Ärzte erhalten Geld von der Pharmaindustrie, aber nur eine Minderheit steht offen dazu © Ivo Mayr, www.correctiv.org

«Der Vorwurf der Korruption liegt in der Luft»

Red. / 21. Dez 2016 - Eine Anwaltskanzlei stachelt Ärzte zu Klagen an, weil eine Online-Datenbank Geldgeschenke von Pharmaunternehmen öffentlich macht.

Hat mein Arzt im vergangenen Jahr Geld von der Pharmaindustrie bekommen? Wenn ja, wie viel und wofür? Diese Fragen beantwortet seit Juli die Online-Datenbank «Euros für Ärzte». Gemeinsam mit «Spiegel Online» hat die gemeinnützige deutsche Recherche-Plattform Correctiv Angaben von 54 Pharmaunternehmen ausgewertet und in einem zentralen Register zusammengeführt. Es ist die erste allgemein zugängliche Datenbank, die Zahlungen der Pharmaindustrie an deutsche Ärzte und medizinische Einrichtungen mit Namen und genauen Beträgen auflistet.

«Korruptionsvorwurf gegen Ihre Person»

Doch jetzt stachelt eine Anwaltskanzlei aus Jena deutsche Ärzte auf, gegen die Betreiber der Datenbank vorzugehen, berichtet Correctiv. Schliesslich liege der Vorwurf der Korruption in der Luft. «Müssen Sie eine solche, auf falschen Daten beruhende Diffamierung Ihrer Person hinnehmen? Müssen Sie sich als käuflich bezeichnen lassen? Was sagt die Rechtssprechung dazu?» Die vermeintliche Antwort liefert die Kanzlei BKR gleich mit: Jeder Arzt könne bei Ehrverletzung auf eine «Geldentschädigung in Höhe von 10’000 bis 15’000 Euro» hoffen, lockt die Kanzlei potenzielle Mandanten.

Auszüge aus dem Anwalts-Brief:

«Korruptionsvorwurf gegen Ihre Person: Ist Ihnen bekannt, dass gegen Sie der öffentliche Vorwurf erhoben wird, dass Sie durch die Pharmaindustrie käuflich sind?»

An wie viele Ärzte die BKR diesen Brief verschickt hat, wollte die Kanzlei nicht mitteilen. Correctiv vermutet, dass es den Anwälten einzig darum geht, unter den Ärzten nach zahlungskräftigen Mandanten zu fischen. Doch von den rund 20’500 deutschen Ärzten und Heilberuflern, die in der Datenbank aufgelistet sind, spannen bisher nur 36 Mediziner mit den Anwälten in Jena zusammen. Die Namen dieser Ärzte sollen aus der Datenbank gelöscht werden, verlangt die Kanzlei BKR von Correctiv und «Spiegel online».

Halbherzige Transparenz

Die Betreiber der Datenbank lassen sich von juristischen Drohungen nicht einschüchtern. Denn alle Ärzte, die in der Datenbank gelistet sind, haben gegenüber den Pharma-Sponsoren eingewilligt, dass ihre Namen veröffentlicht werden dürfen. Die Pharmabranche selbst hat für freiwillige Transparenz geworben, um das angeschlagene Image aufzupolieren. In diesem Jahr haben die Unternehmen erstmals offengelegt, wie viel Geld sie an Ärzte und medizinische Einrichtungen zahlen. Veröffentlicht werden allerdings nur Namen von Empfängern, wenn diese damit einverstanden sind. Nicht einmal 40 Prozent der Ärzte haben einer Veröffentlichung zugestimmt.

Doch die «Transparenz-Offensive» der Pharmaindustrie entpuppte sich als laue PR-Aktion. Jedes Unternehmen veröffentlichte die Angaben zu den Zahlungen gesondert auf der eigenen Webseite. Die Listen mit den Geldempfängern waren unübersichtlich, meistens gut versteckt und für Patienten nur schwer auffindbar.

Correctiv und «Spiegel online» haben die Webseiten der Pharmakonzerne durchkämmt und die dort publizierten Angaben in eine frei zugängliche Datenbank übertragen. Ähnlich lief es bei den Daten für Schweizer Ärzte: Im August haben Correctiv und «Spiegel online» gemeinsam mit der Zeitschrift «Beobachter» die Angaben von 59 Pharmaunternehmen ausgewertet und in die Datenbank eingespeist. (Infosperber berichtete).

138 Millionen Franken für Schweizer Spitäler und Ärzte

Ein gravierendes Problem bleibt jedoch: Viele Geldempfänger der Pharmaindustrie bleiben anonym. In Deutschland flossen im vergangenen Jahr 575 Millionen Euro an über 71'000 Ärzte und medizinische Einrichtungen. Aber nur rund 20'500 Ärzte haben einer Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt. In der Schweiz gingen 2015 insgesamt rund 138 Millionen Franken an Ärzte, Fachgesellschaften, Patientengruppen, Spitäler und andere Firmen sowie Institutionen des Gesundheitswesens. Etwa die Hälfte der Ärzte steht nicht öffentlich dazu, dass sie Geld von der Pharmaindustrie angenommen hat.

Wie echte Transparenz aussieht, machen die USA vor: Dort sind alle Pharmaunternehmen gesetzlich verpflichtet, sämtliche Zahlungen und Zuwendungen an Ärzte detailliert zu dokumentieren und einer Behörde zu melden. Diese Angaben werden in einem zentralen Register zusammengeführt. Auf einer frei zugänglichen Webseite kann jedermann die Namen aller US-Ärzte eingeben, um zu erfahren, wie viel Geld und Leistungen sie von Pharmafirmen im Vorjahr angenommen haben.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Online-Datenbank «Euros für Ärzte»
Multimillionen-Manna der Pharmaindustrie (auf Infosperber)

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