Corona-Lockdown: Die WHO will ihn nicht empfohlen haben
Red. – Dies ist ein Gastbeitrag von Professor Pietro Vernazza. Er war bis Sommer 2021 Chefarzt der Infektiologie/Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen. Sein Artikel erschien zuerst auf «infekt.ch». Infosperber veröffentlicht eine leicht erweiterte Fassung.
_____________________
Zur Frage, was die WHO in der Pandemie tatsächlich empfohlen hat, war kürzlich bei «SRF» anlässlich des US-Austritts aus der WHO zu lesen:
«Die Kritik der USA entzündet sich vor allem an der Pandemie: Die WHO habe Lockdowns, Maskenpflicht und Impfpflicht empfohlen. Falsch, sagt die WHO. Sie habe lediglich für Abstandsregeln, Maskentragen und Impfungen geworben.»

Diese Darstellung klingt eindeutig. Beim Lesen blieb bei mir jedoch ein Zweifel zurück – denn meine Erinnerung an die frühen Pandemie-Monate war eine andere.
Eine kürzlich von Maryanne Demasi in ihrem Substack-Blog zusammengestellte Chronologie hilft, diese Erinnerung zu überprüfen. Gestützt auf ihre Dokumentation hier eine Übersicht über die entsprechenden Aussagen der WHO:
Januar–Februar 2020: China als Referenzmodell
28. Januar 2020 – WHO-Delegation in Peking: Nach einem Besuch in China erklärte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus sinngemäss, China habe mit seinen drastischen Massnahmen einen neuen Standard im Umgang mit Ausbrüchen gesetzt. Die getroffenen Massnahmen seien «mutig» und «entscheidend», um die Ausbreitung einzudämmen (Zitat: «bold», «agile and aggressive»)
24. Februar 2020 (China Joint Mission Report): «China’s bold approach to contain the rapid spread of this new respiratory pathogen has changed the course of a rapidly escalating and deadly epidemic.»
Dieser Bericht lobte ausdrücklich:
- Abriegelung ganzer Städte
- massive Bewegungseinschränkungen
- Schul- und Betriebsschliessungen
Begriffe wie «Lockdown» wurden vermieden – der Inhalt war jedoch deckungsgleich.
März 2020: Zeitgewinn durch drastische Massnahmen
11. März 2020: Pandemie-Erklärung: Am Tag der offiziellen Pandemie-Ausrufung erklärte die WHO, Länder müssten nun «aggressiv handeln», um Zeit zu gewinnen. Pressekonferenz März 2020: «All countries must strike a fine balance between protecting health, preventing economic and social disruption, and respecting human rights.»
Der entscheidende Punkt folgt im nächsten Satz: «Countries that act aggressively now can save lives.»
Was bedeutete «aggressiv» zu diesem Zeitpunkt? In der WHO-Terminologie: Stay-at-home-orders, Schulschliessungen, Einschränkung sozialer Kontakte, also das, was politisch weltweit als Lockdown umgesetzt wurde.
April–Mai 2020: Lockdowns als akzeptiertes Instrument
In mehreren WHO-Briefings wurde betont, dass sogenannte «lockdown-like measures» notwendig sein könnten, um Gesundheitssysteme vor Überlastung zu schützen.
Zugleich wurde argumentiert, Lockdowns seien kein Selbstzweck, sondern ein Mittel:
- um Test- und Contact-Tracing-Kapazitäten aufzubauen
- um Spitäler vorzubereiten
- um Zeit für Impfstoffentwicklung zu gewinnen
Wichtig: Die WHO sprach sich nicht gegen Lockdowns aus, sondern diskutierte lediglich deren Dauer und Ausstieg.
Oktober 2020: Späte Distanzierung – mit Einschränkungen
Erst im Herbst 2020 empfahl der WHO-Direktor in einer viel zitierten Eröffnungsrede zu einer Medienkonferenz Zurückhaltung bei der Einführung von Lockdown-Massnahmen. Lockdowns, so der Tenor, sollten nicht das primäre Instrument der Pandemiekontrolle sein. Diese Aussagen werden heute häufig angeführt – sie erfolgten jedoch Monate nach der weltweiten Umsetzung einschneidender Massnahmen.
Bei der weiteren Recherche fiel mir jedoch ein bemerkenswerter Widerspruch auf: Nur eine Woche nach dieser Rede veröffentlichte die WHO ein Update ihrer global gültigen Empfehlungen, das einen detaillierten Stufenplan zur Eindämmung der Pandemie enthielt. In der entsprechenden Tabelle (Seite 5 des Dokuments) werden für die höheren Eskalationsstufen sehr konkrete und weitreichende Massnahmen empfohlen, darunter bereits ab Situational Level 3 die Schliessung nicht essenzieller Betriebe («closure of non-essential businesses») sowie die Einschränkung des Präsenzunterrichts an Universitäten.
Für Situational Level 4 – eine Phase unkontrollierter Ausbreitung – gehen die Empfehlungen noch weiter: Neben der Möglichkeit der Schliessung von Bildungseinrichtungen, sofern keine Alternativen bestehen, empfiehlt die WHO für Pflege- und Langzeitinstitutionen ausdrücklich strikte Massnahmen bis hin zum Verbot persönlicher Besuche («prohibiting in-person visitors»).
Auch wenn der Begriff Lockdown in diesem Dokument nicht verwendet wird, sind die vorgeschlagenen Massnahmen in ihrer Tragweite eindeutig. Gerade die Empfehlung, Besuche in Pflegeheimen zu untersagen, hatte für viele ältere Menschen massive soziale und psychische Folgen – ein Aspekt, der in der späteren öffentlichen Einordnung kaum mehr thematisiert wurde.
Wie WHO-Empfehlungen politisch wirksam wurden
Formell stimmt: Die WHO kann keine Lockdowns anordnen. Politisch stimmt ebenfalls: WHO-Empfehlungen hatten enorme normative Wirkung. Der Entscheidungsprozess lief in vielen Ländern ähnlich ab:
- WHO veröffentlicht Guidance oder lobt bestimmte Massnahmen
- Nationale Expertengremien (Task Forces) übernehmen diese Einschätzungen
- Regierungen setzen sie als «evidenzbasiert» um
In der Praxis galt: «WHO-konform» bedeutete politisch «wissenschaftlich legitimiert». Insofern ist die Aussage, die WHO habe mit Lockdowns «nichts zu tun gehabt», politisch irreführend, auch wenn sie juristisch korrekt formuliert ist.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...