AKW-Ersatz mit Öko- oder Kohlestrom? © -
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Atomausstieg zwischen Grün- und Dreckstrom

Hanspeter Guggenbühl / 04. Nov 2016 - Kann Atomstrom nur durch «Dreckstrom» ersetzt werden oder reicht Ökostrom? Antworten zwischen Schönfärber- und Schwarzmalerei.

Die kleinen Atomkraftwerke Beznau I und II sowie Mühleberg müssen Ende 2017 abgeschaltet werden, Gösgen 2024 und Leibstadt 2029, wenn die Abstimmenden am 27. November die Initiative zum Ausstieg aus der Atomenergie befürworten. Der Abstimmungskampf spitzt sich auf zwei Streitfragen zu: Wie kann der wegfallende Atomstrom ab 2018 ersetzt werden? Droht ein Blackout?

Ersatz mit Öko- oder Kohlestrom?

Die Befürworter färben grün: «Wasserkraft und neue (erneuerbare) Energien garantieren unsere Versorgungssicherheit». Schwarz malen die Gegnerinnen, angeführt von Energieministerin Doris Leuthard: Die Schweiz müsste mehr Strom importieren, primär aus Atom- und «umweltbelastenden Kohlekraftwerken». Dieser Mehrimport «gefährdet unsere Versorgungssicherheit».

Wer beurteilen will, wer näher bei der Wahrheit liegt, sollte folgende Fakten berücksichtigen und analysieren:

Wenn die Kraftwerke im Inland weniger Strom erzeugen, muss die Schweiz mehr Strom importieren. Oder sie kann weniger exportieren. Das gilt unabhängig davon, ob die Politik die Abschaltung der inländischen AKW terminiert, oder ob mit Beznau I und Leibstadt zwei AKW aus Sicherheitsgründen still stehen, wie das momentan der Fall ist. Denn der Zubau von Solar- und Windkraft im Inland kann erst einen kleinen Teil des Atomstroms ersetzen.

Damit fragt sich: Wie viel Strom muss importiert werden? Aus welchen Kraftwerken? Und wie beeinflusst das die ökologische Bilanz und die Versorgungssicherheit?

Produktion im In- und Ausland

Antworten liefert eine Analyse der Produktionsdaten: 2015 erzeugten die Kraftwerke im Inland total 66 Milliarden (Mrd.) Kilowattstunden (kWh) Strom, davon 22,1 Mrd. oder 33 Prozent in ihren fünf Atomreaktoren (siehe Grafik unten). Zusätzlich produzierten Schweizer Stromfirmen und 34 Mrd. kWh Strom in Kraftwerken im Ausland, die ihnen gehören oder an denen sie beteiligt sind. Von diesen 34 Mrd. kWh Schweizer Strom im Ausland entfielen bereits sechs Mrd. kWh auf erneuerbare Energie, primär Wind- und Solarkraft.

(Grafik vergrössern)

Die Bilanz: Mit ihrer Produktion im In- und Ausland zusammen (100 Mrd. kWh) kann die Schweiz ihren Strombedarf im Inland (2015: 65 Mrd. kWh) schon heute locker decken, selbst wenn alle fünf inländischen Atomkraftwerke ausfallen. Und: Die erneuerbare Stromproduktion (exklusive Wasserkraft) im In- und Ausland ist bereits grösser, als die Produktion der drei kleinen AKW, die nach einem Ja zum Ausstieg Ende 2017 abschalten müssten.

Mix von Produktion- und Verbrauch

Neben der Menge zählt die Qualität der Stromerzeugung. Der Schweizer Produktionsmix im In- und Ausland (siehe Grafik) enthält einen höheren Anteil an erneuerbarer Energie, aber auch an Atom- und Gaskraft als der europäische Mix. Deutlich kleiner als im europäischen Mittel ist hingegen der Schweizer Anteil an Kohlestrom sowie der spezifische Ausstoss an CO2, denn Gaskraftwerke erzeugen pro kWh nur halb so viel CO2 wie Kohlekraftwerke. Die Klimabilanz der Schweizer Stromproduktion im In- und Ausland ist also besser als die europäische, und sie wird auch nach dem Atomausstieg besser bleiben.

(Grafik vergrössern)

Nicht identisch mit der Produktion ist hierzulande der Verbrauch. Denn der Schweizer Stromkonsum wird auch vom Aussenhandel beeinflusst (siehe Grafik oben). Gegenüber Frankreich und Deutschland, die einen hohen Anteil an Atom- respektive Kohlestrom produzieren, verbucht die Schweiz heute einen Importüberschuss. Das trübt die ökologische Bilanz unseres Stromkonsums. Gleichzeitig exportieren wir heute sehr viel Strom aus inländischen Wasserkraftwerken nach Italien – und verbessert damit die italienische CO2-Bilanz.

Mehr Importstrom, aber welchen?

Wenn die Schweiz die inländische Produktion von Atomstrom künftig stärker und schneller reduziert, als sie Strom spart oder zusätzlichen Ökostrom erzeugt, wird sie künftig tatsächlich mehr Strom importieren. Fragt sich nur, welchen Strom und von wo? Schweizer Windstrom, produziert in Nordeuropa, verbessert zwar die europäische Ökobilanz; er gelangt physikalisch aber kaum zu unseren Steckdosen, weil es an Leitungskapazität zwischen Nord- und Süddeutschland mangelt.

Trotzdem brauchen wir nicht unbedingt mehr Kohlestrom aus Deutschland, um inländischen Atomstrom zu ersetzen. Denn es gibt andere Wege. Die Schweiz kann zum Beispiel ihren Export an Strom aus inländischen Wasserkraftwerken nach Italien reduzieren. Gleichzeitig könnte sie ihre Gaskraftwerke in Italien, die im Schnitt nur 2500 Stunden pro Jahr laufen, besser auslasten – und auf diesem Weg deutschen Kohlestrom mit italienischem Gasstrom ersetzen. Damit sänke der europäische CO2-Ausstoss. Kommt dazu: Mit der Verminderung des einseitigen Stromflusses von Norden nach Süden liessen sich allfällige Engpässe im Stromnetz und Stromzusammenbrüche vermeiden.

Konsumenten und Markt entscheiden

Heute sind es vor allem Grossverbraucher, die in der Schweiz Atom- und Kohlestrom beziehen, nicht die Haushalte oder Kleinfirmen. Denn Grossverbraucher haben Zutritt zum europäischen Strommarkt und können ihre Lieferanten wählen. Und auf diesem von Ökodumping verfälschten Markt ist Kohlestrom heute billiger als Elektrizität aus Gaskraft.

Doch das lässt sich ändern: Politisch etwa durch eine «Dreckstrom»-Abgabe, welche die Umweltverbände auf Kohlestrom fordern (und die Wirtschaftsverbände in der Vorlage zur Energiestrategie erfolgreich bekämpften). Oder ökonomisch mit dem Abbau von Überkapazitäten in der Stromproduktion. Wenn die Stromflut schwindet, steigen die Marktpreise wieder und erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit von Strom aus Wasser- oder Gaskraft.

Fazit: Wir haben weitgehend die Wahl, wie viel und welchen Strom wir nach dem Ausstieg aus der Atomkraft importieren, und ob wir damit einen Blackout riskieren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke
Stromproduktion im In- und Ausland
Schweizer Aussenhandel mit Strom

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8 Meinungen

Es spielt keine Rolle, welchen Strom wir verbrauchen und wo der produziert wird. Der Verbraucher entscheidet nichts, denn es gibt immer sehr viele Verbraucher, die den einen oder den anderen Strom abnehmen. Es spielt nur eine Rolle, wie Strom produziert wird, hüben wie drüben. In der Schweiz können wir darüber entscheiden, wie hier der Strom produziert werden soll. Wenn wir richtig entscheiden, JA, stimmen, sind wir legitimiert, von anderen dasselbe zu verlangen: Die saubere Produktion von Strom — andernfalls sind wir dazu weiterhin nicht legitimiert. Auch darum geht es am 27. November.
Dass unter dem Strich mehr Strom aus Kohle produziert wird, wenn wir die AKW geordnet, statt absehbar notfallmässig stoppen, ist durch das EU CO2-Emissionshandelssystem ausgeschlossen, denn dort sind die Emission der grossen Verschmutzer gedeckelt. Steigt der Stromverbrauch müssen Gas- statt Kohlekraftwerke laufen. Wer nicht will, dass Kohlestrom produziert wird, stimmt am 27. November JA.
Die Verlogenheit der Stromkonzerne und der AKW-Kantone ist erschreckend. Sie haben im Ausland fossile Kraftwerke in einem Ausmass gebaut, dass damit fast das Doppelte des Schweizer AKW-Stroms produziert werden kann. Jetzt plötzlich sind die scheinheiligen Schelme der Strombranche besorgt über Klimawandel. Gemeint ist zum Beispiel der Bündner Regierungsrat Mario Cavigelli. Noch im 2013 sagte er, wir würden auch mit unserem Atem CO2 ausstossen, um der Repower den Bau eines Kohlekraftwerks zu ermöglichen.
Peter Vogelsanger, am 04. November 2016 um 12:09 Uhr
Die Arbeit (GWh) ist hauptsächlich auf dem Papier wicht. Entscheidend ist die Leistung (GW), ob diese zu jedem Zeitpunkt ausreichend sichergestellt werden kann - denn sonst kommt es zum Kollaps des Systems. Hier wird oft etwas einseitig gedacht.

Es ist spannend, wenn sich alle in Europa darauf verlassen, dass eh die anderen genug Erzeugungskapazitäten haben … nur scheinbar wird die Rechnung ohne den Wirten gemacht. Interessanter Weise hatte gerade die Schweiz im vergangenen Winter massive Probleme, die auch für heuer erwartet werden, da man eben nicht genug Strom importieren kann.

Nicht, dass ich gegen die Abschaltung von AKWs wäre, ganz im Gegenteil. Nur wenn jeder macht, was er will und alle in unterschiedliche Richtungen gehen – wie das derzeit passiert, dann droht uns eine unvorstellbare Katastrophe. Das europäische Verbundsystem steht bereits heute durch diese Vorgehensweise an der Kippe und die Gefahr steigt mit jeder weiteren unkoordinierten Maßnahme.

Siehe dazu die ausführlichere Betrachtung unter http://www.saurugg.net/2016/blog/stromversorgung/truthahn-illusion-das-risiko-des-blackout-spielt-eine-untergeordnete-rolle
Herbert Saurugg, am 04. November 2016 um 12:56 Uhr
Danke für diesen Artikel mit vielen wesentlichen Fakten. Leider wird in diesem Abstimmungskampf, auch von Seiten BR Leuthard mit Behauptungen argumentiert, die keiner Überprüfung standhalten.
Netzüberlastung? Es gibt in Europa kein anderes Land mit einem solch dichten Stromnetz auf allen Spannungsebenen. Gründe: zentrale Grosskraftwerke, die jederzeit kompensierbar sein müssen; riesige Leitungskapazitäten zu allen Nachbarländern und die grossen Speicherseen die lange zu exorbitanden Gewinnen der Stromwirtschaft führten, als zu Stromverbrauchsspitzen oft mehr Strom exportiert wurde, als alle 5 CH-AKW produzieren konnten.
Wer mit möglichen Netzüberlastungen oder fehlenden Transformatoren argumentiert, wegen dem Wegfall von Beznau und Mühleberg (zusammen 1100 MW Leistung), der/die ignoriert die Realität. In den letzten Tagen wurden fast dauernd 3-4000 MW Strom importiert und meistens viel kleinere Leistungen exportiert: Importbilanz: 2-3000 MW - gleichzeitig mit der halben Leistung aller CH-AKW. Dies u.a. zur Schonung der Speicherseen, aber v.a. wegen der tiefen Strompreise in Deutschland im Vergleich zur Schweiz und zu Frankreich.
Der Blick auf das ENTSO-E-Faktenblatt 2015 (europäischer Netzkoordinator) zeigt die enormen Leitungskapazitäten über die Schweizergrenzen:
19 Leitungsstränge 380 kV/1200 MW = 22800 MW
17 Leitungsstränge 220 kV/250 MW = 4250 MW
CH-Kraftwerke: Max-Leistung ca. 18000 MW, davon AKW-Leistung 3333 MW.
Maximalbedarf: 11000 MW
Ja zum geordneten Ausstieg!!!
Heini Glauser, am 04. November 2016 um 14:53 Uhr
Der Artikel zeigt schön, dass es bei der mit Infrastruktur ausserordentlich gut ausgestatteten und relativ kleinen Schweiz, nicht um den physikalischen Strom geht, sondern um den Strommarkt, also darum, welche Art Strom von den Kunden und Lieferfirmen ausgewählt und verrechnet wird.

Meine Stromlieferfirma Netzulg liefert z.B. *niemandem* Kohlestrom oder Graustrom, jedoch den unkritischen Konsumenten ca. 50% Atomstrom. Gegen einen ganz minimen Aufschlag kann der ganze Atomstrom durch Wasserstrom und einen kleinen Anteil Solarstrom usw. (Oekostrom) ersetzt werden. 100% Oekostrom zu beziehen ist jedoch nicht möglich. Andere Stromanbieter haben andere aber ähnliche Modelle, verkaufen z.B «grauen», «blauen» oder «grünen» Strom.

Die meisten Kunden haben es jetzt schon in der Hand, weder Atom- noch Kohlestrom zu beziehen. Die AKWs könnten rechnerisch schon heute alle abgestellt werden, wenn die Kunden bereit sind, die relativ kleinen Aufpreise zu bezahlen oder die Stromanbieter ihren Zwangskunden einfach keinen Atomstrom liefern.

Mit einiger Verzögerung beeinflussen dann die Kauf- oder Lieferentscheide den physikalischen Strommix, genau wie es mehr Biobauern gibt, wenn mehr Leute Biolebensmittel kaufen.
Theo Schmidt, am 04. November 2016 um 15:41 Uhr
Winterlicher Stromimport.... ich meine, dies im Sperber - Kurt Marti - gelesen zu haben....
Da leerten die Stromversorger im letzten Winter die Stauseen unverantwortlich zur Unzeit in politischer Absicht, es sollte eben «nachgewiesen» werden, dass wir auf winterliche Stromimporte angewiesen seien.
Etwas «ungenau» gibt BR Leuthard den Anteile Kohlestrom in Deutschland mit «annähernd 50%» an, gemäss der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft waren es im 2015 aber 42,2% (Jonas Schmid Südostschweiz). Aus den 33% Atomstrom unsres Landes macht die Magistratin nahezu 40%.
Regierungen der Kantone und des Bundes verfolgen offensichtlich Ziele, wofür Wahrheiten angepasst werden müssen, kein gutes Zeichen!
Wichtiger als die Versorgungssicherheit ist aber die existenzielle Sicherheit, der eigentliche Grund der Skepsis. Das ENSI sorgt dafür, wir sollen blind vertrauen, deshalb braucht es auch keine Versicherungspflicht...
Der Hauseigentümerverein schaltet Inserate mit der Angstbotschaft, nicht etwa betreffend Verlust von Heim und Heimat, nein... wir haben schliesslich Luftschutzkeller und Jodtabletten... Nein, Angst hat dieser komische Verein vor unsicherer Stromversorgung! Ausgerechnet dieser Verein, der sich dem privaten Wohneigentum verpflichtet gibt, findet Landverlust durch Verstrahlung nicht der Rede wert!
Urs Lachenmeier, am 04. November 2016 um 18:07 Uhr
Mit Sicherheit ist anzunehmen, dass die Schweiz als Energiedrehscheibe von Europa, immer einen Ausweg findet, damit kein Blackout ensteht. Schlimm in der gegenwärtigen Abstimmungskampagne ist, dass dem Vollk vorgegaukelt wird, dass man die Kernkraft ohne weiteres durch die «Energieeffizienz» (unter der man vor allem das CO2-Gebäudesanierungsprogramm versteht) und die neuen «erneurbaren Energien» ersetzen kann. Dieser Ersatz der Kernkraft ist in den nächsten 50 Jahren nicht möglich.
Paul Bossert, Basel, Dipl. Bauingenieur FH, Architekt, Bauphysiker,
Energie- und Bauschadenexperte
Paul Bossert, am 04. November 2016 um 19:17 Uhr
"schlimm... dass vorgegaukelt wird...»
schlimmer, dass vorgegaukelt wird, Atomstrom sei bezahlbar...
am schlimmsten, dass vorgegaukelt wird, diese Technik sei beherrschbar.
Urs Lachenmeier, am 05. November 2016 um 08:31 Uhr
Vielen Dank für den gut recherchierten Artikel. Die Risiken eines unkontrollierten Ausstiegs (wirtschaftliche Überlegungen werden höher gewichtet als sicherheitsrelevante Aspekte) sind meiner Ansicht nach höher als der von der Initiative vorgeschlagene Weg des kontrollierten Ausstiegs. Der Ausstieg bietet zudem Planungssicherheit und bringt den Zubau der Erneuerbaren voran. Nötige Stromimporte sind in wenigen Jahren durch den Zubau ersetzt.
Stefan Kaufmann, am 06. November 2016 um 11:54 Uhr

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