Hansi Voigt, Ex-Chef von «20 Minuten»-Online, übt deutliche Kritik an Tamedia © Ausschnitt aus dem Artikel im «Sonntag» online

«Eine Art Dot-com-Bingo»

Christof Moser / 07. Jan 2013 - Was Journalisten schon lange verärgert, wird jetzt auch von Kadermitarbeitern kritisiert: das Renditebolzen in Verlagen.

Ein Interview mit Hansi Voigt, dem ehemaligen Chefredaktor von «20 Minuten»-Online, hat gestern Sonntag eingeschlagen wie eine Bombe. Über 500 Mal wurde das ausführliche Gespräch, das die Zeitung «Der Sonntag» auf ihrer Website publizierte, bis heute Montag Morgen auf Facebook und Twitter geteilt. «Es wird mehr als nur ein paar Tage nachhallen, einzelne Zitate dürften sogar über Monate, ja vielleicht sogar Jahre immer wieder aufscheinen», schrieb Politikberater Mark Balsiger auf seiner Facebook-Seite.

«Auch Verlagsmanager sind in der heutigen Umbruchzeit dazu verdammt, Kontrollverlust hinzunehmen, wenn wir Journalisten Innovation, Kreativität und Erneuerung anstreben sollen. Leider widerspricht dies diametral dem derzeitigen Organisationsverständnis eines erfolgreich geführten Verlagshauses. Das definiert sich heute vor allem über Kosteneffizienz. Es dominiert die print-geprägte Controller-Mentalität, mit der man jahrelang hervorragend gefahren ist», kritisiert Hansi Voigt, «Chefredaktor des Jahres 2012» in ungewöhnlich deutlichen Worten seinen ehemaligen Arbeitgeber Tamedia. Dass inzwischen sogar von hochrentablen Produkten wie «20 Minuten» erwartet werde, 15 Prozent der Kosten einzusparen, habe «etwas Obszönes»: «Es scheint, als solle die Rendite in einer rasant umbrechenden Zeit die einzige Konstante sein. Leider wird das erwirtschaftete Geld nicht in bessere Inhalte oder neue Medienmodelle gesteckt, sondern eher für eine Art Dot-com-Bingo ausgegeben.»

Erwirtschaftetes Geld fliesst nicht in Journalismus

«In den letzten Jahren hiess Geld verdienen Kosten sparen. Etwas Neues wagen gehörte nicht zu den Aufgaben. In dieser Situation fehlt es an Innovationskraft und Offenheit für Neues», kritisiert Hansi Voigt weiter. Stattdessen würde immer weiter bei den Redaktionen gespart: «Aus der Sicht des Kosten-Controllings sind Journalisten nicht mehr als ein Kostenfaktor. Und sie sind inmitten von Fixkosten wie der Druckerei oder dem Vertrieb der variable Teil. Also spart man hier. Zumal gute Inhalte, die den journalistischen Markenwert steigern, für das Controlling nicht messbar sind und in keiner Jahresrechnung auftauchen.»

«Die Verlage und vor allem ihre Besitzer müssen sich überlegen, ob sie mit geringeren Renditen zurechtkommen wollen oder nicht.» Mit den 19 Prozent Umsatzrendite, die der Medienkonzern Tamedia in seiner Jahresrechnung ausweise, «könnte man dem Journalismus ganz gut aus der angeblichen Krise helfen.» Würden die Verlage so weitermachen wie bisher, werde es ihnen ergehen wie der Musikindustrie, warnt der ehemalige Online-Chef: «Die Musiklabels sind heute entweder den Künstlern wirklich zu Diensten oder überflüssig. Verlage sollten das Musikbusiness gründlich studieren. Sonst braucht es sie irgendwann nicht mehr.»

Auch Verlegerverband kommt an die Kasse

Deutliche Worte findet Voigt auch für die Forderung der Verlage nach einer Google-Steuer: «Ich bin auch der Meinung, dass dominante Marken wie Apple oder Google klaren Regeln unterstellt werden müssen. Aber nicht, um die Pfründe der Verleger zu schützen, sondern weil es gesellschaftlich sinnvoll ist. Google ist inzwischen so sehr Infrastruktur wie die SBB. Der Ruf der Verleger nach einer Google-Steuer ist aber unglaubwürdig. Man kann nicht dauernd Markt und Wettbewerb bejubeln, und wenn man den Wettbewerb hat, nach dem Staat rufen, weil die Rendite sinkt.»

Ebenso unsinnig findet Voigt die Forderung des Verlegerverbands nach Beschränkungen für das SRF-Portal der SRG, für die noch diesen Januar der politische Prozess der Vernehmlassung abläuft und SRF verpflichten soll, maximal 300 Zeichen Text zu Videos stellen zu dürfen: «Staatsschutz ist kein nachhaltiger Gewinn. Die Verleger sollten das Angebot der SRG annehmen, das öffentlich rechtliche, gebührenfinanzierte Bewegtbild-Angebot in ihre kommerzielle Newssites einbinden zu können und die Einnahmen aus Werbung mit dem SRF zu teilen. So würde überhaupt endlich ein nennenswerter Bewegtbild-Werbemarkt entstehen.»

Verlag der Zukunft in der Garage

Hansi Voigt (49), übernahm 2008 die Chefredaktion von «20 Minuten»-Online und machte die Webite zum erfolgreichsten Medien-Portal der Schweiz. Im Herbst 2012 verlor er den Machtkampf gegen «20 Minuten»-Printchef Marco Boselli und verliess Tamedia.

«Geld verdienen mit Kosteneinsparungen hat lange gut funktioniert. Aber jetzt braucht es einen Wechsel. Mit Innovation lässt sich auch in Zukunft mit Journalismus Geld verdienen. Im Hegelschen Sinne muss auf den Geld verachtenden Journalisten und den rein auf Kostenreduktion fixierten Controller die Antithese in Form eines kostenbewussten, journalistischen Unternehmertums kommen, das sämtliche technischen Möglichkeiten nutzt», sagt Voigt. «Vielleicht werden diese Verlage erst jetzt oder in den nächsten Jahren in der Garage gegründet. Journalismus wird es immer brauchen und geben.»

«Ich gratuliere jetzt schon dem Verlag, der den Voigt als nächstes einstellt», schrieb Verleger Oliver Burger bei Facebook. Nach Jahren der Dominanz von Renditedenken, verkörpert von Ex-Tamedia-CEO Martin Kall, mausert sich Hansi Voigt zum ersten Popstar der Medienzukunft. Und weil Tamedia nicht unternehmerisch-journalistisch denkt, sondern rein renditegetrieben, hat der dominierende Schweizer Medienkonzern seine Geburt verpasst.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor hat das Interview mit Hansi Voigt im «Sonntag» geführt.

Weiterführende Informationen

Interview mit Hansi Voigt

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