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«Car Sharing» erhöht die Produktivität des Konsums

So lässt sich die Konsumproduktivität steigern (2)

Hanspeter Guggenbühl / 22. Dez 2012 - Die Konsumenten sollten ihre Produktivität ebenso steigern wie die Produzenten. Wir zeigen, wie es geht. Und was daraus folgt.

Im ersten Teil unter dem Titel «Warum die Produktivität des Konsums sinkt» haben wir gezeigt: Die Produktivität in der Produktion steigt. Die wachsende Menge an produktiver produzierten Güter und Dienstleistungen lässt sich nur absetzen, weil wir immer unproduktiver konsumieren. Das ist paradox – aber nicht nur das: Wachsende Produktion und wachsender Konsum basieren auf Plünderung, also auf Verschuldung gegenüber der Natur. Auf Dauer ist das nicht durchzuhalten.

Nachhaltiger Konsum ist zwar gut. Aber das reicht nicht. Denn die Effizienzgewinne beim Naturverbrauch werden durch die wachsende Konsummenge wieder aufgefressen oder gar überkompensiert. Besser und zukunftsfähiger ist daher ein effizienterer Konsum. Darum sollten wir den Produzenten nacheifern und die Produktivität unseres Konsums steigern.

Mehr Konsumnutzen mit weniger Produkten

Produktiver wird der Konsum, wenn wir mit möglichst wenigen Produkten oder mit möglichst wenig käuflichen Dienstleistungen einen möglichst hohen Konsumnutzen erzielen. Dazu einige Anregungen:

- Besonders ergiebig sind Produktivitätssteigerungen beim Wohnen. Denn der Bau und Betrieb von Gebäuden beansprucht hierzulande annähernd die Hälfte des Rohstoff- und Energieverbrauchs. Allein Lebende benötigen in der Regel mehr Wohnraum pro Kopf als Gepaarte. Leute, die zu zweit leben, brauchen wie Alleinstehende nur eine Küche und nur ein Bad. Singles sollten sich darum verlieben und in einer der beiden bestehenden Wohnungen zusammen ziehen. Damit verdoppeln sie nicht nur ihre Wohn- und ihre Küchenproduktivität, sondern möglicherweise auch ihr Glück.

- Zur Steigerung der Wohnproduktivität dient auch der Abbau von Zweitwohnungen: Wer Ferien macht, sollte darum im Hotel nächtigen. In der Schweiz besteht beim Auslastungsgrad der Hotels zurzeit besonders viel Steigerungspotenzial. Oder: Wer einen Monat ferienhalber in Rom verbringen will, kann eine Römerin suchen, die Ferien in der Schweiz plant, und ihr einen temporären Wohnungstausch anbieten. Beide logieren dann herrschaftlicher als in einer Ferienwohnung, und sie steigern die Effizienz ihrer Erstwohnungen.

- Neben dem Wohnen gehört der Personenverkehr zu den energie- und materialintensivsten Konsumbereichen. Mein Vorschlag: Wer im Auto zur Arbeit pendelt, soll drei Autostopper mitnehmen. Oder selber Autostopp machen. Damit lässt sich die Effizienz auf dem Arbeitsweg vervierfachen – und dies sofort und ohne jegliche Investition in teure Umwelttechnik.

- Ist der Pendelweg weniger als fünf Kilometer lang, können rüstige Personen vom 1,5 Tonnen schweren Auto aufs 12 Kilo schwere Velo umsteigen. Damit erhöhen sie ihre Energieproduktivität im Verkehr um den Faktor 30 bis 50. Und obendrein können sie auch noch ihr schlecht genutztes Abonnement fürs Fitnesscenter kündigen. Das ist Konsumproduktivität!

- Wer in einer Einfamilienhaus-Siedlung lebt, kann seine besonders schlechte Öko-Effizienz mit der Gründung eines Rasenmäher-Pools verbessern. Ein Rasenmäher pro Siedlung genügt. Für Einkaufs- oder Freizeitfahrten lässt sich ein Mobility-System organisieren. Damit kann der Bestand an Autos auf einen Drittel und die Stillstandzeit der Autos von 23 auf 21 Stunden pro Tag vermindert werden. Mieten ist meist effizienter als besitzen.

- Beim Güterkonsum sollten wir uns die Stromwirtschaft als Vorbild nehmen. Rüsten wir also unsere alten Computer nach wie die Axpo ihre alten Atomkraftwerke. Und verlängern wir die Lebensdauer von alten Smartphons auf 50 Jahre.

Die Beispiele illustrieren: Produktiver Konsum in einer begrenzten Welt ist naturverträglicher als ein zunehmender Konsum von angeblich nachhaltigen Produkten, die uns gewiefte Marketingleute versprechen. Weniger ist mehr – zumindest ökologisch und haushälterisch betrachtet.

Wenn alle Bürgerinnen und Bürger das täten ...

Doch hier beginnt leider das Problem: Wenn alle Bürgerinnen ihre Konsumproduktivität so steigern, wie das die Ökonomen und das Staatssekretariat für Wirtschaft der produzierenden Wirtschaft empfehlen, dann können die Produzenten immer weniger von ihren produktiver produzierten Gütern und Dienstleistungen absetzen. Die Steigerung der Konsumproduktivität bedingt also eine Reduktion der produktiven Produktion.

Man kann das durchaus positiv sehen: Wenn wir produktiver konsumieren, müssen wir weniger – und weniger produktiv – malochen. Produzenten und Gewerkschafterinnen sehen das allerdings eher negativ. Denn wenn unsere Konsumproduktivität wächst, dann schrumpft die Wirtschaft. Im herrschenden Wirtschaftssystem führt das in die Rezession oder gar in die Krise. Denn die heutige Wirtschaft ist vom Wachstum ebenso abhängig wie ein Süchtiger vom Alkohol oder vom Autobesitz.

Es geht also darum, die Produktivität des Konsums wirtschaftsverträglich zu steigen. Die Voraussetzung dazu: Wir müssen die Wirtschaft von ihrem Wachstumszwang befreien. Das ist wünschbar. Denn eine Marktwirtschaft ist freier, wenn sie keinem Zwang unterliegt. Wie aber erreicht man das? Wie befreien wir die Wirtschaft von ihrem Wachstumszwang? Das ist eine gute Frage. Einige Antworten finden Leserinnen und Leser in modernen Büchern wie «Postwachstumsgesellschaft» (Metropolis-Verlag 2010), «Schluss mit dem Wachstumswahn» (Rüegger-Verlag 2010), «Wohlstand ohne Wachstum» (oekom-Verlag 2011) oder «Befreiung vom Überfluss» (oekom 2012).

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Zum ersten Teil: «Warum die Produktivität des Konsums sinkt»

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Text beruht auf einem Referat, das der Autor an der Jahrestagung der GS1-Switzerland im Oktober 2012 gehalten hat.

Weiterführende Informationen

«Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr», Rüegger Verlag, 15.60 CHF
«Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft», Metropolis-Verlag, 20.70 CHF
Niko Paech: «Befreiung im Überfluss», Oekom bei Hanser, 17.50 CHF

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Eine Meinung

Wie erwähnt - unsinnige Begriffserfindungen (Konsumentenproduktivität) helfen nicht wirklich. Wenn schon, müssten wir uns über «Konsumptivität» o.ä. unterhalten, also die Optimierung des Nutzens von Konsum. Zum Beispiel: die reine Verfügbarkeit eines eigenen Fahrzeugs ist es mir wert, den zusätzlichen Aufwand im Vergleich zu einem Shared-Mobiility-Konzept zu leisten, und auch wenn ich manchmal gerne andere Personen in meinem Auto mitnehme - verpflichtet zu sein, regelmässig mir unbekannte Leute mitzunehmen, möchte ich mir nicht antun (wobei ich persönlich ohnehin mit dem öV zur Arbeit und zurück pendle). Soviel zum Thema Konsumentennutzen! Was aber sicher ein Thema wäre, ist die Nachhaltigkeit von Produkten, also z.B. höherwertige Produkte (die natürlich in aller Regel auch mehr kosten!), aber 1. mehr Freude machen, 2. länger halten und 3. dann auch reparierbar sind. Aber das muss den Konsumenten nicht aufoktroyiert werden, das kommt automatisch (ja, die oft verteufelte freie Wirtschaftsordnung hat eben auch ihre Vorteile!), wenn nur genügend Konsumenten den Nutzen erkennen und solche Produkte nachfragen!
Patrick Hafner, am 22. Dezember 2012 um 14:08 Uhr

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