Der Aktivist Clemens Messerschmid arbeitet seit fast zwanzig Jahren als Hydrogeologe in der Westbank © Klaus Petrus

Der Aktivist Clemens Messerschmid arbeitet seit fast zwanzig Jahren als Hydrogeologe in der Westbank

«Die Palästinenser brauchen Brunnen»

Klaus Petrus / 20. Nov 2016 - Der deutsche Hydrogeologe Clemens Messerschmid sieht den Grund für die Wasserkrise in Palästina in der israelischen Besatzung.

Red. Das Interview mit Clemens Messerschmid (1964) führte Klaus Petrus, der freischaffender Publizist und Fotograf mit den Schwerpunkten Protestbewegungen und Tierschutz ist. Clemens Messerschmid (1964) hat in München und Aachen Geologie und Hydrogeologie studiert und arbeitet seit fast zwanzig Jahren vor allem im Westjordanland. Seine Haupttätigkeit besteht in der Erkundung, Erschliessung und Nutzung der örtlichen Grundwasserressourcen zumeist im Rahmen von internationalen Projekten.

Clemens Messerschmid, Sie arbeiten als Hydrogeologe in der Westbank. Zugleich vertreten Sie eine klare, manche würden sagen: ziemlich einseitige Position. Was sind sie eigentlich: ein Aktivist oder Wasserexperte?

Clemens Messerschmid: Mein Thema ist das Wasser. Und das ist in Palästina von A bis Z ein Politikum. Von daher bin ich beides, politischer Aktivist und Wasserexperte.

Israel redet von einem «Wasserkrieg», den die Palästinenser führen. Man würde das Thema unnötig politisieren, Fehlinformationen verbreiten und wolle damit einmal mehr dem Ruf Israels schaden.

Palästina hat ein Wasserproblem, das ist eine Tatsache. Es ist aber auch eine Tatsache, dass Israel es gar nicht mag, wenn man über die tatsächlichen Ursachen dieses Problems redet. Denn die liegen ganz klar in der Besatzung. Die Israelis verwehren den Palästinensern das Recht, ihr Wasser zu nutzen. Deshalb hat Palästina ein Wasserproblem. Es gibt keinen anderen Grund. Um davon abzulenken, werden viele Mythen verbreitet.

Zum Beispiel?

Immer wieder heisst es: Die Wasserkrise in Palästina hat mit dem Klima zu tun. Und vielen Leuten leuchtet das auch ein. Für sie ist dieses Land eine einzige, vertrocknete Steinwüste. Aber der Eindruck täuscht. Der Grossteil der besetzten Westbank ist sehr regenreich. In Jerusalem fällt zum Beispiel mehr Regen pro Jahr als in Berlin, in Ramallah sogar mehr als in London Heathrow. Und doch stehen einem Palästinenser täglich im Schnitt nur 70 Liter Wasser zur Verfügung. Das sind 30 Liter weniger als die von der WHO empfohlene Mindestmenge von 100 Litern. Dagegen liegt der Pro-Kopf-Verbrauch der Israelis bei 250 Litern am Tag.

Nicht nur Vertreter der israelischen Wasserbehörde, sondern auch ausländische Experten kommen zum Schluss: Palästina ist alles andere als unschuldig an seinem Wasserproblem. Zum Beispiel würden manche Palästinenser illegal Leitungen anzapfen und Wasser stehlen.

Ein kurioses Argument. Fände tatsächlich Wasserdiebstahl im grossen Stil statt, hätten die Palästinenser ja keine Wasserkrise. Selbst israelische Hardcore-Siedler wie Haim Gvirtzman beziffern diesen Wasserraub auf gerade mal 10 mcm/a, was bloss ein Tropfen auf den heissen Stein ist.

Weniger strittig dürfte die Tatsache sein, dass es in der Westbank viele löchrige Wasserleitungen gibt. Sie zu reparieren wäre eigentlich die Aufgabe der palästinensischen Behörden. Angeblich gehen so bis zu 35 Prozent des Wassers verloren.

Leitungsverluste gibt es in jedem Land, auch in Deutschland oder der Schweiz. Das ist ganz normal, denn Leitungen müssen unter Druck stehen, und so geht eben etwas Wasser verloren.

Aber man könnte diese Leitungsverluste doch reduzieren.

Man muss hier Aufwand und Ertrag im Auge behalten. Projekte im Wasserwerk von Ramallah haben gezeigt, dass sich Leitungsverluste auf fast 20 Prozent reduzieren lassen. Mehr ergibt praktisch aber keinen Sinn. Denn dann müssten auch ganz kleine Wasserleitungen repariert werden, und das ist sehr zeit- und kostenintensiv. Aber selbst wenn es gelingen sollte, die Verluste wegen defekten Leitungen flächendeckend von 35 Prozent auf 20 Prozent zu senken, wäre das nur eine winzige, flankierende Massnahme. So oder so können Leitungsverluste niemals die wirkliche Ursache der Wasserkrise sein. Das zeigt das Beispiel Salfit. Die Stadt, die dieses Jahr wegen extremer Wasserknappheit in den Schlagzeilen war, hat mit nur 19.6 Prozent Verlusten gerade ein erfolgreiches, deutsches Verlustreduzierungsprogramm hinter sich.

Eine weitere Kritik an der palästinensischen Wasserpolitik betrifft das Abwasser. Würde es geklärt werden, könnte man es zur Bewässerung in der Landwirtschaft nutzen. Stattdessen werde dafür kostbares Frischwasser vergeudet, das den privaten Haushalten dann fehlt.

Kläranlagen zu bauen ist teuer. Und unter der Besatzung fast unmöglich. Solche Anlagen müssen in den sog. C-Gebieten errichtet werden. Das sind jene Zonen, die unter völliger israelischer Kontrolle stehen und zwei Drittel der Westbank ausmachen. Wollen die Palästinenser dort bauen, brauchen sie eine Sondergenehmigung der Militäradministration. Diese erhalten sie aber erst nach Jahren oder Jahrzehnten oder sie wird ihnen ganz verwehrt, wie Fälle in Nablus, Salfit, Bethlehem oder Hebron zeigen. Israel sabotiert auf administrativem Wege systematisch alle Wasserprojekte.

Dabei müsste es Israel doch nur recht sein, wenn die Palästinenser ihr Abwasser klären.

Seit den Oslo II-Verhandlungen im Herbst 1995, als man das Westjordantal in die Zonen A, B und C einteilte, wurde in der gesamten Westbank nur eine einzige Kläranlage gebaut, und zwar in der Nähe von Nablus. Es ist wirklich verrückt: Israel behindert die Projekte, zugleich wirft es der palästinensischen Autonomiebehörde vor, in diesem Bereich nicht genug zu tun.

Sie reden jetzt so, als habe es in der Wasserfrage keine Zusammenarbeit zwischen Israel und Palästina gegeben. Dabei wurde gerade im Zuge der Osloer Abkommens das «Joint Water Committee» (JWC) gegründet.

Die Zusammenarbeit im JWC ist sehr einseitig. So dürfen die Israelis bei allen Wasserprojekten in der Westbank mitreden, und sie machen von ihrem Veto-Recht auch ausgiebig Gebrauch. Umgekehrt haben die Palästinenser nichts zu sagen, wenn es um Wasserprojekte in Israel geht. Damit haben sie automatisch das Nachsehen. Denn das Wasser des Westlichen Aquifers in den Höhen der Westbank – das wichtigste Grundwasserbecken der Region – fliesst aufgrund der Schwerkraft automatisch in Richtung Westen, also nach Israel ab.

Um an Wasser zu kommen, müssen die Israelis also gar nicht in der Westbank bohren?

So ist es. Israel muss «nur» verhindern, dass in der Westbank gebohrt wird, dann kommt das ganze Wasser «von selbst» nach Israel. Das ist ein physisch greifbarer Ressourcenegoismus: Jeder Brunnen, den die Palästinenser in ihren Gebieten bauen würden, wäre in Israel ein Brunnen weniger. Deshalb erlaubt Israel nicht einmal, dass im JWC überhaupt über neue Brunnen im Westlichen Aquifer gesprochen wird.

Aber auch die Palästinenser haben im JWC ein Veto-Recht.

Theoretisch gesehen schon. Als das JWC 2010 seine Arbeit einstellte, wurde die Tätigkeit des Komitees zwischen 1995 und 2008 analysiert. Es stellte sich heraus, dass die Palästinenser in keinem einzigen Fall ein Veto gegen israelische Trinkwasserprojekte in der Westbank eingelegt hatten.

Wieso nicht?

Das kann man unterschiedlich interpretieren. Man könnte sagen, die palästinensische Wasserbehörde wurde erpresst, oder weniger schmeichelhaft: sie hat ihrer eigenen Kolonisierung zugestimmt. Bei alledem dürfen wir nicht vergessen: Per Definition betreffen sämtliche Wasserprojekte der Israelis in der Westbank – seien das nun Leitungen, Brunnen, Kläranlagen oder Wassertürme – die Versorgung für illegale Siedlungen. Jedes Mal, als sich die Palästinenser gegen diese Projekte gestellt hatten, bekamen sie von Israelis sofort ein Veto für ihre eigenen Bauvorhaben. Noch einmal: Israel muss in vielen Teilen der palästinensischen Gebiete gar nicht nach Wasser bohren. Die Palästinenser dagegen sind in jedem Fall auf das Wohlwohlen Israels angewiesen.

Welches wäre denn aus Ihrer Sicht die Lösung des Wasserproblems in Palästina?

Es ist ganz einfach: Die Palästinenser brauchen Brunnen. So könnte man die Krise ein für allemal beheben. Denn erstens garantieren nur Tiefbrunnen eine ausreichend grosse Menge an Wasser; man rechnet mit jährlich 1.5 Millionen Kubikmeter pro erfolgreichem Brunnen. Zweitens ist der Bau von Brunnen im Vergleich etwa zu Kläranlagen günstig, das daraus gewonnene Wasser wäre für die Palästinenser also bezahlbar. Und schliesslich – ganz wichtig – ist diese Art von Wassergewinnung nachhaltig, denn die Grundwasserbecken der Region füllen sich, trotz klimatischen Schwankungen, von selber auf. Nur eben, solange die Palästinenser unter israelischer Besatzung leben, dürfen sie in der Westbank nicht nach Wasser bohren. Israel will das Wasser für sich. Letztlich geht es hier, wie gesagt, um Ressourcenegoismus.

Würden Sie so weit gehen und sagen, Israel setze Wasser als Waffe gegen die Palästinenser ein?

In manchen Fällen mag das sein, zum Beispiel im Jordangraben. Aber im Wesentlichen ist Israel nicht daran interessiert, mit seiner Wasserpolitik Palästina zu schaden. Es will einfach sich selbst nutzen. Welche Konsequenzen das für Palästina hat, ist den Planern und Militäradministratoren Israels herzlich egal. Solange die Palästinenser in der Westbank keine Brunnen bohren, spielen sie für Israel keine Rolle. Es gibt sie einfach nicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Klaus Petrus ist freischaffender Publizist und Fotograf mit den Schwerpunkten Protestbewegungen und Tierschutz.

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3 Meinungen

Ich warte gespannt auf die Antwort und Erläuterung der israelischen Botschaft in der
Schweiz!
Paul Spätig, Ligerz
Paul Spätig, am 20. November 2016 um 17:50 Uhr
Danke Herr Messerschmid. Bisher wusste ich lediglich, dass die Alteingesessenen diskriminiert werden, aber die Mechanik dahinter kannte ich nicht.
Ron Ganzfried, am 21. November 2016 um 18:15 Uhr
Israel braucht nicht nur Wasser, sondern auch Frieden, sonst nützt ihnen das viele gestohlene Wasser auf die Dauer auch nichts. Und Frieden bekommen die Israelis so sicher nie. Am liebsten wollen sie die Palästinenser einfach weg haben. Und weil das nicht geht, denken sie sich einfach weg.
Paul Jud, am 21. November 2016 um 18:15 Uhr

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