Wissenschaft im Januarloch

Beat Gerber © cc
Beat Gerber / 25. Jan 2017 - Sauna gegen Alzheimer, eine Nasa fürs Volk und «summa cum laude» himmelwärts. Die Wissenschaft startet schräg ins neue Jahr.

Bitterschöne neue Landwirtschaft! Die sonst eher nüchterne Forschungsanstalt Agroscope schwärmt in einer Medienmitteilung geradezu glühend fürs künftige «Smart Farming» (19.01.). Unbemannte Traktoren sollen dabei zentimetergenau die Felder bestellen, raffinierte Roboter die Rüben optimal mit Pestiziden besprühen und eine Heerschar von Sensoren permanent Wetter und Pflanzenwachstum erfassen. Schöne neue Landwirtschaft! Jetzt haben die Bauern endlich viel Zeit, um sich auf dem Golfplatz zu vergnügen. Was aber Agroscope als Science Fiction verkündet, ist in Afrika schon rassige Realität. «Land Grabbing» heisst dort das Zauberwort: Investoren aus China, Indien und der Arabischen Halbinsel produzieren mit modernsten Agromethoden auf gepachtetem oder gekauftem Land Lebensmittel für den Heimmarkt und beuten so den Schwarzen Kontinent rücksichtslos aus. Bittere neue Landwirtschaft!

Draht zur Menschheit abgebrochen. Der Berner Oberländer Thomas Zurbuchen ist seit Oktober 2016 oberster Forschungschef der US-Weltraumbehörde Nasa und verfügt über ein Jahresbudget von 5,9 Milliarden Dollar (viermal mehr als die ETH Zürich). Im Interview mit der SonntagsZeitung (15.01.) erklärt der studierte Physiker (Uni Bern) und Sohn eines Evangelisten, dass die Wissenschaft heute zu elitär geworden sei und der Draht zu den Menschen nicht mehr funktioniere. Bei der Auswahl der Nasa-Missionen auf ferne, menschenleere Gestirne und Planeten nennt Zurbuchen keck denn auch das entscheidende humanitäre Kriterium: «Wo ist der Nobelpreis und wo die wichtigste Wissenschaft?» Natürlich werde nicht jede Mission eine namhafte Auszeichnung ge­winnen. «Aber die Fragen, die wir beantworten wollen, müssen so wichtig sein, dass sie bedeutende Preise bekommen könnten.» Alles sternenklar!

Simple Frage ohne Antwort. Seit ihrer Gründung 1855 pflegt die renommierte ETH Zürich stets die gleiche Konfliktbewältigungsstrategie, wenn sie mit unbequemen Fragen konftrontiert wird: das Totschweigen. Artikel der «New York Times» (04.01.) und des «Tages-Anzeiger» (16.01.) stellten kürzlich die Forschungsfreiheit bei bezahlten Studien infrage und machten dies am Beispiel von Syngenta (Bienensterben) und Agroscope deutlich (Infosperber berichtete). Syngenta finanziert der ETH Zürich eine Professur für nachhaltige Agrarökosysteme im Umfang von 10 Millionen Franken. Die Forschungs- und Publikationsfreiheit sei im Donationsvertrag garantiert, erklärte reflexartig die ETH. Zu den Gefahren einer externen Beeinflussung wollte sie sich aber nicht äussern. Vermutlich verschlägt es der komplex denkenden Hochschule bei solch einfachen Fragen schlichtweg die Sprache.

Weniger Demenz dank Saunabesuch. Medizinische Studien gibt es wie Pillen in der Apotheke, mit teilweise banalen und auch widersprüchlichen Ergebnissen. Einen Befund solcher Art liefert ein Forscherteam der Universität von Ostfinnland (Blick online, 14.01.). Demnach soll ein vier- bis siebenmaliger Saunabesuch pro Woche das Demenzrisiko von Männern um 66 Prozent senken. Physikalisch ist das Resultat eigentlich unerklärlich, denn bei derart häufigen, trockenen Hitzeschocks müsste die feuchte Hirnmasse effektiv markant schwinden, die Vergesslichkeit also zunehmen. Allerdings gibt es dafür noch keine Studie.

Mit höchstem Lob in den Himmel. Vermutlich kommt man als Dr. oec. publ. «summa cum laude» garantiert in den akademischen Himmel. Jedenfalls wurde John Rudolph Stephen Zuellig auf der Todesanzeige (NZZ, 11.01.) mit diesem flotten Titel nach fast 100 Jahren irdischen Daseins verabschiedet. Der Doyen einer diskreten Rapperswiler Unternehmerdynastie, die in Ostasien einen Pharmakonzern mit Milliardenumsatz aufgebaut hat, soll auf dem Familiensitz Schloss Meienberg über dem Zürichsee beigesetzt worden sein. In aller Stille, wie es hiess, aber bestimmt mit höchstem Lob.

Freiwilliger an Hochschulspitze. Die Schweiz ist ein Land der Freiwilligen, die Zahl der unbezahlten Helfer nimmt weiter zu, vor allem bei der Flüchtlingsbetreuung. Aber auch auf den obersten Stufen der Wissenschaft, erklärte doch der neue Präsident der EPF Lausanne, Martin Vetterli, im TA-Interview («Wir bauchen die Besten», 03.01.): «Ich bin in einer Phase meiner Karriere, in der ich den Job nicht machen müsste.» Er werde nächstes Jahr 60 und Forschung sei seine Leidenschaft. Nun fragt sich der Steuerzahler, ob dieser hochdotierte akademische Freiwillige auch auf den Lohn verzichtet oder sich nur kapriziös von seinem nicht gerade bescheidenen Vorgänger Patrick Aebischer abheben will.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige Wissenschaftsjournalist des «Tages-Anzeiger» war bis Februar 2014 Öffentlichkeitsreferent der ETH Zürich. Er publiziert heute auf seiner satirischen Webseite «dot on the i».

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Beat Gerber: Tüpfelchen auf dem i

3 Meinungen

Ich habe eine Frage: Was verstehen Sie unter einem «Evangeliker» ganz genau? Gemeint ist der Vater von Thomas Zurbuchen.
Ich bin liberaler Theologe und Pfarrer im Kirchendienst.
Danke!
Daniel Winnewisser, am 25. Januar 2017 um 12:12 Uhr
Danke für den Hinweis. Der Vater von Thomas Zurbuchen war effektiv Evangelist (nicht Evangeliker). Die falsche Bezeichnung ist bereits korrigiert.
Beat Gerber, am 25. Januar 2017 um 12:53 Uhr
Dem Forschungschef der NASA, Thomas Zurbuchen hätten die Medien auch einige Fragen über den «Rover Opportunity» stellen können. Seit dem 25. Januar 2004, seit über 12 Jahren, fährt dieses Gefährt der NASA auf dem Mars herum und sendet Bilder und Messdaten zur Erde. Die Bilder und Daten werden über eine um den Mars kreisende Zwischenstation, über den Mars-Orbiter, zur Erde gefunkt. ¨

Wie auf der Website der US-Weltraumbehörde NASA zu sehen ist, funktionierte der Rover zwischen dem 1. September und 11. November 2016 immer noch, wie jedermann auf der Website der NASA sehen kann.
http://mars.nasa.gov/mer/mission/tm-opportunity-all.html

Wie kommt es, dass dieses Gerät seit 2004 Jahren pannenfrei auf dem Mars herumfährt und die Lithium-Batterien immer noch intakt sind, trotzt den grossen Temperaturdifferenzen auf dem Mars? Auf dem Mars ist oft eisig kalt (minus 63 Grad) und dann wieder heiss (plus 35 Grad). Wie halten das Lithium-Ionen-Batterien während 12 Jahren aus? Wie kann die kleine Solarzelle all die Motoren des Rovers des Antriebs und den Bohrer antreiben? Wie kann die Solarzelle dann noch die Energie liefern um die Messergebisse des Explorers zum Mars-Orbiter zu senden. Der Mars ist je nach dem Standort auf seiner Bahn zwischen 145 und 1042 mal weiter von der Erde entfernt als der Mond. – Ich wäre dafür der NASA den Nobelpreis für den „Mars Exploration Rover, Opportunity» zu erteilen. Unsere Autos funktionieren auf der Erde nie und nimmer 12 Jahre lang ohne Service.
Heinrich Frei, am 25. Januar 2017 um 17:06 Uhr

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