Der Spieler: Feuerwerk für alle Tage des Jahres

Synes Ernst. Der Spieler © zvg
Synes Ernst. Der Spieler / 22. Dez 2012 - Wer für den Silvesterabend ein tolles Spiel sucht, ist mit «Hanabi» bestens bedient. Es ist das Kultspiel der Saison.

«Oh, ein Spiel für den Silvesterabend,» sagte eine Kollegin, als sie im Spielwarengeschäft «Hanabi» sah. Das bunte Feuerwerk auf der Verpackung legt einen solchen Schluss nahe. Und auch der Titel weist in dieselbe Richtung: «Hanabi» stammt aus dem Japanischen und bedeutet Feuerwerk. Doch das wissen hierzulande die wenigsten.

«Hanabi» ist in der Tat ein Spiel für den Silvesterabend. Denn bei solchen Gelegenheiten sind in der Regel Spiele gefragt, die keine lange Erklärungen brauchen, einen schnellen Einstieg ermöglichen, beste Unterhaltung und ein gutes Gruppenerlebnis bieten. Allerdings muss die Person, welche «Hanabi» auf den Tisch bringt, zuerst einige Überzeugungsarbeit leisten. Denn es wirkt auf den ersten Blick unscheinbar und verspricht aufgrund seiner durchschnittlichen Gestaltung wenig Neues. Das sagt jedoch noch wenig über die Qualität und das Potenzial des Spiels aus.

Wie eine Feuerblume

Am besten, man lässt sich überraschen, auch wenn man nach der ersten Bekanntschaft mit der Spielanleitung den vollständigen Durchblick noch nicht hat. Eine Runde, und schon öffnet sich eines der innovativsten Kartenspiele der vergangenen Jahre wie eine der Feuerblumen, um die es in «Hanabi» geht. Von Beginn an spürt man den Sog, der von diesem kleinen Spiel ausgeht und der die gesamte Szene fasziniert, seit es im vergangenen Herbst auf den Markt gekommen ist.

Aufgabe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist es, mit Hilfe von Karten gemeinsam fünf verschiedenfarbige Feuerwerke auf den Tisch zu zaubern. Jedes beginnt mit der Karte, welche die Eins trägt, auf diese muss zwingend die Zwei folgen. Den krönenden Abschluss der Auslage bildet jeweils die Fünf. Doch so weit kommt es selten. Anders als in anderen Ablegespielen hält man seine Karten so in der Hand, dass man nur deren Rückseite sieht. Das heisst: Man kennt sein eigenes Blatt nicht. Was man hingegen sieht, sind die Karten der Mitspielenden. Wie weiss ich nun, welche Karten ich ablegen muss, damit ein Feuerwerk richtig in die Höhe schiesst? Dafür sind die Hinweise von den Mitspielenden da: «Du hast zwei weisse Karten in der Hand», kann es beispielsweise heissen, und es wird genau gezeigt, um welche Karten es sich handelt. Der nächste Hinweis kann sich auf die Zahlenwerte beziehen: «Du hast eine Zwei, und zwar hier.» Also versucht man, sich die entsprechende Karte zu merken und zum richtigen Zeitpunkt zum weissen Feuerwerk hinzuzufügen.

«Hanabi» ist eine einzigartige Mischung von Deduktions-, Kooperations- und Kommunikationsspiel, wie sie bisher noch nie anzutreffen war. So muss man aus den relativ wenigen Hinweisen, die man von seinen Mitspielenden bekommt, die richtigen Schlüsse ziehen. Nur so lässt sich verhindern, dass die Karte, die man ablegen will, nicht zu einem der Feuerwerke passt. Damit würden nur die Götter provoziert. Drei Zornesblitze bedeuten Ende Feuerwerk – und zwar für alle, denn die gemeinsame Niederlage ist die Kehrseite des gemeinsamen Sieges. Solche Niederlagen lassen sich nur mit guter Kooperation verhindern. Das bedeutet unter anderem, dass man den Mitspielenden möglichst jene Hinweise gibt, die es ihnen erlaubt, gute und richtige Entscheidungen zu treffen. «Hanabi» lebt von der Kommunikation innerhalb der Gruppe. Laut Spielanleitung sollten die Hinweise möglichst knapp sein, doch das ist, wie sich in der Praxis zeigt, ein frommer Wunsch, zumal es in ebendieser Spielanleitung auch heisst, man werde sehen, dass man eigentlich nicht still sein könne: «Was raus muss, muss raus ☺, und jede Gruppe wird ihr eigenes Mass an erlaubter Kommunikation finden. Spielen Sie so, dass es Ihnen Spass macht!»

Emotionales Potenzial

«Hanabi» hat sich innert kürzester Zeit zum Kultspiel entwickelt. Dies auch deshalb, weil es die Teilnehmenden nicht kalt lässt und sie über das Spiel hinaus beschäftigt. Selbst wenn die Karten längst verpackt sind, spricht man immer noch über verpasste Chancen, gute Hinweise, über Ärger und Frust. Verständlich: Denn wenn man schweigend zusehen muss, wie ein Mitspieler trotz mehrerer Hinweise eine falsche Karte abwirft und damit für alle die Chance auf ein Riesenfeuerwerk zunichte macht, steigt der Blutdruck, und man spürt das enorme emotionale Potenzial, das in «Hanabi» steckt.

«Hanabi» spricht die unterschiedlichsten Typen von Spielenden an, Vielspieler, Wenigspieler, Junge, Ältere, Menschen, die Unterhaltung suchen, aber auch Menschen, die beim Spielen besonderen Wert auf die Kommunikation mit anderen legen. Solche Spiele sind sehr selten. «Hanabi» ist ein solches Spiel. Deshalb ist es ein Feuerwerk nicht nur für Silvester, sondern für alle Tage.

---

«Hanabi». Kooperatives Kartenspiel von Antoine Bauza für 2 bis 5 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Abacus-Spiele. Spieldauer 30 Minuten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung»

Weiterführende Informationen

«Hanabi» erscheint im Verlag Abakus
Hier kann man «Hanabi» kaufen
Link zum Autor von «Hanabi»
Dossier Der Spieler
«Hanabi» besitzt ein enormes Potenzial

Noch keine Meinungen

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.