorstellung, das gegenwärtige Staatskirchenrecht durch den Einbezug des Islam zu «modernisieren», «ausgesprochen ungeschickt». Es geht Religionsprofis jedoch primär um die Erhaltung eines Systems, das im 19. Jahrhundert die feudalistischen Kirchenzehnten abgelöst hat, auch damals eine «Modernisierung». Weil das System uralt ist und die abrupte Beseitigung dem Fiskus Kosten verursachen würde, schlug ich vor, friedliche Trennung von Kirche und Staat mit einer langen Übergangsfrist zu vollziehen.
Pirmin Meier, am 30. Oktober 2016 um 10:06 Uhr
PS.Beim Gutachten der Uni Luzern, lieber Ramseyer, sollten Sie noch das Kleingedruckte lesen. Für die gegenwärtige Struktur des Islam in der Schweiz kaum praktikabel und es müssten zu viele Kröten geschluckt werden. Um nach aussen einen aufgeschlossenen Eindruck zu machen, wurden die Fussangeln quasi in die Anmerkungen verlegt. Nur ein Promille der Akademiker versteht etwas von Religionsverfassungsrecht, dessen Lehrstühle bei vollständiger Trennung von Kirche und Staat dahinfallen würden.
Pirmin Meier, am 30. Oktober 2016 um 10:22 Uhr
Herzlichen Dank, Niklaus Ramseyer!
Endlich sagt es einer klar und fadengerade:
Das ganze linke Gerede von wegen Anerkennung des Islams ist genau so zum Kotzen wie das ganze rechte Gelaber von wegen Christentum als Fundament unserer Gesellschaft.
Offenbar velwechsern viele Linke heute die internationale Solidarität mit dem Akzeptieren von hanebüchen reaktionären Ideen. Die notwendig säkulare Basis des Denkens und Handelns wider die Herrschaft von Menschen über Menschen muss vielen Linken im fetten Europa irgendwann im Lauf des Verfettungsprozess abhanden gekommen sein...
Muss ich zum Unsinn christlicher Glaubenssätze schweigen, wenn ich einem Menschen helfen will, der sich als Christ bekannt? Muss ich den Koran als heiliges Buch ehren, wenn ich einem Menschen helfen will, der Muslim ist? Muss ich die Begeisterung für den heiligsten aller Tibeter ehren, wenn ich einem Menschen helfen will, der sich am Buddhismus orientiert? Usw.
Nein, nein und nochmals nein! Es zählt der Mensch als Person, und nicht der vergiftende ideologische Überbau, mit dem er einst belastet wurde.
Billo Heinzpeter Studer, am 30. Oktober 2016 um 12:46 Uhr
Ein hervorragender Artikel von Ramseyer!

Der Glaube kennt absolut keine Scham
Und ziehst du ihm noch so erfolgreich den Zahn
Die Schafe verharren im frommen Wahn
Max Tobler, am 30. Oktober 2016 um 14:53 Uhr
Bin gleicher Meinung, schlüssiger Artikel, besten Dank. Verstehe die SP einfach nicht mehr, zu abgehoben und sehr weit weg von der Basis.
Guido Besmer, am 30. Oktober 2016 um 17:49 Uhr
Oh je, das hat gerade noch gefehlt: evangelikale Privatschulen…! Damit es dann auch in der Schweiz Menschen gibt, die glauben, die Welt sei genau so entstanden, wie es die Bibel metaphorisch darstellt, und die daraus allen möglichen Unfug ableiten.
Die Schweiz tut gut daran, am Prinzip der Staatsschule festzuhalten, die für alle Kinder erreichbar ist und allen Kindern den gleichen, demokratisch vereinbarten Stoff präsentiert.
Billo Heinzpeter Studer, am 30. Oktober 2016 um 18:16 Uhr
@Studer/Tobler. Der «Verfettungsprozess» ist flächendeckend, betraf und betrifft sicher nicht nur die Linken. Der Arzt Paracelsus schrieb, die enorm grossen Scheisshaufen der Prediger würden ihre Fastenpredigten dementieren.

Trotzdem behaupte ich, dass Sie, möglicherweise aus biographischen Gründen, die potentielle Lebensqualität des Glaubens unterschätzen, vielleicht auch das rein intellektuelle Format eines Paulus oder Augustinus oder Copernicus oder Bernard Bolzano. Dabei nehme ich zum Beispiel die Religionskritik eines Feuerbach ernst, dahinter sollte man nicht ohne weiteres zurückfallen. Studer scheint aufgefallen zu sein, dass der Dalai Lama in Sachen Glaubwürdigkeit dem Papst wohl den Rang abgelaufen hat. Wenn der Dalai Lama aber z.B. einen gewissen Respekt vor der je eigenen spirituellen Tradition anmahnt, habe ich aber von ihm noch nie einen Appell zur Erhaltung der staatskirchenrechtlichen Privilegien gehört. Wenn Sie diese in Frage stellen sind heute schnell mal stärker out als wenn Sie der Heiiligen Dreifaltigkeit absagen, was für Calvin noch Hinrichtungsgrund gegen Serveto war. Im Gegensatz zur autoritären Inquisition liess er diese Hinrichtung noch durch die Gemeinden von Neuenburg, Bern, Zürich und andere «demokratisch» bestätigen, was kirchenrechtlich einen «Fortschritt» darstellte, aber mit demselben absurden Ergebnis. @Studer. Falls Sie Marxist sind, empfehle ich Ihnen für eine differenziertere und weniger feindbildorientierte Religionskritik Ernst Bloch.
Pirmin Meier, am 30. Oktober 2016 um 18:48 Uhr
@Billo Heinzpeter Studer. Das mit dem «demokratisch vereinbarten Stoff» können Sie wohl so nicht gemeint haben, das hatte auf diese Weise kaum je einen Zusammenhang mit weltverändernder Bildung. Haben Sie noch nie von Zschokkes Lehrverein in Aarau gehört? Der Ausbildungsstätte der Schweizer Revolutionäre (19. Jahrhundert) und dass die Brüder Bernoulli in Basel und die Haller in Bern nun wirklich einen Unterricht hatten, gegenüber dem man für die heutigen Schüler nur aufrichtiges Mitleid empfinden kann. Und mal nicht zufällig nahm der deutsche Philosoph L., dessen Kinder unterdessen alle Professoren in Deutschland sind, z.T. beim Bundesverfassungsgericht, in Einsiedeln Wohnsitz. In diversen Kantosschulen können Sie heute nicht mal mehr Griechisch und Latein lernen, womit die Basis für eine vernünftige Religionskritik wegfällt, religiös sind heute sehr viele junge Christen Analphabeten. Ein Voltaire und ein Feuerbach wären kaum mehr möglich, zu schweigen vom Jesuitenschüler Diderot. Entsprechend werden Debatten über Religion auf sehr niedrigem Niveau geführt.
Pirmin Meier, am 30. Oktober 2016 um 19:42 Uhr
@Pirmin Meier: Nicht Marxist, bei aller Achtung für Marx's Bedeutung. Ni dieu, ni maître. Darum mag ich auch nicht weiter eintreten auf eine tradierte Argumentation, die Latein, Griechisch und Religionsverständnis als Bestandteil der relevanten Bildung vorgibt.
Billo Heinzpeter Studer, am 30. Oktober 2016 um 20:35 Uhr
@Falls Ihre Meinungen über das Christentum auf höherem Niveau sein wollen als sagen wir die Meinung eines heutigen Rechtsextremen über den Islam, müssen Sie sich über das intellektuelle Niveau sagen wir mal vom 1. Korinthterbrief schon mal Gedanken machen, zu schweigen davon, dass es in der Bildung ausschliesslich auf die drauf ankommt, die es genau und genauer wissen wollen. Der Rest ist Kinder hüten. Das Bildungsprogramm der Aufklärung, ohne die wir uns schon rein technisch nicht unterhalten könnten, beruhte auf Mathematik, Physik und Griechisch. Lenin studierte 1917 in Zürichs Zentralbibliothek den Griechen Heraklit. Es schmerzt mich, als längerer Beobachter des Ständerates, dass Lenins Niveau - so undemokratisch er war - in den letzten Jahren von kaum einem der Schweizer Kantonsvertretert erreicht wurde. Dass Sie gegenüber Marx noch einen gewissen Respekt bekundeten, könnte Sie aber weiterbringen. Klar, wenn wir die Trennung von Kirche und Staat durchbringen wollen, brauchen wir auch die, welche nur Vorurteile gegen die Kirche haben. Ich traute Ihnen aber aufgrund nicht weniger bedenkenswerter Wortmeldungen zu, dass Sie Ihre Auffassungen in der Regel rational begründen wollen.
Pirmin Meier, am 30. Oktober 2016 um 21:31 Uhr
Dauerbesserwisser Meier irrt, weil er seine persönliche Art von Bildung für das Mass der Dinge hält. Ich muss keine heiliges Buch kennen mich gar verstehen, um sagen zu dürfen, dass darauf sich Stützende mich bitte einfach un Ruhe lassen sollen. Was den «Korintherbrief» betrifft, hab ich mich in jungen Jahren tatsächlich einmal intensiv damit (und mit andern Teilen des «Neuen Testaments») auseinander gesetzt, ich würde mich jetzt aber nicht zur Behauptung hinreissen lassen, das habe meine Entwicklung massgeblich beeinflusst.
Billo Heinzpeter Studer, am 30. Oktober 2016 um 22:12 Uhr
@Möller. Einverstanden, nur sollte das Ziel auch vom Staate zu tolerierender Privatschulen keinesfalls die Selbstbornierung sein. Insofern ist eine angemessene Aufsicht zu verlangen, was auch für das Home-Schooling gelten sollte, in welcher Sache sich die Aargauer CVP-Politikerin Marianne Binder-Keller vor einigen Jahren verdienstvoll verwendet hat. Es ist nachgerade zu befürchten, dass Home-Schooling und Privatschulen für kommende Generationen an Attraktivität nicht etwa verlieren, sondern gewinnen wird.

Als ehemaliger aargauischer Bezirkslehrer weiss ich sehr wohl, was eine gute und sehr gute staatliche Schule zu leisten vermag. Die Bezirksschule wurde 1835 und 1866 gegen den Widerstand zumal der katholischen Kirche als eine der europaweit besten Sekundarschulen mit progymnasialem Charakter installiert. Zu ihren programmatischen Pionieren gehörten der Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler (1780 - 1866) und die beiden wohl hervorragendsten Rektoren der Bezirksschule Baden Johann Anton Sebastian Federer (1793 - 1757), auch St. Galler Kantonsschulpionier, sowie Hermann Zähringer (1823 - 1880), der nach seiner Bezirksschulzeit in Baden um 1866 die Lehrpläne für die neu gegründeten Luzerner Landmittelschulen Willisau, Sursee und Beromünster schuf. Der studierte Mathematiker wurde 1871 nach dem konservativen Wahlsieg in Luzern als progressiver Bildungspolitiker umgehend aus dem Erziehungsrat abgewählt, wurde dann Kassier der Gotthardbahn. Als Pädagoge ein Opfer des Kulturkampfes.
Pirmin Meier, am 31. Oktober 2016 um 08:39 Uhr
Klarstellung: Ich bin ein strenggläubiger Heide.
Alle Götter sind Wunschgeburten der Menschen,
geboren durch Glaubensversprechen und Erwartungen an die Erfüllung von Wünschen. Wenn das nicht funktioniert, töten wir die Götter durch die Aufkündigung des Glaubens.
Die Religionen sind Gefässe der Mythen und der
Grundlagen unserer Identitäten, bzwe. unserer Prinzipien wie zB «Gerechtigkeit» und Nächstenliebe und die Moral bzw Ethik. Alles Dinge die es in der Natur nicht gibt.. Es ist nicht dumm, virtuelle «Hilfswelten» zu nutzen. Es ist dumm, das Virtuelle und das Reale zu verwechseln.
Hannes Keller, am 31. Oktober 2016 um 12:01 Uhr
@Keller. Das bedeutendste Wort, das der Philosoph Karl Popper bei der grandiosen Tagung, die Sie, Herr Keller, 1986 in Zürich organisierten, von sich gab, ev. nicht mal im Protokoll enthalten, weil Diskussionsbeitrag, lautete: «Die Theologie ist ein Fehler.» Sogar wenn man nicht ganz mit dem Meister aus London einverstanden war, gilt es meines Erachtens, von der Richtigkeit dieser Annahme auszugehen.
Pirmin Meier, am 31. Oktober 2016 um 12:07 Uhr
Staat und Kirche gehören strikte getrennt. Wenn der Staat Leistungen für religiöse Gemeinschaften erbringt, soll dies aufgrund von Verträgen und gegen Bezahlung geschehen. Arbeitgeber des kirchlichen Personals sollen die Kirchen sein. Übrigens: Wer fremde Richter ablehnt, müsste sich auch für die Abschaffung des Wahlrechts des Papstes für Bischöfe einsetzen.
Peter Graf, am 1. November 2016 um 09.10 Uhr
Peter Graf, am 01. November 2016 um 09:41 Uhr
@Graf. Die Kirchen sind Arbeitgeber ihres Personals. Allenfalls ist Gefängnisseelsorger noch speziell. So wie Sie argumentieren, dürften Grossfirmen auch nicht von ausländischen CEOs oder Verwaltungsräten beeinflusst sein. So beschränkt denkt kein SVP-Unternehmer.

Die katholische Kirche ist wie die FIFA keine nationale Organisation. Rom war gegenüber Landeskirchen immer skeptisch eingestellt. Das Verhältnis Eidgenossenschaft - Kantone - Landeskirchen - Bistümer - Papst geht schon auf alte Eidgenossenschaft zurück, wobei sich Rom stets ärgerte über die angeblichen und tatsächlichen IURA HELVETIORUM CIRCA SACRA, die kirchenrechtlichen Extrawürste der katholischen Schweizer in Richtung überdurchschnittliche Selbstbestimmung. Das Verhältnis Kirche - Staat ist wirklich viel komplizierter als Sie und andere hier es sich vorstellen. Fragen Sie mal den Kirchenkritiker Hans Küng oder den fast einzigen in Kirchenfragen noch kompetenten unabhängigen Journalisten Michael Meier vom Tagi. Ich selber biss mir vor 40 Jahren im aargauischen Verfassungsrat als Opponent des staatskirchlichen Systems auch deswegen die Zähne aus, weil ich damals noch ungenügend eingearbeitet war. Die SP-Fraktion mit 3 reformierten Pfarrern in ihrer Mitte verteidigte das System leidenschaftlich, mit Ausnahme von einer Handvoll marxistischer Fossilien. Heute verteidigen aber auch Atheisten das Staatskirchensystem, während vor allem überzeugt Religiöse vielfach der Meinung sind, darauf nicht angewiesen zu sein.
Pirmin Meier, am 01. November 2016 um 10:22 Uhr
Das Christentum - und der Sozialismus - sind
nicht national sondern global gesinnt. Gott als Allmächtiger und das Individuum stehen sich als das Ganze und die Bauteile direkt gegenüber.
"Sämtliche Menschen ohne jede Einschränkung sind Brüder und Schwestern». Inkl. Papst und in Gottes Namen auch «der Trump - nicht das Trump». Das jüdische Volk - ohne Christus - identifiziert sich anders - im Glück und im Unglück.
Hannes Keller, am 01. November 2016 um 11:05 Uhr
@Das mit den Brüdern und Schwestern, die gesamte Menschheit betreffend, bleibt ein frommer Betrug, passt gerade für die Hymne von Schiller/Beethoven: «Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt.» Wenn Sie von einem Flugzeugabsturz hören, macht es einen riesigen Unterschied bei der Meldung, ob Ihr Bruder oder Ihre Schwester bei den Passagieren war oder eben nicht. Kant behält einmal mehr recht mit seinem Diktum. «Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.» Sie, Herrn Hannes Keller, schätze ich nichtsdestotrotz als einen philosophischen Kopf mit enormer Lebenserfahrung. Bin gespannt, was der von Ihnen mal eingeladene Irenäus Eibl-Eibesfeld zu Ihrer obigen Aussage zu bemerken gehabt hätte.
Pirmin Meier, am 01. November 2016 um 11:46 Uhr
Lieber Herr Ramseyer, ihr Artikel ist wie Balsam für meine Freidenkerseele Danke! die meisten Kommentare dazu sind gescheit und gehören zur Glaubensfreiheit, die wir dank unserer Verfassung geniessen. Die Trennung von Kirche und Staat steht zwar auch längst in der Verfassung, ist aber nur in zwei Kantonen der Schweiz einigermassen umgesetzt. Endlich weg mit Staatsreligionen, sie sind alle verfassungswidrig! Himmelherrgott, geht das nochmals 200 Jahre weiter?
Walter Schenk, am 01. November 2016 um 12:36 Uhr
Jetzt geraten die Sozialdemokraten noch in's religiöse Schwärmen!
Als Linker kann man diese Parteil wirklich nicht mehr wählen, derart verwaschen ist ihr Profil geworden. Und Herr Levrat: Wie kann man das erklären, Sozialdemokrat und gleichzeitig PRAKTIZIERENDER Katholik zu sein?? Es bleibt einem im Leben wirklich nichts erspart ...
Jürg Schoop, am 01. November 2016 um 13:18 Uhr
@Schenk. Leider ist die Verfassungsfrage schwieriger als Sie diese darstellen. Es gibt eine kantonale Kirchenhoheit. Jeder, der schon konkret da etwas ändern wollte, kann Ihnen dies bestätigen. In Zürich sanktionierte vor 2 oder 3 Jahren eine Volksabstimmung, dass auch ein türkischer Kebab-Budeninhaber weiterhin Kirchensteuer bezahlen muss. Leider, leider, fragen Sie die Jungfreisinnigen.
Pirmin Meier, am 01. November 2016 um 13:18 Uhr
Grundsätzlich bin ich mit Niklaus Ramseyer weitestgehend einverstanden. Die Schweiz ist ein säkularer Staat. Auch ich störe mich sehr an den Beisshemmungen, die Linke an den Tag legen, wenn Menschenrechte verletzt werden und die Täter sich religiös rechtfertigen.

Die Anerkennung einer Religion als Staatsreligion sehe ich allerdings nicht so kritisch. Klar, eigentlich passt sie nicht ins System. Aber sie kann helfen, Religionsgemeinschaften zu ziviliseren. So kann es sich ein katholischer Pfarrer ohne weiteres leisten, einen fragwürdigen Hirtenbrief des Bischofs zu ignorieren, denn er ist ja nicht vom Bischof angestellt.

Eine Anerkennung einer islamischen Glaubensgemeinschaft in der Schweiz würde zwingend erfordern, dass diese sich in einigen Punkten ganz explizit zum Schweizer Rechtsstaat bekennt, zum Beispiel:
- Dass Gemeindemitglieder den islamischen Glauben ablegen und aus der Gemeinschaft austreten dürfen
- Dass auch gegen Leute, die sich kritisch oder gar respektlos über den Islam oder über den Propheten äussern, keine Gewalt angewendet werden darf
- Dass die Scharia in keiner Weise verbindlich ist
Dem liessen sich weitere Punkte anfügen.

Ich weiss nicht, ob unter solchen Voraussetzungen das Interesse an der Gründung einer staatlich anerkannten muslimischen Gemeinde noch gross wäre. Aber wenn eine solche Gemeinschaft zustande kommen würde, wäre sie für Muslime eine Alternative zu fundamentalistischen Gemeinden mit z.B. saudischer Finanzierung.
Daniel Heierli, am 01. November 2016 um 17:23 Uhr
Ihre Meinung, Herr Ramseyer, entspricht der Politik des Französischen Staates, welcher dank seinem totalitären Laizismus ganz besonders zu religiöser Intoleranz und Terrorismus - Charly Hebdo, Nice, etc - beigetragen hat. Politische(-religiöse) Vorstellungen per Gesetz in die Privatsphäre einschliessen macht sie umso virulenter.
bernhard sartorius, am 01. November 2016 um 23:22 Uhr
Prima Diskussion auf Infosperber. Bin dankbar, dass sich Gegenstimmen melden. Dabei ist die Behauptung, die laizistische Politik Frankreichs, Tradition seit der Revolution, sei «totalitär», sehr weit hergeholt. Es bleibt aber dabei, dass französische Präsidenten von de Gaulle bis Sarkozy und Hollande sich zum Beispiel um ein freundliches Verhältnis zur katholischen Kirche, aber auch zum Judentum bemühten. Die Meinung, es gäbe mit dem Islam keine Probleme und ein gewisser Widerstand sei «totalitär», scheint mir wirklich weit hergeholt. Habe mich im Zusammenhang mit Kulturkampf einst und heute näher mit dem kürzlichen Mord an Père Hamel in St. Etienne bei Rouen befasst. Vergleichbares Ereignis hätte in einem muslimischen Staat wohl einen religiösen Bürgerkrieg heraufbeschworen. @Heierli. Sie bringen bedeutende, allerdings kaum ausdiskutierte Argumente. Es wäre noch gut, Sie würden das publizierte Gutachten Adrian Loretan/Quirin Weber lesen. Es produzierte bei Muslimen bis anhin keinen «Bock» auf öffentlichrechtliche Anerkennung. @Schoop. Sie wissen wenig über praktizierende Katholiken und Sozialismus, sogar beim linken Flügel. Erst dieses Jahr ist der schweizweit bedeutendste katholische Sozialist, Willy Spieler, verstorben, ehem. Zentralpräsident des Schw. Studentvereins und Mitarbeiter beim linkschristlichen Magazin «Neue Wege», wo auch Infosperbermitarbeiter Roman Berger schreibt. Arbeiterschriftsteller Karl Kloter (SP) war einer der glaubwürdigsten Katholiken überhaupt.
Pirmin Meier, am 02. November 2016 um 11:06 Uhr
@Pirmin Meier, Ihre Kommentare sind immer hochdifferenziert und nicht ohne Tiefblick und Fachkenntnis. Aber das kann auch dazu führen, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. So etwa bei der Belehrung über kantonales Kirchenrecht und Bundesverfassung. Für mich geht die BV vor! Wenn sie sich mit kantonalem Recht widerspricht, ist das letztlich Verfassungsbruch. Das Wort dürfte ja vielen bekannt vorkommen.
Walter Schenk, am 02. November 2016 um 12:01 Uhr
@Schenk. So verfügt Artikel 72 der Bundesverfassung: 1 Für die Regelung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat sind die Kantone zuständig.2 Bund und Kantone können im Rahmen ihrer Zuständigkeit Massnahmen treffen zur Wahrung des öffentlichen Friedens zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften.3 Der Bau von Minaretten ist verboten.

Soweit also das geltende Verfassungsrecht. §72. 1 verfügt die von mir oben erwähnte kantonale Kirchenhoheit. @72.2 Gibt Bund und Kantonen noch eine Art Notbremse in die Hand, wenn der religiöse Frieden gestört wäre, z.B. falls es zutrifft, dass in einer Winterthurer Moschee Religionskrieg oder Ähnliches gepredigt wurde, was ich persönlich jedoch nicht recherchiert habe. @72,3 ist das Minarettverbot, welches vom Souverän entgegen Voraussagen 2009 angenommen wurde. Selber hatte ich mich in der Aargauer Zeitung dagegen gewandt, nicht mal grundsätzlich, sondern weil das Minarettverbot wenn schon konsequent der kantonalen Gesetzgebung überlassen bleiben sollte. Der Bau von Protztürmen ist insofern kein Menschenrecht, weil Sekten und z.B. dissidente fundamentalistische Gemeinschaften sowie kranke Hausbesitzer das auch nicht dürfen. Bleibe dabei, dass wegen dem modernen Alaramierungssystem (Feuer, Katastrophen) und anderen Möglichkeiten, sich über Zeit und Stunde zu orientieren, Kirchtürme keine Funktion mehr haben, zumindest keine neuen mehr gebaut werden sollten; wäre auch ein Beitrag gegen die «Diskriminierung» des Islam.
Pirmin Meier, am 02. November 2016 um 15:20 Uhr
an Herrn Pirmin Meier: Totalitäre Ansichten was die freue Meinungsäusserung betrifft - müssen nicht unbedingt zu einem ganzen System werden wie in der DDR etc - bestehen darin, dass diese eingeschränkt wird in einen bestimmten Rahmen - in dem Fall die sog «Privatsphäre». Der Französische Staat ist in der Tat seit der Revolution allergisch auf's Religiöse und muss - anscheinend ohne Erfolg, was dessen gewalttätiges Ausufern betrifft - mit immer absurder werdenden und geradezu aufreizenden Gesetzen (siehe die Polizisten, die auf einem Strand eine Frau gezwungen haben, ihren Bourkini auszuziehen )sich durchsetzen -
bernhard sartorius, am 02. November 2016 um 16:13 Uhr
@Rainer Möller: Natürlich soll sich jemand an die in der Scharia geschilderten Richtlinien des guten Lebens halten dürfen, wenn er will. Aber er soll nicht meinen, diese seien für andere verbindlich. Und vor allem müsste klar sein, dass die darin enthaltenen Strafmassnahmen bei uns nicht in Frage kommen.
@Bernhard Sartorius: Frankreich hat tatsächlich Probleme mit Islamisten. Es scheint mir aber gewagt, das auf die laizistische Haltung des Staates zurückzuführen. Ich sehe es eher als Folge einer völlig verunglückten sozialen Entwicklung in verschiedenen Banlieues. Zu viele von ihren Bewohnern haben keine halbwegs attraktiven und legalen Perspektiven.
Das «Burkini"-Verbot wurde meines Wissens nur von einigen Gemeinden erlassen und vom obersten Verwaltungsgericht für unzulässig erklärt.
Daniel Heierli, am 02. November 2016 um 18:05 Uhr
an Herrn Rainer Möller: Natürlich kann man nicht den Islamitischen Terror in Frankreich alleine auf dessen militanten Laizismus zurückführen - das denke ich auch nicht. Aber es ist leider eine Tatsache, dass - in allen Gebieten des Lebens und der Gesellschaft übrigens - radikales Denken und Handeln einer Seite die Radikalität der Anderen fördert . Wenn es sich hochschaukelt oder/und hochgeschaukelt wird von «guten» Beobachtern und Kommentatoren ..) führt es meistens zu immer repressiveren, bezw. gewalttätigen Verhärtungen.
bernhard sartorius, am 02. November 2016 um 21:38 Uhr
Niklaus Ramseyer pauschalisiert. Er bringt die «Linke» als Einheit ins Spiel. Das ist natürlich Unsinn. Dass man innerhalb der Linken verschiedene, ja, kontrovese Ansichten über Glaubensfragen hat, ist wirklich kein Geheimnis. Ich habe aber noch niemanden in der SP oder bei den Grünen angetroffen, die Burkas gut finden. Dass die SP im Parlament geschlossen gegen das Burkaverbot gestimmt hat, darf nicht als Sympathie für dieses Kleidungsstück ausgelegt werden. Es geht hier doch um die Einhaltung der verfassungsmäßig garantierten
Glaubens- und Gewissensfreiheit. Richtig: Menschen dürfen nicht gezwungen werden, Burkas zu tragen, aber darf man ihnen verbieten, das zu tun? Bestimmt nicht. Kommt dazu, dass diejenigen, die ein Burkaverbot lancieren, es nicht tun, um Frauen zu schützen. Das Lager der Initianten hat sich wohl noch nie für Frauenanliegen stark gemacht. Sie stehen Kitas kritisch gegenüber. Sind grundsätzlich skeptisch gegen Fremdbetreung von Kindern. Lehnen den Vaterschaftsurlaub ab. Und wehren sich mit Zähnen und Klauen gegen eine Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs.
Peter Beutler, am 06. November 2016 um 14:01 Uhr
Niklaus Ramseyer bringt es mit seiner brillanten Analyse auf den Punkt. Die Linke manövriert sich mit ihrem leisetreterischen Kurs in religiösen Fragen zunehmend ins Abseits und riskiert so die ur-progressiven Ideale der Aufklärung und Laizität zu verraten. Es ist an der Zeit, wieder einmal daran zu erinnern, dass die durch die Verfassung gewährte Religionsfreiheit nicht unbeschränkt gilt, sondern auch Schranken hat, welche kompromisslos zu verteidigen sind. Freiheitsrechte haben immer und bedingungslos Vorrang. Bevormundende religiöse Vorschriften, Sitten und Traditionen ganz gleich welcher Art – christliche, jüdische, islamische oder welche auch immer – sind da völlig unbeachtlich. Falsche Toleranz gekoppelt mit vorauseilendem Gehorsam, rückgratlose Dienstfertigkeit gegenüber religiöser Anmassung ist fatal und ebnet den Weg zur Errichtung totalitärer religiöser Parallelgesellschaften. So besehen sind auch Massnahmen selbst gegen vorerst bloss symbolische Zeichen dieser Abschottung und damit demonstrativer Integrationsverweigerung, wie das Tragen von Burka oder Niqab, absolut vertretbar, ja notwendig. – Es ist übrigens bemerkenswert, wie in diesen Zeiten der Verunsicherung auch die Rechte sich bei den Religiösen anzubiedern versucht. Der neue CVP-Präsident Pfister versucht seine Partei stramm auf christlich zu trimmen und die SVP kungelt in Sachen Fristenregelung, Ehedefinition und Erziehung schon seit längerem mit der christlichen Rechten. Tea-Party-Time auch hierzulande.
René Edward Knupfer-Müller, am 08. November 2016 um 23:12 Uhr
@Knuper-Müller. Die Trennung von Kirche und Staat schliesst, wie das Beispiel der USA zeigt, religiöse Selbstbornierung nicht aus. Dieselbe ist sogar ein Bestandteil der Religions- und Sektenfreiheit. Wie weit dieselbe einzuschränken ist, ist durchaus eine verfassungsrechtliche und verfassungstechnische Knacknuss. Ich möchte aber betonten, @Knupfer-Müller, dass Ihre Überzeugung für freiheitliche aufgeklärte Gesellschaft keine Kleinigkeit ist, im Gegenteil. Was indes die Ehedefinition betrifft, hat die anarchische Seite weniger die Ehe für alle als die Abschaffung der Ehe gefordert, was das konsequenteste Hindernis gegen Diskriminierung darstellen würde, so wie eine richtige Trennung von Kirche und Staat auch das Ende jeder Diskriminierung nicht öffentlichrechtlich anerkannter Religionsgemeinschaften bedeuten würde. Die absolute Öffnung der Ehe würde übrigens auch Vielweiberei und Vielmännerei nicht ausschliessen und in letzter Konsequenz auch die Heirat mit einem Hund, was ich keineswegs zynisch sage, weil es bis hin zu sexuellen Beziehungen und absoluter Liebe und Vergötterung solche Sachen nun mal bereits gibt und totale Vorurteilsfreiheit nach Marquis de Sade auch dies nicht ausschliesst.


PS. Im Gegensatz zu den Bushs gehört Trump wenigstens nicht zur «Moral majority». Das war wieder mal ein Erwachen! Ist oder wäre Trump so schlimm, wie er dargestellt wurde, müsste dies für die Zukunft der Nato Konsequenzen haben und auch für die Lostrennung Deutschlands von Amerika.
Pirmin Meier, am 09. November 2016 um 08:14 Uhr
Die Linke und die Religion? Ein bibliothekfüllendes Thema. Es gab bereits Ende des 19. Jahrhunderts Pfarrherren, die sich der politischen Linken anschlossen. Einer der ganz grossen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der protestantische Theologe Karl Barth. Er bezeichnete sich als christlichen Soziallisten. Er hat sich nicht gestossen an der Einheit zwischen Kirche und Staat. In seiner Partei, der SP, die heute wählerstärkste traditionelle Partei der Schweiz, gab es schon immer und gibt es noch vehemente Verfechter einer Trennung von Kirche und Staat. Aber auch solche, die die Kirche nichts ins Private abdrängen möchten. Sie sehen die Kirchen als soziale Institution im weitesten Sinne, die sich für die Entrechteten, Ausgegrenzten, unter die Räder gekommenen Globalisierungsverlierer_innen, für Migranten und Flüchtlinge, einsetzt. Stichwort: Kirchenasyl. All das, was die grosse demokratische Linke in ihrem Parteiprogramm festschreibt. Grossgeschrieben wird dort auch die Toleranz. Massgebende Kirchenkreise kämpfen heute dezidiert gegen die Islamophobie der Rechtspopulisten. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass viele in der SP nicht glücklich wären, würde die Staatskirche «abgeschafft». Ich stosse mich als SPler nicht daran, wenn Levrat sich als praktizierender Katholik bekennt, sowenig ich mich daran stosse, wenn jemand aus unseren Reihen nichts mit der Kirche zu tun haben möchte.
Peter Beutler, am 09. November 2016 um 10:36 Uhr
@Danke, Peter. Führe derzeit einen einen konstruktiven Dialog mit Jo Lang, der in vielem ähnlich denkt wie Du. Noch zu Karl Barth: dieser wandte sich sowohl gegen Christdemokraten als auch Evangelische Volkspartei, stand der SP tatsächlich nahe. Aber: Weil er ein methodischer Denker war und ein fundamentaler, nicht fundamentalistischer Theologe, lehrte er: Wir, auch Linke, dürfen unseren irrtumsanfälligen Unsinn im politischen Alltag nicht mit dem Evangelium verwechseln, sondern unsere «sündige» politische Arbeit ist menschlich zu verantworten, selbstverständlich unter dem Kantischen Primat des Gewissens. Und, Peter, obwohl ich selber jenseits von Fundamentalismus schon 1971 für die Trennung von Kirche und Staat war, weil z.B. die Gewissensentscheidung zu einer nur kirchlichen Eheschliessung absurderweise verboten war usw., und obwohl ich 1975 im AG Verfassungsrat den Antrag für die Trennung gestellt hatte, ist es für mich heute nur reine Ermessensfrage. Kann auch mit der Meinung des stets etwas gouvernementalistischen Infosperbermitarbeiters Müller-Muralt gut leben. Bitte dich aber, Peter, bei deiner linken und radikalen Haltung auf reflektiertem Niveau zu bleiben. Obwohl es pathologisch «islamophob» gibt wie pathologisch katholikenhasserisch usw., würde ich auf «islamophob» nicht zu sehr verharren. So islamophob und Rousseau und Voltaire darfst du noch lange sein, giltst dann immer noch als aufgeklärt. Nur Vollidioten träumen von islamischer Landeskirche, du bist keiner.
Pirmin Meier, am 09. November 2016 um 11:09 Uhr

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