Warum wir VW danken sollten

Christian Müller © aw
Christian Müller / 10. Okt 2015 - Dass Banken betrügen, wissen wir. Nun bestätigt VW: auch andere Branchen kennen keine Moral. Vertrauen in die Konzerne ist naiv.

Vor genau sieben Jahren, am 15. Oktober 2008, bewilligten der Bund und die Schweizerische Nationalbank der Schweizer Grossbank UBS zur Rettung vor dem totalen Zusammenbruch 68 Milliarden Franken. Spätestens seit dann wissen alle, die es wissen wollen, dass die UBS – und nicht nur sie, auch etliche andere Grossbanken in anderen Ländern – Zehntausende von Hypothekar-Kredite in neuer Verpackung und mit neuem Namen auf den Markt geworfen hatte, um damit – vermeintlich – das eigene Risiko wegzuzaubern und um mehr Geld zu machen – aus Geld, das sie in Tat und Wahrheit gar nicht hatten. Aus der dadurch entstandenen Finanzkrise entstand eine Wirtschaftskrise, Tausende von Firmen gingen dabei unter, Millionen von Menschen, die ihr Geld in Bank-Aktien angelegt hatten, verloren ihr Vermögen.

Sind die Banken danach in sich gegangen und haben sie sich, was zu erwarten gewesen wäre, selbstkritisch hinterfragt? Ist es zu rechtfertigen, zur eigenen Bereicherung Geschäfte zu erfinden und zu tätigen, die andere ins totale Verderben reissen?

Die Frage darf locker mit NEIN beantwortet werden. Denn seit dem Jahr 2008 hören wir von den gleichen Banken, nicht zuletzt von der UBS, dass sie betrügen und betrügen und betrügen. Schon Dutzende Male musste die UBS Bussen in Millionen- und Milliarden-Höhe bezahlen, weil sie bei Betrügereien erwischt wurde: Manipulation des Libor, Manipulation der Wechselkurse, betrügerische Beratung, und, und, und.

Naiv, wer nur den Banken misstraute

Wer nun allerdings von diesen Betrügereien Kenntnis nahm und sich, falls selber Kunde, angewidert von dieser Grossbank verabschiedete, dabei aber von der Annahme ausging, dass Dreckgeschäfte eine unschöne Eigenart nur der Bankenwelt seien, war naiv. Denn wer hat noch nie erlebt, dass sich eine Versicherung mit fadenscheinigen Begründungen und/oder juristischen Spitzfindigkeiten eine Schadensvergütung verweigerte? Ich könnte ein Lied singen. In Prag verweigerte mir die «Winterthur» die Schadensvergütung nach einem handfesten Einbruch in meine Wohnung – die ganze professionelle Fotoausrüstung im Wert von gut 20'000 Franken war weg – mit der Begründung, ich hätte – notabene im Obergeschoss des Hauses – das kleine Luftfensterchen (»s Läufterli») im Schlafzimmer offen gehabt, was gemäss Paragraph 37 Delta die Versicherung von allen Zahlungsverpflichtungen entbinde. Dass die tschechische Polizei den Tatbestand, darunter eine aufgebrochene Haustüre und im Parterre ein aufgebrochener Tresor, erst einen Tag nach dem Einbruch aufnahm und protokollierte, und also nachdem ich zwischenzeitlich eine Nacht eben dort – natürlich bei offenem Luftfensterchen – geschlafen hatte, interessierte sie nicht.

Aber lassen wir das. Vielleicht schreibe ich das Buch darüber ja noch, wenn mir die Zeit dazu bleibt.

Und die anderen Branchen?

Um ehrlich zu sein: Der Fall VW hat mich nicht wirklich überrascht. In einer Zeit, in der man an den Universitäten im Fach Betriebswirtschaft bzw. «Business Administration» lernt, dass das einzige Ziel eines Unternehmens ist, Profit zu machen, gibt es keinen Grund zur Annahme, dass nur Banken und Versicherungen betrügen, um Knete zu generieren. Selbst die Korruption ist mir mehr und mehr verständlich: Wie soll ich als Manager schlicht alles tun, um das Jahresergebnis auf dem Papier zu verbessern, auch wenn es moralisch noch so verwerflich ist, als Privatperson aber, als Mensch, darauf verzichten, ein paar Millionen einzustreichen, wenn ich das mit einer kleinen «Gegenleistung» erreichen kann – mit der Gegenleistung zum Beispiel, dass ich als Fifa-Mann meine Stimme bei der Wahl des nächsten Austragungsortes nach dem Wunsch des Spenders einlege? Korruption ist doch eigentlich nichts anderes als die Übertragung des Prinzips «Geld gegen Leistung» in den privaten Bereich – wobei die «Leistung» eben auch eine Auftragsvergabe zugunsten des Geldgebers sein kann...

Dem VW-Konzern kommt das Verdienst zu, dass es jetzt die ganze Welt weiss: Nicht zuletzt bei den transnationalen Konzernen wird geschummelt und geschoben, manipuliert und betrogen, dass einem Hören und Sehen vergeht. Der freie Markt, der nach der Theorie alles bestens regeln sollte, ist reine Theorie. Marktabsprachen sind an der Tagesordnung, Insidergeschäfte bald eher die Regel als die Ausnahme. Die deutschen Saubermänner haben der Welt gezeigt, dass nicht nur bei Bilanzen, Risiko-Abschätzungen und Steuerabsprachen gelogen und betrogen wird, sondern handfest bei den Produkten. Der VW-Skandal ist nicht nur eine Aufwärmung des Büchsen-Ravioli-Skandals von 1978, als die Schweizer TV-Sendung Kassensturz in den Büchsen-Ravioli nicht deklarierte Fleischteile wie Magen, Bries, Herz, Nieren, Bauchspeicheldrüsen, Lunge und Schweineköpfe vorfand. Der VW-Skandal ist auch nicht nur eine Neuauflage des europaweiten Pferdefleisch-statt-Rindfleisch-Skandals von 2013. Der VW-Skandal, der systematische Betrug des grössten europäischen Automobil-Herstellers – des zweitgrössten der Welt – ist die Informationslieferung frei Haus: die Grosskonzerne tun und lassen, was sie wollen, gegen Treu und Glauben, und jeden menschlichen Anstand verspottend, wenn es den Gewinn in die Taschen der Topmanager und der Aktionäre ansteigen lässt.

Auch politisch brisant

Ob NZZ, Avenir Suisse oder FDP/SVP: In den letzten Wochen, jetzt, kurz vor den Wahlen, liest man von rechter Seite immer wieder das gleiche Gejammer: die staatlichen Regulierungen müssen abgebaut werden, sie stehen einer blühenden Wirtschaft im Wege. Der Markt regelt sich selber, die Unternehmer nehmen ihre Verantwortung selber wahr und dürfen nicht mit Vorschriften und Gesetzen in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt werden.

Pustekuchen! Die Betrügereien der Grossbanken, der Versicherungskonzerne und anderer Wirtschaftsgiganten zeigen es in aller Deutlichkeit: es braucht nicht nur Regulierungen, es braucht zusätzliche Kontrollen! Die Wählerinnen und Wähler zumindest in der Schweiz haben gerade jetzt die Gelegenheit, die Regulierungskritiker leerlaufen zu lassen – zum Schutze ihrer selbst vor den betrügerischen Freiheiten der Grosskonzerne.

Und der nächste Skandal?

In unserem Wohnquartier sind in den letzten Wochen gleich drei Waschmaschinen, darunter auch unsere, einfach plötzlich stillgestanden, ohne sichtbaren Grund. Mechanisch waren sie alle noch tipptopp. Mein Nachbar, ein Elektroingenieur im Ruhestand, der unsere Maschine genau untersuchte, gab mir die wohl zutreffenden Erklärung: «Vermutlich», sagte er wörtlich, «ist die Beschränkung der Lebensdauer in diesen Maschinen bereits elektronisch programmiert. Das kann der Käufer der Maschine, der kleine Mann von der Strasse, weder herausfinden noch gar beweisen.»

Der nächste Betrugsskandal eines Grosskonzerns ist programmiert: Ich wette darauf!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Wie VW selbst den Skandal herunterspielt

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4 Meinungen

Leider hat das weder mit der Branche noch mit der Grösse der Unternehmen zu tun (ich gehe mal davon aus, dass dies statistisch auch belegt werden könnte) - es geht darum, dass überall Menschen am Werk sind welche sich nicht an elementare Grundregeln halten. Statt die Konzerne schlecht zu machen, sollten wir auf den Menschen fokussieren - dieser kann sich ändern - dieser kann moralische und gesellschaftliche Werte leben.
Marc Fritschi, am 11. Oktober 2015 um 11:53 Uhr
Wer kennt schon Moral?

Mit Abstand am realistischsten über dieses Thema, besser als jeder Papst und sogar besser als Kant, hat der Italiener Niccolo Machiavelli in «Der Fürst» (ca. 1527) über den Unterschied von Theorie und Praxis beim moralischen Handeln geschrieben. Den Satz von Kant «Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis», kannte er schon vor dessen Formulierung. Machiavelli war aber entgegen seines «Images» kein zynischer Immoralist und völlig unmoralischer Realpolitiker, sondern er beschrieb die Bedingungen, unter denen Moral in der Politik und nicht nur dort stattfindet. Mit dem Begriff der «Virtù» baute er das politische Handeln auf eine innere Unbestechlichkeit auf, ohne die jeder leicht verführbar bleibt und deswegen dann halt in Politik, Wirtschaft, Militär und Sportmanagement versagt bzw. von angeblich unerklärlichem Pech heimgesucht wird. Von einem abstrakten «Gutmenschen"-Moralismus hat Machiavelli bereits ein für allemal Abschied genommen. Dank seiner feinen historischen Bildung sind für Christian Müller diese Ausführungen natürlich überhaupt nicht neu. Ich füge sie dennoch hinzu.
Pirmin Meier, am 11. Oktober 2015 um 12:53 Uhr
Als Jugendliche hatte für mich das Wort «liberal» einen besonderen Klang: liberal und tolerant - Eigenschaften, die aus der Enge führen könnten? Interessiert traf ich immer wieder auf das behauptete freie Spiel des Wettbewerbs und fand verdächtige Intransparenz oder deftige Absprachen. Den hochgelobten freien Markt zum Wohle aller fand ich einfach nirgends. Nicht klare Rahmenbedingungen des Staates behindern den Markt, sondern unkontrollierte Klüngeleien.
Maja Beutler-Vatter, am 11. Oktober 2015 um 21:40 Uhr
@Maja Beutler. In meiner frühesten politischen Erinnerung im Kanton Aargau, vor 50 bis 60 Jahren, nannten sich Aargauer Freisinnige im Wahlkampf nicht «liberal und tolerant», sondern interessanterweise «loyal und tolerant». Ich könnte die Namen von Politikern nennen, die mit diesen Worten für ihre Kandidatur geworben haben. Sie waren alle aus der liberalen Grossfamilie. Der Ausdruck «loyal» war klar weniger staatskritisch als beim späteren Neoliberalismus. Sie liegen mit Ihren Ausführungen also nicht daneben, wiewohl es natürlich bei den Regulierungen auf das Mass ankommt. «Untergehende Völker verlieren zuerst das Mass.» (Adalbert Stifter, passt zum heutigen österreichischen Wahltag, der aber weniger schlimm herausgekommen isgt als erwartet.)
Pirmin Meier, am 11. Oktober 2015 um 22:08 Uhr

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