Blick Rekordbusse © Blick

Banken: Betrügen gehört heute zum Geschäftsmodell

Christian Müller / 05. Jan 2017 - Milliarden-Bussen – und kein Schock, sondern zum Lachen. Die Banken rechnen damit. Entscheidend sind die verbleibenden Reingewinne.

Es gehört mittlerweile zum Alltag: Banken müssen Bussen zahlen. Bussen für Betrügereien. Mal ein paar Millionen, mal ein paar hundert Millionen, mal eine Milliarde. Oder auch mehr.

Vor ein paar Tagen gab es dazu aber doch wieder einmal Schlagzeilen, denn es ging um einen Rekord – und Rekorde sind, im Sport oder wo auch immer, ja alleweil eine Schlagzeile wert. Diesmal hiess die Schlagzeile: Credit Suisse muss USA Rekordstrafe zahlen. 5,3 Milliarden US-Dollars, stand da geschrieben. Aber selbst die Schweizer Boulevard-Zeitung Blick sorgte gleich wieder für Entwarnung: «CS zahlt Rekordbusse – und es lässt alle kalt», stand da in der Headline. Und darunter sah man den CEO der CS Tidjane Thiam und den Verwaltungsratspräsidenten Urs Rohner, und beide lachten (siehe Bild oben).

Und was sagt die Wirtschaftszeitung?

Überhaupt nicht. Denn es blieb jenen, die in der ehemaligen DDR etwas Anderes als «Mensch ärgere dich nicht» spielen wollten, nichts anderes übrig, als die grossen Vorbilder aus dem Westen zu kopieren. Obwohl Thüringen in der Geschichte der Spielzeugentwicklung während Jahrhunderten europaweit eine führende Rolle innegehabt hatte, war der Bauern- und Arbeiterstaat bis zu seinem Ende eine Spiele-Wüste. Spiele waren, wie andere Konsumgüter auch, Mangelware. Das Material war knapp, die Qualität der Produkte mässig, das Design so, dass keine Freude aufkommen konnte. Die wenigen Verlage, die es gab, produzierten planwirtschaftsgemäss vor allem Kinderspiele, und wenn es Spiele für Familien waren, handelte es sich praktisch nur um Neuauflagen von Klassikern. Lauf- und Quizspiele dominierten das magere Sortiment.

«Banken und Bussen gehören offenbar zusammen wie das Licht und die Motten. Vor allem seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007/08 scheint kaum ein Monat zu vergehen, ohne dass irgendeine grössere Bank wieder eine saftige Busse oder sonstige Zwangszahlung aufgebrummt erhält. Selbst an Milliardenbussen hat man sich mittlerweile gewöhnt. Die Neuigkeiten vom Freitag (die Rekordbusse der CS, Anm. der Red.) vermögen denn auch niemanden mehr zu schockieren.»

Die Erkenntnisse des Boulevardblatts Blick und der «seriösen» NZZ stimmen also überein. Doch warum ist niemand mehr schockiert?

Hansueli Schöchli weiss es: «Aufdatiert bis heute, dürfte die Summe der Strafzahlungen für grosse Banken seit dem Ausbruch der Finanzkrise 250 Mrd. bis 300 Mrd. $ bzw. Fr. betragen. Doch selbst diese Summe verliert etwas an Schockwirkung, wenn man sie ins Verhältnis zu den Erträgen im Finanzsektor setzt: Gemäss der Branchenwebsite deposits.org hatten dreissig der weltweit grössten Banken ausserhalb Chinas im Jahr 2014 total einen Gewinn vor Steuern von etwa 325 Mrd. $ erwirtschaftet – was Reingewinnen von ungefähr 250 Mrd. $ entsprechen mag. Damit hätte die Summe der Strafzahlungen seit 2008 vielleicht etwas mehr als einen Jahresgewinn der grossen Banken weggewischt.»

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 sind annähernd zehn Jahre vergangen. Wenn in dieser Zeit ungefähr ein Jahresgewinn für Bussen weggefressen wurde, ist das tatsächlich nicht der Haufen. Ein Grund zum Wegschauen? Hinter Strafen und Bussen müssen doch irgendwelche Vergehen sein! Bussen und Strafen müssen eine Ursache haben!

Vor «Cluedo», «Malefiz», «Hase und Igel» und Siedler von Catan» war «Monopoly» der am meisten kopierte Klassiker aus dem Westen. Kapitalismus am Wohnzimmertisch - das faszinierte die DDR-Spielefamilie. Vielleicht auch gerade deshalb, weil das Spiel um Macht, Mieten und Moneten den kommunistischen und sozialistischen Ideologiehütern ein besonderer Dorn im Auge war. Buchautor Martin Thiele berichtet, dass der Pfarrer, bei dem seine Mutter in die Christenlehre ging, die Kinder «Monopoly» spielen liess. Anschliessend durften sie es «reihenweise» kopieren und nach Hause nehmen. Um nicht erwischt zu werden, musste man die Spiele verstecken. Einige legten es in die Verpackung eines harmloseren Spiels. Noch kreativer war ein ehemaliger Soldat der Nationalen Volksarmee: Er zeichnete den «Monopoly»-Spielplan auf die Rückseite eines Bildes. Abends lag das Spiel auf dem Tisch, tagsüber hing das Kunstwerk mit der unverdächtigen Seite nach vorne an der Wand.

Ein besonderes Spiel war «Bürokratopoly» von Martin Böttger. Der Autor, Physiker und Mitbegründer der Initiative Frieden und Menschenrechte sowie Gründungsmitglied des Neuen Forums, beschreibt in «Nachgemacht», wie er mit diesem Spiel das Streben nach gesellschaftlichen Aufstieg und Macht thematisierte, das seiner Meinung nach das System der zentralistischen Funktionärsbürokratie zusammenhielt. Böttger arbeitete sehr lange am Spiel, weil er die Mechanismen der Macht mit dem Generalsekretär der kommunistischen Einheitspartei SED im Mittelpunkt detailliert darstellen wollte. 1984 war es so weit, Böttger stellte das Spiel einer grösseren Gruppen von Oppositionellen vor: «Nachdem ich lang und breit die Spielanleitung erläutert hatte, blieb nur noch bei einem Teilnehmer eine letzte Frage: Wie viele Jahre gibt es denn für die Teilnahme an diesem Spiel?» Bei der Lektüre seiner Stasi-Akten im Jahr 2005 stellte Böttger dann fest, dass die Stasi Kenntnis hatte von «Bürokratopoly». Das Gesellschaftsspiel «mit negativ-feindlichem Charakter» sei am 19. Dezember 1984 in der Wohnung von Bärbel Bohley «einem grösseren Personenkreis» vorgestellt worden. Der Stasi-Offizier, der ein Exemplar von einem Spitzel erhalten hatte, schrieb in seinem Bericht weiter, dass es sich bei «Bürokratopoly» um ein Würfelspiel handle, «welches auf ironische Weise angebliche Wege zur Erlangung und zum Verlust politischer Macht in der DDR aufzeigt und auf diese Art die gesellschaftlichen Verhältnisse verächtlich macht». Dafür sah das Strafgesetzbuch der DDR eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor. Doch Martin Böttger blieb unbehelligt, offenbar, weil die DDR-Behörden Angst vor dem öffentlichen Aufsehen hatten, das eine Verhaftung des prominenten Oppositionellen verursacht hätte.

Für die beiden Autoren Michael Geithner und Martin Thiele erzählen die nachgemachten Spiele «auf ungewöhnliche Weise vom Alltag der DDR». Im Spielekopieren sehen sie keinen systemkritischen oder gar systemfeindlichen Akt, auch wenn einzelne Spiele aus dieser Absicht heraus entstanden sind. Nur: Das Besondere an Spielen ist, dass man über sie in eine zweite Realität eintaucht, die eigene Gesetzmässigkeiten kennt. Freie Gesellschaften haben kein Problem damit. Geschlossene Systeme, wie die DDR eines war, leben hingegen in permanenter Sorge: Denn Bürgerinnen und Bürger könnten ja eines Tages Lust darauf bekommen, die Freiheit, die sie im Spiel erleben, auch im Alltag auszuprobieren.

Michael Geithner und Martin Thiele, Nachgemacht - Spielekopien aus der DDR. DDR Museum Verlag Berlin, 2013. ISBN 978-3-939801-18-4. Fr. 21.90

Die neue Realität

So einfach ist es. Nicht die Banken sind es, die betrügen, wofür sie Bussen zahlen müssen. Es sind die «streitbaren Behörden» und die «Unebenheiten des Rechtssystems», die zu Bussen führen. Und deshalb sitzt auch keiner der Bankmanager im Knast. Im Gegenteil: Sie kassieren Millionen als Gehalt und in Form von Boni für erfolgreiches Geschäften.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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15 Meinungen

Irgend ein deutscher politiker sagte mal in eine Kamera:
Was ist eine million ?
Eine million ist eine eins mit sechs nullen.
Eine null ist nichts und über nichts disqutier ich nicht !
Das ist das grundverständniss wenn man zulange mit riessen summen arbeitet.
Würden sie noch lachen wen es aus der eigenen tasch käme ?
Antword darauf kann sich jeder selber geben.
Das sind die vorbilder unsserer stolzesten geselschaft.
Nicht zu empehlen nachzumachen wenn man nur ein kleines würstchen ist.
Weil dann bekommt man aber die volle härte des gesetzes zu spüren.
Wären sie in Amerika in den knast befördert worden würde ich keine träne den Ehrenwärten Elite Managern nachtrauern.
Vor dem Gesetz sind alle gleich, doch nur ein verschwindend kleiner teil ist gleicher.
Und wider wird einem vor Auge geführt, Wir stehen über dem Gesetz legt euch nicht mit aus an.
Wo sind jetzt die anleger die diesse herren vor schweizer gerichte zerren ?
Wo ist jetzt unser staat der solche misstände duldet ?
Wo sind jetzt die medien die sich richtig entrüste ?
Und wo ist der Bürger ?
Alle sitzen vor dem Fernseher und disqutieren ob Bachelor XY ( Uni idiot ) mit XY nummer 1 oder 2 oder 3 ins Bettsteigen soll.
weil DAS IST WICHTIG ! Das sagt der Blick und Blick hat immer recht.
Soviel Kotzen kann ich gar nicht wie tagtäglich in mich medial herein geschtopft wird, also ist es besser ich schau weg.
Dan lesse ich die Präampel die ich mir neben den Komputer geheftet habe und treume von einer besseren welt.
Gute Nacht
hanspeter eckart, am 05. Januar 2017 um 11:21 Uhr
Herr Eckart, diese glossierte Compilation stammtischangewandter Rhetorik ist brillant. Erlauben sie mir kurz auf Ihre Frage «Wo ist der Bürger?» einzugehen. Nicht alle Bürger sitzen vor dem Fernseher und sehen sich idiotische Klamaukserien an oder lesen den BLICK, sondern sie haben reelle Existenzprobleme und wissen nicht genau, ob ihre finanziellen Ressourcen ausreichen, um Ende dieses neuen Jahres nicht noch tiefer in den Sumpf abzugleiten. Und, Perversion sondergleichen, sie wählen Leute ins Parlament, die gegen sie arbeiten. Das ist seit Jahrzehnten der Fall und fast eine «helvetische Eigenart». Da nützen Ihre und meine Statements nichts.
Silvio Marocco, am 05. Januar 2017 um 13:09 Uhr
Die NZZ verkommt zunehmend zu einem Sprachrohr der Banken. Es ist traurig zu sehen, was aus dieser einst hochangesehenen Zeitung geworden ist.
Jonas Ammann, am 05. Januar 2017 um 13:35 Uhr
Das sagen sie einem elektromonteur der:
- zu 100% arbeitunfähig ist
- aber die IV sagt sory nur 21% also kein versicherungs schutz durch IV
- über 50 jahre alt ist
- die letzten 10 jahre nur noch Täporär beschäftig wurde
- nach drei jahren ein minus auf dem konto hat
- kein auto mehr zum arbeiten hat ( Bedingung für Temporär Elektriker zu sein )
- meine zwei motorräder dem motorad klub geschenkt hat ( selber zwäg gemachte )
- von der fürsorge abhänig ist in der gemeinde
- sich auf schusters rapen fortbewegt
- die letzten ferien unbeschwert vor etwa 18 jahren hatte
- sich als schmarotzer fühlt und zur einsicht kam
Ist der ruff mal ruieniert lebt sich es ganz unscheniert.
Ich bewundere menschen die als beispiel wie herrn Gasche ein lebenlang gegen windmülen kämpfen und es wird immer wie schlimmer doch sie geben nicht auf.
Das läst einem zumindest noch hoffen
Denn die hofnung stirbt zuletzt
Und mein Retorik ist halt die eines bauarbeiters.
Ich dachte immer wen man erlich ist kommt man weiter doch leider war das falsch.
Doch hier erlebe ich Inteligente aussagen von wissens werter Qualität.
vorallem aber die kommentare sind erfrischend und bestätigen ich bin nicht alleine mit meinen ansichten.
Und ganz wichtig wenn ich mich im ton vergreife Passt herr Gasche auf und haut mir auf die medialen finger Mit Recht.
übrigen so am rande erwähnt von den Bössen motorradfahrern geht praktisch keiner wählen und nachrichten interessiert auch keiner.
hanspeter eckart, am 05. Januar 2017 um 14:17 Uhr
Vielen Dank, Herr Eckart, für Ihre Stellungnahme.
Besser kann man nicht zeigen, wie weit in unserem Land die Schere zwischen den Bankmanagern / Investoren und den «gewöhnlichen Leuten» (über 50) auseinandergeht. Da sind Welten dazwischen ...
Daniel Nägeli, am 05. Januar 2017 um 15:34 Uhr
Eine kl. 5,3 Milliarden-Folge einer rechtlichen «Unebenheit». Sagenhaft. Es sollte den Strafbestand der Mittäterschaft für Medien wie die NZZ geben.
Peter Vogelsanger, am 05. Januar 2017 um 15:45 Uhr
Wer hat eigentlich den unsäglichen Euphemismus vom «Steuerstreit» erfunden? Die NZZ und andere brauchen ihn ständig. Dabei geht es ja um Unrecht, nicht Uneinigkeit. Aber die Eigenart des amerikanischen Rechtssystems, dass man offenbar über die Höhe von Bussen verhandeln kann, lädt natürlich dazu ein, die Dinge zu verniedlichen.
Balz Engler, am 05. Januar 2017 um 16:01 Uhr
Ja, heute herrschen noch schlimmere globale Zustände als vor der französischen Revolution anno 1789 mit dem Sturm der Bastille - Liberté, Egalité, Fraternité
Willi Herrmann, am 05. Januar 2017 um 16:03 Uhr
Der lokführer der CS sagt:
Oh ich sehe das ende des tunnels da ist ja licht und giebt noch mehr Gas.
Tragisch aber, es ist das licht eines entgegenkomenden Zuges.
Als er den irtum bemerkte war es leider zu spät. Kresch...........
hanspeter eckart, am 05. Januar 2017 um 16:57 Uhr
Wirklich erstaunlich ist es ja nicht, dass die Banker von solchen Bussen unberührt sind: Sie betreffen ja nur die «Bank» und werden aus dem Betrieb, letztlich also von Kunden, Aktionären und im Fall des Falles Steuerzahlern getragen.

Würde man den Betrug bekämpfen wollen, würde man nicht die «Bank», sondern die verantwortlichen Personen bestrafen.

Dass dies nicht geschieht zeigt deutlich, dass es eben nicht um Vermeidung von Betrug geht, sondern um eine weitere Form der Umverteilung von Geld von unten nach oben: Die Löhne und Boni der Banker bleiben hoch, auch wenn sie mit einem Risiko erwirtschaftet werden, das von denen finanziell abgesichert wird, die an den kriminellen Prozessen weder beteiligt waren noch profitierten.
Stefan Werner, am 06. Januar 2017 um 12:25 Uhr
Getreu dem Buchstaben aber nicht dem Sinn des Gesetzes.
hanspeter eckart, am 06. Januar 2017 um 13:36 Uhr
@hanspeter eckart: Mit dem letzten - fehlerfreien - Satz habe Sie sich verraten. Eine Kustfigur, fast so gekonnt wie Hedi Wyler ...
Thierry Blanc, am 07. Januar 2017 um 18:09 Uhr
@Thierry Blanc
ich verstehe nicht was sie mir mitteilen wollen.
Diessen satz hab ich aus einen zeitungsbericht und buchstabengetreu auf einen notizblock gekritzelt. seither ziert er meine pinnwand hinter dem computer.
Ich bin keine kunstfigur ich bin weder künstler noch bin ich computergenerierter Troll.
Und schlussendlich Wer ist Hedi Wyler ???
hanspeter eckart, am 07. Januar 2017 um 23:20 Uhr
@eckart: In dem Falle einfach mal Korrekturprogramm einschalten ...
Thierry Blanc, am 08. Januar 2017 um 07:28 Uhr
Danke für den Typ.
Habe LT installiert und hätte selber darauf kommen sollen.
Danke.
hanspeter eckart, am 08. Januar 2017 um 10:05 Uhr

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