Ausgebildete wandern von armen in reiche Länder aus © cc
Globaler Brain-Drain von Forscherinnen und Forschern © 2012 IEEE Spectrum Magazine
Der Brain-Drain Überqualifizierter von armen Ländern in OECD-Länder © OECD

GASTBEITRAG Schweiz lebt auf Kosten anderer Länder

Jürg Schiffer / 04. Apr 2014 - Die Einwanderung von Fachkräften in die Schweiz bedeutet für die Herkunftsländer einen schmerzhaften Aderlass.

Dank Einwanderung sparte die Schweiz nach meinen Berechnungen schätzungsweise zehn Milliarden Franken jährlich an Ausbildungskosten. Das entspricht etwa einem Drittel der jährlichen Ausgaben für Bildung. Seit die Einwanderung mit der Personenfreizügigkeit massiv zugenommenen hat, dürften es noch mehr sein.

Nicht mitgerechnet sind die Kosten, welche für die Einwanderer als Kinder und Jugendliche in ihren Herkunftsländern zusätzlich angefallen sind.

Wenn Ausgebildete aus Schwellen- oder Entwicklungsländern kommen, freuen wir uns in Europa. Sobald aber Bestqualifizierte zum Beispiel aus Deutschland in die Schweiz abziehen, findet man das in Deutschland weniger angenehm. Die «Welt» stellte fest, dass der «Brain-Drain» «auf Dauer die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes schwächt». Die NZZ titelte «Österreichs verheerender Migrationssaldo», weil das Land seit Jahren unter einem massiven Brain-Drain leide – zum Vorteil der Schweiz und anderer Länder.

Auch AHV und Krankenkassen profitieren

Der Vorteil der Einwanderungsländer liegt vor allem in den eingesparten Erziehungs- und Ausbildungskosten. In der Schweiz gelangen aber auch die AHV-Beiträge der Einwanderer im Umlageverfahren nicht an deren ältere Herkunftsgeneration, sondern stopfen Löcher bei unserer AHV. Auch die Krankenkassenbeiträge der jungen Einwanderer sind willkommene Zustüpfe für unser teures Gesundheitssystem. Ein zumindest kurzfristig und kurzsichtig profitables Geschäft. Es ermöglicht noch höhere Saläre, welche noch mehr Einwanderer anlocken. Die Bevölkerungszunahme generiert selber wirtschaftliches Wachstum zum Beispiel in der Bauwirtschaft.

Demografisch problematische Entwicklung

Gegenwärtig nimmt die Bevölkerung jedes Jahr um etwa 70'000 Personen zu, etwa gleich viel wie die jährliche Geburtenzahl. In 30 Jahren, also innerhalb einer Generation, ergibt dies einen Zuwachs von rund 35 Prozent. Nimmt die Zahl der Einwohner weiterhin so stark zu, würden nach einer Generation über 10 Millionen und nach zwei Generationen rund 13 Millionen Menschen in der Schweiz leben.

Diese Entwicklung führt zu ökologischen Schäden, sozialen Spannungen und schürt nationalistische Strömungen.

Folgen für ökonomisch schwache Länder

Ökonomisch schwache Länder in Europa werden doppelt bestraft: Sie bilden gratis den Nachwuchs für die reichen Länder aus, und bei niedrigen Geburtenraten müssen in den Auswanderungsländern wenige Personen für eine zunehmend überalterte Bevölkerung aufkommen.

Die wirtschaftlich schwachen Länder verlieren qualifizierte Arbeitskräfte an den reichen Norden, müssen entsprechend höhere Steuern erheben und sind für Investoren weniger attraktiv; sie werden wirtschaftlich und sozial ausgelaugt. Andrerseits wird ihr (Jugend-) Arbeitslosenproblem kurzfristig etwas entschärft.

Die heute praktizierte Personenfreizügigkeit weitet die Kluft zwischen armen und reichen Ländern aus. Sie schafft in ökonomisch schwachen Ländern der EU grosse demografische und soziale Probleme.

Mittelfristige Folgen für die reichen Länder

Auch für reiche Länder birgt die Bevölkerungszunahme Risiken. Sollten Zuwanderung und Geburtenrate eines Tages stark abnehmen, so dass die Zahl der Einwohner sinkt, haben künftige Generationen für eine massiv überalterte Bevölkerung aufzukommen. Zudem fällt der «Einwanderungsvorteil» in Form von Gratisausbildung, AHV- sowie Krankenkassenzustüpfen dahin. Die durch die Zuwanderung aufgeblähte Infrastruktur wird die öffentliche Hand stark belasten und der überdimensionierte Bausektor muss schrumpfen.

Einwanderung mit Augenmass ist nötig

Mit ihrer niedrigen Geburtenrate ist die Schweiz langfristig ein Einwanderungsland. Ziel wäre eine Politik, welche die wirtschaftlich schwächeren Länder unterstützt, statt diese auszubeuten. Ein anschauliches Beispiel bietet das wiedervereinigte Deutschland. Die innerdeutsche Personenfreizügigkeit hätte die neuen Bundesländer in einem grossen Ausmass verarmt, wenn die alten Bundesländer nicht einen milliardenschweren Finanztransfer geleistet hätten. Allein im ersten Jahrzehnt nach der Wende flossen fast eine Billion Euro nach Ostdeutschland.

Auch in der Schweiz würden wirtschaftlich benachteiligte Regionen ohne den jährlichen Finanzausgleich noch stärker entvölkert und würden grosse Einbussen erleiden.

Auslöser der Cincera-Affäre

Das branchenübliche Mass an Selbstdarstellung, das die Medienszene prägt, unterschritt Frischknecht deutlich. Als Person blieb er bescheiden, bewegte sich lieber im Hintergrund. Trotzdem wurde er Ende November 1976 landesweit bekannt, nämlich als Mitglied des «Demokratischen Manifestes» (DM), das sich gegen die Repression in der Schweiz engagierte. In dieser Organisation amtete ein Kassier, den Frischknecht und seine Mitstreiter als Spitzel des Zürcher Rechtspolitikers und Subversivenjägers Ernst Cincera enttarnten. Kassier K. führte Frischknecht und andere DM-Mitglieder in Cinceras Archiv. Dort behändigten die DM-Aktivisten eine Reihe von Dokumenten, die belegten, dass Cincera eifrig Spitzelberichte und Daten von angeblich subversiven Bürgerinnen und Bürgern sammelte, um sie an deren Vorgesetzte oder an politische Ämter weiter zu leiten. Diese Informationen veröffentlichte das DM unter Frischknechts Regie an einer Medienkonferenz. Darauf machte die Zürcher Fichenaffäre wochenlang Schlagzeilen; dies 14 Jahre bevor der nationale Fichenskandal die Schweizer Öffentlichkeit schockierte.

Im Journalismus gibt es zwei Arten von «Primeurs»: Einerseits Nachrichten, die ein Medium vorzeitig veröffentlicht, andererseits Informationen, die nur dank den Recherchen eines Journalisten oder einer Journalistin an die Öffentlichkeit dringen. Frischknechts Enthüllungen gehörten meist zur zweiten Gruppe. Er brachte manches an die Öffentlichkeit, das andere unter dem Deckel halten wollten. Er betrieb einen engagierten Interventions-Journalismus, der oft politische Debatten auslöste. Anfänglich publizierte Frischknecht primär in bürgerlichen Tageszeitungen, später zunehmend in der linken Wochenzeitung WOZ.

[[Journalistische Wanderungen]]

  • Keine Steuererleichterungen resp. indirekte Subventionierung ausländischer Personen und Unternehmen mehr;.
  • Keine Senkung von Unternehmenssteuern;
  • Ein Bankensystem ohne Steuerfluchtasyl;
  • Eine ökologische Landwirtschaft, die auf eine subventionierte Gewächshausproduktion mit Gastarbeitern verzichtet;
  • Ein Finanzausgleich für «Gratisleistungen» der Gastarbeiterländer;
  • Die Einsicht, dass Wachstum um jeden Preis fragwürdig ist.
  • Ein Ausblick

    Das Abstimmungsresultat über die Personenfreizügigkeit und die Auseinandersetzung über die Ecopop-Initiative sind hoffentlich ein heilsamer Schuss vor den Bug einer «Wachsdummspolitik», die allein durch kurzfristige und kurzsichtige Interessen geleitet wird. Es ist höchste Zeit für eine weitsichtige und verantwortungsvolle Kurskorrektur.

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    Siehe Grafiken in der Bilderreihe oben: «Globaler Brain-Drain von Forscherinnen und Forschern» und «Der Brain-Drain Überqualifizierter von armen Ländern in OECD-Länder».

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    Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Keine. Dr. Jürg Schiffer ist Soziologe und wohnt in Bern. Der heute Pensionierte arbeitete für das Forschungsinstitut in Magglingen, das Bundesamt für Statistik und als freier Mitarbeiter am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern, zuletzt spezialisiert auf Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Eine Zeitlang hat Schiffer ein Flüchtlingszentrum in Zollikofen BE geleitet.

    Weiterführende Informationen

    Afronline The Voce of Africa: «Why African governments should halt brain drain»
    ARA (US-NGO): «Brain Drain in Africa: Facts and Figures
    Vor und Nachteile des Brain-Drain für Entwicklungsländer: Einschätzung der österreichischen Forschungsstiftung für internationale Entwicklung, 2008.
    Zum Teil von Konzernen finanziertes Forschungsinstitut «Brookings Institution»: Brain-Drain ist gut für Afrika»: Positives überwiegt.

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    6 Meinungen

    Ja! Keine Steuererleichterungen resp. indirekte Subventionierung ausländischer Personen und Unternehmen mehr;.
    Keine Senkung von Unternehmenssteuern;
    Ein Bankensystem ohne Steuerfluchtasyl. Das ist Hehlerei!
    Eduard Baumann, am 04. April 2014 um 12:06 Uhr
    Die SVP hätte eine Initiative gegen die Masseneinwanderung von Kapital machen sollen....
    Es gibt ja Lichtblicke: Eine Ölhandelfirma wird vom Kt Zug nach Irland umziehen. Ich hoffe, es werden noch mehr diesem Beispiel folgen. Irland hat ja Erfahrung mit Finanzblasen....
    Die von Schiffer vorgeschlagenen Massnahmen finde ich völlig richtig.
    Mit einer fairen Handlungsweise fördern wir bestmöglich den Frieden, die Gripen braucht es nicht.
    Globale Wertabschöpfung erzeugt Armut und Spannungen, Spannungen ist die Grundlage des schmutzigsten aller Geschäfte, dem Geschäft des Krieges, Zerstörung und Wiederaufbau. Alles für's Wachstum. Arbeitsplätze für Arbeiten, die man sich sparen sollte. Leben statt arbeiten!
    Urs Lachenmeier, am 04. April 2014 um 13:26 Uhr
    Wissensmanufaktur, Andreas Popp zu
    Exportweltmeister, Schulden...
    http://www.youtube.com/watch?v=X0GzMWaeI3s#t=65
    Urs Lachenmeier, am 04. April 2014 um 13:45 Uhr
    Die Weltwirtschaft ist eine Räuberbande, jeder auf den eigenen Vorteil bedacht. Wer nicht gross, mächtig und Waffenstrotzend ist, heimlich Flugzeuge entführen kann, Gebäude einstürzen lassen kann, um es dann anderen in die Schuhe zu schieben, ist genötigt auf seine Art und Weise zu seinen Brötchen zu kommen, wenn er oder sie nicht untergehen möchte. Im Vergleich zum Rest der Welt zelebriert die Schweiz ihre politische Ueberlebensstrategie auf eine weniger verwerfliche Art als alle anderen. Verwerflich bleibt sie trotzdem in vielen Bereichen ihres Tuns, diese schöne Schweiz. Und es gibt Bereiche, da kann die Schweiz wirklich nicht die Ausrede bringen, wir können ja nicht anders, sonst kommen wir unter die Räder der anderen Raubtiere. Aber eben, wer will und kann das objektiv beurteilen?
    Beatus Gubler, am 04. April 2014 um 13:55 Uhr
    Dieser Artikel ist deshalb erfreulich, weil er zu denselben Schlüssen führt, wie sie - überraschenderweise - auch von Avenir Suisse gezogen wurden: Der «Zuwanderungssog» sei zu drosseln oder, wie ich es ausdrücke: Auf die Politik der «Verbrannten Erde» sei zu verzichten, denn Bäume wachsen bekanntlich nicht in den Himmel, ein Wissen das marktgläubige Ökonomen oder Verwaltungsräte noch immer verdrängen dürfen ... Dass der «Zuwanderungssog» am schnellsten und einfachsten mit der Abschaffung von Steuerprivilegien für ausländische Firmen erreicht werden kann, darin sind Avenir Suisse und Jürg Schiffer einig.
    Jean-Pierre Jaccard, am 04. April 2014 um 17:01 Uhr
    Dieselben Schlüsse, wie Avenir Suisse?
    - ein bischen schon...
    1. Verzicht auf Standortförderung, ausser in sehr strukturschwachen Gebieten
    2. Verzicht auf gezielte Steuervergünstigungen für zuziehende Firmen – bei möglichst guten Rahmenbedingungen für alle Firmen.
    Der Hautsatz bei 2. finde ich gut, was meint der Nebensatz genau «bei möglichst gute Rahmenbedingungen für alle Firmen"?
    Das ist eine schwammige und sehr weit interpretierbare Forderung.
    Urs Lachenmeier, am 04. April 2014 um 23:22 Uhr

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