Immanuel Kant (links), Jeremy Bentham (rechts): Vertreter zweier Systeme © wikimedia commons

Immanuel Kant (links), Jeremy Bentham (rechts): Vertreter zweier Systeme

Grundrechte für Menschenaffen: Kant gegen Bentham

Kurt Marti / 20. Jun 2014 - In Deutschland ist eine heisse Kontroverse um Grundrechte von Menschenaffen entbrannt. Die philosophisch-historischen Hintergründe.

«Grundrechte für Menschenaffen» lautet der Titel einer Petition, welche im letzten April die Giordano-Bruno-Stiftung GBS und deren Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon sowie mehrere Tierrechtsverbände beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags eingereicht haben. Darin fordern sie, dass das Recht der großen Menschenaffen auf «persönliche Freiheit, auf Leben und körperliche Unversehrtheit» ins Grundgesetz aufgenommen wird, und zwar mit der Begründung: Die wissenschaftliche Forschung habe in den letzten Jahrzehnten eine «hohe genetische Übereinstimmungen von Großen Menschenaffen (Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans) und Menschen belegt».

Die Menschenaffen seien «ähnlich empfindungs- und leidensfähig wie der Mensch», besässen «Selbstbewusstsein» und seien «zu vorausschauendem Denken und intelligentem sowie altruistischem Handeln befähigt». Deshalb müssten sie einen Rechtsstatus erhalten, der der «Menschenwürde» nahe komme und folglich brauche es eine Grundgesetzänderung, die dem «Entwicklungs- und Personenstatus» der Menschenaffen gerecht werde.

Menschenaffen vegetieren in Zoos dahin

Anlässlich einer Medienkonferenz (siehe Link unten) von Mitte Mai unterstrich die GBS ihre Forderung und prangerte das «schreiende Unrecht» in den 38 Zoos in Deutschland an. Dort würden rund 400 große Menschenaffen «in Gefangenschaft gehalten» und fristeten «ihr Dasein unter unwürdigen Umständen, gänzlich ihres Lebens, ihrer Freiheit und Selbstbestimmung beraubt». Der Psychologe Colin Goldner hat alle deutschen Zoos besucht und über seine Beobachtungen das kürzlich erschienene Buch «Lebenslänglich hinter Gittern» veröffentlicht (Kurz-Video).

Nach dem Erhalt der Petition kam dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags nichts Besseres in den Sinn, die Publikation der Petition kurzerhand zu verweigern, indem er festhielt, die Grundrechte seien allein den «natürlichen Personen vorbehalten». Trotz der «hohen genetischen Übereinstimmung von großen Menschenaffen und Menschen» handle es sich bei «diesen Affen um Tiere». Mit dieser saloppen Antwort lief der Petitionsausschuss dem GBS-Vorstandsprecher Schmidt-Salomon ziemlich naiv ins Messer. Dieser scherzte, er wäre ja «im Leben nicht darauf gekommen, dass es sich bei diesen Affen um Tiere handelt!»

«Menschenaffen mit allen Eigenschaften natürlicher Personen»

Und er machte die Mitglieder des Petitionsausschusses sarkastisch auf eine Reihe «trivialer Tatsachen» aufmerksam, die «hochrangige Vertreter des Staates eigentlich wissen sollten», etwa dass «Menschen ebenfalls Tiere» seien und «Menschenaffen alle Eigenschaften natürlicher Personen» aufwiesen. Sie würden wie die Menschen «über ein Bewusstsein ihrer selbst verfügen», könnten sich «in die Lage anderer hineinversetzen und die Zukunft antizipieren». Wer aber natürlichen Personen ihre Rechte vorenthalte, einzig weil sie nicht unserer Art angehören, mache sich des «Speziesismus» schuldig, vergleichbar dem Rassismus und dem Sexismus.

Die Giordano-Bruno-Stiftung ist nicht irgendein esoterisches Grüppchen, sondern hat wissenschaftliches und politisches Gewicht. Im GBS-Beirat sitzen namhafte Wissenschaftler, beispielsweise der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert, der Philosoph Dieter Birnbacher, Vorsitzender der Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, der Anthropologe Volker Sommer, der Soziobiologe Eckart Voland, der Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer und der Evolutionstheoretiker Franz Wuketits. GBS-Vorsitzender und gleichzeitig Hauptsponsor ist der ehemalige Unternehmer Herbert Steffen, der einst vom Paulus zum Saulus mutierte: Zuerst fundamentalistischer Christ, dann feuriger Atheist. Erklärtes Ziel der GBS ist die Aufklärung und die Religionskritik. Der Kampf um Tierrechte ist Teil dieser Strategie.

Kampf der Giganten: Bentham gegen Kant

Die aktuelle Tierrechts-Debatte ist Ausdruck einer 200-jährigen Konkurrenz zweier philosophisch-ethischer Systeme, einerseits der Empfindungsethik, andererseits der Vernunftethik. Erstere ist mit dem Namen des englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748 - 1832) verbunden, letztere mit dem preussischen Philosophen Immanuel Kant (1724 - 1804). Es ist der Widerstreit zwischen angelsächsischer und kontinentaleuropäischer Philosophie, zwischen Utilitarismus und Vernunftphilosophie. Die beiden zentralen Werke der beiden Vordenker erschienen fast zur selben Zeit: Kants «Kritik der praktischen Vernunft» im Jahr 1788, Benthams «Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung» im Jahr 1789.

Für Bentham ist die entscheidende Frage, ob Tiere moralisch berücksichtigt werden müssen, nicht das Vorhandensein von Vernunft, sondern von Empfindung: «Die Frage ist nicht: können sie denken?, sondern: können sie leiden?» Damit untergrub Bentham die gottgefügte, absolute Sonderstellung des Menschen. Erst Jahrzehnte später unterstützte ihn Charles Darwin mit dem explosiven Zündstoff seiner beiden Hauptwerke «Über die Entstehung der Arten» (1859) und «Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl» (1871). Darin stellte Darwin den Menschen als physiologisch und moralisch als Weiterentwicklung der Tiere dar. Zum Entsetzen der Vernunftphilosophen und der katholischen Kirche.

Kant machte die Menschen zu Minaturgöttern

Obwohl Kant die Grenzen der Vernunft auslotete, untermauerte er mit seiner Transzendentalphilosophie die absolute Sonderstellung des Menschen. Er ging in seiner Begründung der Moral vom denkenden, autonomen Subjekt aus und wurde zum Lieblingsphilosophen der christlichen Theologen, weil er mit seiner Erkenntnistheorie und viel mehr noch mit seiner Ethik die Menschen zu Miniaturgöttern machte. So sind die Denkstrukturen und das Gewissen vor jeder Erfahrung (a prioiri) in uns vorhanden, also nicht von dieser Welt. Sie sind unbedingt, das heisst, sie haben keine empirische Ursache und folglich sind sie ewig. Wirklich moralisch handelt nur, wer völlig interesselos und uneigennützig das Gute tut.

All dies sind die Eigenschaften des christlichen Gottes, dem hier über das Hintertürchen der Philosophie eine vorübergehende Bleibe eingerichtet wurde. Schon der Zeitgenosse Kants und deutsche Klassiker Friedrich Schiller hat sich darüber lustig gemacht, als er schrieb: «Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin.» Empfindungen und Gefühle sind laut Kant subjektiv und taugen deshalb nicht zur Begründung der Moral. Die Folge ist ein Anthropozentrismus, der im Windschatten der katholischen Kirche segelt und deren ideologischer Behauptung von der «Heiligkeit des menschlichen Lebens» und der alttestamentlichen Forderung der Genesis: «Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.»

Wissenschaftlich haben Kant und die christlichen Theologen gegen Darwin längst den Kürzeren gezogen. Die aktuellen Bugwellen des Darwinismus heissen Evolutionäre Ethik und Soziobiologie. Die Moral ist keineswegs apriori beziehungsweise göttlichen Ursprungs, sondern ein Produkt der Evolution. In der Menschheitsentwicklung war es ein Überlebensvorteil für die Gruppe, wenn sich ihre Mitglieder nicht rein egoistisch, sondern kooperativ und altruistisch verhielten.

Singers Personenbegriff trifft auf Widerstand

Wegweisend für die aktuelle Tierrechtsdebatte in Deutschland ist der australische Philosoph Peter Singer, ein Vertreter der utilitaristischen Ethik. In seinen Büchern «Die Befreiung der Tiere» (1975) und «Praktische Ethik» (1979) postulierte er jenen Personenbegriff, welcher der aktuellen Debatte in Deutschland den Stempel aufdrückt: Eine Person ist nicht dadurch definiert, dass sie der Gattung Mensch angehört (Speziesismus), sondern durch ihre besonderen Fähigkeiten Rationalität, Selbstbewusstsein, Autonomie und Moralfähigkeit. Gemäss dieser Definition sind nicht alle Angehörigen der Gattung Mensch schützenswerte Personen, beispielsweise die Föten, dahinvegetierende Menschen und Neugeborene. Andererseits werden laut Singer die grossen Menschenaffen zu Personen, weil sie die definierten Fähigkeiten aufweisen. Singers Thesen wurden Ende der 80er Jahren in Deutschland heftig bekämpft. Allen voran von der katholischen Kirche, von den Vertretern der kantischen Vernunftethik und von Behindertenverbänden.

Singer wollte mit seinem modifizierten Personenbegriff zwei ethische Probleme lösen: Einerseits die grausame Behandlung von Nutz-, Zoo- und Versuchstieren, andererseits das Verbot der aktiven Sterbehilfe. Anfangs der 90er Jahre startete Singer zum Schutz der Menschenaffen das «Great Ape Project» GAP. Sowohl der Personenbegriff als auch das GAP konnten sich in der europäischen Ethikdebatte nicht durchsetzen. Kritik an Singers Personenbegriff kam auch aus den Reihen der utilitaristischen Ethik. Selbst Singers Lehrmeister, der Philosoph Richard M. Hare, warnte vor der «Untugend, substantielle Probleme mit verbalen Kunstgriffen lösen zu wollen».

«Die schärfsten Kritiker der Elche...»

Aus diesem Grunde mutet es etwas seltsam an, wenn die GBS zwei Jahrzehnte später mit demselben Personenbegriff die Tierrechtsdebatte wieder aufnimmt und tendenziell die Menschenaffen unnötig vermenschlicht, indem diese näher an den Menschen herangeführt werden als dies für deren Schutz nötig wäre. Dass der Mensch keine absolute Sonderstellung hat, ist aufgrund der Erkenntnisse der Evolutionstheorie längstens nachgewiesen. Zudem hat die wissenschaftliche Forschung tatsächlich gezeigt, dass vor allem die Menschenaffen viel mehr können, als früher angenommen. Dennoch bleibt die Differenz zwischen Menschen und Menschenaffen bedeutend grösser als dies mit der minimen genetischen Differenz gerne suggeriert wird.

Der Mensch hat unter den Lebewesen immer noch eine relative Sonderstellung. Bei Menschenaffen wie auch bei anderen Tieren gibt es Vorformen von moralischem Verhalten, aber es ist übertrieben zu behaupten, sie besässen die Fähigkeit zur Moral. Damit werden in der Tierrechtsdebatte im vermeintlichen Interesse der Tiere ethische Begriffe dermassen überstrapaziert, dass sie schlussendlich alles bedeuten und folglich gar nichts. Die VertreterInnen der Tierrechte laufen Gefahr, dass sie jene Kreise spiegeln, deren Ansichten sie bekämpfen. Gegenüber dem Magazin «Cicero» erklärte der Anthropologe und GBS-Beirat Volker Sommer freimütig: «Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche». Sommer hat laut eigenen Aussagen eine «Theologen-Vergangenheit».

Mensch mit einer moralischen Sonderstellung

Singer verwickelt sich in der «Praktischen Ethik» immer wieder in Widersprüche und fällt auch in den von ihm bekämpften Speziesismus zurück. So argumentiert er, «dass Tiere nicht fähig» seien, über die Moral ihrer Ernährung zu reflektieren. Daher sei es «unmöglich, die Tiere für das verantwortlich zu machen, was sie tun.» Damit liefert er das Argument für die Sonderstellung des Menschen; nicht in der absoluten, sondern in der relativen, schwächeren Form. Auch der Philosoph und Vertreter des utilitaristischen Ansatzes, Dieter Birnbacher, hielt anlässlich der GBS-Pressekonferenz fest, dass der Mensch seine «moralische Sonderstellung» auch dann behalte, wenn wir bereit seien, «Grundrechte für Menschenaffen in gewissen Grenzen anzuerkennen». Denn der Mensch behalte «viele Eigenschaften und Merkmale, die ihn von den Tieren unterscheiden», wie zum Beispiel «Selbstbewusstsein» und «Reflexionsfähigkeit». Zudem sei der Mensch «wahrscheinlich – das ist nicht ganz klar – leidensfähiger als die meisten Tiere».

Geltende Tierschutzgesetze erlauben Tierquälerei

Die Tierrechtsdebatte wurde in den Medien in Deutschland prominent aufgegriffen, insbesondere von der Zeit und vom Spiegel (siehe Links unten). In den Schweizer Medien hingegen blieb es stumm. Stattdessen wurde breit über den Zürcher Zoo berichtet, wo nun die Elefanten einen millionenteuren Swimmingpool haben. Das schlechte Gewissen über die Einsperrung der Zootiere lässt sich die Schweiz viel Geld kosten und spart sich damit vorübergehend eine grundsätzliche Diskussion, die bitter notwendig wäre. Denn: Wer Menschenaffen vor Gitterstäben dahinsiechen sieht und sich nicht darüber empört, dessen moralische Sonderstellung unter den Lebewesen ist tatsächlich gefährdet. Dasselbe gilt für die Massentierhaltung und die Versuchstiere.

Die geltende Tierschutz-Gesetzgebung genügt offenbar nicht, denn sie erlaubt Tierquälerei. Deshalb ist die Einführung von Tierrechten, die von Tieranwälten eingefordert werden können, dringend geboten. Dafür müssen aber die Tiere nicht erst als «natürliche Personen» definiert und vermenschlicht werden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Medienkonferenz der Giordano-Bruno-Stiftung
Giordano-Bruno-Stiftung: Verfassungsziel Speziesismus?
Great Ape Project
Die Zeit: Tierrechte – Schaut hin
Der Spiegel: Kritik an Zoohaltung
Cicero: Interview mit Volker Sommer
Petition «Grundrechte für Menschenaffen»

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10 Meinungen

"Wissenschaftlich haben Kant und die christlichen Theologen gegen Darwin längst den Kürzeren gezogen.» Nicht wissenschaftlich müsste es heissen, sondern ideologisch. Die «christlichen Theologen» gibt es da nicht, steht doch der Kosmologe und Jesuit Pierrre Teilhard de Chardin wenn schon eher bei Darwin. Dessen Stärke war wiederum nicht Wissenschaft, sondern kreative Phantasie, vgl. die Studie v. Karl Popper «Der Darwinismus als metaphyisches Forschungsprogramm". Dabei darf Kritik an Darwin nicht mit Verteidigung v. Kreationismus und Theologie, letztere nach Popper «ein Fehler» , verwechselt werden.

Noch didaktisch verdienstlich ist in diesem Beitrag die Nebeneinanderstellung von Bentham und Kant als Darlegung des Universe of Discourse. Bei Urteilen über Kant empfehle ich Zurückhaltung, weil Urteilende manchmal den Aufwand, Kant zu verstehen, was unter ein paar Jahren nicht machbar ist, nicht geleistet haben. Natürlich ist es bei Kant möglich, etwa seine Meinungen über Naturvölker betreffend und vieles andere, läppische Fehlurteile nachzuweisen. Vgl. auch seine Äusserungen über Onanie, die dem Stand der damaligen medizinischen Forschung entsprachen. Davon ist der Erkenntnistheoretiker Kant abzugrenzen, der indes keineswegs aus dem Menschen einen Gott gemacht hat, immerhin so etwas wie die Menschenwürde begründet. Die Bestreitung derselben, der Mensch habe keine Würde, verdiene wie das Tier eher Mitleid, stammt v. Schopenhauer. Dürrenmatt zog Kant jeglicher Romanlektüre vor.
Pirmin Meier, am 20. Juni 2014 um 10:53 Uhr
Ich bin 100% mit Kurt Marti, Bentham und Schmidt-Salomon einverstanden. Meier ist schwierig zu situieren: für oder gegen Menschenrechte für Menschenaffen?
Eduard Baumann, am 20. Juni 2014 um 13:01 Uhr
@Es geht hier um Argumentationen, nicht um eine abgeschlossene Diskussion. Die Sache kann nicht auf eine simple Parole reduziert werden. Tiere waren bereits im Spätmittelalter nicht nur Objekte, sondern auch Subjekte des Rechts, also im Prinzip Personen. Deswegen konnten Engerlinge mit dem Bann belegt werden, ein Hahn, der ein Ei legte (Basel 1474) vom Henker hingerichtet, auch ein Hund angeklagt, ev verteidigt werden. Schopenhauer und noch spätere Hundefreunde haben Hunde mit Erbschaften bedacht, was indes heute tierrechtlich noch genauer geregelt werden müsste. Tierrechte haben in diesem Sinn eine lange Tradition und wie wir sehen zwei Seiten. Der bei Marti zitierte Singer geht mit höheren Tieren, Embryonen und neugeborenen Kindern verhältnisähnlich um, was man ihm insofern nicht nur vorwerfen sollte, als es ihm im Zweifelsfall durchaus um den Wert des Lebens geht, den er allerdings keineswegs absolut setzt.

2008 wurde es mir vom Kanton Luzern verboten, über einen provozierenden Text von Peter Singer, betr. Tötung Schwerstbehinderter bzw. seine Ethik des Lebens, die immerhin im Unterricht behandelt worden war, wahlweise einen Maturaaufsatz
schreiben zu lassen. Das sei zu heikel, befand der Delegierte der Qualitätsprüfung.

PS. Im Zusammenhang mit Peter Singer ist sich Kurt Marti bewusst, dass die Thematik heikel bleibt.
Pirmin Meier, am 20. Juni 2014 um 13:25 Uhr
Der Mensch kann das ethische Problem seines Umgangs mit der ihn umgebenden Natur nicht damit lösen, dass er Menschenaffen zu Seinesgleichen erklärt. Damit wird das Problem nur verschoben – was ist denn beispielsweise mit Schweinen?, mit Langusten?, mit Spinnen? Und was ist bitte mit Kohlköpfen und Weizenhalmen?

Neuere Forschungen zeigen: auch Pflanzen haben Gefühle und kommunizieren, und selbst bei Forellen stiessen Wissenschafter zufällig auf etwas, das sie als Persönlichkeit beschrieben. Keine Frage, die Menschheit wird in ihrer Umwelt zunehmend Verwandte entdecken.

Schweinefleisch und Kohlsalat essen, als wär’s eine Selbstverständlichkeit, aber die Anerkennung der Persönlichkeit von Schimpansen und daher ihrer Rechte fordern, ist keine in sich schlüssige Haltung. So verhält sich eher ein Mensch, der sich um den Widerspruch seiner Existenz herummogelt.

Bentham war ein Moralist, dem es darum ging, dass man einem Tier nicht weh tut, weil es dem Menschen weh tut. Kant dagegen war ein Ideologe, dem es weh getan hätte, wenn dem Menschen keine Sonderstellung im Kosmos zukäme.

Singer wiederum schimpft die andern Speziesisten und ist selber einer; er legt für sich die Grenze der Moral einfach etwas tiefer. Ob ein Hummer noch der rücksichtsvollen Schonung bedarf, ist für ihn bereits eine Frage, die sich ihm bei noch niedrigeren Tieren eh schon erübrigt hat.

Mehr: https://www.facebook.com/fair.fish/posts/10152916279054428
Billo Heinzpeter Studer, am 20. Juni 2014 um 22:26 Uhr
Billo Heinzpeter Studers Reflexionen geben der oben geführten Diskussion eine Tiefe, die sie bis anhin nicht hatte. Mit zur Reflexion würde auch der direkte Umgang mit den Tieren, etwa Nutztieren, gehören. War diese Woche zu Gast beim Künstler, Autor und Kleinlandwirt Bruno Epple auf der Höri am Untersee. Er zeigte mir seine wunderbaren, echt schönen Hühner, deren Eier ihm viel teurer kommen als wenn sie im Aldi kaufen würde. Er sagte aber auch, dass ihm der Fuchs voriges Jahr mal zwölf Stück dieser Tiere massakriert und abgeschleppt habe. Andernfalls liege es indes an ihm, diese Hühner bzw. deren Hahn zu schlachten, und zwar per Kopfabhauen. «Ich habe die Verantwortung für ihr Leben und ihre Haltung übernommen; ich übernehme auch die Verantwortung für den Tod.» In diesem Zusammenhang diskutierten wir weder über Singer noch über Bentham noch über Kant.
Pirmin Meier, am 21. Juni 2014 um 10:18 Uhr
Lieber Pirmin Meier, ja, genau so seh ich es auch: der direkte Umgang mit dem Tier gehört mit zur Reflexion! Ich war lange Jahre GL von KAGfreiland und oft mit Bauern auf ihren Höfen im Kontakt, später lange Jahre GL von fair-fish und oft mit Fischern auf ihren Booten draussen. Direkter Umgang mit dem Tier kann aber auch heissen, bewusst auf ein Haustier zu verzichten, weil man die eigene unstete Lebensweise keinem Tier zumuten möchte. Oder: auf das Fleisch von einem Tier verzichten, das man gekannt hat. (Ich kenne übrigens einige Bauern, die das Fleisch für den eigenen Haushalt lieber irgendwo kaufen.)
Billo Heinzpeter Studer, am 21. Juni 2014 um 22:03 Uhr
Speziezismus ist übrigens ein zentrales Thema am diesjährigen <a href="http://www.denkfest.ch">Denkfest</a>. Colin Goldner wird erklären, wieso die GBS zusammen mit weiteren Organisationen für Grundrechte für Menschenaffen plädiert. Danach wird ein Podium die Frage «wie speziell ist der Mensch?» kontrovers debattieren.

Das Denkfest findet vom 11. bis 14. September im Theatersaal des Volkshauses Zürich statt. Colin Goldner und das Speziezismus-Podium stehen am Sonntag, 14. auf dem Programm. Am selben Tag finden auch ein Vortrag zum Thema «Virtue Engineering» und ein Podium zu Transhumanismus statt.

Den Auftakt zum Denkfest machen am Donnerstagabend zwei Wissenschaftskabarettisten: Gunkl aus Wien mit seinem Programm «die grossen Kränkungen der Menschheit» und die Britin Timandra Harkness mit ihrem Programm «Brainsex».

Am Freitag ist das zentrale Thema «Medizin und Methode», am Samstag geht's um Evolution. An beiden Tagen werden Referenten aus dem In- und Ausland aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft vorstellen. Am Samstag wird beispielsweise die brasilianische Neuroanatomin Suzana Herculano-Houzel – bekannt u.a. von ihrem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=_7_XH1CBzGw">TED-Auftritt</a> – auf die Frage «what's so special about the human brain?» eingehen. Sie wird am Sonntag auch Teil des Speziezismus-Panels sein.
Andreas Kyriacou, am 22. Juni 2014 um 10:37 Uhr
Was ist das für eine Argumentation, die sich darauf beschränkt, zu erklären, dass dann im Herbst erklärt werden, wieso etwas behauptet wird? Handelt es sich dabei allenfalls einfach um einen Werbespot?
Billo Heinzpeter Studer, am 22. Juni 2014 um 12:19 Uhr
Wer diesen Artikel gelesen hat, dürfte sich für das Thema Speziezismus interessieren. Da es nicht gerade alle Tage öffentlich diskutiert wird, habe ich auf diese kommende Veranstaltung hingewiesen.
Andreas Kyriacou, am 22. Juni 2014 um 12:24 Uhr
@Kyriacou. Der Hinweis auf die Veranstaltungen ist wertvoll. Der Ausdruck Transhumanismus gefällt mir besser als Speciesismus. Um aber doch Herrn Marti ein Kompliment zu machen: die Diskussionsausgangslage Bentham - Kant, wozu noch Schopenhauer gehören wurde, ist langfristig nachhaltiger als jeweils der letzte Schrei. Es geht auch nicht um die «grossen Kränkungen der Menschheit", wenn man anfängt, den Unterschied Mensch - Tier etwas kleiner zu schreiben. Insgesamt am wertvollsten, weil bei der Praxis ansetzend, finde ich den Beitrag von Herrn Studer. Er scheint mir trotzdem und erst recht ein philosophischer Kopf zu sein, aber doch nicht nur aus Kopf bestehend.
Pirmin Meier, am 22. Juni 2014 um 15:30 Uhr

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