Wegen Atombombe: US-Militär gab PFAS entscheidenden Schub
PFAS beschäftigen derzeit in der ganzen Schweiz die Behörden bis auf Gemeindeebene. Doch noch immer wissen wir wenig über die Stoffe. Dass die sogenannten Ewigkeitschemikalien giftig sind und auf die Erfindung von Teflon zurückgehen, ist erst seit etwa zehn Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Wegen eines Prozesses machten in den USA damals erste Medienberichte über die Gefährlichkeit des Kunststoffs die Runde.
Mit einem erzählenden Sachbuch steuert nun die US-Journalistin Mariah Blake ein weiteres, grosses Puzzleteil zum Wissen über PFAS bei. Blake war eine der ersten Journalistinnen, die 2015 ausführlich über die Vergiftung rund um Duponts Teflon-Fabrik in Parkersburg im US-Staat West Virginia berichtete.
In «They Poisoned the World» (die deutsche Übersetzung erscheint Ende Februar 2026) holt Blake besonders weit aus. Sie erzählt von einem weiteren Vergiftungsskandal um die Firma Saint-Gobain im US-Bundesstaat New York, von erfolgreichem Widerstand, und der bislang kaum bekannten Geschichte der Stoffe, die fast hundert Jahre zurückreicht.
Manhattan-Projekt entscheidend für PFAS-Entwicklung
Deren Details, so sagte Blake in einem Podcast-Interview, waren auch für sie neu: Denn entscheidend für Entwicklung und kommerzielle Verbreitung des Materials war das sogenannte Manhattan-Projekt mit welchem die USA im Zweiten Weltkrieg die Atombombe entwickelten.
In Blakes Erzählung entwickelte ein Dupont-Chemiker Teflon durch Zufall. 1938 arbeitete Roy Plunkett an der Entwicklung eines neuen Kühlmittels mit dem hochgiftigen Gas Fluorin, als er nach einem Experiment ein bestimmtes Material vorfand, das extrem glitschig war und sich auch durch starke Erhitzung nicht auflösen liess. «Es reagierte auf nichts», erinnerte sich Plunkett später.
Plunketts Chefs erkannten das enorme Potenzial des Stoffs sofort. Teflon war stark, hitzeresistent und konnte selbst giftigste Chemikalien abwehren. Doch Duponts Polymerchemie-Abteilung, zu diesem Zeitpunkt Weltmarktführer, schaffte es noch nicht, Teflon in grossen Mengen herzustellen. Dieselben Eigenschaften, welche den Stoff nützlich machten, bargen grosse Herausforderungen. Deshalb kam die Dupont-Direktion Ende der 1930er-Jahre zum Schluss, dass sich die kuriose Laborerfindung wohl nie für die Massenproduktion eignen würde.
Riesenkonzern – dank Schiesspulver, Preisabsprachen und Spionage
Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war das ehemalige Familienunternehmen Dupont eine der grössten Firmen der Welt. Das Unternehmen war stetig gewachsen. Zuerst als Schiesspulverfabrik und dann als Munitionslieferant hatte es ab 1803 wiederholt von lukrativen Verträgen mit der jungen US-Regierung profitiert. So durfte die Firma als einzige im US-Militär entwickeltes rauchfreies Schiesspulver herstellen.
1902 übernahm der Chemiker Pierre Dupont die Führung. Unter ihm führte die Firma als erste die Kennzahl des «Return on Investment» ein und richtete ihr Geschäft danach aus. Dies beinhaltete auch illegales Gebaren wie Preisabsprachen oder Industriespionage. 1912 wurde das Unternehmen zwar für seine Verstösse gegen das Kartellgesetz verurteilt, durfte das Monopol auf rauchfreies Schiesspulver aber behalten.
Wenig später verhalf der Erste Weltkrieg dem Unternehmen zu enormen Gewinnen. Doch die Blockade der deutschen Industrie zwang Dupont dazu, synthetische chemische Zusätze für Schiesspulver selber herzustellen. Dies war Fluch und Segen zugleich, denn Dupont verstand dadurch, wie wichtig diese Stoffe für die Herstellung unzähliger Güter waren.
Da begann die Firma stark in chemisches Wissen zu investieren. Sie kaufte kleinere US-Konkurrenten auf, baute einen grossen Laborkomplex in Deepwater, New Jersey, und saugte deutsches Chemie-Wissen auf, wo sie konnte. Nach dem Krieg erhielt Dupont spottgünstigen Zugang zu deutschen Patenten von unschätzbarem Wert.
Schweizer Chemiker rekrutierte in Deutschland
Weil US-Chemiker die Dokumente kaum verstanden, schickte das Unternehmen den Schweizer Chemiker Eric Kunz 1920 nach Deutschland, um Wissenschaftler zu rekrutieren. Kunz war nach seinem Studium am Polytechnischen Institut in Zürich (heutige ETH) in den USA bei Dupont gelandet und sollte später Direktor des Givaudan-Konzerns werden. Gemäss Blake brachte er eine Handvoll deutscher Wissenschaftler dazu, in die Schweiz zu reisen, wo vier Chemiker lukrative Arbeitsverträge unterschrieben.
Mit vollen Kassen aus dem Krieg ging Dupont auf Expansionskurs und begann mit der Massenproduktion vor allem deutscher Erfindungen. Zudem erkaufte sich der Konzern die Mehrheit am aufstrebenden Auto-Hersteller General Motors (GM), um dessen einziger Lieferant für synthetische Farben und Plastik zu werden.
Pionierfirma des Autogeschäfts – und synthetischer Chemikalien
In den Jahren darauf entwickelten, patentierten, produzierten und verkauften GM und Dupont einen lukrativen Zusatz für Automotoren: Tetraethylblei. Der hochgiftige Stoff brachte das damals lästige Klopfen in Automotoren zum Verstummen und steigerte dazu noch Effizienz und Motorenstärke. Trotz dutzender Toter und hunderter Erkrankter in den Fabriken sah die US-Regierung von einer unabhängigen Untersuchung des Stoffs ab und verliess sich stattdessen auf Robert Kehoe, einen von GM bezahlten Toxikologen, der den Grundsatz verankerte, dass neue Stoffe für sicher gehalten werden sollen, bis das Gegenteil erwiesen ist.
Erfindungen wie das bleihaltige Benzin machten GM zur reichsten US-Firma vor dem Zweiten Weltkrieg und bescherten auch Dupont saftige Gewinne. Einen Teil des Geldes investierte das Unternehmen in chemische Grundlagenforschung. Und so begann 1928 einer der dafür neu eingestellten Chemiker, Polymere genauer zu untersuchen. Wissenschaftler wussten da bereits länger, dass gewisse natürliche Materialien wie Seide, Holz und DNA aus Ketten kleiner Moleküle bestanden. Diese verbanden sich zu grossen Molekülen.
In einigen Fällen waren Forschende bereits auf synthetische Polymere mit bemerkenswerten Eigenschaften gestossen. Sie konnten elektrischer Strahlung widerstehen und konnten beliebig in unzählige Objekte verformt werden: Schmuck, Spielzeug oder Maschinenteile. Sie nannten diese Stoffe Plastik. Ende der 1920er-Jahre kannten sie zwar ihre Eigenschaften, wussten aber noch nicht, wie sie hergestellt werden konnten.
Rücksichtslose Kriegsprofiteure
1934 machten ein Journalist und ein Historiker mit einem Buch publik, dass Dupont die Entscheidung der US-Regierung, in den Ersten Weltkrieg einzutreten, über Gebühr beeinflusst hatte. Um danach exorbitante Gewinne einzufahren, indem es sowohl die Alliierten als auch deren Gegner mit Munition ausrüstete.
Ein Untersuchungskomitee des Parlaments enthüllte zudem eine bizarre Verschwörung. Eine auch durch Dupont und andere Unternehmen finanzierte Gruppe, welche den New Deal bekämpften, solle darauf abgezielt haben, die US-Regierung unter Präsident Roosevelt zu stürzen und eine Mussolini-artige Diktatur zu installieren. Innert weniger Tage wurde Dupont so zu einem Aussätzigen und das Parlament drohte, die Munitionsverträge zu kündigen.
Gegen Ende der 1930er-Jahre also, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, musste sich Dupont ein neues Image geben. Beraten vom PR-Strategen Bruce Barton sollte sich der Konzern wandeln. Vom Hersteller tödlicher Munition hin zur Quelle verblüffender Wunderwerke der Chemie, welche der gesamten Gesellschaft zugute kommen sollten. 1938 stellte die Firma der Welt deshalb mit einer grossen Kampagne Nylon vor.
In geheimer Mission – auch in eigener Sache
Und wenig später traten Vertreter der US-Regierung in geheimer Mission an Dupont heran. Aus Angst, dass die Nazis kurz vor der Entwicklung einer Atombombe sein könnten und alarmiert durch renommierte Wissenschaftler wie Albert Einstein, hatte die USA ein eigenes Programm zur Herstellung einer Atombombe gestartet – das sogenannte Manhattan-Projekt an der Columbia University in New York.
Um Uranium für eine Bombe anzureichern, mussten die Physiker den Stoff ins Gas Uranium Hexafluorid (Hex) umwandeln. Dabei sollte das Isotop Uranium-235 herausgefiltert werden. Dies gelang, doch zur Urananreicherung im grossen Stil brauchte das Team für Siegel und Dichtungen Materialien von bisher kaum gekannter Widerstandskraft. So kam Teflon ins Spiel und die US-Regierung beauftragte in einem ersten Schritt Dupont Anfang der 1940er-Jahre damit, den Stoff massenweise herzustellen. In einem zweiten Schritt galt es, eine eigene Klasse perfluorierter Kohlenwasserstoffe oder Perfluorcarbone (PFC) herzustellen – die späteren PFAS.
Dupont koordinierte die Arbeiten und die an unterschiedlichen Unis angestellten Wissenschaftler mussten dem Konzern regelmässig Bericht erstatten. Ende 1942 beauftragte die US-Regierung Dupont damit, drei Fabriken zur Herstellung der neuartigen Stoffe – die mittlerweile eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit waren – aufzubauen. Gleichzeitig durfte die Firma ebenfalls im Regierungsauftrag das für die Bombe ebenfalls benötigte Plutonium produzieren.
Dupont wollte nicht wiederholt als Kriegsprofiteur wahrgenommen werden und erledigte die Plutoniumproduktion ohne grosse Gewinne. Aber das Patent auf Teflon behielt die Firma, weil man wusste, dass es unabdingbar würde für zukünftige Anreicherungen.
Die Arbeiten an der massenhaften Urananreicherung fanden auf einem riesigen Areal mit 51 verbundenen Gebäuden und einem ausgeklügelten mechanischen Labyrinth an Leitungen, Filtern und Pumpen in Tennessee statt. Die Teflonproduktion ging zwar nicht schnell genug vor sich, aber dafür konnten andere PFC entwickelt werden, die einfacher in Massenproduktion gingen.
Doch deren Eigenschaften waren nicht vollständig bekannt und es bestand keine Zeit, um Risiken sorgfältig abzuwägen und Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Auf dem Dupont-Gelände auf der Insel Deepwater (New Jersey) waren Brände und Explosionen keine Seltenheit, Arbeiter mussten mit Atembeschwerden hospitalisiert werden. Die Angst vor Verletzungen führte zu Unruhen unter den Arbeitern und Dupont-Angestellte fürchteten sich davor, nach Deepwater versetzt zu werden.
Bereits 1943 beschwerten sich Obstbauern aus der Nachbarschaft, dass die Abgase der Fabrik ihre Pfirsichpflanzen beschädigten. Es gab Berichte von toten Kühen und Hühnern, verletzten Pferden und von Arbeitern, die sich nach dem Verzehr des Obstes nächtelang übergeben mussten.
Der Leiter des Manhattan-Projekts beauftragte eine Gruppe Forscher damit, die Gesundheitsrisiken der Stoffe zu untersuchen. James Conant, ein Chemiker und damaliger Präsident der Universität Harvard, analysierte die wenigen bereits vorhandenen Studien und warnte seine Kollegen vor der «ausserordentlichen» Giftigkeit gewisser PFCs.
Doch Dupont weigerte sich, Ärzten des Manhattan-Projekts eine Teflon-Probe zur Analyse auszuhändigen. In einem internen Schreiben des Projekts vom März 1944 wurde dafür folgende Begründung angegeben: «Dupont ist einer Herausgabe von Proben ihres eigenen kommerziell produzierten Materials abgeneigt, da bisher zahlreiche identifizierte Komponenten vielversprechend sind für die kommerzielle Nutzung».
Erfolgreich gegen griffige PFAS-Regulation
Ein Teil dieser Versprechen wurde fünf Jahre nach Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima eingelöst. Chefs des Konzerns 3M (Minnesota Mining and Manufacturing Company) hatten das Potenzial der PFCs ebenfalls erkannt und kurz nach Kriegsende zahlreiche Patente für die PFC-Herstellung gekauft und Manhattan-Projekt-Chemiker engagiert. Das Unternehmen war bestrebt, die neuartigen Stoffe in Massenprodukte umzuwandeln. Die Forscher tüftelten an neuen Zusammensetzungen und entwickelten fast täglich neue Kunststoffe, darunter PFOA.
1950 kontaktierten Dupont-Vertreter 3M, weil Teflon sich immer noch nicht in ein Massenprodukt umwandeln liess. Die 3M-Chemiker schlugen vor, Teflon mit PFOA zu mischen. Und tatsächlich: Gemischt mit PFOA liess sich Teflon leichter verformen und eignete sich so für Beschichtungen. Noch im selben Jahr nahm Dupont die Teflon-Massenproduktion in der neuen Fabrik in Parkersburg im Bundesstaat West Virginia auf.
Die chemischen Innovationen befeuerten den Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit. Die Hersteller zahlreicher Güter waren nun nicht mehr ausschliesslich auf beschränkt verfügbare natürliche Ressourcen angewiesen. Die neuen synthetischen Stoffe ermöglichten bald die massenhafte Herstellung einer grossen Bandbreite vergleichsweise kostengünstiger Produkte. Besonders bekannt wurden die Stoffbeschichtung Scotchgard von 3M, die Tefal-Pfannen oder Gore-Tex.
Gegen Ende der 1950er-Jahre hatten sich die neuen Stoffe aber auch als gefährlich erwiesen. Die US-Industrie stemmte sich deshalb mit einer aufwändigen PR-Kampagne der Firma Hill & Knowlton gegen die drohende Regulierung der Materialien. Die Bemühungen waren erfolgreich. Zwar verlangte das US-Parlament 1958, dass Chemikalien, die im Essen landen konnten – und zwar inklusive solche aus Verpackungen oder Küchenutensilien – vor dem Verkauf getestet werden mussten. Doch alle zu diesem Zeitpunkt bereits im Umlauf befindlichen Stoffe wurden von Tests ausgenommen.
Die breite US-Öffentlichkeit erfuhr erstmals 1962 durch Rachel Carsons Buch «Der stumme Frühling» von den Risiken der PFAS für Mensch und Umwelt. Die Aufmerksamkeit des Bestsellers führte in einem ersten Schritt zur Gründung der US-Bundesbehörde Environmental Protection Agency (EPA). In einem zweiten Schritt verschärfte das Parlament, nach verschiedenen durch Chemie-Fabriken verursachten Umweltkatastrophen in den 1970er-Jahren, die Regulierung leicht.
Noch heute: Risiken grossteils unbekannt
Doch auch diesmal wurden bereits existierende Stoffe vor kritischerer Prüfung geschützt. Deshalb, so schreibt Blake im Buch, wurde die Mehrzahl der heute über 80’000 in den USA im Umlauf befindlichen chemischen Stoffe bis heute nicht ernsthaft bezüglich Sicherheitsrisiken getestet.
Wie gefährlich die Stoffe sind, war in den Betrieben seit Mitte des letzten Jahrhunderts bekannt. Noch in den Achtzigerjahren brachten Frauen, die täglich mit Teflon arbeiteten, Kinder mit gravierenden Missbildungen zur Welt.
Unbestritten ist die Gefährlichkeit einzelner Stoffe jedoch erst seit wenigen Jahren und dem Skandal rund um die Dupont-Fabrik in Parkersburg. Davon erzählte etwa 2018 der Dokumentarfilm «The Devil We Know». Im Jahr darauf machte der Kinofilm «Dark Waters» (dt. Titel: «Vergiftete Wahrheit») die Geschichte des Anwalts, welcher Duponts dunkles Teflon-Geheimnis aufdeckte, weltweit bekannt.
Heute stehen sogar in den USA die Zeichen gut, dass PFAS stärker reguliert werden. Zudem geraten die Chemie-Multis durch zahlreiche Prozesse unter erhöhten Druck. Erst letztes Jahr musste sich Dupont gegenüber dem Bundesstaat New Jersey dazu verpflichten, über zwei Milliarden Dollar aufzuwenden, um vier verschmutzte Areale zu sanieren.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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