kontertext: Admeira – Miszelle zur Medienvirologie

Mathias Knauer © Barbara Davatz
Mathias Knauer / 06. Apr 2017 - Medienfinanzierung über Schnüffelprogramme: ein Vabanque-Spiel, sofern die Konsumenten sich nicht länger übers Ohr hauen lassen.

Als vor fünf Jahren Roger de Weck vor den Mitgliedern der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt die aktuellen Probleme und zukunftsweisenden Perspektiven von Radio und Fernsehen schilderte, war gerade das Seilziehen um das Projekt Admeira, die «Werbeallianz» von Ringier, Swisscom und der SRG, losgegangen. Die Verleger hatten, statt in eine strategische Diskussion einzutreten, schon mit dem Täubeln begonnen. Ich war überzeugt, dass mit diesem «Joint Venture» ein produktiver Ansatz vorliegt, um der Abwanderung von Werbegeldern ins Ausland und damit der Erosion einer ökonomischen Grundlage unseres Medienschaffens (an die wir uns im Laufe der Jahrzehnte, ohne nachzufragen, gewöhnt hatten) Einhalt zu gebieten.

Der Zusammenbruch der traditionellen Werbefinanzierung unserer Presse ist nicht nur dem technischen Wandel zuzuschreiben, der etwa zur Umlagerung ertragreicher Inserate-Rubriken in Online-Dienste geführt hat; eine seiner Ursachen ist auch der rasche Aufstieg werbebasierter Suchdienste, namentlich von Google. Der Gigant in Mountain View hat auf Grund des hohen Gebrauchswerts – sogar der diskret geschalteten Werbung – und wegen seines minimalen Aufwands viele traditionelle Werbeformen obsolet werden lassen.

Was 1997 zunächst wie ein kommender Service Public aussah – das Angebot von Suchresultaten ohne Einfluss von Inserenten- oder Kapitalinteressen auf deren Rangfolge, einzig auf Grund unbestechlicher Algorithmen –, hat sich unterdessen als durchaus widersprüchlich herausgestellt. Denn auch wenn Google in Zürich bald fünftausend Leute beschäftigt: Es ändert nichts daran, dass die nunmehr weltweit jährlich umgesetzten über 55 Milliarden USD des Alphabet/Google-Konzerns nicht in den Herkunftsländern versteuert und diese den lokalen Wirtschaften entzogen werden.

Fehlende Alternative

Hatten die Europäer mit dem Galileo-Satellitensystem relativ früh der US-kontrollierten GPS-Navigation Paroli geboten, um sich von (militärischen) Erpressungsmöglichkeiten der USA unabhängig zu halten, längst vor Edward Snowdens Enthüllungen ihrer Geheimdienst-Schurkereien, fehlt nach wie vor eine europäische Suchmaschinen-Alternative, die sich als unparteilicher Dienst an der Öffentlichkeit nachhaltig ins wirtschaftliche und kulturelle Leben eingliedern würde. Das unter Chirac initiierte und vom Präsidenten der Bibliothèque Nationale propagierte Projekt Quaero ist nach dem Rückzug der deutschen Partner vor zehn Jahren eingeschlafen; das deutsche Projekt Theseus, das einen semantischen Ansatz verfolgte und mit 200 Millionen Euro gefördert worden ist, lief 2012 aus, ohne zum angestrebten Produkt zu führen.

Werbung fördert die Medien im Gegenzug für den Zugang zur Öffentlichkeit

So wie jährlich etwa 40% der Schweizer Fernsehwerbemittel (2015 waren es 316 Millionen Franken) in die von Unpatrioten vermarkteten ausländischen Werbefenster fliessen heute gewaltige Summen zu Google und Konsorten, derweil unsere Printmedien schmachten und uns mit steigender Kadenz Leistungsabbau, Schliessungen und Entlassungen verkünden müssen. Als wir Filmemacher zusammen mit der SRG die aufkommenden Werbefenster ausländischer Fernsehkanäle bekämpften, meinte ein Bakom-Beamter naiv: Das Auswechseln der Werbespots betreffe doch keinen wesentlichen Bestandteil des Programms, daher brauchten derart manipulierte Programme in der Schweiz keine Konzession. Nach dem simplen Medienverständnis der SVP stellt sich das so dar:

«Die Konsumenten profitieren von der Einstrahlung ausländischer Sender und haben so mehr Medienangebote zur Verfügung (Rai1, Canale 5, M6, TF1, RTL, Sat.1, ORF, ARD, ZDF usw.). Wenn seinerzeit auch schweizerische Programmfenster verboten worden sind, so ermöglichen doch immerhin schweizerische Werbefenster, in Zusammenarbeit mit ausländischen Privatsendern, auch lokale volkswirtschaftliche Mehrwerte zu schaffen, indem dort ausländische Werbung mit Schweizer Werbung überblendet wird. (...) Dank diesen Werbefenstern verbleiben jährliche Erträge im Umfang von rund 100 Millionen Franken in der Schweiz.» (SVP: Medienpolitisches Papier, August 2016, p. 11)

Dass die Schweizer Kollaborateure so viel einbehalten, mag zutreffen, ebenso aber, dass diese das Geld weder in unser Film- und Kulturschaffen, in Minoritätenprogramme noch in andere Bereiche unseres Service public investieren.

Schnüffelskripte liefern ungehemmt Daten an die Zocker

Zur Darstellung einer heutigen Website muss ein Browser in der Regel zwei bis vielleicht zehn Anfragen an den Server richten: für den Quelltext, ein Stylesheet und für einige Hilfselemente; dazu je eine weitere pro anzuzeigendes Bild und eventuell für jeden auf dem Computer nicht vorhandenen Schriftschnitt. Bei den meisten Websites, so auch für die Seite, die Sie sehen, werden aber, je länger desto hemmungsloser, weitere Dateien und Elemente geladen, die unsichtbar im Hintergrund werkeln: Progrämmchen, die mit Google, Facebook etc. «telefonieren», unsichtbare Bilder, die einzig zur Nachverfolgung der Besucher bei Werbediensten abgerufen werden («Zählpixel») und dergleichen. Dazu kommen oft – zur Darstellung von allem möglichen Firlefanz und zur Bequemlichkeit der Programmierer – JavaScript-Dateien, die, statt dass der Seiteninhalt vom Webserver geliefert würde, die Seiten lokal im Browser generieren, ergänzen und/oder manipulieren.

Beim Webdesign gilt als Regel, dass alle wesentlichen Funktionen auch ohne solche Skripte funktionieren müssen. Man kann es beim britischen «Guardian» studieren, der in solchen Dingen immer wieder wegweisend war, obwohl auch er am Tropf von Google hängt. Seit indessen Websites immer mehr wie Fernsehen daherkommen wollen, steigt der Druck auf den «User», mit eingeschaltetem JavaScript zu surfen, und die damit eingehandelten Probleme werden verdrängt. Der selbstversunkene Handy-Streichler, den wir heute auf Schritt und Tritt antreffen, ist zum süchtigen Komplizen des Systems geworden.

Der Bund zwingt zum ungeschützten Verkehr

Wenn heute der Bund bei seinen mit Unsummen zusammengestiefelten Webguichets (zum Beispiel parlament.ch) vom Besucher verlangt, dass er im Browser JavaScript zulässt, also die Ausführung von mit der gerufenen Seite eingeschleusten Programmen erlauben muss, wird er indirekt zum Helfershelfer einer unredlichen Werbewirtschaft und versäumt die Vorsorgepflicht im Bereich des Datenschutzes.

Es ist leicht einsehbar, dass Medien mit einem «Geschäftsmodell», das sie zwingt, ihre Online-Besucher auszuforschen, diese nötigen müssen, dazu die Ausführung lokaler Skripte zu erlauben. Bei Youtube läuft kein Video, ohne dass sich der Zuschauer der Untersuchung seines Verhaltens aussetzt, denn anders könnte dieser Dienst nicht gratis sein (einmal nicht zu reden von der täglichen Piraterie auf dem Rücken der Autorinnen und Komponisten).

Wider die digitale Leibeigenschaft

Auf diesem Hintergrund ist es erfreulich, beobachten zu können, dass da und dort, und zunehmend strukturiert, sich Widerstand regt. Spät erst haben die Konsumentenschützer, auch die unter Matthieu Fleury politisch agile Fédération romande des consommateurs, sich dem Problem Datenschutz überhaupt zugewandt. Das Thema kam wohl auch auf die Agenda im Zuge der Vernehmlassung zum Datenschutzgesetz, die dieser Tage zum Abschluss kam. So haben uns etwa die Stiftung für Konsumentenschutz, die Magazine «Saldo» und «K-Tipp» alarmiert und rücken der Datenschnüffelei bei der Swisscom zu Leibe, die uns unser Bundesunternehmen in neu aufgelegten Verträgen per Kleingedrucktem quasi automatisch oktroyiert – nach dem Modell: Wer's nicht merkt, ist selber schuld – und ihre Abonnentenschaft zu eingeschriebenem Briefverkehr treibt. Denn Swisscom will im Rahmen ihrer Admeira-Kumpanei Daten ihrer Kunden entschädigungslos weiterverkaufen, um sich, wie es heisst, für «das stagnierende Kerngeschäft» schadlos zu halten.

Derlei entspricht einem weltweiten Trend: In den USA hat die republikanische Mehrheit soeben ein Gesetz beschlossen, demzufolge die Internet-Provider künftig unter Ausserkraftsetzung der Datenschutzregeln das Surfverhalten ihrer Abonnenten auskundschaften und Erkenntnisse daraus verkaufen dürfen; die Werbewirtschaft wirbt bereits mit diesen Praktiken.

Das Problembewusstsein und der Widerstand sind dort wie hierzulande noch schwach. Das zeigt sich etwa am Fehlen einer öffentlichen Diskussion über die Datenschutzdimension des Freihandelsabkommens TISA, das souveräne Regulierungsentscheide der Mitgliedländer stark einschränken könnte. Seit einigen Jahren befasst sich eine Gruppe rund um den Verein Opendata mit derlei Datenschutzfragen; eine Swiss Data Alliance ist gegründet worden (mit dem Fokus auf die Bildungsdaten wurde an dieser Stelle darüber berichtet), und man darf hoffen, dass den Manifesten bald politische Taten folgen.

Auf dem Hintergrund dieser Fakten und Entwicklungen erscheint die Werbeallianz Admeira, zumindest so, wie das «Joint Venture» sich heute darstellt, als eine zwiespältige Sache: Nur einer privatwirtschaftlich kommerziellen Logik, nicht einer kulturell und politisch nachhaltigen Medienpolitik verpflichtet. Und fraglich erscheint die Zukunft von Medien, wenn sie ökonomisch nicht auf transparenten, dem klaren Willen aufgeklärter Partner entspringenden Vertragsbeziehungen mit ihrer Kundschaft gegründet sind.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Mathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er war Mitbegründer der Filmcooperative und des Filmkollektivs Zürich. Als Mitglied des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz war er an der Ausarbeitung des «Pacte de l'audiovisuel» und anderer filmpolitischer Instrumente beteiligt. Er ist Vizepräsident von Suisseculture und Mitbegründer der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, in deren Vorständen er u.a. das Dossier Medienpolitik betreut.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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