Der technisch «verbesserte» Mensch

Heinz Moser © hm
Heinz Moser / 05. Aug 2014 - Technische Prothesen verschmelzen mit dem Menschen immer stärker. Doch sichert uns diese («augmented») Realität das Lebensglück?

Der deutsche Weitspringer Markus Rehm wurde in diesem Jahr mit seiner Beinprothese deutscher Meister. Doch an der Europameisterschaft wird er nicht starten. Denn es bleibt die Frage, ob er durch seine Prothese nicht bevorteilt war. Ein Katapulteffekt der Karbon-Feder der Prothese könnte ihn in ungeahnte Weiten geschleudert haben. Dass dieser Fall als «heisse Kartoffel» behandelt wurde, ist verständlich. Wenn künstliche Körperteile im Sport Vorteile verschaffen, wird vielleicht schon bald jemand auf den Gedanken kommen, seine Beine oder Arme amputieren zu lassen, um Bestleistungen zu toppen.

Ersatzteillager für den Körper

Beim Thema der künstlichen Ersatzteile muss man nicht allein an Hochleistungssportler denken. Künstliche Herzen, Gelenke und Hüften verlängern die ganz normale Lebensqualität. Blinde Menschen lassen sich einen Retina-Chip einpflanzen, um wieder etwas zu sehen. Ja, sogar die menschliche Schönheit wird ästhetischen Vorbildern angeglichen, wenn man sich auf die Werbung der Schönheitschirurgie verlässt und die Brüste mit einem Silikonimplantat vergrössert.

Doch das Versprechen, die Unzulänglichkeiten des natürlichen Körpers zu beheben und die Menschen der Unsterblichkeit etwas näher zu bringen, ist nicht ohne Risiko. Das französische Unternehmen Poly Implant Prothèse (PIP) wurde 2013 wegen schweren Betruges und Täuschung für schuldig befunden. Brustimplantate dieser Firma sind häufig gerissen und führten zu Entzündungen. Nicht besser steht es mit künstlichen Gelenken: Nach Berichten der Fachzeitschrift «British Medical Journal» (BMJ) wurden weltweit hunderttausenden Patienten künstliche Hüften eingesetzt, die möglicherweise giftige Schwermetalle absonderten. Menschliche Körper werden zu Klonen von natürlichen und technischen Bestandteilen. Wie beim Autoservice steht für uns das Ersatzteillager jederzeit bereit – ein riesiges Geschäft mit der Ware «Mensch». Und diese Waren können uns beglücken, oder sie können auch wie in den obigen Beispielen verdorben sein.

Was mit «unpassender» Ware passieren kann, zeigt das Beispiel eines australischen Paars auf drastische Weise: Es bestellte bei einer thailändischen Leihmutter ein Kind. Das Mädchen der von ihr geborenen Zwillinge nahmen sie mit nach Hause; der Junge dagegen wurde zurückgelassen, da er mit einem Down-Syndrom auf die Welt gekommen war.

Menschen als Cyborgs

Die technische Umwandlung der Körper wird noch weiter gehen, weil sich immer häufiger digitale Technologien als zusätzlich high-end Krücken integrieren. Der australische Maschinenkünstler Stelarc gibt dazu einen Vorgeschmack: In einer seiner Installationen verband er sich mit dem Pompidou Centre in Paris, dem Media Lab in Helsinki und der Konferenz «Doors of Perception» in Amsterdam. Dabei konnten die Besucher mittels eines berührungsempfindlichen Bildschirms seinen Körper steuern. Stelarcs Interpretation des «Cyborgs» bzw. des künstlichen Menschen: Er ist nicht mehr ein Körper, sondern ein System, eine Vielzahl von Körpern, die via Internet verbunden sind.

Was Stelarc hier beschreibt, wird heute schon von der Realität überholt: Die Ersatzteile beschränken sich nicht mehr auf Körperteile, sondern sie erweitern den Blick der Menschen auf ihre Umgebung durch integrierte Informationstechnologien. Im Computerjargon ist es die schöne neue Welt der «augmented reality», in welcher Umwelt und Computertechnologie miteinander verschmelzen. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist «Google Glass», die Cyberbrille, die man schon heute für 1981 Dollar im Netz bestellen kann.

Der gläserne Mensch

«Google Glass» sieht aus wie eine ganz gewöhnliche Brille mit einem zusätzlichen kleinen Bildschirm vor dem rechten Auge. Hier erhält der Träger Informationen aus dem Netz oder kann mit einer integrierten Kamera Fotos und Videos aufnehmen. Die intelligente Brille kann eine Speisekarte aus einer fremden Sprache übersetzen, als Navigationsgerät fungieren etc. Der Entwicklung von Apps dazu scheinen keine Grenzen gesetzt.

Doch wie erstrebenswert ist diese schöne neue Welt der Beherrschung unserer Umgebung mit digitalen Technologien? Die NSA-Affäre hat deutlich gemacht, dass Informationen im digitalen Zeitalter immer zwei Seiten haben. Wir können die Umwelt vielleicht etwas besser kontrollieren, werden aber immer umfassender ausspioniert. Die Illusion, alles unter Kontrolle zu halten, verbirgt nur, dass letztlich wir selber kontrolliert werden. Internetkraken wie Google könnten über ihre Datenbrillen und digitalen Werkzeuge bald den totalen Zugriff auf den gläsernen Menschen erhalten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Brustimplantante: Auf Gütesiegel war kein Verlass (auf Infosperber)
Auch Schweizer Patienten sind Versuchsobjekte (auf Infosperber)

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3 Meinungen

Wenn Rehm mit der besagten Karbonfeder 8,24 sprang, wird es mit einer optimal weiterentwickelten Prothese möglich sein, 9 Meter zu springen, was Weltrekord bedeuten würde. Klar, dass das niemand als Weitsprung ohne Gerät (ausser Schuhe) ernst nehmen kann. Vgl. Stabhochsprung! Die Unterstellung aber, es würde sich jemand um der sportlichen Leistung willen einen Körperteil amputieren lassen, ist auch dem Sportler Rehm gegenüber, dessen Leistungen in seiner Kategorie imponierend bleiben, nicht fair. Hier benimmt man sich den Teilinvaliden gegenüber nicht mehr korrekt
Pirmin Meier, am 05. August 2014 um 11:49 Uhr
Herr Moser verbindet in diesem Artikel sowieso einiges, was nicht zusammengehört. Was hat Leihmutterschaft mit Google Glass, was hat eine Beinprothese mit der NSA zu tun? Da hat mein Vorredner schon Recht, sollen Amputierte keine Prothesen mehr erhalten, sollen Erblindete nicht mehr sehen, Schwerhörige nicht mehr hören dürfen? All das ist heute bereits machbar und wird immer weiter verbessert.

Aber gehen wir doch noch einen Schritt weiter: Was ist verwerflich daran, die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit des Körpers mit technischen Hilfsmitteln zu verbessern? Wir tun das seit Jahrtausenden. Weil wir keine Krallen und Reisszähne haben, jag(t)en wir mit Distanzwaffen, nutzen Reittiere usw. Das einzig Neue heute ist, dass wir nun erstmals die Möglichkeit haben, diese Hilfsmittel direkt mit unserem Körper zu verschmelzen.
Michael Gisiger, am 05. August 2014 um 12:10 Uhr
Ich werde mit dem Artikel auch nicht glücklich. Er klagt rundum und klagt rundum an. Das australische Paar bestreitet aber die von der thailändischen Frau behauptete Version, bis jetzt ist meines Wissens nicht klar, wer die Wahrheit sagt.
Marianne Biedermann, am 05. August 2014 um 17:01 Uhr

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