Pillen gegen Bauchweh, Blähungen oder Sodbrennen: Ausschnitt aus der Aldi-Werbung © zvg

Pillen gegen Bauchweh, Blähungen oder Sodbrennen: Ausschnitt aus der Aldi-Werbung

Schmerz- und Magenmittel billiger im Discounter

Urs P. Gasche / 05. Jan 2012 - Apotheken und Drogerien kämpfen mit fragwürdigen Argumenten gegen den Verkauf rezeptfreier Medikamente bei Grossverteilern.

Es geht um Medikamente, die ohne Rezept frei käuflich sind. Im Jahr 2010 gingen nach Angaben der Interpharma 86 Millionen Packungen im Verkaufswert von über einer Milliarde Franken über den Ladentisch. Von diesem gewaltigen Geschäft haben bisher vor allem Apotheken profitiert: Sie verkaufen fast drei Viertel aller rezeptfreien Pillen (750 Millionen Franken). Die Drogerien sowie Ärzte, welche Medikamente direkt an ihre Patienten verkaufen, haben sich einen Marktanteil von je 12 Prozent ergattert (je 120 Millionen CHF). Der kleine Rest geben Spitälern ab.

Aldi stösst in ein Wespennest

Kurz nach Weihnachten haben die Schweizer Aldi-Filialen Päckchen mit 20 Magen-Darm-Pastillen zum Discount- und Aktions-Preis von 4.99 CHF verkauft. Unterdessen ist der Spuk vorüber, doch hat er den Apothekerverband Pharmasuisse in helle Aufregung versetzt. Sprecher Karl Küenzi warf Aldi eine «Täuschung der Patienten» vor. Und die Medikamenten-Aufsichtsbehörde Swissmedic, die häufig die Interessen der Pharmaindustrie und der Apotheker wahrnimmt, will laut Blick «prüfen», ob der Verkauf der Magen-Darm-Pillen über eine Supermarktkette überhaupt erlaubt sei.

Rezeptfreie Medikamente könnten zwanzig Prozent günstiger sein

Der gleiche Streit um den Verkauf rezeptfreier Medikamente durch Grossverteiler beschäftigt zur Zeit Österreich. Michael Böheim vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung sieht keinen Grund, weshalb Supermärkte keine rezeptfreien Pillen verkaufen sollten: «Den Apothekern geht es gut. Ich habe noch keinen zum Konkursrichter gehen sehen.» Um die Preise in Österreich wenigstens auf das immer noch hohe Schweizer Niveau zu senken, hat die österreichische Drogeriekette «dm» Medikamente von einer Schweizer Internet-Apotheke bezogen. Im Schnitt lägen in Österreich «zwanzig Prozent niedrigere Preise» drin, erklärte Konzernsprecher Stefan Ornig.

Pharmaindustrie auf Seiten der Apotheken und Drogerien

Um einen Preiskampf zu verhindern, der auch die Preise der Pharma-Hersteller unter Druck brächte, setzen sich Pharmakonzerne gegen den freien, unreglementierten Verkauf ein, unter anderem «um Fälschungen in Zaum zu halten», wie Jan Oliver Huber, Generalsekretär des österreichischen Verbands pharmazeutischer Industrie erklärte. Allerdings: Aldi, Migros oder Coop können sich nicht erlauben, Fälschungen zu verkaufen.

Die Apotheker-Lobby ihrerseits meint, auch rezeptfreie Medikamente hätten ihre Neben- und Wechselwirkungen und seien «kein Konsumgut wie ein Paar Socken». A propos Wechselwirkungen: Kaum je fragt ein Drogerist oder Apotheker eine Kundin oder einen Kunden, der Aspirin oder ein Magenmittel kauft, welche andern Arzneimittel diese zur Zeit auch noch einnehmen.

Und ebenso selten klären Apotheker oder Drogerie-Verkauferinnen über Nebenwirkungen auf, wenn es bloss um ein rezeptfreies Magen- oder Schmerzmittel geht.

Plakative Werbung erlaubt – freier Verkauf nicht

Für rezeptfreie Medikamente dürfen Pharmafirmen im Fernsehen, Internet und in Zeitungen Werbung direkt ans Publikum schalten. Der Pharmakonzern Bayer zum Beispiel propagiert auf einer eigenen Schweizer Internetseite seine Magen-Darm- und Sodbrennen-Mittel Rennie oder AntraPro (Omeprazol). Sandoz bewirbt Omed gegen Magenbrennen oder Diclac gegen Schmerzen.

Patientinnen und Patienten dürfen sich solche Mittel gegen Schmerzen oder Magenbrennen ohne Arzt selber verschreiben. «Wer mündig genug ist, sich Aspirin zu verschreiben, ist auch mündig genug, selbst zu entscheiden, wo er das Schmerzmittel kauft», meint Michael Böheim vom Wirtschaftsforschungsinstitut.

Migros, Coop und Kioske weniger gefürchtet

In verschiedenen andern Ländern ist der Verkauf solcher Pillen in Supermärkten erlaubt. Es gibt keine unabhängigen Studien, die belegen würden, dass der freie Verkauf zu mehr Problemen führt als der Verkauf in Apotheken und Drogerien.

Schon seit längerer Zeit verkaufen Migros, Coop und die Kiosk-Betreiberin Valora Augentropfen oder Nasensprays. Die Kioske verkaufen insgesamt ein Dutzend Medizinalprodukte, sagt die Valora-Informationsstelle.

Aldi schreckt Pharmafirmen, Apotheken und Drogerien allerdings viel mehr auf. Denn der Discounter bringt die Preise bedeutend stärker unter Druck.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

5 Meinungen

Warum hinterfragen „kritische“ Journalisten nicht, wer am meisten profitiert, wenn Arzneimittel ohne fachliche Beratung wie im amerikanischen Supermarkt eingekauft werden können? -wohl kaum die Konsument/innen??!! Wünschen wir diese amerikanischen Verhältnisse, wo die weltweit höchsten Spitaleinweisungen wegen Arzneimittelmissbrauch stattfinden?
Warum glauben „kritische“ Journalisten immer noch, dass Apotheker und Apothekerinnen zur Pharmalobby gehören? Warum nehmen sie sich nicht die Zeit sich die Situation an Ort und Stelle anzuschauen und sich ernsthaft mit dem Beruf des Apothekers auseinandersetzen, statt immerzu ihre alten Vorurteile für Wahrheiten zu halten.
Wer die die komplexe Situation einer Selbstmedikation mit Medikamenten nur auf den Preis reduziert ist undifferenziert und argumentiert verantwortungslos!

Silvio Ballinari, Apotheker
Silvio Ballinari, am 05. Januar 2012 um 15:25 Uhr
Antwort an Apotheker Ballinari: Die Selbstmedikation ist bei rezeptfreien Medikamenten gesetzlich erlaubt, also offensichtlich zu verantworten. Apotheker Ballinari behauptet, dass es in den USA die weltweit höchsten Spitaleinweisungen wegen Arzneimittelmissbrauchs gibt. Er differenziert jedoch nicht, ob diese Einweisungen wegen rezeptpflichtiger Medikamente erfolgt (für die in den USA anders als in der Schweiz Publikumswerbung erlaubt ist), oder tatsächlich wegen nicht rezeptpflichtiger Medikamente. Das beweist, dass er an einer seriösen Auseinandersetzung über die Vor- und Nachteilen eines Verkaufs rezeptfreier Pillen in Supermärkten offensichtlich nicht interessiert ist. Aber wenn Herr Ballinari über Spitaleinweisungen wegen Arzneimittelmissbrauch so gut Bescheid weiss, soll er doch mal darüber informieren, wie viele Spitaleinweisungen es denn in der Schweiz wegen Medikamenten-Missbrauchs gibt. Ich bin gespannt auf seine Antwort.
Mireille Mata, am 05. Januar 2012 um 15:38 Uhr
Ich bedanke mich für die Replik von Mireille Mata. Es tut mir leid, dass ich nicht präzisiert habe: natürlich meine ich nur die freiverkäuflichen Medikamente, die sog. OTC Medikamente. Allein am Beispiel von Paracetamol, dem gängigsten der freiverkäuflichen Schmerzmittel kann dies illustriert werden: In den USA werden jährlich ca. 30‘000 Krankenhaus- Einweisungen durch Paracetamol-Überdosierungen mitverursacht – die Hälfte davon resultieren von ungewollten Überdosierungen. (N Engl J Med 2009; 361 (22): 2105-2107). Eine prospektive, multizentrische amerikanische Studie, die (1998-2003) in Spitalzentren durchgeführt wurde, zeigte, dass Paracetamol im Jahr 2003 für 51% der Fälle von Leberinsuffizienz verantwortlich war. (JAMA 2006; 296 (1): 87-93). Hinzu kommt, dass der Zusammenhang zwischen Paracetamol und Asthma unbestritten ist(Epidemiol Community Health 2004;58:852-857 Erwachsene, die mindestens einmal wöchentlich Paracetamol einnehmen, haben eine dreifach höhere Wahrscheinlichkeit, Asthma zu bekommen (GA²LEN - Imperial College London, 17.09.2008 – NPO). Paracetamol, in der Schweiz im Handel unter dem Namen Panadol°, Contra-Schmerz°, Dafalgan°, Tylenol°, Acetalgin° u.a. ist überdies in 14 verschiedenen freiverkäuflichen Kombinationspräparaten gegen Grippe enthalten. Am 21.1.2011 schrieb Swissmedic: „Vergiftungen in der Schweiz durch Paracetamol sind selten.-Rezeptfreie Dosis von 500mg wird beibehalten- Hinweise für Anwender müssen verbessert werden - Paracetamol darf ohne ärztl. Verschreibung nicht länger als 5 Tage bei Erwachsenen und 3 Tage bei Kindern bis 12 Jahren verabreicht werden.- Paracetamol ist kontraindiziert bei Leberschäden und Alkoholüberkonsum.“ Dass solche Medikamente nicht in ein Regal eines Discounters gehören, dürfte wohl einleuchten. «Lesen Sie die Packungsbeilage» genügt offenbar nicht, «fragen Sie Ihren Apotheker", könnte hier dagegen mehr Sicherheit für den Kosumenten bringen!
Silvio Ballinari, Apotheker
Silvio Ballinari, am 06. Januar 2012 um 07:01 Uhr
Danke, Herr Ballinari, dass Sie Ihre Aussagen präzisiert und die Angaben über die USA mit seriösen Studien untermauert haben. Medikamente richten tatsächlich riesigen Schaden an, von dem selten gesprochen wird. Da bin ich mit Ihnen ganz einverstanden.
Beim Vergleich mit der Schweiz hapert es aber. Für die Schweiz zitieren Sie keine seriösen Studien, sondern die Aufsichtsbehörde Swissmedic. Was die Swissmedic sagt, sagt auch die US-Aufsichtsbehörde FED. Swissmedic ist als Quelle wenig glaubwürdig, lässt sie doch immer wieder Arzneimittel auf dem Schweizer Markt, welche das FED wegen zu hoher Risiken schon längst verboten hat. Wahrscheinlich gibt es für die Schweiz keine seriösen Studien, welche sich ausschliesslich auf nicht-rezeptpflichtige Medikamente beziehen. Also wissen wir schlicht nicht, ob diese in der Schweiz mehr oder weniger Schäden anrichten. Und wie sieht es denn in andern Ländern als den USA aus, in denen nicht-rezeptpflichtige Medikamente schon seit längerem bei Grossverteilern erhältlich sind?
«Fragen Sie den Apotheker» ist ein schöner Spruch. Doch fast alle unabhängigen Tests von Apotheken kamen zum übereinstimmenden Resultat, dass die Beratung mehr als mangelhaft ist. Kein Wunder, weil die Verkäuferin oder der Verkäufer selten ein ausgebildeter Apotheker ist. Und wenn ich in die Apotheker-Zeitschriften schaue – voller Pharmawerbng - , welche die Apotheken ihren Kunden gratis verteilen, so graut es mir vor deren beratendem Inhalt. Das gleiche gilt für die Werbung in den meisten Schaufenstern dieser angeblich so unabhängig beratenden Apotheken.
Vielleicht verlieren Sie auch einmal ein selbstkritisches Wort über die Apotheker. Sonst entsteht der Eindruck, dass Sie nur für einen geschützten Markt kämpfen, um Ihr ohnehin hohes Einkommen noch aufzubessern.
Mireille Mata, am 06. Januar 2012 um 09:24 Uhr
Ja, eine seriöse Studie zu den rezeptfreien Medikamenten in der Schweiz bin ich Ihnen noch schuldig, ich werde sie suchen. Ein anderes Land in dem rezeptfreie Medikamente bei Grossverteiler zu finden sind, ist England, dort sieht die Situation nicht besser aus. Laut einer grossangelegten Studie (ALSPAC) erhalten in England 84% der Säuglinge in den ersten 6 Monaten mind 1 mal (64% mehrmals Paracetamol). Paracetamol ist das am häufigsten verwendete Arzneimittel dieser Altersgruppe!! Gefolgt von Zahngel 54%, Hautsalben 39%, Antibiotika 30% (British Journal of Clinical Pharmacology 1995, 40, 79-82) - Nun zur Beratung in der Apotheke; diese findet vor allem dann statt, wenn mündige Konsumentinnen Frage stellen oder wenn wir einen Missbrauch feststellen oder vermuten. Je persönlicher der Kontakt, desto wahrscheinlicher ist auch eine gute medikamentöse Betreuung. Was Sie in der Apotheke als Verkäuferinnen wahrnehmen sind, ausgebildete Fachpersonen, entweder Apothekerinnen oder Pharma-Assitentinnen. Zur Werbung gebe ich Ihnen zum Teil Recht, aus diesem Grund verzichte ich konsequent auf jegliche Medikamentenwerbung im Schaufenster. Wir bieten aber eine Kundenzeitschrift an, mit der sich Kund/Innen, die es wünschen, sich selber informieren können. Bei der Wahl der Zeitschrift, achten wir darauf, dass der redaktionelle Teil von Apotheker/Innen geschrieben ist. Zuletzt noch zwei Worte zum Einkommen. Als Inhaber führe ich seit 30 Jahren eine Quartierapotheke in Bern und habe ein monatliches Einkommen von 8600.-CHF (100% brutto) bei einer Lohnschere von 1: 2,2. Im Gegensatz zu den Grossverteilern kämpfe nicht für ein höheres Einkommen, sondern für die sehr sinnvolle Existenz von Apotheken und damit für eine kluge Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln, die mit einer hohen Sicherheit und einer kritischen Information einhergeht. Apotheker/Innen haben laut dem eidg. Medizinalberufegesetz (Art.9) eine klar definierte Funktion in der Gesellschaft zu erfüllen. Ich bin jederzeit gerne bereit, über meine Tätigkeit Rechenschaft abzulegen und deshalb auch auf weitere Fragen einzugehen.
Silvio Ballinari, Apotheker
Silvio Ballinari, am 07. Januar 2012 um 00:14 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.