Die faulen Griechen oder Der Neid der Tüchtigen

Jürgmeier / 03. Jul 2015 - Das immer wieder kolportierte Bild des Südens lockt mit hedonistischem Müssiggang und bedroht das wirtschaftliche Wachstum.

«Reisen nach Griechenland – jetzt erst recht?!» Titelt die deutsche Bild-Zeitung am 18. Juni 2015 im ersten Teil einer Serie mit der Überschrift «Urlaub im Schuldenstaat». 20 Minuten wusste schon zwei Tage zuvor: «Von den satten Buchungszuwächsen profitieren Spanien und Griechenland.» Denn: «Griechenland ist wunderschön. Und preiswert, trotz oder gerade wegen des drohenden Grexit.» Lockt Bild am 20. Juni.

In den Sommerferien folgen sie zu Hunderttausenden dem Ruf des Südens. «Wer jetzt eine Reise nach Kreta, Korfu, Kos und Co. bucht, ist auf der sicheren Seite – für einen tollen Urlaub» (Bild). Und da werden die einen arbeiten, die anderen eingecremte Bäuche&Rücken in die Sonne strecken. Wer liegt da knapp bekleidet am Sandstrand? «Die Griechen» sind es nicht.

«Ein bisschen Uso getrunken»

In der schon seit einiger Zeit aktuellen Griechenland&Schulden-Debatte taucht aus den Untiefen der Stereotype&Vorurteile immer wieder das Bild der «faulen Griechen» auf. Anlässlich eines Besuches von Giorgos Papandreou in Deutschland schrieb die Bild-Zeitung im März 2010 in einem Offenen Brief an den damaligen griechischen Ministerpräsidenten: «Deutschland hat zwar auch hohe Schulden – aber wir können sie auch begleichen. Weil wir morgens ziemlich früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten» (zitiert in der antirassistischen Zeitschrift zag). Die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, so zag, im Mai 2011: «Wir können nicht eine Währung haben, und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig.» O-Ton der seit Jahren in Griechenland lebenden deutschen Ärztin Bettina Krumbholz in der Rundschau SRF vom 24. Juni dieses Jahres: «Die Griechen haben in der Sonne gelebt, haben ein bisschen Uso getrunken und gute Laune, die haben gesungen und getanzt, das ist jetzt vorbei.» Und sie muss es wissen, sie verschreibt «den Griechen» Antidepressiva und Schlafmittel. Dein Portal für kritischen Journalismus – Die Freiheitsliebe zitiert Merkel zudem mit dem Satz: «Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland.»

Den «faulen Griechen» wird unterstellt, sie würden weniger arbeiten, mehr Ferien machen und früher in Rente gehen als die anderen EuropäerInnen, insbesondere die fleissigen Deutschen. In der 2011 erschienenen Broschüre mit dem von der Bild-Zeitung übernommenen Titel «Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen!» macht die Rosa-Luxemburg-Stiftung den «Faktencheck»:

«… ‹Die Griechen sind faul.› … Die tatsächliche Wochenarbeitszeit – abzüglich Mittagspausen – lag vor der Krise laut Eurostat bei 44,3 Stunden, in Deutschland waren es 41 Stunden und im EU-Durchschnitt 41,7 Stunden …

‹Die Griechen machen ständig Urlaub› … Laut EU-Agentur Eurofound haben griechische Arbeitnehmer durchschnittlich einen Urlaubsanspruch von 23 Tagen im Jahr. Die Deutschen sind in der glücklichen Lage, 30 Urlaubstage nutzen zu können…

‹Wir zahlen den Griechen Luxusrenten› … Laut OECD gehen in Deutschland Männer im Durchschnitt mit 61,5 Jahren in Rente, in Griechenland sind es 61,9 Jahre …»

Das Glück der Tüchtigen

Blick online schreibt am 15. Mai 2014 zerknirscht: «Die ‹faulen› Griechen sind fleissiger als wir Schweizer.» Eine OECD-Studie räume mit alten Vorurteilen auf. «Die Griechen haben 2012 gearbeitet wie die Verrückten. 2034 Stunden im Jahr! Pro Woche sind das 42 Stunden. Von wegen faule Griechen. Sie arbeiten mehr als alle anderen Europäer… Die Schweiz belegt einen Platz im unteren Mittelfeld: Wir arbeiten laut Berechnungen der OECD 1619 Stunden im Jahr. Pro Woche rund 38 Stunden… Erstaunlich faul sind unsere deutschen Nachbarn. Mit 1393 Arbeitsstunden pro Jahr liegen sie am Ende des Rankings. Und arbeiten 600 Stunden weniger als die Griechen.»

Weil nicht sein darf, was ist, schiebt Blick online drei Jahre vorher ähnlichen Befunden die Bemerkung nach, die genannten Zahlen würden den (falschen) Eindruck wecken, «dass in Griechenland mehr gearbeitet wird als in jedem anderen Land – sogar der Schweiz ... Doch pro Stunde», weiss das Schweizer Boulevardblatt, «leistet ein griechischer Werktätiger bedeutend weniger.»

Falls sie doch nicht so faul sein sollten, «die Griechen», unproduktiv sind sie allemal. Damit ist das Vorurteil gerettet. Und mit ihm das kapitalistische Leistungsprinzip, das zag den «Rassismus der Leistung» nennt. Weil Reichtum&Armut häufig als Resultat von Mentalitäten, Kulturen beziehungsweise Nationalcharakteren, als weitgehend selbst verantwortetes Glück oder Unglück gesehen werden. Wer arm ist, hat etwas falsch gemacht und nichts Besseres verdient. Wären die Armen nicht selber schuld, es wäre nicht Tüchtigkeit, welche die Reichen reich macht. Es ist keine Fortune, so die neoliberale Ideologie, dass wir reich sind; Glück haben wir, weil wir reich&tüchtig sind.

«Der Afrikaner denkt nicht an die Zukunft, sondern geniesst die Gegenwart»

Das Bild der faulen beziehungsweise erfolglosen Griechen ist eine Untervariante des alten Topos vom lebensfreudigen, aber untüchtigen Süden, den auch der bekannte Polemiker Henryk M. Broder in Die Welt im August 2012 beschwört: «Nordeuropa arbeitet – und zahlt für den Süden… Niemand, der auch nur einen Tag in Neapel oder auf einer Ägäis-Insel verbracht hat, wird bestreiten, dass die südeuropäisch-mediterrane Palaver- und Kaffeehauskultur viel schöner und lustiger ist als die im Norden praktizierte Disziplin.» Da drückt er durch, Satz für Satz, der Neid der Tüchtigen auf die begnadeten MüssiggängerInnen, die sich ihren Spass von anderen finanzieren liessen, wie auch Bild am 10. Mai 2010 beklagt: «Wir haben die Zeche bezahlt, während andere auf unsere Kosten schamlos Party feiern» (zit. in zag).

Die Krone des untüchtigen Genussmenschen gehört «dem Afrikaner», der noch 1971 in einem Geographischen Unterrichtswerk für Mittelschulen so beschrieben wird: «…Der Afrikaner ist ein offener, gutmütiger und hilfsbereiter Mensch mit einem stark entwickelten Sinn für Gemeinschaft. Er gibt sich natürlich und ist im Grunde seines Herzens fröhlich. Die Arbeit geht ihm leichter, wenn er dazu singen kann … In seiner Handlungsweise lässt er sich mehr von Gefühlen als von nüchterner Überlegung leiten… Der Afrikaner denkt nicht an die Zukunft, sondern geniesst die Gegenwart ... Es hält daher schwer, die wirtschaftliche Entwicklung afrikanischer Staaten zu planen» (aus: Regula Renschler/Ruth-Gaby Vermot: Unser täglicher Rassismus, Herausgeber: Erklärung von Bern). Sind «die GriechInnen», sind wir alle im Grunde unseres Herzens heimliche «AfrikanerInnen»?

Der dritte und der vierte Fang

In Heinrich Bölls wachstums- und kapitalismuskritischer «Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral» aus dem Jahre 1963 – die neuerdings unter dem Titel «Der kluge Fischer», mit Illustrationen von Emile Bravo, auch als Kinderbuch erhältlich ist – entpuppt sich der vermeintlich Untüchtige als Lebenskünstler, ja, Lebens-Weiser. Der 1985 verstorbene Schriftsteller und Nobelpreisträger lässt einen Touristen eifrig auf den in seinem Boot dösenden Fischer – der an diesem Morgen bereits einen erfolgreichen Fang hinter sich hat – einreden: «Stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen… Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben… Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann…»

Mit dem «Was dann?» – das er dem Fischer «an der westlichen Küste Europas» in den Mund legt – rüttelt Böll am Menschen ausbeutenden und Umwelt zerstörenden Leerlauf des Wachstums um des Wachstums willen. Zwar malt der Fremde dem Fischer nochmals das grosse Glück an die Wand: «Dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.» Nach dem gelassenen «Aber das tu ich ja schon jetzt» des Fischers allerdings lässt Böll den belehrten Touristen «nachdenklich von dannen» ziehen, «denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.» Obwohl bei Böll ins Positive gewendet, bleibt die Denkfigur des untüchtigen Hedonisten – insbesondere wenn sie mit einer bestimmten Kultur oder Nationalität verknüpft wird – ein rassistisches Stereotyp, vergleichbar dem philosemitischen Vorurteil gegenüber Jüdinnen&Juden.

Wenn wir nicht mehr aus den Ferien zurückkämen…

Böll entlarvt in diesem Text erzählerisch, was der deutsche Soziologe Max Weber in seinem Essay «Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» Anfang des 20. Jahrhunderts als Kern kapitalistischer Ökonomie herausgeschält hat: «Der Mensch ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens, nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum Zweck der Befriedigung seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen» (Ganzer Text in der Sommerausgabe 2015 der Gazette – Das politische Kulturmagazin).

Der von Weber beschriebene «Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen Geniessens» ist permanent durch die Verführung, die vom lustvollen Müssiggang ausgeht, bedroht. Wir könnten ja an irgendeinem Strand liegen bleiben und nie mehr aus den Ferien in den Alltag der Tüchtigen zurückkehren. Deshalb wird der (eigene) Hang zu Musse&Faulheit auf «die Griechen», «die Afrikaner» sowie «die Fremden» schlechthin projiziert und an ihnen abgestraft. Wir wollen ja nicht enden wie «die Griechen», wie die im Süden.

Dieser Beitrag erscheint heute auch im «p.s.».

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