Heinz Karrer (EGL/Axpo), Kurt Rohrbach (BKW) und Hans E. Schweickardt (Atel/Alpiq) © axpo/bkw/alpiq

Heinz Karrer (EGL/Axpo), Kurt Rohrbach (BKW) und Hans E. Schweickardt (Atel/Alpiq)

Das Rohrbach-Prinzip der Schweizer Stromwirtschaft

Kurt Marti / 31. Jan 2013 - Die Ausland-Strategie der Strombranche endete mit Abschreibern in Milliardenhöhe. Infosperber nennt die Namen der Verantwortlichen.

Das neuste Prinzip des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) heisst «Produzieren und vergessen». Dieses Prinzip gilt laut VSE-Präsident Kurt Rohrbach nicht etwa für die Strombranche selbst – wie man zunächst vermuten würde, sondern für die Produzenten von Solar- und Windstrom. Denn laut Rohrbach, werden «immer grössere Mengen an unregelmässig produziertem Strom produziert, für den es keine Nachfrage gibt und der mangels Speicherkapazitäten nicht gespeichert werden kann». Diese Sicht des VSE-Präsidenten erstaunt, denn beispielsweise der Anteil des Solarstromes an der gesamten Schweizer Stromproduktion liegt noch weit unter einem Prozent. Zudem bestehen bereits heute mit den Wasserkraftwerken riesige Speicherkapazitäten.

Anwendung des Rohrbach-Prinzips

Viel besser als auf den Solar- und Windstrom lässt sich allerdings das famose Rohrbach-Prinzip auf die Milliardeninvestitionen der Stromkonzerne (Alpiq, Axpo, BKW) in die Gas- und Kohlekraftwerke im Ausland anwenden. Dort wurde nämlich ein gigantischer Kraftwerkpark hochgezogen, der drei Viertel des Schweizer Stromkonsums decken könnte. Die Schweizer Stromkonzerne haben im Ausland massenweise Strom produziert und dabei die Nachfrage ausser Acht gelassen, frei nach dem Rohrbach-Prinzip «Produzieren und vergessen». Als die Stromnachfrage stockte, waren sie gezwungen, massive Abschreiber vorzunehmen.

Alpiq beispielsweise musste im Jahr 2011 aufgrund des Ausland-Abenteuers Wertberichtigungen von 1,7 Milliarden vornehmen. Daraus resultierte in der Jahresrechnung ein Verlust von 1,3 Milliarden. Aber auch die BKW und die Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg (EGL; heute Axpo Trading) mussten massive Abschreiber auf ihrem Kraftwerkpark im Ausland vornehmen. Die Strombranche gehört zu über 80 Prozent der öffentlichen Hand und die Abschreibungen sind kein Pappenstiel. Deshalb stellt sich die Frage nach der strategischen und operativen Verantwortung jener Verwaltungsräte und CEOs (ohne Anspruch auf Vollständigkeit), welche während der Goldgräberzeit am Ruder waren.

BKW: Kilchenmann, Rohrbach, Gasche

Die prägenden Köpfe des Berner Energiekonzerns BKW waren Fritz Kilchenmann, VR-Präsident von 1995 – 2010, und Kurt Rohrbach, BKW-Direktor beziehungsweise Vorsitzender der Geschäftsleitung von 1995 bis 2012. Auch der jetzige VR-Präsident und BDP-Nationalrat Urs Gasche sitzt bereits seit 2003 im Verwaltungsrat der BKW. Das Ausland-Abenteuer der BKW verlief unter der operativen Regie von BKW-Direktor Rohrbach. Als er am vergangenen Dienstag in seiner Funktion als VSE-Präsident sein Prinzip «Produzieren und vergessen» präsentierte, war das nicht nur blosse Theorie, sondern solid abgestütztes Erfahrungswissen: 2011 musste nämlich die BKW 300 Millionen Wertberichtigungen und Rückstellungen vornehmen. Der Berner Stromkonzern hatte die Ertragsseite seiner ausländischen Gas- und Kohlekraftwerke viel zu optimistisch eingeschätzt.

Atel/Alpiq: Bürgi, Wanner, Schweickardt, Büttiker, Leonardi

Der Alpiq-Konzern entstand im Jahr 2009 durch die Fusion der beiden Stromunternehmen Atel und EOS. VR-Präsident der Atel war von 1999 bis 2006 der Solothurner Alt-Regierungsrat Walter Bürgi (FDP). Auf ihn folgte Rainer Schaub, vormals VR-Präsident der Elektra Birseck (EBM). Auf Schaub folgte bis 2011 Giovanni Leonardi und dann Hans E. Schweickardt, der bereits seit 2006 Mitglied des Verwaltungsrates war und die heisse Phase der Auslandstrategie mitgeprägt hatte. Das treuste Mitglied im Atel/Alpiq-Verwaltungsrat ist aber der Solothurner FDP-Regierungsrat und Präsident der Finanzdirektorenkonferenz Christian Wanner. Er ist seit 1996 im Verwaltungsrat, seit 1998 als Vizepräsident. Von 2004 bis 2006 war auch Wanners Parteikollege Rolf Büttiker, Solothurner Ständerat bis 2011, im Atel-Verwaltungsrat vertreten.

Die starke Vertretung der Solothurner Politiker ist auf den Atel/Alpiq-Sitz in Olten zurückzuführen. Die Gewinnsteuern der Atel/Alpiq flossen also in die Solothurner Kassen, was logischerweise ihren Appetit auf noch mehr Steuereinnahmen stimulierte. Die simple Gleichung lautete: Mehr Kraftwerke im Ausland gleich mehr Gewinnsteuern. Damit lässt sich auch erklären, wieso es kantonal und eidgenössisch so wenig politischen Widerstand gegen diesen halsbrecherischen Export von Strom-Milliarden gab. Die operative Atel/Alpiq-Führung war von 2004 bis 2011 in den Händen von Giovanni Leonardi, welcher das Alpiq-Schiff fluchtartig verliess, als es Schlagseite bekam. Nach seinem Rücktritt tauchte er erstaunlicherweise im Vorstand von Pro Natura Aargau wieder auf.

EGL/Axpo: Karrer, Leuthard, Höhener, Schulz

Die frühere EGL und heutige Axpo Trading AG trat als Konkurrentin der Atel/Alpiq im internationalen Stromhandel auf. Die Geschäftsberichte in der heissen Expansions-Phase waren von Euphorie und Gewinnrausch geprägt. Zum Beispiel der EGL-Jahresbericht 2005/2006 schwärmt über den Bau von vier Gas-Kombikraftwerken in Italien als «Meilensteine». Ziel der EGL war es, «in Italien über insgesamt 2000 MW eigene Produktionskapazitäten zu verfügen». Das entspricht der doppelten Leistung des AKW Leibstadt. Um die Gasversorgung der italienischen Gas-Kombikraftwerke zu sichern, finanzierte die EGL im Jahr 2006 sogar eine Machbarkeitsstudie für eine Trans Adriatic Pipeline (TAP), welche Erdgas von Aserbaidschan nach Italien leiten sollte. Laut EGL-Plan sollte die TAP bereits ab 2009/2010 in Betrieb gehen.

So schnell ging es aber nicht. Im November 2011 reiste die Energieministerin Doris Leuthard nach Baku, wo sie von Ilham Alijew, dem Präsidenten der Republik Aserbaidschan, zu einem offiziellen Arbeitsbesuch empfangen wurde. Thema war die Gaspipline TAP. Ein Dossier übrigens, das der Bundesrätin nicht unbekannt gewesen sein dürfte, denn sie war von 2002 bis 2006 – also bis zur ihrer Wahl in den Bundesrat - Mitglied des EGL-Verwaltungsrates. In dieser Zeit brach bei der EGL das Goldgräberfieber aus und die Weichen für den Bau des Schweizer Kraftwerkparks im Ausland wurden gestellt. VR-Präsident der EGL war von 2003 bis 2012 Heinz Karrer, der gleichzeitig Axpo-Chef ist. Die Expansion ins Ausland auf der operativen Ebene angeführt hat CEO Emanuel Höhener (2000 – 2007). Auf Höhener folgte Hans Schulz, vormaliges Mitglied der Axpo-Konzernleitung. Im Geschäftsjahr 2011/12 musste die Axpo Trading allein für das Gas-Kombikraftwerk SE Ferrara in Oberitalien einen Abschreiber von 65,5 Millionen machen.

Ergänztes Rohrbach-Prinzip: «Produzieren, vergessen, betteln»

Gestern gab der Bundesrat bekannt, dass die Strombranche in Zukunft mehr Geld für Investitionen in die Stromnetze verrechnen darf, was die Stromkunden jährlich rund 110 Millionen Franken kosten wird. Das monatelange, intensive Betteln der Stromlobby war sehr erfolgreich. Aus diesem Grund schlägt Infosperber vor, das Rohrbach-Prinzip wie folgt zu ergänzen: «Produzieren, vergessen, betteln».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Weiterführende Informationen

Dossier: Die Politik der Stromkonzerne

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Eine Meinung

Die drei oben abgebildeten Herren (Karrer, Rohrbach und Schweickardt), mit der fatalen Fehleinschätzung der wirtschaftlichen Perspektiven beim Kraftwerkbau, sind leider auch die drei Hauptverantwortlichen für die fünf schweizerischen AKW.
Wie lange wollen wir uns auf deren Einschätzungen, Beteuerungen und Behauptungen verlassen? Vielleicht täte uns der Rat einiger älterer JapanerInnen, ehemals aus der Umgebung von Fukushima, gut. Diese könnten uns sicher erklären, was sie von der Vertrauenswürdigkeit und Weitsicht ihrer obersten Strommanager halten.
Max Frisch's «Biedermann und die Brandstifter» ist aktueller denn je!
Heini Glauser, am 31. Januar 2013 um 14:34 Uhr

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