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Ausschnitt aus «Aqua & Gas», Fachzeitschrift der Gas- und Wasserbranche Schweiz

Hintergründe zum erneuten Pestizid-Alarm

Kurt Marti / 07. Apr 2017 - Seit Jahren hören wir die gleiche Hiobsbotschaft: Viele Bäche sind pestizidbelastet. Doch wieso geht das immer so weiter?

Gestern hat die Eawag, das Wasserforschungs-Instituts der ETH, einen weiteren Pestizid-Bericht im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) veröffentlicht. Fazit: Die Bäche in den landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten sind weiterhin stark pestizidbelastet. Die Wissenschaftler der Eawag halten klar fest:

«Kleine Fliessgewässer sind mit einer Vielzahl von Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden belastet. Eine im Auftrag des Bundesamts für Umwelt erstellte und heute publizierte Studie zu fünf Schweizer Bächen zeigt: In keinem Fall wurden die gesetzlichen Anforderungen an die Wasserqualität eingehalten. Selbst Stoffkonzentrationen, die für Gewässerorganismen als akut toxisch gelten, wurden überschritten.»

Interessant sind die Reaktionen von Scienceindustries, dem Wirtschaftsverband Chemie Pharma Biotech, und des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW). Beide relativieren die Resultate der Eawag:

Bei Scienceindustries tönt das so: (Zitate aus der Stellungnahme von Scienceindustries)

«Frühere Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass es vor allem in kleinen Fliessgewässern gelegentlich zu Überschreitungen ökotoxikologisch relevanter Konzentrationen für bestimmte Wirkstoffe kommt. (...) Die heute veröffentlichten Resultate sind daher nicht repräsentativ für die Schweizer Fliesswasserqualität. In vielen Gewässern in weniger intensiv genutzten Gebieten sind deutlich niedrigere Einträge zu erwarten. In grösseren Fliessgewässern und Flüssen liegen die nachweisbaren Mengen von Pflanzenschutzmitteln erfahrungsgemäss um Grössenordnungen tiefer.»

Und Scienceindustries gibt gleichzeitig den üblichen Verhinderungs-Tarif durch:

«Innovative Lösungsansätze und die Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten sollen mehr ins Zentrum der Forschung rücken. Da alles andere – von exzessiv strengen Regulierungen bis hin zu pauschalen Verboten – ineffizient ist und langfristig nur die Innovation behindert.»

Scienceindustries ist ein Lobbyverband, von dem solche Aussagen zu erwarten sind, aber dass das zuständige BLW ebenfalls in die Verharmlosung einstimmt, ist schon bemerkenswert: (Zitate aus der Stellungnahme des BLW)

«Mehrere Untersuchungen der letzten Jahre zeigten, dass kleine Bäche in intensiv genutzten landwirtschaftlichen Regionen unter dem Eintrag von Pflanzenschutzmitteln (PSM) leiden können. Etliche Massnahmen zur Verbesserung der Situation wurden getroffen. (...) Die durch die eawag publizierte Studie zeigt, dass bei der überwiegenden Mehrheit der Messungen die Qualitätskriterien zur akuten Ökotoxizität erfüllt werden (…) Nur 2 Wirkstoffe wurden in mehreren Kleingewässern in Konzentrationen nachgewiesen, die über längere Zeit die Kriterien überschreiten (…) Im Canale Bonfica (TI) und im Mooskanal (BE) wurden kaum Überschreitungen der Qualitätskriterien zur akuten Ökotoxizität festgestellt.»

Erhellend sind auch die verwendeten Begriffe: Während BLW und Scienceindustries immer beschönigend von «Pflanzenschutzmitteln» sprechen, verwendet die Eawag auch den Begriff «Pestizide».

Interessenvertretung der Pestizid- und Bauern-Lobby

Seit Jahren alarmieren die Wissenschaftler und das BLW wiegelt in bester Harmonie mit der Pestizidlobby ab. Die Verursacher der Pestizidvergiftung der Bäche sind zwar die Landwirte, aber die politische Verantwortung liegt beim BLW.

In den letzten Jahren hat Infosperber regelmässig über die Hintergründe der Pestizidvergiftung der Bäche berichtet. Dass sich die Hiobsbotschaften wiederholen, hat seine Gründe in der erfolgreichen Interessenvertretung der Pestizid- und Bauern-Lobby. Die folgenden früheren Infosperber-Artikel zeigen auf, wo die Bremser zu finden sind:

Landwirtschafts-Amt im Netz der Pestizidindustrie (13. Aug 2015)

Berner Wasseramt und Eawag schlagen Pestizid-Alarm (10. Juni 2015)

Das Seilziehen um griffige Pestizid-Grenzwerte (22. Okt 2015)

Der Pestizid-Prüfer des Bundes trägt zwei Hüte (12. Mrz 2016)

Pestizid-Plan: Bauern dürfen noch lange giften (16. Sep 2016)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Gifte und Schadstoffe in der Umwelt
DOSSIER: Macht und Einfluss von Lobbys
Stellungnahme des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW)
Stellungnahme von Scienceindustries

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Eine Meinung

Roboter-Jätmaschinen anstatt chemische Unkrautvernichter
Bedenklich die grossen Giftmengen, die unsere Gewässer belasten. In der Schweiz gibt es tausende von Kilometern von Bach- und Flussufern. Praktisch durch jeden Bauernbetrieb fliesst zumindest ein Bächlein. Viele davon sind stark mit Pflanzenschutzmitteln belastet. Eine gute Lösung wäre es, die gesamtschweizerische Umwandlung der Bauernhöfe in biologische Landwirtschaftsbetriebe anzustreben. Respektieren wir alle Lebewesen der göttlichen Schöpfung, auch die allerkleinsten in unseren Gewässern! Roboter-Jätmaschinen können uns künftig helfen, auf chemische Unkrautvernichter zu verzichten. Damit stoppen wir die bedenkliche Vergiftung unserer Böden und Gewässer. Und die Marke „Schweiz“ für gesunde Bioprodukte würde helfen, den Export anzukurbeln. Produzieren wir in einer gesunden Umwelt gesunde Nahrungsmittel, die dem Nachfragetrend der Konsumenten entsprechen.
Martin A. Liechti, Maur
Martin A. Liechti, am 07. April 2017 um 18:05 Uhr

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