Arbeiter in einem Kontrollraum des KKW Fukushima © Ensi

Arbeiter in einem Kontrollraum des KKW Fukushima

KKW-Aufsicht will einen Notfall besser vorbereiten

Urs P. Gasche / 30. Aug 2011 - Als «Erkenntnis» aus Fukushima will das Inspektorat Ensi «dem Management eines realen Notfalls einen hohen Stellenwert einräumen».

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi als Aufsichtsbehörde, aber auch die KKW-Betreiber und die lokalen Behörden müssten für einen unerwarteten Katastrophenfall besser gerüstet sein: Das ist eine der Schlussfolgerungen des Ensi, das am Dienstag eine «vertiefende Analyse des Unfalls von Fukushima» veröffentlicht hat.

Die Katastrophe in Fukushima sei «insbesondere auf einen Auslegefehler zurückzuführen», heisst es im Bericht. Der Bericht geht jedoch nicht weiter auf diese Anlagefehler eingeht, weil er «auf die Ergebnisse im Bereich Mensch und Organisation fokussiert»: Welche menschlichen und organisatorischen Aspekte haben zur Unfallentstehung beigtragen? Das Ensi räumt ein, dass es «einen beachtlichen Teil der bisher vorliegenden Informationen Medienberichten entnommen» hat. Jedenfalls hätten bei der Unfallbewältigung «menschliche und organisatorische Aspekte des Notfall-Managements eine zentrale Bedeutung» gehabt.

«Konkrete Erkenntnisse»

Das Ensi hat zwei «konkrete Erkenntnisse formuliert», um Lehren für die Schweiz zu ziehen. Die erste betrifft die Sicherheitskultur und ist wenig konkret:

«Die organisatorischen, behördlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die grundlegenden Mechanismen menschlichen Handelns und des Funktionierens von Organisationen müssen bei der Beurteilung der Ereignisse in Japan berücksichtigt und in die Überlegungen zur Übertragbarkeit dieser Ereignisse auf die Situation in der Schweiz mit einbezogen werden. Deren Wirkungsart und (potenzielle) Auswirkungen auf die Sicherheit von Kernanlagen müssen identifiziert und verstanden werden...Das Ensi überprüft im Detail, ob sich aus den Ereignissen in Japan neue Erkenntnisse bezu?glich einer sicherheitsgerichteten Entwicklung von Organisationen ergeben, welche in der bisherigen Aufsichtspraxis, im Regelwerk des Ensi, aber auch in der Organisation des Ensi noch unzureichend berücksichtigt wurden. Dabei muss die Beschaffenheit und Wirkung des Gesamtsystems (d.h. des Zusammenspiels aller involvierten Akteure, von den Organisationen auf Seiten der Industrie, über die Aufsichtsbehörde, die politischen Instanzen bis hin zur Gesellschaft) mitberücksichtigt werden.»

Die zweite «konkrete Erkenntnis» betrifft das Notfall-Management. Besonders «konkret» sind auch diese Erkenntnisse noch nicht:

«Die bisher vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Arbeitsbedingungen für das sich nach dem Unfall in Fukushima vor Ort befindliche Personal, physisch wie psychisch äusserst schwierig waren. Der Einfluss derartiger Bedingungen auf die Leistungsfähigkeit von Personen in einer Notfallsituation muss vertieft reflektiert und bei der Notfallplanung von Betreibern der Kernanlagen sowie der Aufsichtsbehörden berücksichtigt werden... Die Ereignisse in Fukushima haben deutlich gezeigt, dass dem Notfallmanagement bei der Beeinflussung des Verlaufs eines schweren Störfalls eine entscheidende Rolle zukommt. Dem Notfallmanagement von Betreibern und Behörden (Aufsichtsbehörden, lokalen Behörden, aber auch internationalen Organisationen) ist deshalb bei allen beteiligten Instanzen ein entsprechend hoher Stellenwert einzuräumen. Neben den technischen Aspekten des Notfallmanagements (z. B. der Verfügbarkeit technischer Ausrüstungen für die Einleitung von Notfallmassnahmen) kommt dabei den menschlichen und organisatorischen Aspekten (z. B. Notfallabläufen, Prozeduren, Entscheidungsund Kommunikationswegen, Ausbildung und Einsatz des Personals etc.) eine zentrale Bedeutung zu. Es ist insbesondere auch den organisatorischen Massnahmen zum Schutz des Personals vor Ort vor unzulässiger Strahlenexposition während der Bewältigung des Störfalls die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Zentral ist dabei, dass nicht nur die Planung und Vorbereitung von Massnahmen für ein möglichst umfassendes Spektrum von zu erwartenden Ereignissen angestrebt wird. Es muss auch die Fähigkeit der beteiligten Organisationen, mit unvorhergesehenen Ereignissen umzugehen, in welchen die vorgesehenen Massnahmen nicht funktionieren, in die Überlegungen mit einbezogen werden. Die bisher vorliegenden Erkenntnisse deuten zudem darauf hin, dass die Arbeitsbedingungen für das sich nach dem Unfall in Fukushima vor Ort befindliche Personal, physisch wie psychisch äusserst schwierig waren.»

Konkretere Massnahmen will das Ensi erst an einer Medienkonferenz im September bekannt geben. Jedenfalls müsse der «Einfluss der schwierigen physischen und psychischen Arbeitsbedingungen auf die Leistungsfähigkeit des Personals in Notfallsituationen vertieft reflektiert und bei der Notfallplanung von Betreibern von Kernanlagen sowie der Aufsichtsbehörde berücksichtigt» werden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Zum Bericht des Ensi zu Fukushima II: Mensch und Organisation.
Zum grossen Interview mit Ensi-Direktor Hans Wanner
Zum Dossier «Kontroverse um die Sicherheit des Atomkraftwerks Mühleberg»

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