SBB zwischen harter Gegenwart und kühner Zukunft

Hanspeter Guggenbühl © Guggenbühl
Hanspeter Guggenbühl / 28. Sep 2016 - In seiner Amtszeit war SBB-Chef Andreas Meyer nicht sehr erfolgreich. Darum flüchtet er jetzt in die Zukunft.

Der Journalist sass nicht am Computer, sondern zeitungslesend im Euro-City Mailand–Luzern. Dieser direkte Zug fährt um 15.10 Uhr in Milano-Centrale ab und bleibt in Como fahrplanmässig 15 Minuten lang stehen. Etwas verspätet reagiert der Journalist darum auf die Zukunfts-Visionen, die ihm SBB-Chef Andreas Meyer via «NZZ am Sonntag» nach Como übermittelte.

Bis ins Jahr 2020 will Meyer 1400 Stellen bei der SBB abbauen, um die Bahn fitter oder neudeutsch «RailFit» zu machen. Die NZZ beurteilt das als «grösstes Effizienz- und Abbauprogramm in der Geschichte der SBB». Dabei lässt sie ausser Acht, dass die SBB seit Meyers Amtsantritt im Jahr 2007 den Verwaltungsbereich tüchtig ausgebaut und die Zahl aller Vollzeitstellen um 5500 erhöht haben.

Auch die Personalkosten (inklusive Cheflohn), der gesamte Betriebsaufwand und die Schulden der Schweizer Bundesbahnen stiegen in der Aera Meyer stärker als deren Verkehrsleistung, gemessen in Personen- und Tonnenkilometer. Diese (und weitere) Daten zeigen: Unter Meyers Führung waren die SBB ökonomisch nicht besonders erfolgreich. Darum startet Meyer jetzt kühn in eine ferne Zukunft, die er als Chef aber kaum mehr erleben wird.

Selbstfahrende Mobilität

Um im harten Wettbewerb zu bestehen, will der Bahnmanager über die Schienen hinausfahren, sich zum «Mobilitäts-Integrator» entwickeln: «Wir haben beispielsweise ein Team, das sich mit selbstfahrender Mobilität beschäftigt», erklärte Meyer im NZZ-Sonntags-Interview und fuhr fort: «Ich kann mir vorstellen, dass die SBB den Kunden künftig die ganze Mobilitätskette anbietet, vom Fernverkehr über die S-Bahn bis zum selbstfahrenden Fahrzeug, das eine oder mehrere Personen an der Haustür abholt und wieder absetzt.»

Aus den Bahnhöfen würden so «Mobilitäts-Hubs», liest der in Como im stehenden Zug sitzende Passagier weiter, und ihn beginnt zu grausen: Soll er künftig in selbstfahrenden Autos auf verstopften Strassen zum Bahnhof fahren? Und wartet der Zug, wenn das computerisierte Mobil im Stau stecken bleibt? Bisher kommt er – zu Fuss oder per Velo – eigenständig und rechtzeitig zum Bahnhof, wo die meisten Züge immer noch pünktlich abfahren.

Während der Journalist sinniert, setzt sich der Euro-City in Como endlich wieder in Bewegung. Die umsteigefreie Fahrt Milano–Luzern dauert heute 4.03 Stunden. Darum nehmen Luzernerinnen und Basler in Milano lieber den Euro-City Richtung Zürich, ohne Halt in Como. In Arth Goldau steigen sie dann in den Regio-Express um. Trotz Umsteigen dauert diese Fahrt sechs Minuten weniger lang. Ob das der Grund ist, dass die SBB im Neat-Fahrplan-Entwurf ab 2017 die meisten EC-Direktverbindungen zwischen Luzern und Milano gekappt haben?

Mär von der Rückkehr zum Gratis-WC

P.S.: Hoffnung besteht, dass die SBB-Zukunft nicht so herauskommt, wie sie ihr ausführender Chef-Offizier (CEO) gegenwärtig ankündigt. Das lehrt der Blick zurück:

Am 12. Dezember 2011 sagte Andreas Meyer, ebenfalls in einem Interview mit der Sonntags-NZZ: «Unsere Divisionen Immobilien und Personenverkehr haben im Dialog herausgefunden, dass offenbar zahlreiche Passagiere im Bahnhof die WC der stehenden Züge benutzen, weil die Bahnhof-Toiletten kostenpflichtig sind. Wir werden wieder mehr öffentliche Toiletten auch gratis anbieten.»

Am 26. September bestätigte SBB-Sprecher Reto Schärli dem Schreibenden: «Ihr Eindruck täusch nicht. Wenn alte WC-Anlagen saniert werden, sind die neuen meist kostenpflichtig.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«Trotz Neat nicht mehr Züge ins Tessin» (Infosperber vom 1.9.2016)
«Weniger Neat-Züge als möglich» (Infosperber vom 30.5.2016)

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Eine Meinung

Die SBB können machen, was sie wollen, es wird verkehrt sein. Ich möchte Meyers Job nicht geschenkt. Vieles, was er bislang ausbaden musste, hatte noch Weibel verantwortet. Wenn Meyer heute an die Zukunft denkt, ist das sicher weise, insbesondere wenn er die Folgekosten der heutigen Projekte im Auge hat. Mir ist die Bahn und der ÖV etwas wert. Insbesondere Firmen profitieren davon. Die Debatte müsste also auch beinhalten, was diese Firmen an die Infrastruktur der Schweiz zu zahlen bereits sind. Zur Zeit läuft das ja in die andere Richtung: Steuern runter, koste es was es wolle.
Andere Kritik an den SBB teile ich oder ergänze ich gar: Was soll die ganze Werbung für die Bahn? Ich habe praktisch nirgends die Wahl, wenn ich den ÖV nutzen will. Wenn die Bahn gut ist, pünktlich, sicher, sauber, dann findet sie ihre Kundschaft ohne Werbe- und Bilderflut. Selbstfahrende Mobilität? Da ist doch Postauto schon dran. Und Google. Und Uber. Und Tesla.
Hingegen schätze ich es, wenn Bahnhöfe wieder(!) Mobiltäts-Hubs werden. Und nicht länger Shopping-Center mit Gleisanschluss sind oder Event-Hallen mit Werbe-Flatscreens.
Aber solange man die SBB als AG betrachtet, die Gewinn abwerfen soll, solange werden die Nebenaktivitäten forciert. Schliesslich bringen vermietete Immobilien und verkaufte Werbeflächen mehr ein als Passagiere von A nach B zu bringen. Das allerdings ist schlussendlich nicht Meyers Schuld, sondern jene unseres Parlaments. Und damit unsere eigene.
Felix Rothenbühler, am 28. September 2016 um 17:46 Uhr

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