Marc Chesney, Finanzprofessor an der Uni Zürich, gibt in «Le Temps» Mikrosteuer-Initiative bekannt © ringier

Bald Volksinitiative für revolutionäre Steuer

Urs P. Gasche / 03. Nov 2016 - Eine automatisch erhobene Mikrosteuer auf allen elektronischen Transaktionen soll Schritt für Schritt die meisten Steuern ersetzen.

Das heute komplizierte, bürokratische Steuer- und Abgabesystem sei zu komplex, revisionsbedürftig und stamme aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Besser und zeitgemäss sei eine Mikrosteuer auf allen elektronischen Zahlungsvorgängen. Das Volk soll darüber entscheiden. Die Initianten einer entsprechenden Initiative sind Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universität Zürich, Anton Gunzinger, Professor an der ETH Zürich, Felix Bolliger, Vermögensverwalter in Zürich, Oswald Sigg, früher Vizekanzler des Bundes sowie der medizinische Therapeut Bernard Dupont aus Genf.

Die vorgeschlagene Mikrosteuer könne die Finanzmärkte beruhigen und aus der gegenwärtigen Krise führen. Die Steuer sei «ideologiefrei» und «leicht zu handhaben». Den genauen Text der Initiative wollen die Initianten demnächst formulieren. Auf ihrer viersprachigen Homepage Microtax.ch umschreiben sie ihren Vorschlag: Statt wie bisher Unternehmen und Haushalte mit Steuern zu belasten, sollen auf sämtlichen elektronischen Zahlungstransaktionen automatisch 0,2 Prozent Steuern erhoben werden.

Weil der jährliche Zahlungsverkehr in der Schweiz heute über 100'000 Milliarden Franken oder 160-mal das Bruttoinlandprodukt erreiche, ergäben sich Einnahmen von über 200 Milliarden Franken. Diese Summe übersteige alle bisherigen Steuereinnahmen in der ganzen Schweiz, inklusive Mehrwertsteuer sowie alle Sozialabgaben. Nicht mehr Arbeit und Löhne sollen besteuert werden, sondern die ins Kraut schiessenden Geldtransaktionen.

Vorteile für Unternehmen und Bürger

Mit der Mikrosteuer würden weder natürliche noch juristische Personen, weder der Konsum noch ein Verhalten besteuert – besteuert würde der gemeinsame Nenner einer Volkswirtschaft, nämlich der gesamte Zahlungsverkehr. Für natürliche Personen und Unternehmen bedeute dies eine «finanzielle wie administrative Erleichterung im grossen Stil». Der Wirtschaftsstandort Schweiz würde erheblich gestärkt, sagen die Initianten. Für Start-up Unternehmen wäre die Mikrosteuer ein Befreiungsschlag.

Das System wäre nicht mehr «inquisitorisch», weil die Steuer automatisiert elektronisch erfasst werde. Sie sei «von höchster Einfachheit und Klarheit, ergiebig, günstig zu handhaben und gerecht». Mit Steueroptimierungen in Form von Trusts und Gewinnverschiebungen sei es vorbei.

Etappenweise Einführung

Die Mikrosteuer soll Schritt für Schritt eingeführt werden, im ersten Jahr mit einem «unmerklichen» Satz von 0,02 Prozent, also 20 Rappen je 1000 Franken. Es werde dann konkret ersichtlich, wie viel Geld die Steuer einbringt. Der Steuersatz soll im Laufe von zehn Jahren auf 0,2 Prozent erhöht werden. Zuerst könne die Mikrosteuer die Mehrwertsteuer ersetzen und später weitere Steuern und Sozialabgaben auf Bundesebene.

Nach Einführung der Mikrosteuer auf Finanztransaktionen sei damit zu rechnen, dass sich der Mikrosekundenhandel an der Börse ins Ausland verlagere. Doch auf dieses «Finanzcasino» könne die Schweiz ohne weitere Nachteile verzichten, meint Finanzprofessor Chesney. Eine Debatte über die Mikrosteuer in der Schweiz würde dem Ausland vor Augen führen, welches enorme, bis anhin unentdeckte Steuersubstrat «schmerzlos» angezapft werden kann: «Mit der Einführung der automatischen Mikrosteuer kann die Schweiz eine Vorreiterrolle übernehmen.»

Die bereits seit längerem diskutierte Kapitaltransaktionssteuer oder «Tobin-Tax» bezieht sich im Unterschied zur Mikrosteuer lediglich auf Börsengeschäfte.

Die Zahlen für Deutschland und Frankreich

In Deutschland und Frankreich würde eine Mikrosteuer von 0,25 Prozent nach Angaben von Professor Chesney «mehr als genügen, um die Einnahmen sämtlicher heutigen Steuern in diesen Ländern zu übertreffen». Dies unter der konservativen Annahme, dass die Summe des jährlichen Zahlungsverkehr in diesen beiden Ländern «nur» 100mal des Bruttoninlandprodukts beträgt und nicht rund 160mal wie in der Schweiz.

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Deutschland: BIP 2015 3'027 Mrd Euro:

Deutschland: gesamte Steuereinnahmen 2015 680 Mrd Euro

Frankreich: Berechnung des Ertrags einer Mikrosteuer vom französischen Privatsender TV BFM.

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DOSSIER: Mikrosteuer auf allen Geldflüssen

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Professor Marc Chesney ist Professor für «Quantitative Finance» an der Universität Zürich. Autor des Buches «Vom Grossen Krieg zur permanenten Krise», Versus-Verlag 2014. Hier bestellen für 16.70 CHF.

Weiterführende Informationen

Viersprachige Webseite microtax.ch

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10 Meinungen

Prima Idee!
Nur vernagelte Bürokraten oder Klientel-Politiker werden dagegen sein, weil sie dann ihre Daseinsberechtigung verlieren. Und natürlich die Schieber von Milliarden, weil die partout nie was abgeben wollen. Insgesamt eine winzig kleine Minderheit.
Für uns alle aber eine riesige Entlastung von Formularen und Zahlungen.
Und für ernsthafte Politiker/innen werden Zeit und Energie frei, um sich voll auf die sinnvolle Verwendung des Geldsegens zu konzentrieren.
Billo Heinzpeter Studer, am 03. November 2016 um 13:12 Uhr
Meine Stimme habt ihr auf sicher, so eine Steuer ist längst überfällig. Reiche «Zocker» machen mit Hochfrequenzhandel Milliardengewinne, ohne dass die Realwirtschaft auch nur den geringsten Nutzen davon hat, im Gegenteil.
Daniel Zapf, am 03. November 2016 um 15:15 Uhr
Höre jetzt schon von «namenhaften Oekonomen» und Lobby Politikern die immer gleiche Leier: Arbeitsplätze, Konkurenzfähigkeit......aber nur zu, gute Idee.
Guido Besmer, am 03. November 2016 um 18:01 Uhr
Nachtrag: deutliche Worte von Marc Chesney auf https://www.youtube.com/watch?v=jK3A5wat6Bk
Guido Besmer, am 04. November 2016 um 06:24 Uhr
Es tönt zu schön, um wahr zu sein. Wie wird sich diese Initiatibe wirklich entwickeln? Als MieterIn muss ich jeden Monat Miete, Strom, usw. bezahlen. Werden die Microsteuern, vom Lohn abgezogen und auf Produkte drauf? - Was wird sein, wenn es eines Tages kein Bargeld mehr gibt - denn daran wird ja auch gearbeitet... Würden die Schattenbanken damit auch erfasst?
Luzia Osterwalder, am 04. November 2016 um 16:56 Uhr
@Osterwalder. Heute zahlen Sie auf allen Waren und Dienstleistungen die Mehrwertsteuer von 8 Prozent, auf Güter des täglichen Bedarfs wie zum Beispiel Lebensmittel, alkoholfreie Getränke, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Medikamente zahlen Sie 2,5 Prozent Mehrwertsteuer. Da kommen Sie besser weg, wenn Sie keine Mehrwertsteuer mehr zahlen müssen, sondern auf allen Ihren elektronischen Zahlungen (auch Miete, Strom usw.) lediglich 0,2 Prozent Mikrosteuer. Dies auch auf Löhnen, wobei Sie dafür den Lohn nicht mehr als Einkommen versteuern müssen.
Urs P. Gasche, am 05. November 2016 um 12:48 Uhr
@ Gasche. Natürlich tönt das Verlockend und richtig, die MWST ist extrem unsozial - trotzdem, was wäre, wenn es keine Bargeld mehr gäbe? - darauf läuft es nähmlich hinaus! Dann hätte ich gar keine Wahl. Interessant wäre, ob Regiogeld auch dieser Steuer unterliegen würde. :-)
Eine weitere Frage ist zu den Banken zu stellen - wird diese Steuer auch innerhalb einer Bank erfolgen? Wäre es sinnvoll hier denselben Satz anzuwenden, wie bei Überweisungen zwischen mehreren Banken? Und eine weitere Frage wurde noch nicht beantwortet - wie wird gewährleistet, dass die Schattenbanken auch erwischt werden?
Zudem kann ich selber entscheiden wo und was ich einkaufe, ob ich Medikamente will oder womit ich meine Gebresten behandeln will. Mit dieser Steuer - wäre auch eine ziemlich umfassende Kontrolle möglich!
Es gibt sicher nochweitere Fragen, die es sich lohnt zu stellen!
Hoffen wir z.B. dass die Transaktionssteuer in der EU in wenigstens einigen Ländern erfolgreich eingeführt wird.
Mit einer fairen, sprich echten progressiven Steuer würden auch die Superreichen ihren Beitrag wirklich leisten, wobei die unteren Einkommen und Vermögen wirklich geschont würden.
Luzia Osterwalder, am 05. November 2016 um 13:16 Uhr
Was ich nach wie vor nicht verstehe: der CHF 100 Billionengrosse, jährliche Zahlungsverkehr müsste bei Einführung einer Transaktionssteuer doch drastisch einstürzen. Der Mikrosekundenhandel wird wegfallen. Ich werde mir sofort eine ausländische Visakarte besorgen und per VPN im Internet shoppen, den Lohn cash etc.
Frage 1: Wie stark werden die elektronischen Transaktionen zurückgehen?

Je stärker die Transaktionssteuer, desto höher der Anreiz, sie zu umgehen. Je kleiner die gesamten Einnahmen, desto grösser der Steuersatz.
Frage 2: Können wir daher die Steuer wie vorgesehen testen oder schaukelt sich der nach Einführung Steuersatz ständig hoch?

Ansonsten wäre das System natürlich super.
Thierry Blanc, am 07. November 2016 um 20:34 Uhr
Es ist möglich, dass sich ein Teil des Mikrosekundenhandels ins Ausland verlagert. Doch in London und Paris unterliegen Börsengeschäfte schon heute einer Transaktionssteuer von 0,5 Prozent bzw. 0,2 Prozent (bald 0,3). Dieser Unterschied zwischen London und Paris hat nicht dazu geführt, dass sich viele Börsengeschäfte von London nach Paris verlagerten. Im Vergleich dazu beträgt die vorgeschlagene Mikrosteuer anfänglich lediglich 0,02 Prozent, nach zehn Jahren 0,2 Prozent. Sogar beim völlig unwahrscheinlichen Fall, dass der ganze Zahlungsverkehr in der Schweiz um 80 Prozent zurückgehen würde, genügt eine anfängliche Mikrosteuer von 0,1 Prozent (statt 0,02). Bei einer jährlichen Erhöhung um 0,1 Prozentpunkte käme man nach zehn Jahren auf 1 Prozent, um die gleichen Einnahmen zu erhalten wie mit 0,2 Prozent ohne «Abwanderung».
Kaum ein Arbeitgeber wird Ihnen wegen einer Steuer von 0,02 oder 0,2 Prozent den Lohn in bar ausbezahlen. Sie könnten das Geld auch auf keinem Konto in Schweizer Franken mehr anlegen. Sobald Sie Aktien oder Obligationen mit Schweizer Franken kaufen, auch im Ausland, wird die Transaktion mit der Mikrosteuer belegt. Wechseln Sie die Schweizer Franken in Euros oder Dollars, dann fällt die Steuer bei diesem Devisengeschäft an.
Vergessen Sie nicht, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz für die reale Wirtschaft attraktiver würde: Keine Mehrwertsteuer mit der entsprechenden Bürokratie mehr, mit der Zeit auch keine Sozialabzüge und andere Gebühren mehr.
Urs P. Gasche, am 10. November 2016 um 16:23 Uhr
@ Gasche: rechnen wir genauer nach: Einkommen CHF 100‘000 wird mit CHF 200.- belastet statt mit CHF 20‘000.- Keine weiteren direkten und indirekten Steuern (Tabak, Treibstoff, Mehrwert, AHV etc.) und früher ode später keine Sozialabgaben mehr. Von den Vermögen reden wir gar nicht mehr. Diese würden exponentionell zunehmen und noch grössere Schäden anrichten als heute schon.

Allen, die schon heute zu wenig zum Leben haben, würde eine automatische Steuer aufgebrummt - sie hätten keine Chance auszuweichen.

Also, wem würde die Microsteuer am Meisten nützen?
Weitere Fragen stellen sich - wie würden Aktien usw. besteuert?

Wie könnte garantiert werden, dass all jene, die z.B. durch Roboter usw. ersetzt würden, trotzdem ein gutes Leben haben und sich wertgeschätzt fühlen könnten?

Wie bereits erwähnt, ist eine solche Steuer gefährlich - ehrlicher wäre es, sich Gedanken über echt progressive Steuern und über die Vermögensobergrenze zu machen. Wobei der fleissigen Frau und dem tapferen Mann klar sein muss, dass die erste oder zweite Million leichter zu erreichen sein sollte, als z.B. die Dreissigste. Das für Privatpersonen. Die Unternehmen müssten in der Gemeinwohl-Bilanz transparent aufzeigen, wie ihr Beitrag zum Gemeinwohl aussieht. Diese GW-Bilanz müsste wichtiger sein, als die Finanzbilanz.

Wir müssen von der chronischen Verknappung des Geldes wegkommen am unteren Ende der Skala der Einkommen und Vermögen!

Echte Chancen und Möglichkeiten für ALLE - das braucht MUT!
Luzia Osterwalder, am 16. November 2016 um 12:33 Uhr

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