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Die Wirtschaft braucht nicht nur Akademiker, sondern vor allem hochqualifizierte Fachkräfte

Die ökonomischen Irrtümer der Gegenwart (Teil 2)

Rudolf Strahm / 07. Nov 2014 - Die Gegenwart zeigt: Manche populären Konzepte der Wirtschaft führen ins Nichts. Ein Umdenken ist gefragt. Ein Essay, Teil 2.

Red. Der Ökonom Rudolf Strahm hinterfragt in seinem Essay das Wirtschaftssystem der Gegenwart und beschreibt die Auswirkungen falscher Glaubenssätze der Wirtschaftswissenschaft. Der erste Teil befasste sich mit zwei ökonomischen Fehlleistungen, nämlich dem innerstaatlichen und internationalen Steuerwettbewerb und dem globalen Freihandelssystem der WTO. Im zweiten Teil kritisiert der Autor die Arbeitsmigration als Marktmodell und die zunehmende Akademisierung der Arbeitswelt. Dieser Text ist unter dem Titel «Vier schlechte Ideen» in der Weltwoche vom 30.10.2014 erschienen.

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3. Irrtum: Steuerung der globalen Arbeitsmigration durch die Wirtschaft statt durch die Politik

Der hier beschriebene dritte ökonomische Irrtum der Gegenwart ist gewissermassen die andere Seite der Medaille «Globalisierung»: die Unterwerfung der Arbeitsmigration unter die liberalisierten Wirtschaftsinteressen.

Die grenzüberschreitende Wanderung von Menschen gehört an sich zu den humanen und politischen Freiheiten. Doch diese Freiheit wird zur Perversion, wenn sie zwingender Bestandteil eines Marktmodells wird, das die Arbeitsmigration zum Ausgleich von wirtschaftlichen Ungleichgewichten voraussetzt.

Um konkret zu werden: Die EU-Südstaaten Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, bald auch Frankreich, sind international nicht (mehr) konkurrenzfähig. Sie sind zu wenig produktiv und erzeugen Jahr für Jahr strukturelle Handels- und Zahlungsbilanzdefizite. Dies ist übrigens auch die strukturelle Ursache ihrer internationalen Verschuldung. Eigentlich müssten sie ihre Währung abwerten können, um international konkurrenzfähiger zu werden und ihre inländische Produktion gleichzeitig vor Billigimporten zu schützen. Doch das können sie durch ihre Einbindung in der Eurozone nicht mehr.

Als zweitbeste Lösung käme ein überregionaler europäischer Finanzausgleich in Frage, etwa in der Art des interkantonalen Finanzausgleichs in der Schweiz, um die regionalen Wachstumsdisparitäten zu korrigieren. Eine «Transferunion», wie sie abschätzig bezeichnet wird, wird von den reichen EU-Ländern des Nordens politisch verunmöglicht. Die vorübergehenden Liquiditätshilfen durch die Europäische Zentralbank (die ich befürworte) sind zwar hilfreich, aber sie heilen die strukturellen Disparitäten nicht.

Was bleibt noch? Die letzte Ausweichmöglichkeit heisst: Die Menschen sollen wandern! Ich kenne Griechenland seit dreissig Jahren. Die korrupte und unfähige Elite des Landes will nur eines: möglichst viele Junge sollen auswandern und dann harte Devisen heimschicken. Auch in andern Ländern Süd- und Osteuropas streben die Eliten dieses Businessmodell an. Deshalb kommt die Dogmatisierung der EU-Personenfreizügigkeit von diesen Regierungen.

Millionen-Migration soll also als Businessmodell dienen! Der «Produktionsfaktor Arbeit» soll mobil bleiben – wie der Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr. Die EU-Personenfreizügigkeit ist ein neoliberales Konzept, das ideengeschichtlich auf den Vorbeter des Anti-Etatismus, Friedrich A.von Hayek, zurückgeht. Sein Vorschlag, längst vor der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft entwickelt, bestand darin, durch grenzüberschreitenden Wettbewerb und «freie Mobilität der Produktionsfaktoren» die nationalen, staatlichen Regulierungen zu unterlaufen. Jacques Delors, der 1985 als Kommissionspräsident der EWG die «vier Freiheiten» konzeptionell übernommen hat, wollte aber gleichzeitig eine «Sozialunion» schaffen, also eine Harmonisierung der Sozialbedingungen. Doch die fiel nach seinem Abgang der Liberalisierungswelle der 1990er-Jahre gänzlich zum Opfer. Sie war von den Konzernen auch nie gewünscht worden.

Störend und wirtschaftspolitisch pervers ist nicht die Wanderung von Personen – die gab es immer schon –, sondern die erzwungene Millionenmobilität von Arbeitskräften ohne politische Steuerung, ohne bildungsmässige, kulturelle, sprachliche Flankierung, ohne Integrationsmassnahmen. EU-Migrationspersonen, die in der Schweiz oder einem EU-Staat verbleiben wollen, dürfen nicht einmal zum Erlernen der lokalen Landessprache verpflichtet werden, weil dies angeblich eine «Diskriminierung» gegenüber Inländern darstelle. Eine Integrationssteuer für jene Unternehmen, die Ausländer rekrutieren, wie sie vorgeschlagen worden ist, ist wegen «Diskriminierung» ebenfalls klar verboten. Migration wird nur noch durch die Unternehmen gesteuert, nicht mehr durch den Staat. Dieser faktische Migrationszwang lässt sich mit humanitären Argumenten sicher nicht rechtfertigen!

Diese (ökonomisch kaum angefochtene) Analyse in der Schweiz gerade jetzt zu äussern, fällt in eine politisch sensible Phase. Diese Beschreibung der Perversion des Marktdogmas möchte ich nicht als Ablehnung jeder Personenfreizügigkeit verstanden wissen. Aber Migration müsste flankiert werden durch Lohnschutzmassnahmen, Sozialausgleich unter den Staaten und Integrationsanstrengungen durch nutzniessende Unternehmen innerhalb der Staaten. Der Staat, nicht die Wirtschaft, sollte die Arbeitsmigration steuern: Keep Politics in Command! Das war lange Jahrzehnte der Konsens von Linken, Konservativen und Liberalen. Heute sind sie alle in dieser Frage ein wenig verirrt und heillos zerstritten.

Mein Fazit: Ohne flankierende Korrekturen wird Personenfreizügigkeit, auch wenn sie mit humanitärer Rechtfertigung kaschiert wird, zur unmenschlichen Perversion des Marktdogmas. Sämtliche Immigrationsländer wie die USA, Kanada, Australien – aber auch die EU gegen aussen – haben sich Limiten der Zuwanderung verschrieben. Angesichts der enormen Lohndisparitäten innerhalb Europas ist es bloss eine Frage der Zeit, bis auch die Europäische Union früher oder später ihr Dogma korrigieren wird. Der Druck von unten ist unverkennbar.

4. Irrtum: Wissensgesellschaft erfordert mehr Akademisierung

Das Schlagwort vom unaufhaltsamen Trend zur Wissensgesellschaft ist ein Mainstream-Paradigma. Es wird falsch verstanden und von einer Bildungselite auch missbraucht.

Die These von der «knowledged-based society» stammt von Daniel Bell aus den 1970er-Jahren: Die moderne Wirtschaftsgesellschaft benötige immer mehr Fachwissen und immer weniger Handwerk, lautet die Theorie. Die Produktion werde in «menschenleeren Fabriken» automatisiert und sie solle, wenn sie Handarbeit erfordere, durch Outsourcing in Tieflohnländer verlagert werden. Jahrzehntelang wurde dieses Mainstream-Axiom von den immer wieder wechselnden Managementdoktrinen gepredigt.

Die Industrieproduktion wurde so lange konsequent in Tieflohnländer verlagert, bis ehemals starke Industrienationen, allen voran die USA und England, ihre frühere handwerklich-industrielle Substanz verloren hatten und zu Handelsbilanz-Defizit-Ländern abstiegen.

Die Harvard Business School-Ökonomen Gary P. Pisano und Willy C. Shih beschreiben in ihrem Aufsehen erregenden Buch «Producing Prosperity. Why America needs a Manufacturing Renaissance», wie die USA zunächst ihr qualifiziertes Handwerk und die Berufsbildung, danach die Fähigkeit zur schnellen Innovation mittels Herstellung eigener Prototypen und Pilotmodelle und schliesslich ihre industrielle Konkurrenzfähigkeit verloren haben. Sie plädieren für eine Wiedergewinnung von «Industrial Commons», also der Qualifizierung von wechselseitig nutzbaren handwerklich-technischen Fähigkeiten mit Arbeitspräzision, Exaktheit, Zuverlässigkeit und Fertigungskunst, – Qualitäten, die an den Hochschulen kaum gelehrt und geprüft werden. Heute sind die USA zwar top in der digitalen Revolution, aber gleichzeitig sind sie unfähig geworden, selber digital gesteuerte Automaten, Roboter oder Mikromessgeräte konkurrenzfähig herzustellen. Und Autos oder Haushaltgeräte aus Europa oder Japan gelten in den USA längst als technisch überlegen.

Der Trend zur «Wissensgesellschaft» wird von einem Teil der Universitätsszene missverstanden und missbraucht. Sie setzt Wissensgesellschaft gleich mit Wissenschaftsgesellschaft und ruft nach mehr akademischer Bildung und immer mehr Staatsfinanzen. Unterstützt wurde sie durch die in der OECD dominante französische Bildungselite (z.B. mittels der OECD-Bildungssystematik, im Bologna-System und mit den Pisa-Ratings). Die Bildungselite hat sich mit ihrer Bildungsdoktrin ihre eigene Rechtfertigungswelt geschaffen und damit die kulturelle Herrschaft gesichert.

Doch nach zwei, drei Jahrzehnten Akademisierungswelle zeigt sich: Gerade die Länder mit den höchsten Akademisierungsquoten stehen in der ökonomischen Performance und den Arbeitslosenquoten schlecht da. Das sind alle lateinischen Länder aber auch Grossbritannien. Sie stecken in der Akademisierungsfalle!

Demgegenüber haben es Länder mit einem Berufsbildungssystem geschafft, ihre Jugend besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, trotz hoher Löhne industriell konkurrenzfähig zu bleiben und auf eine hochpreisige Innovationsproduktion auszuweichen. Ich denke an Deutschland, die Schweiz, Österreich, Holland, Dänemark, Schweden. Das sind die Länder, in denen die Elite der KMU-Wirtschaft die Berufsbildung und die Qualifizierung der praktischen Intelligenz verteidigt hat.

Wissensgesellschaft bedeutet nicht Akademisierung, sondern dass immer neue Wissenselemente fast alle bisherigen Branchen und Berufe durchdringen. Es braucht zwar innovative Ingenieure, Forscher, Prozessmanager, aber es braucht eben auch die hochqualifizierten Fachkräfte wie Polymechaniker, Monteure, Apparatebauer, Laboranten, Mechatroniker oder technische Kaufleute, die Innovationen auch effizient umsetzen können. Länder, welche die praktische Intelligenz nicht mit einer Berufsbildung qualifizieren und wertschätzen, stecken in der Akademisierungsfalle fest.

Das Fazit: Ein Trend zu mehr Wissens- und Innovationselementen in der Wirtschaft ist zwar unverkennbar. Der Irrtum der Gegenwart besteht darin, daraus immer mehr vollschulische Bildung und Akademisierung des Bildungssystems abzuleiten.

Länder, die im globalen Wettbewerb ihre gewerbliche Kompetenz weiter stärken und ihre industrielle Substanz konkurrenzfähig behalten wollen, setzen auf einen Mix von schulischer und praxisorientierter Ausbildung. Der in der Akademisierungsfalle verirrte Mainstream der Hochschulpolitik vieler Länder und vieler akademischer Protagonisten wird sich an der Realität korrigieren müssen – oder er wird durch wirtschaftlichen Abstieg abgestraft.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Rudolf Strahm ist Ökonom. Er sass 1991-2004 für die SP im Nationalrat und wirkte von 2004-2008 als eidgenössischer Preisüberwacher. Rudolf Strahm ist seit 2008 Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB).

Weiterführende Informationen

Die ökonomischen Irrtümer der Gegenwart (Teil 1)

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4 Meinungen

Spannnend!
Eduard Baumann, am 07. November 2014 um 09:21 Uhr
Der «4. Irrtum» - mit dem ich einig gehe - musste ja noch kommen; schliesslich ist das Rudolf Strahms neues Lieblingsthema. Er ist ja auch SVEB-Präsident und hat ein Buch wider die Akademisierung geschrieben. Im dritten Irrtum manifestiert sich wiederum die etatistische Linke, die verkennt, dass Big Government eben immer auch Big Business in die Hände spielt: «Calls for «reform» subsume everything from unadorned xenophobia and racism to (perhaps just as ridiculous) the fear that immigrants, in and of themselves, represent an undue burden on the U.S. economy, «stealing our jobs» or depleting government entitlement programs. Laws that restrict and control immigration are the kith and kin of protectionist measures, the tariffs and other special favors that under the pretext of protecting American workers fortify Big Business and drive up consumer prices. On a fundamental level, laws that tell people where they may live are no different in kind from any other arbitrary restrictions the state places on peaceful existence.» (http://www.demingheadlight.com/ci_18076347) Man ersetze die USA durch die Schweiz und schon landen wir bei der MEI und bei Ecopop! In diesem Punkt stimme ich mit der nicht-etablierten Linken überein: http://noborders.org.uk/aboutnoborders
Michael Gisiger, am 07. November 2014 um 10:39 Uhr
Zum 3. Irrtum fehlt eine wichtige Überlegung.
Zugewanderte Fachkräfte gelangen gratis in unser Land. Für ihre Ausbildung kommen wirtschaftlich schwächere Länder auf. Wir sind ein Land mit niedriger Geburtenziffer. Allein für eine stabile Bevölkerungsentwicklung müssten wir jährlich einen Drittel unserer Bildungekosten (gegenwärtig 30 Mio. Franken) mehr ausgeben! Beim gegenwärtig forcierten Wirtschaftswachtum wärte es ein Mehrfaches.
Ausländische Arbeitskräfte alimentieren im Umlagerungsverfahren unsere AHV, müssten jedoch in ihrem Heimatland für Ihre Ernährer aufkommen!
Im Grunde genommen ist unsere kurzsichtige Wachstumspolitik eine Schmarotzerpolitik auf Kosten ärmerer Länder. Mit anderen Worten - wir leben in einem Zeitalter eines egoistischen kalten Wirtschaftskrieges. Dazu zählen auch die vielfältigen Varianten der «Steueroptimierung».
Jürg Schiffer, am 08. November 2014 um 12:00 Uhr
@Michael Gisiger:
Der zitierte englische Text überzeugt überhaupt nicht. Eine Welt ohne Grenzen mag eine schöne Utopie sein. Die Realität sieht anders aus. Es gibt kein Menschenrecht auf Niederlassungsfreiheit. Es gibt meines Wissens keinen einzigen funktionierenden Staat auf dieser Welt, der Einwanderer bedingungslos aufnimmt.

Rudolf Strahm zeigt die Schattenseiten der Personenfreizügigkeit sehr klar auf. Da könnte man schon eine inhaltliche Diskussion lancieren, wenn man gute Argumente hätte!

Das gleiche gilt auch für das Thema Akademisierung: Es zeugt von einem Mangel an guten Argumenten, wenn man nur den Vorwurf, Strahm sei SVEB-Präsident, ins Feld führt...
Daniel Heierli, am 09. November 2014 um 18:09 Uhr

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