Nach der Chemotherapie nochmals eine Chemiekeule? (Symbolbild, Frau nicht betroffen) © AgedCareInsite

Nach der Chemotherapie nochmals eine Chemiekeule? (Symbolbild, Frau nicht betroffen)

Milliardenumsätze mit Frauen im Krebs-Endstadium

Urs P. Gasche / 22. Jan 2018 - Todkranke Frauen leben mit dem Medikament nicht länger. Ob wenigstens ihre Lebensqualität besser wird, ist auch nicht belegt.

«Patientinnen nehmen schwere Nebenwirkungen in Kauf, weil man sie im falschen Glauben lässt, dass sie länger oder doch besser leben», berichtete Infosperber am 16.9.2017 unter dem Titel «59'000-Franken-Therapie ohne erwiesenen Nutzen».

Betroffen sind über 50-jährige Frauen, die an einem tödlichen Brustkrebs erkrankt sind. Ihr Tumor muss bereits «lokal fortgeschritten» oder «metastasierend» sein, und die Frau muss bereits eine antihormonelle Therapie mit allen Nebenwirkungen hinter sich haben.

Diesen Frauen dürfen Ärztinnen und Ärzte das Medikament «Ibrance» des Pharmakonzerns Pfizer in Kombination mit dem Medikament «Fulvestrant» von Sandoz empfehlen. Den Frauen sagen sie, dank dieser neuen Medikamenten-Kombination könne das Wachstum des Tumors um fünf Monate länger gehemmt werden als bei der Einnahme von Fulvestrant allein. Sie reden von «progressionsfreiem Überleben» und übernehmen damit die irreführende Sprache der Pharmaindustrie.

Denn mit «Überleben», also einem längeren Leben, hat das «progressionsfreie Überleben» nichts zu tun. Gemeint ist lediglich, dass der Tumor während weniger Wochen oder Monate nicht weiter wächst. Das schiebt jedoch den Todeszeitpunkt in den allerwenigsten Fällen hinaus, wie eine am 4. Oktober 2017 veröffentlichte Studie im «British Medical Journal» BMJ beweist.*

Sieben Milliarden Umsatz pro Jahr mit «Vorzeige-Wirkstoff»

Aus Sicht der Aktionäre entwickeln sich die weltweiten Absätze von «Ibrance» hervorragend. Holger Alich, Wirtschaftsredaktor beim Tages-Anzeiger, nennt «Ibrance» einen «Vorzeige-Wirkstoff». Er zitiert anonyme «Analysten», die laut dem «Fachdienst Evaluate» jährliche Umsätze von über sieben Milliarden Dollar erwarten. Dank solcher «Bestseller» könne Pfizer zum viertgrössten Hersteller von Krebsmitteln aufsteigen.

Damit werde Pfizer in diesem wichtigen Geschäft «ein harter Wettbewerber» von Roche und Novartis. Um nicht überholt zu werden, habe Novartis dem Pharmakonzern GKS für 14 Milliarden Dollar dessen Krebssparte abgekauft.

Nicht etwa eine Medizinerin oder ein Mediziner stehen der Krebssparte von Novartis vor, sondern neu die Marketing-Expertin Elizabeth Barrett. Sie muss dafür sorgen, zitiert der TA-Wirtschaftsredaktor eine Pharma-Analystin, «dass dem Konzern hier die Wachstumstreiber nicht ausgehen».

Vergleiche mit Nichtstun – reine Messwerte als Kriterium eines Nutzens

Für Wachstumstreiber müssen die Pharmafirmen den Zulassungsbehörden Resultate wissenschaftlicher Studien vorlegen. Man kann sich nur vorstellen, wie an den Methoden und Auswertungen solcher Firmen-Studien gefeilt wird, um eine positive Wirkung zu «beweisen».

  • Verglichen wird deshalb meistens nicht die Wirkung im Vergleich zur bisher besten Therapie oder im Vergleich zu palliativen Massnahmen, sondern im Vergleich zum Nichtstun, genannt Placebo.
  • Gemessen wird häufig nicht der für die Patientinnen und Patienten relevante Nutzen – längeres Leben oder wenigstens eine bessere Lebensqualität während der letzten Monate oder Wochen –, sondern die Verbesserung eines reinen Messwerts wie das Wachstum des Tumors. Solche Messwerte nennt man «Surrogate».

Die Verbesserung eines Messwerts oder Surrogats macht jedoch nur Sinn, wenn – im konkreten Fall – ein temporärer Wachstumsstopp des Tumors in der Regel auch das Leben verlängert oder die Lebensqualität verbessert. Dies ist beim verzögerten Wachstum von Tumoren jedoch nicht der Fall, wie die bereits genannte Studie im «British Medical Journal» BMJ bewiesen hat.*

Warum halten sich die Swissmedic und vor allem das BAG nicht an die Vorgaben, welche das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG für Deutschland macht:

  • Surrogate gelten nur dann als Beleg eines Nutzens, wenn statistisch erwiesen ist, dass die erzielten Erfolge beim Surrogat auch den patientenrelevanten Endpunkt positiv beeinflussen (Beleg für den Kausalzusammenhang).
    Mit «patientenrelevantem Endpunkt» ist entweder eine Verlängerung des Lebens oder eine Verbesserung der Lebensqualität gemeint.

Vielleicht verbesserte Lebensqualität – im Vergleich zum Nichtstun

Nach Vorab-Informationen über eine Zwischenauswertung einer weiteren Pfizer-Studie («Paloma-2») soll die Kombination «Ibrance/Letrozol» die Lebensqualität bei Erstanwendung verbessern. Allerdings wurde «Ibrance» mit einem Placebo verglichen anstatt mit einer guten palliativen Behandlung. Man weiss also nicht, ob «Ibrance/Letrozol» für die Lebensqualität besser oder schlechter ist als eine Standardtherapie mit palliativen Methoden.

Warum geben sich Zulassungsbehörden – und vor allem das Bundesamt für Gesundheit (Kassenpflicht) – mit Placebo-Vergleichen zufrieden?

  • Weil Pharmakonzerne «Wachstumstreiber» brauchen und ihre Lobby-Macht zu gross ist.

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Von der Stiftung für Konsumentenschutz und dem Dachverband der Patientenstellen unterstützter Vorschlag zu Handen des Bundesrats: «Einfachere, schlankere und nachvollziehbarere Kriterien für die Aufnahme von Medikamenten in die Kassenpflicht» vom 25.5.2012

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Infosperber-DOSSIER: «Die Politik der Pharmakonzerne»

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*BMJ2017:359:j4530: «Availability of evidence of benefits on overall survival and quality of life of cancer drugs approved by European Medicines Agency: retrospective cohort study of drug approvals 2009-13»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor vertrat von 2008 bis 2015 die Prämienzahlenden und PatientInnen in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.

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11 Meinungen

Passt ja nahtlos zum vorherigen Artikel «Teures unnützes Medikament für todkranke Patienten». Diese Informationen sind so wichtig für die Oeffentlichkeit! Danke für Ihre Arbeit. Den Aerzten unterstelle ich nichts Böswilliges, es gibt genug, die selber ehrlich und transparent über den Nutzen von solchem Zeugs informieren. Oder sie werden von den Patienten oder angehörigen selbst unter Druck gesetzt... Ansonsten ist es halt unser unheilvolles System, dem sie sich beugen. Das muss aufhören!
Domenica Ott, am 22. Januar 2018 um 12:09 Uhr
Und wie genau soll die Lebensqualität «gemessen» werden? Subjektives Empfinden ist eben nicht objektivierbar. Placebo-Effekte sind hilfreich und werden durch Medikamente immer verstärkt, ob diese objektive chemische Wirkung haben oder nicht. Es ist eine Zumutung für Betroffene, wenn sie ggfl. mit solchen Berichten konfrontiert werden; das kann ihre gefühlte Lebensqualität dramatisch verringern! Aber es gehört offensichtlich zum Trend Patienten zu beschuldigen «überflüssige» Therapien zu beanspruchen und den Ärzten kommerzielle Absichten zu unterstellen. Vielleicht wäre eine Studie zur Frage, was die Faktoren sind, die zunehmend Menschen scheinbar krank machen hilfreicher, aber wohl weniger populär.
Hermann K.J. Fritsche, am 22. Januar 2018 um 13:31 Uhr
@Fritsche. Die Lebensqualität (psychisch und motorisch) kann sehr wohl mit international standardisierten Fragebogen gemessen und festgestellt werden. Solche Belege legen auch die Pharmafirmen vor, sofern die Resultate für sie günstige sind. Im Endstadium eines Krebskranken oder einer Krebskranken wird der Glaube an Placebos kaum mehr zur verbleibenden Lebensqualität beitragen.
Urs P. Gasche, am 22. Januar 2018 um 13:40 Uhr
Die Überlebensraten täuschen: Heisst es, dass das Überleben 5 Monate beträgt, dann handelt es sich um einen Durchschnittswert. Lebt eine Frau damit nur einen Monat länger, und stirbt, dann ist das schlecht, doch gleichzeitig verdient die Firma dann nicht weiter daran. Es gibt aber auch Frauen, die leben damit 2 Jahre länger. Diese würden kaum behaupten, dass sie ein wirkungsloses Medikament erhalten haben. Es macht zudem einen grossen Unterschied, ob der Krebs mit 50 zuschlägt oder erst mit 80. Je nach Alter sind die Ansprüche an eine lebensverlängernde Therapie unterschiedlich. Gerade mit 50 wollen Betroffene noch Zeit gewinnen um ihr Leben für ihre Angehörigen zu regeln. Die heutige Krebstherapie hat sich grundlegend gewandelt und geht, wenn immer möglich sehr gezielt vor. Was in den Zulassungsstudien oft noch nicht untersucht wurde ist der Umstand, weshalb das Medikament bei einigen Frauen nicht wirkt. Nachfolgestudien bringen oft Aufschluss darüber, sodass der Kreis der PatientInnen, die von dem neuen Medikament profitieren könnten schrumpft. Bei den übrig bleibenden wirkt die Therapie dann umso besser. Gerade dieser Umstand wird im BMS zu wenig berücksichtigt. Zudem kann die Studie nicht 1:1 auf Schweizer Verhältnisse übertragen werden, da eine Europäische Zulassung nicht automatisch auch für die Schweiz gilt. Behandlungsfachgremien in Spitälern (Tumorboards) - heute Standard - garantieren schliesslich in der Schweiz, dass PatientInnen keine nutzlosen Therapien erhalten.
Thomas Ferber, am 22. Januar 2018 um 14:31 Uhr
Sehr geehrter Herr Urs P. Gasche.
Ihren Artikel kann ich nur zustimmen, ich habe zwei Frauen durch krebs verloren. Meine ganzen Erfahrung die ich kennen lernen durfte, kann ich ihren Artikel welche Sie schreiben nur bestätigen in beiden Fällen treffen die genau bei mir zu. Ich frage mich oft wie ich dieses überhaupt durchgestanden habe. Es geht um Geldmaximierung. So ist mein Fazit dazu. So trauerig es auch ist. Freundlichen Gruß Werner Kämtner
Werner Kämtner, am 22. Januar 2018 um 14:39 Uhr
Es ist zutiefst bedenklich, dass diese Geschäftspolitik von Swissmedic und BAG gestützt wird. Gegenüber den Patientinnen werden haltlose Heilsversprechen gemacht. Wäre es nicht eine weltbekannte Pharmafirma sondern ein lokaler Kurpfuscher ginge es ihm an den Kragen.

Wäre es ein kostengünstiges Medikament, das an Stelle von gleichwertigen, aber teureren, anwendbar wäre, wäre gegen die Kassenpflicht ja nichts einzuwenden.

Die Krux ist, dass nur Pharmafirmen gegen Entscheide der Ämter rekurrieren können, Krankenkassen aber nicht. Hier muss das Gesetz geändert werden.
Jürg Schmid, am 22. Januar 2018 um 16:06 Uhr
@Ferber. Für einen vom Gesetz verlangten wissenschaftlichen Nutzen braucht es ein statistisch signifikantes positives Resultat. Das gibt es im Fall von Ibrance für ein Hinausschieben des Todes nicht. Eine krebskranke Patientin, die laut Prognosen aufgrund ihres Zustands im Durchschnitt noch sechs Monate lebt, kann durchaus noch ein ganzes Jahr leben – mit oder ohne Medikament. Dass ein Medikament geholfen hat, muss bewiesen sein, sonst müssten PatientInnen und Prämienzahlende noch viel mehr teure Medikamente mit unbewiesenem Nutzen zahlen. – Bei Ihren Interessen haben Sie nicht angegeben, dass Sie Redaktor des «Oncoletters» sind, der nach eigenen Angaben mit «über nicht öffentlich zugängliche Werbung für Medizinalpersonen finanziert» wird.
Urs P. Gasche, am 22. Januar 2018 um 21:31 Uhr
@Gasche: Das ändert nichts an meiner Aussage, die in sich geschlossen unabhängig davon korrekt ist, ob eine Firma Werbung bei Oncoletter schaltet oder nicht. Die Pharmaindustrie ist nicht per se schlecht. Fairerweise müssten Sie zudem erwähnen, dass bei Ibrance (Palbociclib) die Daten für das Gesamtüberleben noch nicht reif waren beim Publikationszeitpunkt im vergangenen Jahr. Die Studie wurde übrigens bei Patientinnen durchgeführt, bei denen schon viele Therapien durchgeführt wurden, und die somit austherapiert waren. Daher ist es weder unethisch noch wissenschaftlich falsch, wenn in diesem Moment Plazebo zum Vergleich herangezogen wird. Die Zulassung erfolgt dann konsequenterweise nicht für eine Erstlinientherapie. Um dafür die Zulassung zu erhalten, muss ein Vergleich mit der besten verfügbaren Behandlung gemacht werden. Sobald die Daten zum Gesamtüberleben publiziert sind, wird auch Oncoletter wieder darüber berichten.
Dass Medikamente an PatientInnen abgegeben werden, die davon nicht mehr zu profitieren vermögen, stelle ich abgesehen davon in Einzelfällen nicht in Abrede und auch über den Preis muss diskutiert werden. Allerdings ist das Thema derart komplex, sodass es kaum in einem Text abgehandelt werden kann und damit allen Facetten der Krebstherapie gerecht werden kann.
Thomas Ferber, am 23. Januar 2018 um 13:47 Uhr
„Austherapiert“; wie ich dieses Neusprech der Allopathen-Community doch liebe.

Was kann der unbescholtene „Bürger*“ gegen das Profit-Über-Leben-Krankheitssystem machen? Er, der – ohne dass er seiner Lebzeiten je sein Einverständnis dazu gegeben hätte – monatlich hunderte von Franken in dieses Krankheitssystem einzuzahlen hat, ohne Recht (= im KVG nicht vorgesehen) darauf, sich mit angemessener Begründung dieses Umverteilungssystems zu entziehen? Haben Sie, Herr Gasche, als Experte des Krankheitssystems, vielleicht eine fundierte Idee?

Nun, in meinem Falle bedient sich der „Bürger“ seiner immanenten Pflicht, solche Missstände nicht zu unterstützen und zivilen Ungehorsam zu leben. Dies passierte auf geistiger Ebene bereits vor Jahren (so geht es wohl vielen in diesem Land). Leider greifen in unseren Landen geistige Veränderungen erst viel später als monetäre, weshalb ich zum Schluss kam, nur durch Nicht-Bezahlen der Prämien meinen Geist entlasten zu können.

Mein Statement: Habt den Mut, das Krankheitssystem nicht mehr mit Euren finanziellen Ressourcen zu stützen. Gesundheit kann nicht konsumiert werden wie ein irgend beliebiges Gut. Sie liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen (ceteris paribus). Aufklärung passiert nur über Selbstverantwortung, und diese gebiert Selbstermächtigung. Wollen wir uns emanzipieren oder nicht?

Die Diskussion sei hiermit eröffnet.

PS: Grundlagen des Pharma-Industriellen-Komplexes -> www.profit-over-life.org

*andere Geschlechtsformen inklusive.
Raphael P. Bünter, am 01. Februar 2018 um 21:08 Uhr
Anmerkung am Rande: Placebogaben sollte man nicht als Nichtstun bezeichnen. Eigentli ch sollte immer mindestens mit Placebo UND Nichtstun verglichen werden, sonst kann man ja den Placeboeffekt gar nicht abschätzen und rausfiltern.
Brigitte Hilmer, am 01. Februar 2018 um 23:46 Uhr
@ Raphael P. Büntner: nun, unser Krankheitssystem, das notabene eines der besten in der ganzen Welt ist, einfach zu kappen (= finanzielle nicht mehr hau unterstützen) ist wohl keine sinnvolle Strategie um unsere Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen. Damit wird sich kein Patient/in emanzipieren können. Vielmehr sollten Strategien und gangbare Wege gesucht werden, wie Patienten zu einer besseren und für sie angepassten Meinungsbildung bei einer anstehenden Behandlung kommen können. Für solche Programme sollten finanzielle Anreize geschaffen werden, und da sehe ich eine wichtige Rolle für die Krankenkassen. Jeder Mensch empfindet anders und hat seine eigenen Werte. Das sollte man in einem medizinischen Entscheidungsfindungsprozess berücksichtigen. Da gibt es noch sehr viel zu tun.

Noch eine Nachbemerkung: www.profit-overlife.org war in diesem Zusammenhang wenig hilfreich und enthält viele fehlerhafte Links.
Felix Speiser, am 22. Februar 2018 um 08:43 Uhr

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