So wurde der Rechtsrutsch im Bundesrat programmiert

Christian Müller © aw
Christian Müller / 24. Nov 2018 - Die Zeitungen sind immer noch wichtig. Was aber, wenn die Redaktionen keine Zeit mehr haben, politischen Ränkespielen nachzugehen?

«Wählt Frauen!» Unter diesem Titel machte am 29. September 2018 Anna Wanner, Co-Leiterin der Inland-Redaktion der Aargauer Zeitung und ihrer Kopfblätter (*), auf einen Widerspruch bei der SP aufmerksam: Grüne und SP verlangten, so schrieb sie, für die Ersatzwahl in den Bundesrat von der CVP und der FDP je ein doppeltes Frauenticket, gleichzeitig aber lanciere die SP im Aargau für den Sitz der zurücktretenden Ständerätin Pascale Bruderer jetzt Cédric Wermuth – einen Mann. Das war aufmerksam beobachtet. Das Thema «Frau» ist ein Thema, und Anna Wanners Schlusssatz in ihrem Kommentar vom 29. September liegt durchaus nicht daneben. Wörtlich: «Die Zeichen der Zeit stehen auf Frau».

Wie aber war es vor einem Jahr, als für den abtretenden FDP-Bundesrat Didier Burkhalter eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger gesucht wurde?

Damals standen die «Zeichen der Zeit» nicht auf Frau, sondern auf Tessin. Es musste, wie es hiess, jemand aus dem Tessin in den Bundesrat, da dieser Kanton schon seit Jahren im Bundesrat nicht mehr vertreten war. Und das Tessin hatte ja auch eine FDP-Frau, die geradezu prädestiniert war für das hohe Amt in Bern: Laura Sadis. Sie war, in ihrer politischen Laufbahn, acht Jahre lang im «Consiglio comunale» der Stadt Lugano (das ist die Legislative), sie war acht Jahre lang im «Gran Consiglio», im Grossen Rat des Kantons Tessin, sie war acht Jahre lang im «Consiglio di Stato», im Tessiner Regierungsrat, und sie sass als Tessiner FDP-Frau vier Jahre lang im Nationalrat in Bern. Hatte jemand eine bessere Voraussetzung, um in den Bundesrat gewählt zu werden?

Aber nein, so kam es nicht. Und die Tessiner glauben zu wissen, wer im Auftrag der FDP-Parteizentrale in Bern die Tessiner-Fäden zog, damit es nicht so kam: Fulvio Pelli, von 2005 bis 2012 Präsident der FDP Schweiz und von 1995 bis 2014 für die FDP im Nationalrat. Laura Sadis war den Partei-Spitzen in Bern innerhalb des eigenen FDP-Parteispektrums zu links, und vor allem durfte es diesmal keine Frau sein, um so sicherzustellen, dass beim erwarteten Abgang von Bundesrat Johann Schneider-Ammann dann eine Frau zum Zug kommen musste: die politisch genügend rechts stehende St. Galler Ständerätin Karin Keller-Suter nämlich.

Was aber sagte damals die Journalistin Anna Wanner im Hinblick auf die Bundesratswahlen? In Bezug auf die Frauen? In Bezug auf Laura Sadis?

2017 waren Frauen gewollt kein Thema

Laura Sadis war in der AZ nie ein Thema. Auch andere Frauen aus dem Tessin waren in der AZ nie ein Thema. Es musste einfach, wie aus Bern vorgegeben, ein Tessiner sein – und in diesem Fall eben ein Mann: Ignazio Cassis. Ein Mann ohne jede Erfahrung in einer Exekutiv-Behörde.

Eine knappe Woche vor der Bundesratswahl am 20. September 2017 schrieb Anna Wanner unter dem Titel «Der zwingende Kandidat» deutsch und deutlich: «Cassis politisiert nicht ideologisch, er hört anderen zu, ist höflich im Umgang, aber hart in der Sache. Seine Herkunft kommt ihm nun zupass: Sie macht aus einem guten einen zwingenden Kandidaten. Das Parlament sollte Ignazio Cassis wählen.» (Ihr Kollege Jonas Schmid votierte auf der gleichen Zeitungsseite für Isabelle Moret, Titel: «Wählt die Frau in den Bundesrat», und ihr Kollege Denis Bühler votierte für Pierre Maudet, Titel: «Wählt den fähigen Kandidaten».)

In den gleichen Tagen kurz vor der Wahl hatte Anna Wanner ihn auch besucht, diesen von Fulvio Pelli auserwählten Hans-Dampf-in-allen-Gassen Ignazio Cassis, in seinem Heim im Luganeser Nobeldorf Montagnola. Und sie schrieb über ihn eine echt brillante «Homestory», wie das unter Journalisten genannt wird. «Dort, wo Zypressen den Weg zur Kirche Sant’Abbondio säumen und ein Flair von Toskana versprühen, beginnt der Gemeindeteil Montagnola, der Wohnort von Ignazio Cassis», hiess es da etwa einleitend, und da konnte man dann auch lesen, dass Ignazio Cassis ein «passionierter Gitarrist, Sänger und Trompetenspieler» ist – auch wenn er jetzt keine Zeit mehr habe, am Dorfleben von Collina d’Oro teilzunehmen. Hier, in dieser Homestory, wurde er gezeigt, wie er ist – oder besser, wie er sich gerne gibt, dieser Ignazio Cassis, der klassische Latino, der südländische «Simpatico».

Einen ähnlich schönen Bericht hat man über die Frau aus dem Tessin, über Laura Sadis, die da ebenfalls zur Verfügung gestanden hätte, leider nirgends lesen können. Immerhin, die Online-Plattform Watson, die ebenfalls zu den AZ Medien gehört, hatte vermeldet, dass es sie gibt und dass sie bereit gewesen wäre, anzutreten.

Es wurde alles programmiert

Die Rechnung – nein, nennen wir es beim Namen: das abgekartete Spiel der FDP-Spitze – ist aufgegangen. Es ist gelungen, das Thema Frau im Herbst 2017 vergessen zu machen, weil da eine Frau gewählt worden wäre, die zu wenig stramm rechts politisiert. Jetzt aber, ein Jahr später, ist das Thema Frau plötzlich entscheidend, und man präsentiert pro forma ein Zweier-Ticket, eine Frau und einen Mann, damit für die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Suter die Tür schon deshalb weit offen steht, weil sie eine Frau ist. Der uns damit bevorstehende Rechtsrutsch im Bundesrat war klug ausgeheckt und zeugt von perfekter Programmierung.

Und ist jetzt Anna Wanner schuld?

Nein. Anna Wanner ist eine gute Journalistin und vertritt oft eigenständige Meinungen. Die These sei sogar erlaubt, dass sie für Laura Sadis eingetreten wäre, hätte sie sich im Tessin besser ausgekannt, das damalige Einerticket für Ignazio Cassis vor Ort im Tessin hinterfragt und hätte sie Laura Sadis ebenso gut kennenlernen können wie später Ignazio Cassis.

Die Geschichte zeigt aber, was das Problem heute ist: Die grausame Ausdünnung der Zeitungsredaktionen bewirkt, dass die Journalistinnen und Journalisten massiv überlastet sind und sich um ein Thema erst kümmern können, wenn es auf dem Tisch liegt – oder anders gesagt: wenn die politischen Strippenzieher hinter den Kulissen ihre Arbeit schon längst erledigt haben. Wer in den Deutschschweizer Redaktionen hat heute schon Zeit, sich um den Kanton Tessin zu kümmern? Selbst die grosse NZZ hat im Tessin keinen Korrespondenten mehr. Das kann man ja alles von Zürich oder von Bern aus machen, es ist billiger …

… und die Folgen

Und so haben wir nun den von der Deutschschweizer FDP gewünschten Tessiner, der, trotz Einerticket, um auch für die SVP wählbar zu sein, seine schweizerisch-italienische Doppelbürgerschaft formell aufgegeben hat und der zu gleichem Zweck kurz vor der Wahl auch noch der Waffen-Lobby-Organisation «Pro Tell» beigetreten war.

Neben den zwei SVP-Bundesräten Ueli Maurer und Guy Parmelin künftig Ignazio Cassis und Karin Keller-Suter von der FDP im siebenköpfigen Bundesrat, da kann man ahnen, was geschlagen hat – und was auf uns zukommt.

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(*) Am Freitag wurde mitgeteilt, dass Anna Wanner und Doris Kleck jetzt die Co-Leitung der Bundeshausredaktion der CH Media übernehmen. Dazu gehören neben der Aargauer Zeitung und ihren Kopfblättern auch die Luzerner Zeitung und das St. Galler Tagblatt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Zum Autor. Christian Müller hat seine journalistischen Sporen zwischen 1964 und 1978 beim «Badener Tagblatt» abverdient, dessen damaliger Verleger Otto Wanner der Grossvater von Anna Wanner war. – Es gibt keine Interessenkollisionen.

Weiterführende Informationen

Palästina: Cassis bleibt Cassis
Das politische Profil von KKS zeigt klar, wo sie "zuhause" sein wird (SRF)

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Eine Meinung

Ich teile die Ansicht von Christian Müller über den ausgedünnten JournalistenInnen nicht. Ein BR aus dem Tessin ist schon seit mehreren Jahren in der Diskussion, genügend Zeit um mögliche Personen in den Fokus zu nehmen! BR Wahl ist ja mehr als Lotto auf dem Lande. Vielmehr hat sich die Qualität der JournalistenInnen reduziert die aus wirtschaftlichen Gründen immer mehr den von den Verlegern gewünschten unkritischen und verhaltenem Mainstream folgen. Diese Gefolgschaft offenbart eben auch die charakterliche Schwächen der Gilde. Schuld an dem Niedergang der JournalistenInnen ist auch die MAZ die im Mikrowellprinzip Leute ausbildet denen jede Befähigung für den Beruf fehlt! Hauptsache die Kursgelder kommen rein!
Victor Brunner, am 25. November 2018 um 10:30 Uhr

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