Solar Impulse – Versöhnung von Ökonomie und Ökologie durch Technik? © jeanggi-flickr-cc
Tanner © Tanner
Hardensett © Hardensett
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Ein energetisches Leben in technokratischer Welt?

Hans Steiger / 17. Mai 2017 - Dies ist kein Beitrag zum Parolenstreit vor der Abstimmung über das Energiegesetz, höchstens historische Hintergrundmusik.

Was soll ich mit diesem Buch – «Mathematisierung des Lebens»? Band 8 einer Reihe zur Historischen Wissensforschung. Sicher nicht bestellt, und Mohr Siebeck ist auch keiner «meiner» Verlage. Ariane Tanner? Studium der Allgemeinen Geschichte, Philosophie und Religionswissenschaft, Promotion an der ETH Zürich ... Die nun aufdämmernde Ahnung fand ich in den gesendeten Mails bestätigt. Es war meine Reaktion auf einen prägnanten Infosperber-Kommentar der Autorin, nachdem die Volksinitiative der Grünen Partei «für eine nachhaltige und ressourceneffiziente Wirtschaft» im vergangenen Herbst auf nur gerade 36,4 Prozent Ja-Stimmen gekommen war. Er zeugte von kaum verhüllter Wut über Interessenverbände, welche im Abstimmungskampf «ihre fixen Übersetzer» vorschickten, «um eine populistische Verknappung des Initiativtextes anzubieten». Tenor: «Das Ende der Cervelat! Nie mehr warm duschen! Das Auto in die Vitrine!?» So werde die notwendige und sachlich höchst komplexe Absichtserklärung abgetan, «nicht weiterhin über unser Ressourcenkapital auf Kosten anderer unserer Art oder der Umwelt leben» zu wollen. Unterzeichnet hatte diesen Text eine Historikerin, von der demnächst «ein Buch zur Geschichte der Mathematisierung der Ökologie» erscheine. Nach dem Dank für ihre engagierte Intervention hatte ich mein Interesse an diesem Werk angemeldet.

Hilfsmittel zur Zukunftsgestaltung

Irgendwie hatte ich wohl anderes erwartet und den Begriff der Mathematisierung weniger abschreckend gefunden als jetzt auf dem Cover der streng akademischen Arbeit. Aber es war dann gar nicht so schlimm. Mit englischen Zitaten kam ich leidlich zu Rande; wo sich Formeln und Gleichungen häuften, hielt ich mich an die mehr oder minder verständlichen Erläuterungen darum herum. Schliesslich standen nicht jene Zahlen und geometrischen Figuren im Zentrum, sondern die Einstiegsfrage: «Kann man das Leben mathematisieren?» Dies habe Alfred James Lotka geglaubt, als er 1925 seine «Elements of Physical Biology» publizierte. Der in New York mit Versicherungsstatistik befasste Naturwissenschaftler trug darin modellhaft eine Methode vor, mit der alles Lebendige – also «sämtliche Prozesse von der Mikroebene der Moleküle bis zur Makroebene des Planeten» – als Energieveränderung begriffen, beschrieben und damit umfassend berechnet werden könnte. Die in dem Sinne globale «energetische Interpretation der Welt», so wird später erkennbar, mündete bei ihm «in ein kollektiv-humanistisches Ideal der Zukunftsgestaltung». Lotka bezog dabei zwar die Tiere mit ein, schrieb jedoch dem Menschen mit seinen speziellen Fertigkeiten besondere Verantwortung zu. Er engagierte sich etwa in einer Vereinigung, welche demographische Entwicklungen zum Wohle aller steuern wollte. An seinen Erwartungen und Hoffnungen gemessen war er eher erfolglos. Im beruflichen Umfeld sass er meist «zwischen allen Stühlen», in der wissenschaftlichen Debatte blieb er Aussenseiter. «Selbstironie, Pathos und bitterer Ernst» – seine Gefühlslagen wechselten oft. Ariane Tanner dokumentiert das vor allem durch Briefe rund um die Rezeption des ihm lebenslang wichtigsten Werkes.

Verantwortung für das Ganze

Was die Autorin über dessen Nachwirkung schreibt, hätte ihn trösten können. Sie zeigt das Weiterleben seiner Ideen nicht nur in der nach dem Zweiten Weltkrieg aufkommenden Kybernetik, sondern auch in der späteren Ökologiebewegung. Dort richtete sich der Blick vorab in den USA immer mehr aufs Ganze, auf Wechselbeziehungen und die Umwelt der zuvor einzeln, meist als Raub- oder Opferpopulationen erforschten Arten. Bei der oft mit dem Begriff des Holismus verknüpften Weiterentwicklung zur eigentlichen Systemökologie kam es zu gesellschaftspolitischen Grundsatzdiskussionen, ausgelöst durch die Sorge um den Planeten, um Bevölkerungswachstum, Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit. Stets spielten dabei Energiefragen eine zentrale Rolle. Geprägt von Wissenschafts- und Technikglauben wurden entsprechende Kontrollmöglichkeiten gesucht. «Lotka war hierfür ein Referenzpunkt», steht im Schlusskapitel, «seine systematische Herangehensweise» wurde – etwa im Diskurs um die «Grenzen des Wachstums» – immer wieder «neu kontextualisiert». Ein ideengeschichtlich interessanter Fall.

Inhaltlich ging es um inzwischen brennende Fragen: «Auf nationaler und internationaler Ebene wird über die so genannte Energiewende debattiert und um Abkommen gerungen, die den CO2-Ausstoss in die Atmosphäre eindämmen sollen.» Seit Langem ist klar, wie gravierend die Folgen unentschlossenen Handelns, wie komplex die Interdependenzen unserer Entscheidungen sind. Hier habe einer schon vor vielen Jahrzehnten einen «Weltentwurf» gewagt. Sehr theoretisch zwar, aber mit hohem Anspruch und dem Willen, das Wissen verschiedener Disziplinen einzubeziehen und weitere Forschungen anzustossen. «Um die historische Tiefendimension dieses Weltentwurfs geht es in diesem Buch.»

Zumindest dessen Kern kapierte ich auch als Laie. Manches wirkte fast tagesaktuell. «The life-struggle», befand Lotka zum Beispiel, sei ein «Kampf um vorhandene Energie», aber kein individueller, «sondern derjenige des Kollektivs», welches den Energiefluss insgesamt optimal gestalten sollte. Klingt wie das Plädoyer für eine Energiestrategie mit ökologischen Akzenten: Evolution bedeute fortgesetzte Veränderung, umfasse das ganze System, und die Menschen seien darin angehalten, «nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, gestützt auf Techniken, Wissenschaft und Emotionen». Historisch habe der Mensch den ersten «Überlebenstest» bestanden, jetzt liege die Garantie für das Wohlergehen in der «essential harmony with Nature». Als herausragende Wesen wären die Menschen mit Fähigkeiten ausgestattet, welche sie «vom Automatismus der natürlichen Selektion bis zu einem gewissen Grad entbinden», ihnen aber auch Verantwortung geben. Lotka habe dazu beitragen wollen, «zwischen der Notwendigkeit der Energieaufnahme und dem Wissen um die notwendige Ressourcenschonung» sinnvoll zu handeln.

Technologie zu unserem Wohl?

Vielleicht hätte ich nicht den Mumm gehabt, mich so intensiv auf dieses Stück spezieller Wissenschaftsgeschichte einzulassen, wäre mir nicht vor Kurzem ein ähnliches, auf den ersten Blick kaum aktuell anmutendes Buch begegnet, das ich mit Gewinn gelesen habe: die Neuauflage von «Der kapitalistische und der technische Mensch» – eine 1932 in Deutschland publizierte Dissertation von Heinrich Hardensett. Bei der zwei Grundcharaktere ausleuchtenden Gegenüberstellung «technischer» und «kapitalistischer» Weltsicht kam die erstere klar besser weg: Qualität gegen Quantität, Kooperation statt Konkurrenz, Gemeinsinn vor Egoismus. Auch die Konsequenzen einer unbegrenzten Modernisierung wurden benannt: «Der Automat ist das Ende der Technik, die Idee des Automaten vernichtet die Idee des technischen Menschen» sowie dessen Lebensziel, «das baumeisterliche Erlebnis, die baumeisterliche Tat». Dies seien kulturell wichtige Elemente. Wenn wir Technokratie nur negativ sehen, mahnt Arno Bammé im Nachwort, blenden wir aus, dass Expertenwissen zumal in unseren hochkomplexen Gesellschaften unabdingbar ist. Umsomehr wäre heute allerdings zu fragen, «wie parlamentarische Demokratie, Basisdemokratie und Expertenkompetenz in ein institutionell ausbalanciertes Verhältnis gebracht werden können.»

Hardensett ist heute so vergessen wie die Technokratie-Bewegung, für die seine Schrift damals so etwas wie ein Manifest war. Der von ihm mitbegründete «Weltbund der guten Technik» erhoffte sich einen vom primär auf Profit ausgerichteten Kapitalismus befreiten Technizismus. Mit solchen Gedankenspielen machten die Nazis bald Schluss. Die vom Autor in der Folge entwickelte «Philosophie der Technik» passte nicht ins neue Umfeld; verlangte Anpassungen lehnte der Verfasser ab. Auch nach dem Krieg fand sich für seine zweite Studie kein Verleger. Jetzt erst, siebzig Jahre nach dem Tod des Autors, wurde sie publiziert, kompetent kommentiert, mit Einblicken in eine eher tragische Werk- und Lebensgeschichte versehen.

An die Grenze des Fortschritts

Entdeckt hatte Stefan Willeke das verstaubte Manuskript in Konstanz auf einem Estrich, als er an einer Doktorarbeit über jene teils konservative, teils revolutionäre Strömung der Zwischenkriegszeit arbeitete. Zwei der mit handschriftlichen Vermerken versehenen Blätter sind als Faksimile wiedergegeben – ein sicher faszinierender Fund. Aber hat uns der Text noch etwas zu sagen? Ich fand ihn zuerst weniger spannend als den oben skizzierten Vergleich zweier Weltbilder, der durch seine Zuspitzungen überraschte. Die hier breiter angelegte natur-, kultur- und vor allem geschichtsphilosophische Betrachtung verschiedener Theorien und Haltungen gegenüber der Technik ist eine eher referierende Auslegeordnung. Jünger, Marx, Nietzsche, Spengler tauchen auf, daneben weniger bekannte Namen. Interessant, bereits im ersten Teil auch dem «Energismus» sowie jenem Ostwald zu begegnen, von dem der durch Ariane Tanner gewürdigte Lotka bei seinem Welt-Rechen-Modell ausgegangen war. Hardensett hielt den dort georteten «energetischen Imperativ» für nur bedingt brauchbar, weil mit ihm etwa die Arbeitsqualität oder geistige Leistungen «unfassbar» blieben, kommt aber wiederholt auf diesen Ansatz zurück.

An latenter Aktualität mangelt es der Tour d’horizon durch die damalige Techniktheorie nicht. Technokraten, seltener weiblich, gibt es ja nach wie vor reichlich. Für die Ökologie-Bewegung wird die Technologie-Fraktion zu einem Problem, wenn sie beispielsweise Energiefragen zu lösen verspricht, ohne dabei unbequem von Grenzen, gar von Verzicht zu reden. Dass sich Ökonomie und Ökologie durch Technik versöhnen lassen, hören insbesondere rote Grüne ganz gern und bei derartigen Wenden macht auch der modernere Teil der Wirtschaft mit. So könnte der am 21. Mai 2017 anstehende Energiekompromiss durchkommen. Wer die Kämpfe danach gewinnt, bleibt offen. Eine dem kapitalistischen System gegenüber kritische Technokratie-Bewegung, wie es sie vor einem knappen Jahrhundert gab, wäre in diesem Umfeld sehr erwünscht. Hardensett stellte in seiner nun erstmals veröffentlichten Schrift fest: «Die kapitalistische Wirtschaft kann ohne unbegrenzten technischen Fortschritt nicht leben.» Doch solch unbegrenzter technischer Fortschritt «widerspricht aller geschichtlichen Erfahrung». All jene Fragen, die er im letzten Abschnitt aufgreift, wären erneut zu diskutieren: Was ist Fortschritt? Gibt es für diesen im technischen Bereich auch Grenzen, womöglich gar ein katastrophales Ende? Dass am 5. Mai unter anderen besorgte ETH-Umweltsystemwissenschaftler in einem Bericht angesichts mangelnder Massnahmen zum Klimaschutz eine ergebnisoffene Debatte über «Risiken und Chancen» des sogenannten Geoengineerings zur gezielten Manipulation des Klimas forderten, zeigt die Dringlichkeit des Themas.

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Ariane Tanner: Die Mathematisierung des Lebens. Alfred James Lotka und der energetische Holismus im 20. Jahrhundert. Mohr Siebeck, Tübingen 2017, 318 Seiten, 59 Euro

Heinrich Hardensett: Philosophie der Technik. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Arno Bammé sowie einer Einführung von Stefan Willeke. Metropolis Verlag für Ökonomie, Gesellschaft und Politik, Marburg 2017, 392 Seiten, 38 Euro

Heinrich Hardensett: Der kapitalistische und der technische Mensch. Hrsg. von Arno Bammé. Metropolis, Marburg 2016, 189 Seiten, 28 Euro

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Dieser Text erschien erstmals im P.S.

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Die als Buchautorin erwähnte Ariane Tanner schreibt regelmässig für Infosperber, insbesondere für die Rubrik kontertext.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Frage von einer Person, die nicht vom Fach ist:
Vor einem Paar Jahren erhielten zwei Wissenschafter den Nobelpreis für die Entdeckung des Graphens.
Man erwartete von diesem Element die Möglichkeit von neuartigen Solarpanelen, welche die Lichtausbeute auch bei Wolkenhimmel erhöhen sollten.
Man erwarte auch Durchsichtie Sonnenkollektoren, die also die Fenstergläser ersetzen könnten.
Was ist von diesen Erwartungen Realität geworden?
Als Laie kann ich mich vorstellen,dass damit die Ausbeute der Sonnenenergie dezentral zu verträglichen Kosten erhöht werden könnte.
Kann mich jemand darüber aufklären?
Besten Dank
Sergio Rivoir, am 17. Mai 2017 um 12:02 Uhr

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