1992 wurde erstmals in Kanada ein Kaufnix-Tag ausgerufen © -

1992 wurde erstmals in Kanada ein Kaufnix-Tag ausgerufen

Der Kaufnix-Tag stellt unseren Lebensstil infrage

Franz Hochstrasser / 26. Nov 2015 - Der internationale Kaufnix-Tag oder der Buy Nothing Day findet am Samstag, den 28. November statt. Auch in der Schweiz.

Der Kaufnix-Tag wurde erstmals 1992 in Kanada ausgerufen. Dahinter stand die Adbuster-Bewegung (ad von advertising, Werbung; bust von kaputtmachen). Diese Bewegung steht gegen den übermässigen Konsum. Das drückt sie öffentlich aus, indem sie Plakate mit kritischen und ironischen «Veränderungen» versieht und sich damit etwelche Probleme, insbesondere mit den Medien, einhandelt. Wie der Begriff des «Kaufnix-Tages» sagt, sollen die Menschen an einem bestimmten Tag auf Käufe verzichten. Dahinter stehen aufklärende Motive. Statt zu kaufen solle man die Produkte kritisch befragen, die ethischen und ökologischen Folgen des Konsums beleuchten und mit der Kaufabstinenz experimentieren.

Nachdenken über Konsum-Ungerechtigkeit

Der Tag soll ins öffentliche Licht rücken, dass 20% der Weltbevölkerung 80% der natürlichen Ressourcen verbrauchen, dass also eine unübersehbare Konsum-Ungerechtigkeit besteht, dass zudem viele Güter unter umweltschädlichen und teilweise menschenverachtenden Bedingungen hergestellt werden. In einer Waren tauschenden Gesellschaft ist nicht das Kaufen schlecht, sondern das, was wir kaufen. Mit diesem Motivationsgepäck wird am 28. November der Kaufnix-Tag inzwischen in 80 Ländern durchgeführt. In der Schweiz gibt es den Chouf-nüt-Tag der Gruppe Christnet. Sie begeht ihn mit einem Schweigekreis in Bern um 14.00 Uhr.

Was ist der Kern der Sache? Wir in den reichen Ländern leben im Überfluss. Das schlägt sich auch im ökologischen Fussabdruck nieder; die ganze Menschheit verbraucht zurzeit etwa eine ganze und eine Viertel-Erde. Das zeigt sich auch daran, dass ein westeuropäischer Mensch durchschnittlich 10‘000 Gegenstände besitzt. Somit haben wir ein Mengenproblem. Man kann auf Dauer nicht mehr verbrauchen, als die eine Erde hergibt. Aus mehr muss weniger werden, wenn wir überleben wollen. Damit ist der Kern der Kaufnix-Aktion freigelegt: Ohne Verzicht wird die Reduktion der Güter und des Konsums nicht gelingen.

Verzicht stellt Lebensform infrage

Das provoziert Proteste: «Ohne Wachstum kein Wohlstand», oder «Kein Zurück in die Steinzeit». Sie sind eine Reaktion auf die Unsicherheit, welche Verzicht auslösen kann, denn er stellt eine ganze Lebensform infrage. Der Kaufnix-Tag tut nichts anderes, als den Leuten eine Gelegenheit zu verschaffen, einmal einen kurzen Kauf- und Konsumverzicht auszuprobieren. Es gibt im Übrigen auch andere Formen solchen Verzicht-Übens, beispielweise das Auto-Fasten während der vorösterlichen Fastenzeit, das man in Österreich kennt; man verzichtet in diesen sieben Wochen, soweit es geht, auf den Konsum des Automobils. Organisiert wird es vom österreichischen Verein zur Förderung kirchlicher Umweltarbeit. Oder in China gibt es den Tag des Fastens. Die Chinesische Stiftung zur Linderung von Armut zeichnet für die Organisation des Tages. Die Teilnehmenden spenden das durch das eintägige Fasten gesparte Geld an Kinder in Armut. Dieses Jahr sollen 160 Millionen Menschen mitgemacht haben.

Man sollte allerdings den Kaufnix-Tag nicht mit zu heftigen Befürchtungen ersticken. Zwar leben auch in der Schweiz arme Menschen; es sind eine Viertel Million Eltern und Kinder betroffen. All den übrigen geht es recht bis überwältigend gut. Ein Tag Kauf- und Konsumverzicht wird sie ganz sicher nicht beschädigen. Das ist nicht viel angesichts der Prognose, dass wir in den reichen Weltregionen rund 80 Prozent unseres aktuellen Ressourcen-Verbrauchs reduzieren müssen, um die bestehenden ökologischen Probleme annähernd lösen zu können. Der Kaufnix-Tag ist der unspektakuläre Vorschlag, sich dem Verzichtsthema persönlich zu stellen.

Keine grundlegende Veränderung

Man sollte diese Aktion aber auch nicht mit allzu hohen Tönen lobpreisen. Denn erstens ist ein Eintagesverzicht sicher keine grundlegende Änderung des bisher geführten Lebens, und zweitens gibt es die Erfahrung, dass der Lerneffekt vergleichbarer Aktionen eher bescheiden ist. In diesem Zusammenhang wird oft an den Boykott gegen den Ölkonzern Shell erinnert. Er wurde 1995 dadurch ausgelöst, dass Shell den schwimmenden Öltank im Meer versenken wollte. Aktivisten von Greenpeace besetzten die Plattform. Parallel dazu fand an Land ein internationaler Boykott gegen Shell statt, was dem Konzern Umsatzeinbussen von 30 Prozent und mehr bescherte. Allerdings war dies für viele ein Boykott ohne Verzicht, denn sie wichen einfach auf Brennstoffe anderer Konzerne aus. Und so mag es viele Leute geben, die zwar nicht am Kaufnix-Tag, dafür an einem anderen Tag einkaufen gehen.

Die Moral der Geschicht‘: Probieren Sie es am Samstag, den 28. November aus, das mit dem eintägigen Verzicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Franz Hochstrasser befasst sich seit Mitte der 80er Jahre mit dem Thema Konsumismus und ist Autor des Buches «Konsumismus. Kritik und Perspektiven» (2013). Er war von 1989 bis 2001 Rektor der Fachhochschule für Soziale Arbeit beider Basel und führt heute eine Beratungsfirma im Bildungs- und Sozialbereich.

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Eine Meinung

Umweltschutz nur durch weniger Einkommen!

Wenn wir weniger Geld ausgeben für unnötige Waren, sparen wir Geld. Was machen wir damit? Wir geben es anderweitig für Konsumgüter aus, was wiederum Energie und Ressourcen braucht, oder wir bringen es den Banken und Versicherungen als Spargeld und ermöglichen diesen, Kredite für Güter zu geben, deren Produktion und Unterhalt wiederum Energie und Ressourcen brauchen. Das einzige Mittel gegen zu hohen Energie- und Ressourcenverbrauch ist die Reduktion des Einkommens für jene, die sich das leisten können oder wollen. Weniger Einkommen, dafür mehr Freizeit ist auch eine Lebensperspektive.! Die materialistische Gesellschaft wird einen anderen Weg gehen müssen, freiwillig oder aufgrund von Verteilungs-, Ressourcen- oder Umweltproblemen, die wir zwangsweise lösen müssen.
Alex Schneider, am 26. November 2015 um 16:13 Uhr

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