«Unsere Forschung wurde behindert»
Frau Mevissen, vor 25 Jahren hiess es, man könne die Grenzwerte zum Schutz vor Mobilfunkstrahlung nur aufgrund thermischer Effekte, also beispielsweise der Erwärmung der Haut durch die Strahlung, festlegen. Dieser Wirkmechanismus sei der einzige der sich einwandfrei nachweisen lasse. Wissen wir heute mehr über nicht-thermische Effekte?
Wenn ich zurückfragen darf: Nehmen wir an, Sie benutzen ein Telefon und entwickeln einen Hirntumor. Interessiert Sie, ob dies von der Wärme, welche die Strahlung erzeugt, oder einem anderen Effekt stammt?
Nein.
Eben, das sehe ich auch so. Trotzdem machen wir alle Experimente thermisch kontrolliert und doppelblind. Schlussendlich aber ist es doch egal. Die Wärme kann Zellstress verursachen. Genau gleich wie Hitze oder intensives Joggen. Aber das geht ja auch wieder weg. Um Ihre Frage zu beantworten: Nein, es gibt nach wie vor keinen Wirkmechanismus.
Sie halten also nicht viel von der Unterscheidung zwischen thermischen und athermischen Effekten der Strahlung?
Tatsache ist wie gesagt: Ein Mechanismus für die Wirkung der Strahlung auf die menschliche Gesundheit wurde bisher noch nicht identifiziert. Daran arbeiten wir und untersuchen mögliche Wirkungen auf den menschlichen Körper, die relevant für die Gesundheit sind. Gleichzeitig hat die Bevölkerung doch ein Recht darauf zu wissen, wie der derzeitige Stand der Forschung ist. Mich stört dabei, dass Institutionen, wie etwa das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz, ständig alles wegdiskutieren. Auch wenn die Effekte, die gefunden wurden, klein sind, kann man das auch so kommunizieren. Das Bundesamt möchte, dass die Wissenschaft die Aussage macht, dass es keine Effekte gibt. Daraus folgt, dass sie keinen Entscheid treffen müssen, was offenbar, auch wenn es kleine Effekte sind, nicht gewollt wird. Die Forschung ist sehr politisch und wir sind immer wieder mit der Haltung konfrontiert, dass es keine Gesundheitsrisiken geben darf. Das behindert unsere Arbeit manchmal.
Expertin für Tiergesundheit und Mobilfunkstrahlung
Meike Mevissen erforscht die Gesundheitsrisiken von Mobilfunkstrahlung seit bald 20 Jahren. Sie ist seit 2002 Professorin für für Veterinär-Pharmakologie und -Toxikologie an der Universität Bern. Zudem ist sie seit deren Einrichtung im Jahr 2014 Mitglied der Beratenden ExpertInnengruppe für nicht-ionisierende Strahlung (Berenis) der Bundesverwaltung.
In einer weltweit Aufsehen erregenden Übersichtsstudie für die WHO haben Sie unlängst festgehalten, dass elektromagnetische Strahlung bei Labortieren Krebs in Form von Herz- oder Hirntumoren verursacht. Wurden Sie auch bei dieser Arbeit behindert?
Ja, am meisten störte mich, dass man uns ständig sagen wollte, wie wir unsere Arbeit zu machen hatten. Zuerst wollte uns der verantwortliche Experte für systematische Reviews der WHO, der selber noch nie an Tierstudien gearbeitet hatte, die Meta-Analyse der zu berücksichtigenden Studien abnehmen. Er wollte also für uns auswählen, welche Studien für die Beurteilung überhaupt infrage kamen. Doch dies war ja gerade eine wichtige Leistung von uns. Wir mussten uns ständig wehren, obwohl wir die weltbesten Leute zu diesem Thema beisammen hatten. Dies hat leider alles verzögert.
Was waren die Gründe?
In erster Linie wollte die WHO, dass wir alle augewählten Studien in einen Topf werfen und uns dann den Durchschnitt anschauen. Hier gibt es aber unterschiedliche Studienmodelle, Studien unterschiedlicher Tierarten, Geschlechter, die bekanntermassen auch unterschiedliche Ergebnisse bedingen. Daher sollte hier nicht eine Methodik verwendet werden, die das gar nicht berücksichtigt. Systematisches Vorgehen ist gut, aber dabei sollte man auch wichtige Erkenntnisse aus der experimentellen Krebsforschung und der Toxikologie nicht vergessen. Epidemiologische Studien funktionieren zwar so, aber auch da ist die Heterogenität der Studien selbstverständlich problematisch. Man muss sich schon fragen, wie gut eine Studie ist und ihre Resultate entsprechend gewichten. Genauer gefragt: Kann ich einen gute Studie ignorieren? Ich weiss nur eines bei den Tierstudien. Man kann die so aufgleisen, dass man nichts findet, indem man ein statistisches Rauschen kreiert, welches relevante Effekte verschleiert. Wenn ich so vorgehen soll, muss ich gar nicht erst anfangen.
In ihrer Studie schreiben Sie auch, dass unklar ist, ob die für Tiere belegte Krebsgefahr auch für Menschen gilt. Weshalb ist das so?
Es ist immer ein bisschen unklar, inwiefern sich die bei den Tieren beobachteten Auswirkungen auf den Menschen übertragen lassen. Wir haben andere Körper, einen anderen Stoffwechsel. Es gibt für die Übertragung zwar Daten und Modelle der IARC (die Internationale Agentur für Krebsforschung). Aber nicht für alle Krebsarten. Bei den Schwannomen, das sind Tumore des Nervensystems, fehlt beispielsweise ein entsprechendes Modell. Deswegen bin ich auch der Ansicht, dass man die epidemiologischen Daten genau beobachten muss. Also wie sich die Inzidenz der entsprechenden Krebsart beim Menschen entwickelt.
Und was sehen Sie da?
Es gibt schon Krebsarten, die ohne klare Erklärung immer häufiger auftreten, etwa Akustikusneurinome. Dies sind Tumore auf dem Hörnerv. Sie sind zwar gutartig, können aber auch Hirnnerven betreffen und lebensbedrohlich werden, wenn man sie nicht erkennt. Zudem kann man bei der Operation das Gehör verlieren. Ihre Zunahme könnte aber auch der besseren bildgebenden Diagnostik, spezifischerer Beschreibung des Tumortyps und anderen Faktoren wie Lärm, zuzuschreiben sein.
Vor dem Hintergrund dieser Unsicherheiten: Wie können und sollen wir uns alle schützen ?
Wir sollten uns nur so viel Strahlung wie nötig aussetzen und die Geräte mit Mass nutzen. Darauf sollten wir insbesondere bei den Kindern achten. Es ist zwar schon praktisch und faszinierend, dass sie ruhiggestellt sind, wenn man ihnen ein Tablet in die Hand gibt. Aber wir kennen die Risiken noch zu wenig. Hier sind nicht nur Risiken durch die Strahlung gemeint, sondern auch Konzentrationsschwächen, die durch das Handling und den ständigen Gebrauch dieser Geräte verursacht werden. Und dann sollten wir zumindest wissen wollen, welcher Strahlung wir im Alltag bei normaler Nutzung ausgesetzt sind. Niemand überprüft hierzulande, ob die Grenzwerte bei den Geräten eingehalten werden. Wenn ich nun neben mir mein iPhone habe, wie viel Strahlung kriege ich ab? Dies sollte auch die Politik interessieren.
Das ist aufwändig. Der Bundesrat sagte unlängst, dafür fehle das Geld.
Wer ein Smartphone kauft, bezahlt heute viel Geld. Wie viel davon fliesst in die Forschung? Wenn ich ein Medikament entwickle, muss ich jahrelang Geld an die Forschung abgeben. Bei elektronischen Geräten ist dies nicht der Fall. Dasselbe betrifft die Mobilfunkanbieter. Dass sie einfach Antennen ins Land stellen können, ohne grössere Beträge für die Erforschung der Gesundheitsrisiken der Strahlung beizusteuern, finde ich falsch.
Fürs Bundesamt für Umwelt machten Sie kürzlich auch eine Übersichtsstudie, welche das Wissen über die Risiken von Millimeterwellen zusammentrug. Ihr Fazit war: Es gibt kaum gute Studien zu diesem Thema. Die Anbieter und das Bundesamt für Kommunikation betonen ja immer wieder, dass mit der neuen Technologie, die zielgerichtet je nach Nachfrage funktioniert, weniger Strahlung benötigt wird. Können Sie das bestätigen?
Ich weiss nur, dass gemäss den gemachten Messungen auch mal die Grenzwerte überschritten wurden. Dies aber jeweils nur für kurze Zeit. Mich stört eher, dass ich jeweils nicht weiss, ob ich mich gerade in einem Strahlenbündel befinde, wo dies der Fall sein kann.
Mal abgesehen von den kaum erforschten Millimeterwellen: Welche Fragen müsste die Forschung ihrer Ansicht nach als nächste angehen?
Mich würden Modelle interessieren, die bestimmte Vorschädigungen oder -erkrankungen einschliessen. Dies steht ja derzeit bei Elektrosensiblen im Raum. Oder längerfristig kognitive Auswirkungen beim Menschen untersuchen. Dafür könnte man wie bei Arzneimitteln Studierende rekrutieren. Zudem wünschte ich mir einen besonderen Fokus auf jüngere Zellen im Entwicklungsstadium sowie auf jene in einem Alterungsprozess.
Weshalb?
Es wurde auch schon in der Literatur angedeutet, dass da Effekte eher auftreten dürften, weil die Zellen noch nicht fertig entwickelt oder bereits geschwächt sind. Zudem ist unsere Gesellschaft divers. Es ist nicht ganz fair, wenn man nur Risiken erforscht, welche die Jungen und Gesunden betreffen könnten.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...