Papst Franziskus und Bernard Fellay, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X. © youtube
Erzbischof Marcel Lefebvre (1905 - 1991): Gründer der Pius-Bruderschaft © Dutch National Archives/Wikimedia Commons
CVP-Ständerat Jean-René Fournier: Messgänger der Piusbrüder © parlament
Priorate der Piusbrüder in der Schweiz
Priorate der Piusbrüder in der Schweiz

Sodom und Gomorra: Pius-Brüder flehen den Papst an

Kurt Marti / 09. Okt 2015 - Die Familiensynode lockt die erzkatholischen Pius-Brüder aus dem Busch: Sie warnen vor «Sodom und Gomorra» und beknien den Papst.

Im Vatikan findet vom 4. bis 25. Oktober 2015 die Familiensynode statt. Insgesamt 270 männliche, zölibatäre Vertreter im fortgeschrittenen Alter geben sich zum Thema der Sexualmoral die Ehre, insbesondere zur ehelichen Treue und zur Homosexualität. Wieder einmal droht eine Spaltung der katholischen Kirche in Modernisierer und Konservative.

Erzbischof Marcel Lefebvre (1905 - 1991): «Gotteslästerliche» Menschenrechte

Als zuverlässiger Seismograph für die konservativen Strömungen innerhalb der katholischen Kirche gilt die erzkatholische Piusbruderschaft, die seit Jahrzehnten verbissen gegen die Lockerungen des 2. Vatikanischen Konzils kämpft. Der Gründer der Pius-Brüder, der französische Erzbischof Marcel Lefebvre, erklärte 1985 in einem Schreiben an Papst Johannes Paul II. die Juden, Kommunisten und Freimauer zu Feinden der katholischen Kirche. Gleichzeitig sympathisierte er mit den katholischen Diktatoren Franco und Pinochet, aber auch mit Jean-Marie Le Pen, dem Chef des Front National, wie die New York Times an seinem Todestag schrieb. Logischerweise bezeichnete er die Erklärung der Menschenrechte als «gottlos» und «gotteslästerlich» und flehte die «allerseligste Jungfrau Maria» an, dem Papst «ihren Geist der Weisheit mitzuteilen, um dem Einbruch des Modernismus in das Innere der Kirche ein Ende zu setzen».

Homosexualität als schwere Sünde wie Mord

Im Vorfeld der Familiensynode flehte Bernard Fellay, Lefebvres Nachfolger als Generaloberer der Pius-Brüder, nicht die Gottesmutter, sondern Papst Franziskus an. In einem Brief mit dem Titel «Inständiges Bittgesuch an den Heiligen Vater» schreibt Fellay: «Wir flehen Euch kindlich an, ein Wort verlauten zu lassen (…) in dieser entscheidenden Stunde.» Mit der «entscheidenden Stunde» meint der oberste Chef der Pius-Brüder die aktuelle Familiensynode im Vatikan. Mit «grösster Unruhe» und mit «Angst und Schrecken» beklagt Fellay den «Niedergang der Ehe» durch die «legale Unterstützung der unmoralischsten und lasterhaftesten Verhaltensweisen». Zur Bekämpfung dieser «dekadenten Welt» rief Fellay kurz vor Weihnachten 2013 zu einem «neuen Kreuzzug» auf: «Ja, man muss zu allen Opfern der zeitlichen Güter bereit sein – bis zur Hingabe seines Lebens – um die ewige Seligkeit einer Seele sicherzustellen.» (siehe Infosperber: «Vor Weihnachten: Piusbrüder rufen zum Kreuzzug auf»)

Was die Pius-Brüder unter den «lasterhaften Verhaltensweisen» konkret verstehen, bringt der Pius-Bruder Christian Thouvenot in einem Kommentar auf der Internetseite der Pius-Bruderschaft auf den Punkt: Die heutige Welt habe seit langem die «entwürdigendsten Perversionen» übernommen und das Schicksal von «Sodoma und Gomorra» vergessen. Die «Sünde der Homosexualität» stelle «eine schwerwiegende Unordnung dar» und werde von der Bibel wie der Mord unter «die Sünden, die zum Himmel schreien» eingereiht. Solche «schändlichen Leidenschaften» würden «schon auf dieser Erde nach der gerechten Strafe vonseiten Gottes rufen», und zwar wegen der «Boshaftigkeit» und der «Störung der gesellschaftlichen Ordnung». In diesem Zusammenhang erwähnt Thouvenot lobend Bischof Vitus Huonder von Chur, der in einem Vortrag im deutschen Fulda «mutig» die Morallehre der Kirche ins Gedächtnis gerufen habe, worauf er unter dem Druck der «homosexuellen Lobby» das Opfer einer «wahren Fatwa der Massenmedien» geworden sei. Bischof Huonder hatte bekanntlich an die biblische Todesstrafe für Schwule erinnert.

CVP-Ständerat im Kreis der Pius-Brüder

Die Piusbrüder sind in ganz Europa präsent und keineswegs ein religiöses Randphänomen. In der Schweiz unterhalten sie ingesamt 25 Priorate und vier Schulen vom Kindergarten bis zum Gymnasium.

Priorate der Pius-Bruderschaft in der Schweiz (vergrössern)

Interessant ist die politische Verquickung der Erz-Konservativen: Im Unterwallis, der Ur-Heimat der Piusbrüder, verschob sich in den letzten Jahren die Anhängerschaft von der CVP zur SVP und zum «Mouvement chrétien conservateur», dessen Präsident der SVP-Politiker Grégory Logean ist, der laut der Westschweizer Zeitung «Le Temps» ein Anhänger der Pius-Brüder ist und der für die Nachfolge von Oskar Freysinger im Nationalrat kandidiert.

CVP-Ständerat Jean-René Fournier: Messgänger der Piusbrüder

Aus den Reihen der CVP bekennt Ständerat Jean-René Fournier öffentlich seine Sympathien zu den Piusbrüdern, wie «Le Temps» berichtete. Geld von den Pius-Brüdern für seinen aktuellen Wahlkampf bekomme er nicht, aber er hoffe, dass einige Ecône-Mitglieder ihn finanziell unterstützen, erklärte Fournier gegenüber «Le Temps».

Auch der Unterwalliser Weinhändler Dominique Giroud, der durch seine Steuer-Affären schweizweit bekannt wurde, bewegte sich in der Vergangenheit in ultrakonservativen Kreisen im Umfeld der Piusbrüder. Revisionsorgan von Girouds Wein-Imperium war bis 2010 das Treuhandbüro Alpes Audit SA, dessen Präsident von 1998 bis 2009 der jetzige CVP-Staatsrat Maurice Tornay war. Nicht zufällig ist die Alpes Audit SA ebenfalls das Treuhandbüro der katholisch-konservativen «Foundation Zermatt Summit», in deren Stiftungsrat auch CVP-Ständerat Fournier sitzt (siehe Infosperber: «Der Walliser CVP-Filz probt die Rettung der Welt»).

Immaculata-Schulen: Hosenverbot für die Mädchen

Die Pius-Bruderschaft gründete drei katholisch-konservative, vom Staat anerkannte Schulen im Kanton St. Gallen (Wangs, Wil und Oberriet) und eine in Luzern. Träger der Schulen ist der Immaculata-Schulverein. Der Name «Immaculata» (die Unbefleckte = Synonym für die Gottesmutter Maria) ist Programm. Die Schüler werden dort in einer religiösen Parallelwelt nach den rigorosen Prinzipien der Pius-Bruderschaft erzogen und ausgebildet. Laut Angaben des Immaculata-Schulverein geht es darum, «die Kinder so gut wie möglich vor den Einflüssen des Bösen zu bewahren», weil sich «die Welt in immer stärkerem Masse von der von Gott gegebenen Ordnung entfernt».

Es gelte die Sünden und Fehler der Kinder durch «ständiges Zusammensein» mit den Erziehern im «Anfangskeim zu ersticken». Kinder, welche TV-Sendungen, Videos, Computerspiele mit «unsittlichem oder gewalttätigem Inhalt» konsumieren, würden nicht aufgenommen, da dies «mit dem christlichen Geist unvereinbar» sei. Zudem gelten für die Mädchen strenge Kleidungsvorschriften: «Für Mädchen ist das Tragen von Hosen, enganliegenden Kleidungsstücken oder knieentblössenden Röcken nicht gestattet.»

Mit der Doktrin der Piusbrüder gegen den Lehrplan 21

Die katholisch-konservativen Ansichten der Piusbrüder-Schulen im Kanton St. Gallen strahlen auch auf die politische Diskussion um den Lehrplan 21 aus. Der Verein «Starke Volksschule St. Gallen» lehnt den Lehrplan 21 kategorisch ab und warnt in der Manier der Piusbrüder vor einer «Ideologisierung» der Schule. Die «natürliche Geschlechterordnung» und die «Familie als Grundbaustein» werde dadurch angegriffen. Das St. Galler Tagblatt schreibt von «sektiererischem Auftreten» und von «fanatischen Schulreformgegnern». Ein SVP-Mitglied, das seine Kinder in die Piusbrüder-Schule von Oberriet schickte, sitzt laut Tagblatt im Vorstand des Vereins. Weil der Vereinspräsident und dessen Vize gleichzeitig Mitglieder des Schulrats von Thal (SG) sind, kam es wegen deren extrem konservativen Ansichten zu Zerwürfnissen. Die Feinde der offenen Gesellschaft erobern überall in kleinen Schritten aufgeklärtes Terrain zurück.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Dossier: Der Vatikan und die Katholiken

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10 Meinungen

Wunderbar wie hier, analog zur Denunziation sexueller Orientierungen, jetzt die religiöse Orientierung denunziert wird, mit der man heute einiges riskiert. Selber beobachtete ich vor 26 Jahren, als ich an meiner Studie über Fundamentalismus arbeitete, den damaligen CVP-Präsidenten des Kantons Luzern beim Konsum der Hostie in der St. Michaels-Vereinigung Dozwil. Ich denunzierte ihn nicht, nannte in meiner Publikation nicht mal seinen Namen. Er musste dann trotzdem zurücktreten.

PS. Wer übrigens die lateinische Messe mit Mundkommunion bevorzugt, muss nicht ein religiöser Psychopath sein. Und wenn der Altabt von Einsiedeln im SONNTAG plötzlich voller triefender Salbung über die Homosexuellen schreibt, ändert dies nichts daran, dass der entsprechende Männerchor SCHMAZ mit seinem Vorschlag, in der Klosterkirche singen zu wollen, auf Granit beziehungsweise auf Marmor gebissen hat. Eine Szene mit homosexuellen Mönchen aus dem vorletzten Welttheater führte mit zur Trennung VON Thomas Hürlimann/Volker Hesse als Produzenten des Welltheaters. Dabei muss man als Kenner der Mönchsregeln zugeben, dass die Sublimierung der Homosexualität mit zu den Bedingungen der abendländischen mönchischen Existenz gehört. Zwischen einer derzeitigen bunten Mainstream-Homo-Ideologie (mit Heinrich Hössli und Karl-Heinrich Ulrichs nicht zu verwechseln) und der katholischen Kirche wird es nie eine Oekumene geben. Auch war nun mal der faktische Christentumsgründer Paulus nach heutigen Kriterien «homophob».
Pirmin Meier, am 09. Oktober 2015 um 11:24 Uhr
Grässlich, kranke zerstörte Menschen, es blühen die Neurosen. Das Weltproblem ist nicht die sexuelle Ausrichtung, sondern die asoziale Ungerechtigkeit, gesteuert von den Grossbanken und Plutokraten. Scharmützel um sexuelle Gepflogenheiten sind da eine willkommene Ablenkung. Die Ausbeutung schreitet voran, unsere Bundesräte machen jeden Tag einen Kreuzgang aus faulen Kompromissen mit dem Fet-System, welches weitgehend über die Wirtschaft alle ihr zugehörigen Nationen mitregiert. Existenzangst, Working pur und Suizide nehmen drastisch zu. Die Schere zwischen reich und arm geht weiter auseinader. Der religiöse Wahn machen gewisse Politiker sich zu nutze, und umgekehrt. Wir stehen kurz vor einem Rechtsrutsch, schon jetzt werden Grundgesetze verletzt, und niemand kümmert sich darum. Die Schweiz, einst von unseren Ur-Vätern hart erkämpft, wird ausverkauft, unsere Traditionen der Humanität werden missbraucht.
Und der Bürger wählt noch die Politiker dieses Untergangs, jede Demokratie bekommt was sie verdient. Ist die Mehrheit gut manipuliert durch die Medien, wählt sie, was die von den Grosskonzernen weitgehend verwalteten Median propagieren. Obwohl in der Schweiz die Todesstrafe verboten ist, wird sie indirekt praktiziert. Wer sozial schlechter gestellt ist, weil er kritsch ist und nicht alles mitmacht, oder lernprobleme hatte, lebt weniger lang. Die Todesstrafe ist dasselbe, eine verkürzung des Lebens durch äussere Umstände. Die Sp ist am untergehen, weil die Sp-Wähler schweigen.
Beatus Gubler, am 09. Oktober 2015 um 12:20 Uhr
Der Papst wird nicht umhin kommen, der Schwerfälligkeit und dem falschverstandenen Konservatismus der alten Garde der kirchlichen Würdenträger in den heikelsten Punkten nachzugeben.
Er wird aber sicher Zeichen zu setzen verstehen, die in einer wahrhaft christliche Nachfolge entsprechen. Auch wenn die intakte Familie, wie «man» sie aus der Tradition kennt, nach wie vor ein nachahmungswertes Vorbild bleibt, hat sich die Welt weiter entwickelt, bzw. die Lebensweisen der Menschen und die Erkenntnisse über die Eigenschaften allen Seins.
"Kirche» ist so etwas wie eine richtunsgweisende Strasse. Man vergleiche solche aus der Zeit Jesu und stelle sich vor, wir müssten uns heute noch mit solch engen und holprigen Strassen zufrieden geben. Verantwortungsvolle Weltoffenheit ist nicht gleichzusetzen mit Duldung von allen Auswüchsen, aber so wie die Strassen, sollten sich auch «Kirchen» offen halten für alle, die sich zur aktuellen Zeit zu dieser bekennen wollen, auch wenn heute kein einziger Mensch mehr allen Vorschriften aus Zeiten der Entstehung der «heiligen Schriften» nachkommen kann, oder gewillt ist, die sehr grausamen Strafbestimungen von damals gutzuheissen. Jesus selbst hat zwar «das Gesetz» das zu seiner Lebenszeit galt, nicht aufgehoben, aber immer wieder aufgezeigt, dass der Mensch und seine Eigenverantwortung ÜBER jedem Gesetz steht und letztlich alles zur Liebe Gottes und auch jede ausdrücklich von ihm geforderte Selbstliebe im Zeichen der Nächstenliebe stehen soll.
Joos Martin, am 09. Oktober 2015 um 13:06 Uhr
@Endlich vernimmt man wieder was von Herrn Gubler! Obwohl Holzschnitt, im Kern würde ich Ihnen ungern widersprechen.
@ Joos. Sie gehen in die Tiefe. Wie immer man zum Gesetz steht, so hat die Sinngebung der Sexualität (hat mit sex. Orientierung nichts zu tun) immer auch was mit Religion zu tun, bei eigentlich jeder Weltreligion. Finde ich fatal merkwürdig. Das Mönchtum beruht auf einem anderen Programm als das Programm derjenigen, die für das Idol Homo-Ehe kämpfen. Was Jesus «wirklich» wollte, ist mir nicht mehr so klar wie auch schon. Wir müssten mutmasslich Aramäisch lernen. Mit der «Bibel in gerechter Sprache» werden wir es wohl kaum schaffen.

Ihr Satz «Kirche ist so etwas wie eine richtungsweisende Strasse» wird wohl von den wenigsten Lesern von Infosperber so unterschrieben, selbst wenn Sie «Kirche» in Anführungszeichen schreiben. Ich las für eine Tagung in Konstanz vorige Woche 6 Biographien von Johannes Hus, dort verbrannt 1415, wobei sich Eugen Drewermann etwas zu stark mit dem Helden identifiziert. Das tue ich nicht. Ich neige aber unterdessen dazu, in einem solchen «Verlierer der Geschichte» einen grösseren Reformator zu sehen als diejenigen, die sich durchgesetzt haben. Es ist unglaublich, was für revolutionäre Konsequenzen Hus und andere aus dem «Abendmahl» gezogen haben. Daneben wirkt die Diskussion der kath. Kirche betr. Kommunion für Geschiedene (bin selber einer) und Homos banal, da der blosse Konsum der Hostie für sich allein eigentlich gar nichts bedeutet.
Pirmin Meier, am 09. Oktober 2015 um 14:31 Uhr
@Pirmin Meier, um das Wichtigste zu verstehen und nachzuleben versuchen, was Jesus wichtig war, muss ich nicht aramäisch lernen.
Ich bin aber sicher, wenn er heute lebte, hätte er nichts dagegen einzuwenden, wenn zwei Menschen, die sich partnerschaftliche Treue versprechen, eine (kirchliche) Segnung möchten, egal ob gegen- oder gleichgeschlechtlich!
Heirat und traditionelle Familie ist eine anderes «Programm» und sollte nicht mit dem «Programm» jener vermischt werden, die einfach ihrer gegenseitigen Liebe eine gesellschaftliche Basis geben möchten. Adoptionen und Kinder ist wieder ein «Programm» für sich und kann sicher nur im Einzelfall einigermassen befriedigend gelöst werden.
Was Hus und das Abendmahl betrifft, weiss ich zu wenig. Dass Geschiedene nicht an der Kommunion teilhaben dürf(t)en, wäre nach meiner Überzeugung für Jesus ein Verstoss gegen das Gebot der Nächstenliebe. Was Sie unter «blossem Konsum der Hostie» verstehen, der nichts bedeuten soll, ist mir nicht ganz klar. Für mich war es jedesmal eine erneuerte Bestätigung eines Versprechens, aber ich kann heute auch ohne solche Wiederholungen leben.
Der Vergleich von Strasse und Kirche sehe ich nur in dem Sinne, als beides ein «Weg» bedeutet, den man gehen oder benützen kann. Richtungsweisend sind beide nur für jene, die ein Ziel anstreben und dazu Strasse oder Kirche bewusst in Anspruch nehmen (wollen)!
Joos Martin, am 09. Oktober 2015 um 18:31 Uhr
@Klaus ass keine Hostie, betrachtete sie nur in Gebet u, Fasten in Absage an Familie, Politik, Besitz. Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten, das er nie berührte, hat nichts zu tun mit mangelnder Nächstenliebe gegenüber denjenigen, die sich nicht verwandeln. Das Gegenteil dessen, was Jesus, Hus, Klaus unter Abendmahl verstanden, kam z.B. bei Erstkommunion meines Enkels zum Vorschein, der beim Glaubensbekenntnis den Mund bewusst zukniff, sich nur auf die Geschenke nach dem Ritual freute. Es ist Ihnen wohl noch bekannt, dass zur Kommunion ursprünglich die Beichte und vollständige Nüchternheit gehörten. Das war aber Hus zu wenig, zu äusserlich, ihm ging's um eine radikalere revolutionäre Verwandlung des Einzelnen u. der Gesellschaft. Der Umgang der heiligen Birgitta und der Katharina von Siena mit dem Abendmahl, von denen die eine dabei Sphärenmusik hörte, die andere Blut schwitzte, hat mit gewohnheitsmässigen Ritualen, wo nicht mal gebeichtet wird, kaum mal in den Hungerstreik getreten, nichts zu tun. Für Hus war ein Betrieb, der nur das kirchliche System stärkt, das Reich des Antichrist. Vehement lehnte er das kath. Dogma der Wandlung ab, weil er wie der Frühpantheist John Wyclif von der ursprünglichen und göttlichen Heiligkeit des Brotes - auch ohne Segnung - überzeugt war. Das Trinken des Blutes Jesu als Zeichen des allgemeinen Priestertum war für ihn das unmittelbare Bekenntnis zum Martyrium. Wen das zu viel ist und sich deswegen benachteiligt fühlt, bleibe dem Mahl eher fern.
Pirmin Meier, am 09. Oktober 2015 um 20:24 Uhr
PS.@Joos Martin. Der Hungerstreik der Heiligen, auch heilige Anorexie genannt, hat nichts zu tun mit Verweigerung des Herrenmahls, bloss Verweigerung aller sonstigen Speise im Sinn der totalen Sehnsucht nach Vereinigung. Dies ist zweifelsohne eine From von Fundamentalismus, andererseits kann es als anarchische Absage an das verbürgerlichte unverbindliche Vollkasko-Kirchensteuer-Christentum gesehen werden. Klaus von Flüe verweigerte 1457 die Kirchensteuer.
Pirmin Meier, am 09. Oktober 2015 um 20:35 Uhr
Ich fand Li Hangartners Radiopredigt (04.10.) gut und evangelisch fundiert:
http://www.srf.ch/sendungen/predigt/roem-kath-li-hangartner-3
"Urteilt nicht...» Papst Franziscus scheint diesen Grundsatz höher zu werten, als die kirchliche Sexuallehre. Das ist auch richtig so.
Was er von den ausbeuterischen Wirtschafs-Systemen hält, hat er auch schon deutlich gemacht. Ich denke, er wird dran bleiben und gewiss nicht einsam... so hoffe ich jedenfalls.
Urs Lachenmeier, am 09. Oktober 2015 um 21:31 Uhr
@Pirmin Meier, Im vorliegenden Bericht geht es ja weniger um Gläubige, die verweigern, das «Brot des Lebens» zu essen oder das «Blut des Martyriums» zu trinken, sondern um jene, die gemäss ihrem kirchlichen Amt berufen sind, die Kommunion auszuteilen und wem sie diese austeilen düfen. Eine Glaubensgemeinschaft, die Menschen ausschliesst, die an einer solch tiefgründigen Handlung teilnehmen WOLLEN, aber nicht DÜRFEN, ist und war für mich als «Kirche» nicht glaubwürdig. Trotzdem konnte ich teilnehmen, solange wenigstens «von unten» her (aus der Glaubensgemeinschaft) das Zusammengehörigkeitsgefühl stimmte und andere Werte der Zugehörigkeit mein Leben bereicherten. Da kann «von oben» her noch so pedantisch bestimmt werden, wer das Recht dazu hat und wer nicht. Auch viele andere exklusive, im realen Leben schwer einhaltbare Regeln spielen in der konkreten Gemeinschaft kaum eine Rolle. Es gelten andere Voraussetzungen. Und das ist gut so und wird einmal ausschlaggebend sein, dass die «Kirche» trotz allen ur-menschlichen Zwängereien überleben wird.
Joos Martin, am 10. Oktober 2015 um 10:16 Uhr
@Joos. Sie dürfen wissen, dass ich Ihre Haltung sehr respektiere. An errungenen Lebensorientierungen ist im Prinzip meist nichts auszusetzen.


Noch interessant am öffentlichrechtlichen System der Landeskirchen ist, dass Sie heute alles leugnen dürfen mit Ausnahme eben dieses Kirchensystems. Im Vatikan soll zur Zeit des ruchlosen Papstes Alexander VI. (der politisch zwar geschickt war) ein Buch gedruckt worden sein, in dem Moses, Jesus, Mohammed als Betrüger bezeichnet wurden. Desgleichen glaubte der Grossinquisitor von Dostojewskij gar nichts, es ging ihm nur um die Stabilität und Erhaltung des Systems: der Mensch braucht Ordnung, dazu Brot und Unterhaltung, ausserdem Wunder als Sahnehäubchen der menschlichen Existenz. Darauf beruhte eine pervertierte katholische Kirche. Deswegen sehe ich die Dinge noch längst nicht jeweils gleich wie Kurt Marti von Infosperber, dessen Beiträge über das Wallis und das Ensi (wo ich viele frühere Kaderleute kenne) ich trotzdem immer mit Interesse lese und mich manchmal zum Wort melde. Marti ist in der Regel eher genauer als sein Landsmann Bodenmann, der sich gerne in seiner familienbedingten und nationalen Prominenz sonnt, sich mit Herrn Blocher nicht ohne Stolz vor einem Schloss ablichten lässt. (Beide Politiker sind übrigens im internationalen Vergleich immer noch ganz passabel, was nur ein bedingtes Kompliment ist.)
Pirmin Meier, am 10. Oktober 2015 um 10:38 Uhr

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