Mit der Steuervermeidung in Wollerau SZ am Zürichsee wäre es vorbei © Blackyslaus/cc

Mit der Steuervermeidung in Wollerau SZ am Zürichsee wäre es vorbei

Alle Steuern abschaffen – bis auf eine

Matthias Weik und Marc Friedrich / 20. Mai 2017 - Die heutigen Steuern sind für Unternehmen bzw. Milliardäre eine Lachnummer und diskriminieren die Arbeit. Plädoyer für eine Reform.

Red. Es brauche eine Steuerrevolution, ein neues Geldsystem und ein bedingungsloses Grundeinkommen, fordern die drei Autoren Götz W. Werner, Matthias Weik und Marc Friedrich in ihrem neuen Buch. Nach einem Auszug über das Grundeinkommen («Unattraktive Arbeit besser zahlen als attraktive») veröffentlichen wir mit Genehmigung der Autoren einen weiteren Auszug aus dem Buch «Sonst knallt's» über eine radikale Steuerreform: Eine Konsumsteuer soll fast alle andern Steuern ersetzen.

Kreative und kriminelle Vermeidung von Steuern

Um seine Steuerlast zu senken, wie es so schön heisst, gibt es in den vorherrschenden Systemen der Einkommensbesteuerung drei Arten von Strategien: legale, trickreiche und kriminelle ... Wie fliessend die Grenzen zwischen krimineller und kreativer Steuervermeidung sind, belegten zuletzt 2016 die sogenannten«Panama Papers». Die dort ansässige Finanzfirma Mossack Fonseca betreibt für rund 15'000 Kunden weit über 200'000 Briefkastenfirmen in 21 Steueroasen rund um den Globus.

Der Kundenkreis reicht vom Drogenboss bis zum Staatsoberhaupt, vom saudischen Ölkonzern bis zur deutschen Bundesdruckerei. Wer über grössere Geldsummen verfügt, so musste die Öffentlichkeit schliessen, mogelt mehr oder weniger grosse Teile davon an den Finanzämtern vorbei. Dabei spielt es, so der zweite Eindruck, auch keine Rolle, ob dieses Geld halbwegs redlich verdient oder ergaunert wurde...

Billionen in Steueroasen

Geld lässt sich legal und halb legal in Sekundenbruchteilen an jeden beliebigen Ort der Welt transferieren. Denn 98 von 100 um den Erdball schwirrenden Dollars, Euros, Yen und Yuan bestehen heutzutage nicht aus Metall oder Papier, sondern aus virtuellen Nullen und Einsen. Man muss sich denn auch nicht wundern,

  • wenn deutsche Firmen – je nach Studie und Berechnungsmethode – bis zu 100 Milliarden Euro Gewinne pro Jahr in Steuerparadiesen parken;
  • wenn allein ein Konzern wie Apple dort 180 Milliarden Dollar versteckt;
  • wenn IKEA zwar 2,5 Milliarden Euro Gewinn machen kann, diesen aber in Luxemburg, dank des ehemaligen Premier- und Finanzministers Jean-Claude Juncker, zu einem Satz von nur 0,002 Prozent versteuern darf; oder
  • wenn nach Schätzungen des Tax Justice Network Privatpersonen Finanzvermögen in Höhe von 21 bis 32 Billionen (!) Dollar in Steueroasen anlegen – was in etwa der Wirtschaftsleistung der USA und Japans zusammengenommen entspricht.

Vergebliches Hoffen auf ein Austrocknen der Steueroasen

Seit Jahrzehnten will man den Steueroasen das Quellwasser abgraben und alle Steuerschlupflöcher vernageln. Doch kaum haben sich Banken mit Alpenblick etwas genauer in die Bücher schauen lassen, schon sonnen sich ihre empfindsamen Kundeneinlagen an karibischen Stränden. Die EU-Finanzminister schimpfen laut über die dortigen Zwergstaaten. Dass der luxemburgische Kollege das gleiche Geschäftsmodell fährt ... Ach ja, bedauerlich. Und was sind schon ein paar Inselchen im Ärmelkanal, wenn sich das Vereinigte Königreich 2019 nach dem Brexit voraussichtlich in die grösste Steueroase der Erde verwandelt?

Die Hoffnung ist unsinnig, eines Tages alle digitalisierten Dividenden und Konzerngewinne fair und korrekt zu besteuern. Oder die Hoffnung, das Steuerrecht international zu «harmonisieren».

Wer heute wie viel zum gesamten Steueraufkommen beiträgt

Besteuern kann man

  1. Eigentum beziehungsweise Vermögen;
  2. Einkommen beziehungsweise Erträge;
  3. Ausgaben beziehungsweise den Konsum der Menschen.

Gegenwärtig finanzieren wir unsere Gemeinschaftsaufgaben mit einer undurchsichtigen Mischung von Steuerarten, die an verschiedenen Stellen in den Wirtschaftsprozess eingreifen. Und zusätzlich mit Sozialabgaben für die Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung, die im Prinzip zweckgebunden sind.

1. Das Besteuern von Eigentum

Die Steuer auf Eigentumswerte beziehungsweise Vermögen ist die Mutter aller Steuern. Hier wird etwas Vorhandenes, eine Substanz, besteuert.

Ohne Erbschaftssteuer machen die Einnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden (in Deutschland, Red.) aus vermögensbezogenen Steuern insgesamt weniger als 4 Prozent des gesamten Steueraufkommens aus ... Diese Steuern bringen schlicht sehr wenig ein. Und wenn man die Sätze kräftig erhöhen würde? Dann brächten sie immer noch ziemlich wenig ein.

2. Das Besteuern von Einkommen

Die ergiebigsten Steuern sind ... die Ertragssteuern. Sie speisen sich aus den laufenden Einkommen der Wirtschaftssubjekte: jenen von Lohn- und Gehaltsempfängern, von Gewerbetreibenden und Freiberuflern; aus den Kapitaleinkünften natürlicher Personen; aus Mieteinkünften privater Haus- und Grundbesitzer und aus den Gewinnen von Unternehmen.

Mit rund 43 Prozent tragen Lohn- und Einkommenssteuern den mit Abstand grössten Teil zum gesamten deutschen Steueraufkommen bei ... Ein psychologischer Nachteil jeder Ertragsbesteuerung liegt auf der Hand: Je erfolgreicher ein Individuum oder ein Unternehmen agiert, desto härter schlägt die Steuer zu. Das ist der Hauptgrund, warum die griffige Parole, Leistung müsse sich wieder lohnen, nicht kleinzukriegen ist.

Ebenso ist es der Hauptantrieb dafür, dass Unternehmen und Menschen mit gehobenen Einkommen nicht nur viele Steuerberater beschäftigen, sondern auch sonst fast alles tun, um sich beim Finanzamt arm zu rechnen. Während sich Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen mit den «1000 ganz legalen Steuertricks» des seligen Herrn Konz trösten müssen.

... Bei diesen Themen ist es ähnlich wie mit der «Schliessung von Steuerschlupflöchern» oder dem «Abbau von Subventionen«: Seit Jahrzehnten wird über [die Steuerschlupflöcher] erregt debattiert – und dann an einzelnen Symptomen herumgedoktert. Grundsätzlich aber bleiben sie uns so hartnäckig erhalten wie etwa der Weihnachtsspeck oder die Frühjahrsgrippe.

3. Das Besteuern des Konsums

Der dritte Weg, wie Bürger einen Beitrag zu den Gemeinschaftsaufgaben ihres Staates leisten, ist die Besteuerung ihres Verbrauchs. Die mit grossem Abstand wichtigste Verbrauchssteuer ist heute die Mehrwertsteuer. Rund 32 Prozent – nämlich 217 Milliarden Euro – trug sie hierzulande im Jahr 2016 zum gesamten Steueraufkommen bei.

Was übrigens ziemlich genau dem OECD-Durchschnitt entspricht. In 15 der 35 Mitgliedstaaten der OECD liegt dieser Anteil zwischen 30 und 43 Prozent. Anders in den USA, in Japan und im Nachbarland Schweiz: Hier spielen Verbrauchssteuern mit einem Anteil von rund 15 beziehungsweise 18 und 19,5 Prozent eine geringere Rolle ... Spitzenreiter beim Anteil der Verbrauchssteuern am gesamten Steueraufkommen ist in der OECD übrigens Chile. Dort verdanken sich fast 52 Prozent aller Steuereinnahmen dem privaten Verbrauch.

Das letzte knappe Fünftel des deutschen Steueraufkommens verdankt sich einer Fülle weiterer Verbrauchssteuern – von der Energiesteuer über die Tabaksteuer bis hin zur berüchtigten Schaumweinsteuer, mit der Kaiser Wilhelm 1902 seine Kriegsflotte finanzieren wollte und die seitdem von keinem Finanzminister «versenkt» wurde.

Komplizierte und undurchsichtige Freibeträge und Abzüge

... [Bei allen heutigen Besteuerungsarten lauern teufelsartige Details.] So gibt es bei der Einkommensbesteuerung nicht nur – meistenteils völlig vernünftige – Freibeträge. Hinzu kommen Hunderte mehr oder minder einleuchtende Regeln, was wer so alles «von der Steuer absetzen» kann.

Bei der Mehrwertsteuer gibt es spezielle Tarife für dieses und jenes – bis hin zum Dauerkalauer, dass beim Kauf eines Esels 19 Prozent, beim Erwerb eines Maultiers nur 7 Prozent fällig werden. Oder dass beim Verzehr eines Burgers im Schnellrestaurant der volle, bei Mitnahme desselben nur der verminderte Satz für Lebensmittel fällig wird. Der Burger aber in beiden Fällen natürlich exakt das Gleiche kostet.

Steuersatz für Unternehmen weitgehend theoretisch

Einzig gewiefte Steuerberater grosser Kanzleien wissen heute noch genau, was Unternehmen im Einzelnen wie abschreiben, wo sie «Verluste vortragen», Forderungen verrechnen oder ihre Besteuerung überhaupt «verlagern» können. Sodass es kein Wunder ist, wenn kein normaler Mensch versteht, wie die am Ende zu versteuernden Erträge von Kapitalgesellschaften auf dem Papier derart stark eingedampft werden können, dass ein Steuersatz von 15 Prozent dem Staat im Jahr 2015 gerade einmal 19,6 Milliarden Euro einbrachte. Und diese Steuern am Ende gerade noch 4,1 Prozent zum gesamten Aufkommen beitrugen.

Alle Steuern werden auf die Endkunden abgewälzt

... Alle Unternehmen – vom Malermeister bis zur VW AG – zahlen zwar ihre Unternehmens- beziehungsweise Einkommenssteuern ans Finanzamt. Aber sie tragen diese Steuern nicht, sondern sie kalkulieren diese Steuern zusammen mit sämtlichen Löhnen und Gehältern sowie den darauf fälligen Sozialabgaben in ihre Preise ein. Genauso wie ihre Ausgaben für Farben und Pinsel oder Motorenblöcke und komplette Fertigungsstrassen.

Würde VW Ihnen als Angestelltem Ihre Bezüge brutto aufs Konto überweisen und Sie dann die Steuern selbst ans Finanzamt oder alle Sozialbeiträge selber an die Bundesanstalt für Arbeit abführen, dann würde sich unterm Strich ja nichts an den «Arbeitskosten» von VW ändern – und diese Kosten werden selbstredend komplett auf die Preise geschlagen.

... Ausnahmslos alle Steuern und Sozialabgaben landen so oder so in den Endpreisen. Die Mehrwertsteuer ist bloss die einzige Steuer, bei der jeder das auf der Rechnung offen und transparent erkennen kann.

Konsumsteuer – die Steuer der Zukunft

... Das heutige Steuersystem ist nicht bloss masslos kompliziert, womit es für eine Menge wirtschaftlich unproduktiver und gesellschaftlich letztlich nutzloser Arbeit sorgt. Vor allem führt es dazu, dass nicht jeder Bürger nachvollziehbar erkennen kann, woher das Geld kommt und wohin es fliesst.

... Das ist ein weiterer Nachteil unseres heutigen Steuersystems: Es blockiert jede Grundsatzdebatte. Denn es ist ein Imperium für Fachidioten. Die meisten seiner Regeln sind so verzwackt, dass ein Dutzend absoluter Steuerexperten in Detailfragen zu zwei Dutzend verschiedenen Antworten kommen kann. Mit der Folge, dass jede steuerpolitische Debatte normale Bürger nach fünf Minuten in Tiefschlaf versetzt.

... Bürgerinnen und Bürger zahlen Steuern, um jene Aufgaben zu finanzieren, die privat nicht angemessen erbracht werden können. Am sinnvollsten zahlen sie die Steuern dann, wenn sie etwas verbrauchen, wenn sie dem gesellschaftlichen Wertschöpfungsstrom Leistungen entnehmen.

Das Erbringen von Leistungen zu besteuern – Arbeit, Ideen, unternehmerische Initiativen – ist dagegen geradezu kontraproduktiv ... Denn solche Steuern beeinflussen das Verhalten der Wirtschaftssubjekte negativ ... Sie treffen viel zu viele Entscheidungen aufgrund von steuerlichen Erwägungen. Was heisst: Unternehmen richten ihre Entscheidungen über Investitionen nicht allein an ihren Markterwartungen aus. Sondern viel zu oft an Überlegungen betreffend Abschreibungszyklen oder einem Wust steuerlicher Förderungsmöglichkeiten.

Warum Ertragssteuern die Arbeitskräfte diskriminieren

Zu dieser Problematik gehört ganz wesentlich ein zweiter negativer Effekt von Unternehmenssteuern: Aufgrund der zahllosen Abschreibungs-, Verrechnungs- und Verlagerungsmöglichkeiten machen sie den Einsatz von Maschinen und Technik relativ attraktiv. Wogegen die ... Lohn- und Einkommenssteuern sowie die Sozialabgaben den Einsatz menschlicher Arbeitskraft unattraktiv machen ... Die Besteuerung von Unternehmen ebenso wie die Besteuerung von Arbeitseinkommen lädt ein zum Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen. Oder auch zur offenen Lohndrückerei.

Eine Besteuerung ausschliesslich des Konsums hätte genau den gegenteiligen Effekt. Die Konsumsteuer fällt zu gleichen Teilen auf alle Leistungen an, die für ein Produkt oder eine Dienstleistung notwendig waren. Sie unterscheidet nicht zwischen Maschinen und Menschenarbeit. Dafür liesse sie alle Menschen im Wirtschaftskreislauf ausschliesslich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten – Angebot, Nachfrage, Qualität, Preis – denken, planen und handeln. Und sie würde damit auch bei Entscheidungen, ob man eine Arbeit besser von Menschen oder von Maschinen erledigen lässt (oder ob man sie vielleicht auch ganz bleiben lässt) endlich wieder zu Chancengleichheit führen. Indem sie nämlich die steuerliche Subventionierung von Maschinenarbeit abschafft.

Zusammen mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen BGE würde das sogar für vollständige Waffengleichheit sorgen. Denn ein BGE würde einzelne Unternehmen – von der Welt-AG bis zum Handwerksmeister – zugleich von der Notwendigkeit freistellen, jedem Bürger ein würdiges Existenzminimum zu garantieren

Warum«die Reichen» auch bloss konsumieren können

Zum Schluss wenden wir uns dem scheinbar unerschütterlichsten Argument gegen eine ausschliessliche Besteuerung des Konsums zu: Sie belaste über Gebühr jene Gering- und Normalverdiener, die ihr Geld mehr oder minder vollständig für die Bestreitung ihres Lebensunterhaltes ausgeben. Besserverdiener, Reiche und Superreiche würden dagegen den überwiegenden Teil ihrer Einkünfte gerade nicht ausgeben. Gäbe es künftig nur eine Konsumsteuer, könnten sie folglich mit ihren Tausenden, Zehntausenden oder Millionen an den Finanzmärkten völlig ungehemmt herumzocken, ohne dass die Gesellschaft auch nur einen Euro oder Dollar ihrer Vermögenszuwächse zu Gesicht bekäme.

... Ob 9,8 Millionen oder 2,7 Millionen Euro Jahresgehalt – kein Spitzenmanager kann das komplett für Nahrung, Kleidung, Unterkunft und ein paar Annehmlichkeiten des Lebens ausgeben. Zumal Manager nicht nur ziemlich häufig auf Spesen essen, reisen oder übernachten, sondern auch noch furchtbar wenig Zeit zum Geldausgeben haben.

... Etwas buntere Rechnungen kann aufmachen, wer ab und an einen Blick in bunte Blätter wirft. Anfang des Jahres kursierten Gerüchte, Hollywoodstar Johnny Depp sei pleite. Er soll seit 20 Jahren so um die zwei Millionen Dollar (1,9 Millionen Euro) monatlich ausgegeben haben, wurde kolportiert. Der Schauspieler, über dessen Talente die Meinungen inzwischen geteilt sind, besitzt 14 Häuser, darunter ein Schloss in Frankreich, Immobilien auf den Bahamas und einen Reiterhof im US-Bundesstaat Kentucky; ferner eine 18 Millionen Dollar teure Jacht und 45 Luxusautos. Rund 700'000 Dollar pro Monat gehen für Privatjet-Flüge, Weinrechnungen und die Gehälter seiner 40 Angestellten drauf. In so einem (zugegeben etwas kuriosen) Fall dürfte man schon behaupten: Konsumsteuer bringt’s!

... Schon mit Zweitwohnsitz, Drittwagen, vier gehobenen Wochenendtrips mit der Familie und zwanzig Anzügen wäre eine Konsumsteuer gerecht. Wer die Begüterten etwas mehr zwicken möchte: Warum nicht höhere Konsumsteuersätze auf Austern, Champagner, Haute Couture und die automobile Oberklasse? Oder 40 Prozent auf Motorboote, 80 Prozent auf Jachten ab 20 Meter? Oder vielleicht wenigstens einen kleinen Aufschlag auf die Jahresgebühren exklusiver Privatschulen? Da hätte dann das Schlagwort vom «Sozialneid» wenigstens einen konkreter fassbaren Sinn.

... Auch die reichsten Leute der Welt können ihr ganzes Geld am Ende nur entweder ausgeben, investieren oder spenden bzw. verschenken. Im ersten Fall wird es von einer Konsumsteuer stets angemessen erfasst. Im zweiten Fall ist seine Besteuerung via Preise ebenfalls eine Besteuerung des Konsums. Allerdings eine mit unternehmerisch wie gesamtwirtschaftlich negativen Nebenwirkungen. Die Einführung der Konsumsteuer wäre eine Steuerrevolution, die die Menschheit noch nicht gesehen, aber dringend nötig hat.

Der entscheidende Punkt ist freilich folgender: Wenn Unternehmer investieren, dann erbringen sie damit eine gesellschaftliche Leistung – die Bereitstellung von Gütern, Dienstleistungen und Einkommen. Keine Frage, Geld kann nicht arbeiten. Aber Investitionen sind Leistungen für andere, keine Leistungen für den, der da leistet. Für diesen Einsatz sollte die Gesellschaft keine Gebühren verlangen.

RÜCKFRAGEN AN CO-AUTOR MARC FRIEDRICH

Infosperber hat den Co-Autor von «Sonst knallt's», Marc Friedrich, um einige Präzisierungen zur radikalen Steuerreform gebeten. Hier seine Antworten:

Infosperber: Die von Ihnen vorgeschlagene Konsumsteuer, welche fast alle andern Steuern ersetzen soll, wird nicht wie die Mehrwertsteuer auf allen Stufen erhoben, sondern nur auf dem Endprodukt, das ein Konsument kauft. Ist das korrekt?

Friedrich: Genau. Da wir ja sowieso jetzt schon alle Steuern und Kosten als Endkunde im Endprodukt zahlen, wäre es durch die Konsumsteuer transparent und fair.

Haben Sie ausgerechnet, wie hoch eine solche Konsumsteuer durchschnittlich etwa sein müsste, um ähnliche Erträge wie heute mit andern Steuern einzunehmen?

Ja, wir gehen von 40-50 Prozent aus. Wir würden lieber höher anfangen, reduzieren kann man sie immer. Die Staatsquote ist momentan ebenfalls bei rund 50 Prozent.

Führt eine so hohe Steuer auf Endprodukten und -dienstleistungen nicht dazu, dass wieder Produkte und Dienstleistungen wenn immer möglich getauscht würden statt bezahlt? Schon heute gibt es eine grosse Schattenwirtschaft in Ländern mit einer hohen Mehrwertsteuer von über 20 Prozent.

Das hat man immer und wird wohl auch immer so bleiben. Allerdings trocknet eine alleinige Konsumsteuer die Steueroasen aus und die Steuervermeidung von Grosskonzernen sowie grossen Vermögen würde unmöglich. Der Schaden, der mit diesen Steuerumgehungen angerichtet wird, ist weitaus höher als der Schaden, den ein Coiffeur anrichtet, wenn er sich mit Cash bezahlen lässt. Und selbst wenn der Coiffeur Schwarzgeld macht, löst es sich irgendwann in Konsum an der Ladenkasse auf.

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Buch bestellen:

«Sonst knallt's – Warum wir Wirtschaft und Politik neu denken müssen», Edition Eichborn, 2017, 15.90 CHF

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Lesen Sie den ersten Teil auf Infosperber über ein Bedingungsloses Grundeinkommen: «Unattraktive Arbeit besser zahlen als attraktive».

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Ein anderer Vorschlag, die bisherigen Steuern weitgehend zu ersetzen, ist eine Mikrosteuer auf sämtlichen elektronischen Zahlungsvorgängen. Siehe «Mikrosteuer auf alle Geldflüsse»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Die drei Autoren:

Götz W. Werner (Mitte) ist Gründer der dm-Drogeriemarkt-Kette. Sein Führungsstil ist geprägt von seiner Nähe zur Anthroposophie. Als Unternehmer setzt er auf Kooperation, selbstständiges Arbeiten und auf die Entwicklung seiner Angestellten.

Marc Friedrich (links) ist Mitgründer der Honorarberatung Friedrich & Weik Vermögenssicherung. Seit vielen Jahren hält er gemeinsam mit Matthias Weik Vorträge im In- und Ausland rund um das Thema Wirtschaft und Finanzen.

Matthias Weik (rechts) ist Mitinitiator von Deutschlands erstem offenen Sachwertfonds. Gemeinsam mit Marc Friedrich hat er die Bestseller «Der grösste Raubzug der Geschichte», «Der Crash ist die Lösung» und «Kapitalfehler» geschrieben.

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5 Meinungen

Es ist immerhin zu begrüssen, dass die Autoren von der Ecke Grundeinkommen sich von der Beurteilung einer MWST als gute Idee verabschieden. Ihr Vorschlag einer Konsumsteuer ist allerdings so viel besser auch nicht. Ihm etwas abgewinnen kann man allenfalls, wenn differenziert würde zwischen Luxus- und anderen Konsumgütern (erfolgreich in DK), wobei man allerdings flugs wieder beim Steuertarifsalat wäre, den die Autoren zu Recht kritisieren.
Vielleicht, vielleicht wird man dann mal umsetzen, was seit 2000 Jahren oder so bekannt ist, nämlich, dass besteuert werden sollte, was schlecht ist (z.B. Umweltzerstörung) aber nicht, was gut ist (z.B. Schaffung von Mehrwert).
Und vielleicht, vielleicht begreift man in der Grundeinkommen-Ecke dann mal, dass genau so, nicht nur Steuern, sondern, besser, sich ein begründetes allgemeines Einkommen finanzieren liesse, statt ein bedingungsloses aber äusserst prekär begründetes Grundeinkommen.
Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Peter Vogelsanger, am 20. Mai 2017 um 23:26 Uhr
Eine einzige Steuer auf dem Niveau der Endverbraucher, bzw. der individuellen Einkommensträger hat eine gewisse Logik in sich und vermeidet gleichzeitig auch das Problem der Doppelbesteuerung eines einzelnen Produktionsprozesses.

Die Praxis der Mehrstufenbesteuerung kommt aber nicht von ungefähr. Auch die territoriale Zuordnung der Steuereinnahmen ist von grösster Bedeutung. In der aktuellen Debatte um die Unternehmensteuerreform (USR/RIE) ist dieser Aspekt von zentraler Bedeutung, insbesondere für die Gemeindefinanzen.

Natürlich ist es möglich durch Zahlungsausgleich Steuereinkommen dahin zu bringen, wo es benötigt wird. In der aktuellen Reform zeigt sich aber, dass der interkommunale Ausgleich voll vergessen wurde und den Sitzgemeinden grosser Unternehmen - welche lokale Lasten verursachen - nur noch die Tränen für die verlorenen Steuererträge bleiben würden, sollten diese Steuern so drastisch gesenkt werden wie geplant.

Steuern sind eine ernsthafte Sache und sollten nicht zum Spielball sozialer Experimente werden.

Die US-Steuerfinanzierung der Schulen ist wohl das beste Beispiel, wie man Polarisierung fördern kann und den Zusammenhalt in einer Gesellschaft zerstört.

Es ist sicher akademisch interessant, alte Einheitssteuergedanken in neuer Verpackung zu präsentieren.

Ein alter Freund von mir hätte das wohl als «Sauglattismus» bezeichnet. Es wäre doch auch noch «lustig» dieses Hirngespinst umzusetzen. Wie auch das bedingungslose Grundeinkommen.
Josef Hunkeler, am 21. Mai 2017 um 08:49 Uhr
Aus der Sicht eines Bürgers der » Bundesrepublik in Deutschland» zu o. g. Thema ein
Auszug aus einem Vortrag von Prof. Dr. Paul Kirchhof am 24.05.2012 :
(...) Einkommen- und Körperschaftssteuerrecht incl. Gewerbesteuer sind durchsetzt mit 534 Ausnahmeprivilegien und Lenkungstatbestände ( Stand 2012). (...) - Die 10% Meistverdienenden zahlen 52% des Aufkommens aus der Besteuerung des Einkommens, - aber real , wenn ich die Ausnahmen und den Steuersatz zusammenfüge, einen Durchschnittssteuersatz von 23% (Ende des Zitates). -
Innerhalb dieser Klasse von Kapitaleignern ist ein heftiges Gerangel unter Neidern zu vermuten, die ein weiteres «Abschmelzen» in Richtung Null% noch nicht erreichen konnten.-
https://www.youtube.com/watch?v=kYPF4GuOluI
Gustav - Adolf Siebrasse, am 22. Mai 2017 um 15:04 Uhr
Die Probleme der heutigen Besteuerung sind unbestreitbar. Dennoch überzeugt mich der Vorschlag nicht.

1. Eine Verbrauchssteuer kann keine Progression haben. Damit ist sie asozial.

2. Steursysteme hat man, so wie die Volkswirtschaft insgesamt, theoretisch nicht «im Griff». Man kann sie nicht im Computer simulieren. Was bei drastischen Veränderungen der Spielregeln tatsächlich passieren würde, kann man nur sehr unzuverlässig im Voraus abschätzen. Deshalb wäre ein radikaler Wechsel ein ziemliches Risiko. Er hätte, mit gutem Grund, politisch wenig Chancen.

Ein ganz zentraler Irrtum ist in meinen Augen die Annahme, «die Staaten» seien wirklich an einer konsequenten Besteuerung der Reichen und Superreichen interessiert. Das sind sie nur vordergründig, denn meist sind genau jene Leute, die bezahlen müssten, in den Staaten in einflussreicher Position.
In offener politischer Auseinandersetzung könnten diese die Privilegien für sich selbst trotzdem nicht durchsetzen. Deshalb werden Steuersysteme bewusst kompliziert gemacht, was vor allem im internationalen Massstab hervorragend gelingt. Wenn selbst die linken Parteien das Spiel nicht durchblicken, kann man es vom einfachen Stimmbürger kaum erwarten.

Die Wahl von Juncker zum Kommissionspräsidenten zeigt in meinen Augen deutlich, dass in grossen Gebilden wie der EU, wo die Führungsleute weit weg von den Wählern sind, der Einfluss der Reichen auf die Staaten noch ausgeprägter ist.
Daniel Heierli, am 24. Mai 2017 um 21:40 Uhr
Lieber Herr Heierli,
Mit Herrn Depp beweisen die Autoren dass das neue System,die Reichen durchaus progressiv besteuert.Wenn heute ein «Armer» den Fertigsalat im zu 35 Fr. Je Kilo im Coop liegen lässt und zum Häuptli zu 90 Rappen greift,verdient er beim Salatwaschen 40 Fr. pro Stunde.
Bei einer 50 % Konsumsteuer wuerde sein Stundenlohn ( steuerfrei ) auf 80 Fr. steigen.
Reiche Deppen haben aber auch nur 24 Stunden pro Tag Zeit Salat zu waschen,ergo werden Sie mit den 50 % mehr besteuert.
Man beachte die heutige Geldkolumme des Herrn Spieler.Am meisten Steuern werden bei der 2. Säule gespart,da ist sogar Apple noch ein kleiner Fisch.
Andreas Willy Rothenbühler, am 25. Mai 2017 um 11:37 Uhr

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