Katars Hauptstadt Doha: Der Zwergstaat ist nur äusserlich modern © Jaseem Hamza/Wikimedia Commons/CC BY 3.0

Katars Hauptstadt Doha: Der Zwergstaat ist nur äusserlich modern

Katar-Konflikt: Schwertertanz und Falkenjagd

Erich Gysling / 07. Jun 2017 - Die Sanktionen gegen Katar sind absurd. Weil der Kleinstaat gute Kontakte zum Erzfeind Iran unterhält, soll er isoliert werden.

Je mehr Details rund um die Blockade Katars durch die Saudis (in deren Gefolge die Emirate, Bahrain, das von Riad abhängige Ägypten und die machtlose «Regierung» Jemens) ans Licht kommen, desto absurder wird der Plot. Donald Trump lobt die Saudis und deren Verbündete, das Pentagon in Washington hält dagegen mit einer Aussage, man schätze Katars «enduring commitment to regional security». Das FBI veröffentlicht eine Mitteilung des Inhalts, alles beruhe auf einem Missverständnis, das auf einen russischen Hackerangriff zurückgehe und der «fake news» über Katar verbreitet habe.

Nicht dementiert wurde anderseits, dass die Herrscher Katars ein Lösegeld in der Höhe von einer Milliarde für die Freilassung von gekidnappten Familienmitgliedern in Irak bezahlt hätten, die sich dort auf der Falkenjagd vergnügten. Und diese Milliarde sei dann sowohl an iranische Sicherheitskräfte (die bei der Befreiung der Falkenjäger offenbar mithalfen) wie auch an islamistische Terroristen geflossen.

Geschlossene Allianz gegen Iran

Geld für die Iraner: für die Saudis Horror pur und gleichzeitig ein Anlass zu hartem Handeln. Es durfte umso härter sein, als das saudische Königshaus ja – vermeintlich – von den USA eine carte blanche für Aktionen gegen Iran und dessen Nicht-Feinde (Freunde Irans sind die Katarer nicht, wohl aber nüchterne Geschäftspartner) erhalten hat, kurz vor oder nach dem von Donald Trump mitgeschunkelten Schwertertanz. Eine entschlossene Allianz gegen Iran sollten die ach so ehrenwerten Araber bilden, forderte der US-Präsident, in Anlehnung an eine Taktik auf dem Pausenhof einer Brutalo-Schule «Jetzt mal alle gegen einen!». So einfach wäre es gemäss Trump, im Nahen und Mittleren Osten den Frieden herzustellen…

Bei den Saudis fand dieser Appell offenkundig etwas allzu offene Ohren – haben sie übersehen, dass die USA massive Interessen in Katar haben, dass sie dort über 10‘000 Soldaten und eine Kommandozentrale verfügen, von der aus alle Angriffe in Irak, Afghanistan und Syrien koordiniert werden? Hat Donald Trump bei seinem Twitter-Lob für die Katar-Blockade die Existenz dieser für seine eigene «Doktrin» so wesentlichen Zentrale schlicht vergessen? Es wirkt absurd, aber eine rationale Erklärung gibt es nicht.

Irritierend ist anderseits auch, dass jahrelang Gelder in Milliardenhöhe aus saudischen Quellen (man sagt allgemein «aus privaten Quellen») zugunsten extremster Islamisten-Gruppen in Syrien und anderen Konfliktgebieten geflossen sind. Dass also nicht nur Katar die Islamisten in der Region finanziell unterstützt hat. Und ebenso irritierend ist, dass ausgerechnet die Ideologie der saudischen Wahhabiten den Terroristen das geistige Rüstzeug geliefert hat.

Verletzlicher Kleinstaat

Wie wird es weitergehen? Die USA, Kuwait, die Türkei bemühen sich um Vermittlung in diesem beispiellosen internen Konflikt im Mittleren Osten. Wahrscheinlich kann man einen Kompromiss aushandeln, aber ebenso wahrscheinlich ist auch, dass Katar für einige Zeit ins Schleudern gerät. Der nur äusserlich moderne Kleinstaat ist aufgrund der Geografie verletzlich: 40 Prozent der Lebensmittel kommen aus oder via Saudiarabien; die Flugzeuge der Fluggesellschaft Katars können nur mit drastischen Einschränkungen auf die Nutzung des saudischen Flugraums verzichten. Und was geschieht mit den Zehntausenden von ägyptischen Gastarbeitern, die in und um Doha (zu Billiglöhnen) an den Stadien für die Fussball-WM von 2022 arbeiten? Und was mit den kaum halbfertigen Baustellen, deren Zement jetzt in Saudiarabien blockiert ist? Und was, wenn die Krise dazu führt, dass die Meerenge von Hormuz für Schiffe mit verflüssigtem Erdgas aus Katar auch nur für einige Wochen gesperrt würde?

So weit ist man glücklicherweise noch nicht. Doch wer weiss, wie weit die Irrationalität noch getrieben wird?

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Ein Aperçu zum Schluss: Es betrifft die Falkenjagd. Jeder Katari, der etwas auf sich hält (übrigens auch jeder Bürger der Emirate), besitzt einen oder gar mehrere Falken. Im eigenen Land aber gibt’s keine Möglichkeit zur Jagd mit Falken – weil es an Beutetieren für die Raubvögel mangelt, auch an kleinen Antilopen oder Hasen. Der Falken-Besitz ist somit reine Prestige-Sache. Aber nun muss man mit diesen Vögeln ja irgend etwas tun. Was? Man bringt sie von Zeit zu Zeit in eine Art Volière, wo sie im Kreis herumrasen und ihr Gefieder putzen können. Und einmal, vielleicht zweimal pro Jahr organisieren Angehörige einer Familie oder Freunde eine Falkenjagd im Ausland. Sie fliegen dafür, mit ihren Tieren (die können in einigen Gesellschaften von Golf-Airlines einen eigenen Platz, gegen gutes Geld, erhalten) in ein anderes Land. Früher flog man gerne nach Afghanistan, aber dieser Trip wurde zu riskant. So bot sich beispielsweise Kasachstan als Ausweich-Destination an. Oder eben auch Irak, in vermeintlich sicheren Gegenden. Aber so sicher wie gedacht, war’s dann für die Mitglieder der Herrscher-Familie Katars dort doch nicht…

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung

Erich Gyslings aufschlussreicher Bericht über die aktuelle Krise um Qatar liefert nicht nur höchst relevante Hintergrundinformation zur grotesken, von den Saudi-Scheichs orchestrierten und durch US-Präsident Trump aktiv provozierten Katastrophenpolitik am Golf, sondern vermittelt überdies auch noch ein eindrucksvolles Sittenbild des «Weissen Hauses» unserer Tage; gibt Einblick in das unfassbar dilettantische Politmanagement, welches Dampftwitterer POTUS 45 treibt, ohne dass ihm von irgendwelcher Seite her Einhalt geboten würde.
René Edward Knupfer-Müller, am 12. Juni 2017 um 16:52 Uhr

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