Mixedgrill aus Studierstuben

Beat Gerber © cc
Beat Gerber / 10. Jan 2018 - Das Ende des Wachstums, gesünderes Rauchen, rehabilitierte Fleischesser und schlampige Atomraketen geben am Jahresstart zu grübeln.

Stets eilen wissenschaftliche Erkenntnisse der Zeit weit voraus. Diesbezüglich verspricht das noch junge Jahr bunt-bizarre Aussichten:

Der Mensch stagniert. – Endlich gibt es Hoffnung auf ein Finale des Wachstums. Vielleicht bekommt der Club of Rome mit seiner berühmten Studie «The Limits to Growth» (1972) doch noch Genugtuung. Leider gilt aber die frohe Botschaft nicht für das humane Streben und seine Folgen, sondern beschränkt sich auf den Menschen selbst. Seine biologische Leistungsfähigkeit soll nämlich die Grenzen erreicht haben, melden Wissenschaftler der Université Paris Descartes (TA 15.12.). Der Homo sapiens werde nicht mehr körperlich grösser, älter und stärker, trotz weiterer kontinuierlicher Fortschritte in Ernährung, Medizin und Wissenschaft, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift «Frontiers in Physiology». Den unverhofften Stillstand belegen sie mit zahlreichen Studien und Daten aus den vergangenen 120 Jahren.

Zum Beispiel: Seit 1984 liegt die Durchschnittsgrösse von nationalen US-Basketballspielern bei zwei Metern und nimmt nicht mehr zu. Zwar gibt es immer wieder Ausnahmetalente wie Usain Bolt, doch auch die Jahresweltbestleistungen in vielen Sportarten sind seit 30 Jahren kaum verbessert worden. Und bereits 1997 starb der nachweislich weltweit älteste Mensch, die Französin Jean Calment, mit 122 Jahren. Eine halbe Generation weniger alt wurde Frieda Binz aus Köniz BE. Die bis vor kurzem älteste lebende Schweizerin ist mit 109 Jahren für immer eingeschlafen (SoZ 31.12.). Älteste Eidgenossin aller Zeiten bleibt Rosa Rein, die 2010 vor ihrem 113. Geburtstag verstarb.

Und wie steht es mit der menschlichen Intelligenz? Provokant behauptet der US-amerikanische Entwicklungsbiologe Gerald Crabtree, dass die Menschen bereits vor 3'000 Jahren ihren intellektuellen Zenit erreicht hätten. Seither würden sie immer dümmer, weil ihre mentalen Fähigkeiten nicht mehr als Jäger und Sammler zum Überleben in der Wildnis gefordert würden. Tolle Aussichten!

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Nebulöser Tabakdampf. – Wem der NZZ-Newsletter in den elektronischen Briefkasten plumpst, bekommt Neuigkeiten aus aller Welt angeboten. Aber manchmal auch ein grünes Einschiebsel zum Anklicken: «Sponsored Content» (21.12.). Bezahlt wird diese Werbung vom Tabakmulti Philip Morris International (PMI), der auf einer multimedialen Website seine Heat-to-burn-Produkte namens IQOS und TEEPS anpreist. In einem speziellen Stick wird dabei Tabak auf 350 Grad erhitzt und nicht wie in herkömmlichen Zigaretten bei über 600 Grad (unvollständig) verbrannt. So entstehen gemäss PMI nur geringe Mengen von Schadstoffen. Auch sollen die echten Tabakaromen erhalten bleiben, im Gegensatz zur üblichen elektronischen Zigarette, die eine aromatisierte Flüssigkeit verdampft.

Die gepflegte Werbung, teilweise erstellt von NZZ Content Solutions, stützt sich auf die Resultate einer «innovativen Forschung und Entwicklung». Das Wissenschaftsmarketing der subtilen Art verführt mit hübsch tönenden, aber vagen Begriffen wie «Robust science and rigorous testing», «Reduced-Risk-Products» oder «Designing a smoke-free future». In einem Videointerview (produziert von Tele 1) erklärt Manuel Peitsch, oberster Forschungschef von PMI, aus dem Innovationslabor «The Cube» in Neuchâtel die Vorteile von IQOS. Peitsch schrieb bisher gemäss Biografie 170 Papers, hält 15 Patente und ist seit 2002 Titularprofessor für Bioinformatik an der Uni Basel. In seinem Neuenburger «Würfel» arbeiten 430 Spezialisten. Der Schweizer wirkt seriös und vertrauenswürdig.

Letztes Jahr haben jedoch Wissenschaftler der Unis Bern und Lausanne die Forschungsresultate von PMI angezweifelt (SoZ 17.12.). Aufgrund einer Studie behaupten sie, dass bei IQOS ebenfalls schädlicher «Rauch» erzeugt werde, wenn auch mit geringeren Schadstoffmengen. PMI weist die «inexakten» Schlussfolgerungen zurück; IQOS sei rauchfrei, es entstünde bloss ein Aerosol. Die Frage bleibt offen, ob sich das Gesundheitsrisiko proportional zur Schadstoffsenkung verringert. Weitere Forschungen sollen dies klären, wofür PMI viel Geld investiert. In eine neue «Stiftung für eine rauchfreie Welt» fliessen die nächsten 12 Jahre jährlich 80 Mio. Dollar. Ein gehobener Kundenkreis wie die NZZ-Leserschaft darf also gespannt sein auf weitere «unabhängige» Ergebnisse aus dem PMI-Konzern. Die schmauchfreie Zukunft für eine nikotinsüchtige Elite ist nicht gerade billig, mit nebulösen Aussichten!

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Karnivoren und Klimaschutz. – Eine Studie der niederländischen Universität Leiden gibt Fleischessern argumentativen Aufwind (NZZ 15.12.). Berechnungen für 37 Länder zeigen, dass der Verzicht auf ein saftiges Stück Steak in der Schweiz und andern Industriestaaten keineswegs den CO2-Ausstoss reduziert – im Gegenteil: Um den dadurch wachsenden Anteil an Gemüse, Früchten und Nüssen zu decken, kommt es unter dem Strich zu einem Anstieg der Emissionen des wichtigsten Treibhausgases. Weil Herr und Frau Schweizer viel einheimisches Obst und Grünzeug essen, muss klimabedingt ein erheblicher Anteil davon in fossil beheizten Gewächshäusern angebaut werden. Infolge solch lokaler Treibhauseffekte verstärkt sich also der globale. Groteske Welt!

Ein ökologisch hoffnungsvolles Fazit ziehen die Leidener Forscher dennoch: Falls die Weltbevölkerung insgesamt künftig weniger Fleisch isst, werden summa summarum Treibhausgas-Ausstoss (CO2, Methan), Weideland- und Wasserverbrauch sowie Überdüngung zurückgehen Den positiven Effekt könnte jedoch der kräftig aufkommende Fleischhunger in China und andern Schwellenländern zunichtemachen. Veganer, Vegetarier und Flexitarier können folglich noch nicht feiern. Ungewisse Aussichten!

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Treffsichere Propaganda. – Während im Westen die Wissenschaft mit Skepsis (Klimawandel), Misstrauen (Pharma, Tabak) und Desinteresse kämpft, hebt Nordkorea seine Forscher und Ingenieure in den Himmel. Dort hinauf schiessen die verehrten Spezialisten denn auch die ominösen Langstreckenraketen, bevor sie entlang einer «berechneten» Flugbahn irgendwo im Meer versacken oder sogar (wie letzthin) auf dem Land zerschellen (05.01.). Wiederholt versetzen die unwägbaren Projektile aus der kommunistischen Diktatur Japan und Präsident Trump in helle Aufregung, aber auch den gesamten Globus in Unruhe: Könnten diese Flugkörper dereinst Nuklearsprengköpfe tragen?

Jedenfalls hat der Oberste Führer des Landes, der in Liebefeld bei Bern zur Schule gegangen sein soll, kürzlich eine Gruppe wichtiger Wissenschaftler besonders ausgezeichnet (NYT, Clarín BA 23.12). Die unter den Spitznamen «Nukleares Duo» (sic!) und «Lenkwaffen-Quartett» figurierenden Fachleute waren massgeblich an der Entwicklung der interkontinentalen Rakete beteiligt, die im November abgefeuert und (gemäss offizieller Verlautbarung) auf jede Stadt der USA gelenkt werden könnte. Hong Sung-mu, Ri Hong-sop und wie die nordkoreanischen Wissenschaftskoryphäen alle heissen, allesamt Direktoren von Nuklearwaffen-Instituten oder Militärindustrie-Konglomeraten, sind überaus stolz, dem Land vortrefflich dienen zu können. Dazu gibt ihnen Kim Jong-un (nicht uneigennützig) ein prominentes Podium. Solch wissenschaftliche Propaganda trifft (beim eigenen Volk) vermutlich besser als manche Lenkwaffe (im Ausland). Tröstliche Aussichten!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige Wissenschaftsjournalist des «Tages-Anzeiger» war bis Februar 2014 Öffentlichkeitsreferent der ETH Zürich. Er publiziert heute auf seiner satirischen Webseite «dot on the i».

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Beat Gerber: Tüpfelchen auf dem i
Beim Essen weniger Umwelt verzehren

Eine Meinung

Beat Gerber scheint mir die Textsorte «Glosse» im ursprünglichen Sinn getroffen zu haben, geht es doch darin um Metatext: Anmerkungen zu oft wenig reflektiertem öffentlichem Gerede. Dass hier von der Begeisterung des ehemaligen Liebefeld-Schülers Kim Jong Un für «Wissenschaft» die Rede ist, inklusive Glossierung von Ausdrücken wie «Nukleares Duo» und «Lenkwaffenquartett», entspricht schon fast lehrbuchmässig der Textsorte. Auch die Formulierung «Der Mensch stagniert» scheint mir in die Tiefe zu gehen. Am einfachsten zu erklären ist freilich die Stagnation bei den Sport-Weltrekorden, siehe 400 Meter und 800 Meter bei den Frauen sowie Kugelstossen. Wichtig bleibt, dass die Doping-Kontrollen nicht stagnieren, weiterentwickelt werden. In Sachen Intelligenz bestreite ich, dass es trotz Bevölkerungszunahme und besseren Bildungschancen heute in der Schweiz vergleichbar kreative mathematische Hochbegabungen und Hochleister gibt wie in Genf, Bern, Basel und Zürich im 18. Jahrhundert (damals auch Frauen wie Julie Bondeli und Mme de Châtelet); zur Elitebildung war die leistungsorientierte Aufklärungspädagogik uns wohl überlegen. In Athen gab es um 400 v. Chr. ohne EU-Kredite ein unglaubliches intellektuelles Niveau; selbst ein so kluger Mann wie Yannis Varoufakis wäre damals bei den Sophisten kaum mehr als Durchschnitt gewesen, zu schweigen von Platon, im Vergleich zu dessen Originalsprache geisteswissenschaftliche Sekundärliteratur von heute mir oft als ziemlicher Schrott vorkommt.
Pirmin Meier, am 10. Januar 2018 um 10:52 Uhr

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