100 Yuan Renminbi: Die höchste Banknote der chinesischen Währung © Peter Achten

100 Yuan Renminbi: Die höchste Banknote der chinesischen Währung

Drei Lederkoffer voller 100er-Noten

Peter G. Achten / 24. Aug 2016 - Auch in Peking wird immer häufiger bargeldlos bezahlt. Doch China ohne rosarote 100er-Note mit Mao-Porträt – undenkbar!

Die Europäische Zentralbank will die 500-Euro-Banknote abschaffen. Begründung: Steuerhinterziehern, Drogenbaronen, Islamisten und Kriminellen des organisierten Verbrechens soll das Handwerk gelegt werden. Als ob jene, die bisher mit 500er-Scheinen die Steuer und alle Gesetze umgangen haben, nicht andere Wege finden würden. Eine erste Propaganda-Breitseite gegen die schöne Schweizer 1000er-Note ist vorläufig gescheitert. Noch nie seien die 1000er so gefragt gewesen wie im vergangenen Jahr, liessen die Banken verlauten. Kein Wunder bei Null- bis Negativ-Zinsen. Die Mehrheit jener, die zur 1000er-Note griffen, sind aber wohl eher Schweizer Normalbürger als Jihad-Terroristen, Drogenhändler und andere Gangster.

Bargeldloser Albtraum

Die unkritischen Anhänger der Digital- und IT-Religion träumen bereits von einer bargeldlosen Zukunft. Also fortan – schöne neue Welt – nur noch mit Plastikkarte, über Computer, Smartphone und Apps bezahlen. Die Finanzämter, Zentralbanker, die Kripo, die NSA und die Geheimdienste werden sich die Hände reiben. In der er(alb)träumten Zukunft können sie alles elektronisch überwachen. George Orwells Überwachungs-Angstraum, in «1984» beschrieben, ist dagegen nur ein lauwarmes Kindergeschichtchen.

Die Zukunft ohne Cash also erwartet uns. Neulich hat ein neunmalkluger Bank-«Analyst», vermutlich vom Elfenbeinturm seines Zürcher Büros aus, hoffnungsvoll geschrieben, in China sei das bargeldlose Bezahlen schon so verbreitet, dass das Ende des Baren voraussehbar sei. Ein Augenschein im Reich der Mitte hätte zu einem ausgewogeneren Urteil geführt. Aber Propaganda – Abschaffung des Bargeldes – kommt ja bekanntlich ohne Wirklichkeit aus. Hauptsache, wieder einmal die Chinesen!

Nun trifft es zu, dass in Chinas Grossstädten die Jungen fast nur noch mit dem Kärtchen oder dem Smartphone bezahlen. Die Rechnung in Geschäften, Restaurants, ja selbst das Ticket in der Untergrundbahn, wird zum Beispiel in Peking fast nur noch elektronisch beglichen. In einer amerikanischen Kaffeehauskette bezahlen die jungen Chinesinnen und Chinesen ihren Cappuccino fast ausschliesslich via Smartphone-App. Nur Ihr Korrespondent zückt für den 19 Yuan teuren Kaffee (umgerechnet Fr. 2.80) noch die altmodische Banknote. Ohne Probleme. Bei Käufen im Internet dagegen kann nur elektronisch bezahlt werden. Das Online-Geschäft läuft in China mit horrenden Zuwachsraten wie nirgendwo auf der Welt.

Wer hat‘s erfunden? Die Chinesen!

Trotz allem IT-Hype: Die Banknoten wurden, wie so vieles andere, im Reich der Mitte erfunden. Die Grundlage war das Papier, das seit dem 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung langsam in China Einzug hielt. Wenige Jahrhunderte später kam der Blockdruck und danach der Druck mit beweglichen Lettern hinzu. Erste Schuldbriefe, ähnlich wie Banknoten, lösten während der Tang-Dynastie im 9. Jahrhundert im Fernhandel die Bezahlung mit Gütern oder mit Bronze- und Kupfermünzen ab.

Dann kam die grosse Wirtschaftsrevolution der Song-Dynastie (960–1276), welche die Vorherrschaft der arabischen Händler ablöste. Das Handelsvolumen nahm innerhalb kurzer Zeit so stark zu, dass der Song-Staat im Jahr 1085 den Ausstoss von Münzen gegenüber der Vorgänger-Dynastie auf sechs Milliarden verzehnfachen musste. Das Bezahlen mit Münzen wurde für die Händler buchstäblich zu schwer. Deshalb übernahmen die Song-Administratoren das Bezahlsystem mit Schuldbriefen, das die Fernhändler bereits während der Tang-Zeit verwendet hatten.

Im Jahre 1120 wurden die ersten von einer Regierung garantierten Banknoten gedruckt. Während der mongolischen Yuan-Dynastie wurde unter Kaiser Kublai Khan am Ende des 13. Jahrhunderts Papiergeld bis an die Grenze des chinesisch-mongolischen Reichs verwendet, nämlich von Korea im Osten bis ans Mittelmeer.

Ein Meisterstück der Alchimie

Marco Polo, der zu jener Zeit in China war, schrieb bewundernd und erstaunt über die Verwendung von Papiergeld. Er konnte es fast nicht glauben. Die Alchimisten, so Marco Polo, versuchten seit je vergeblich, Metalle in Gold umzuwandeln, und jetzt sei es den chinesischen Kaisern gelungen, Papier in Geld umzuwandeln.

Diese letzte Feststellung Polos werden wohl die Notenbanker aller Nationen unterschreiben können. Die europäischen Händler, schon damals auf der Seidenstrasse sehr aktiv, begriffen die Bedeutung des Papiergeldes sehr schnell. Die europäischen Regierungen brauchten etwas mehr Zeit. Jahrhunderte.

Ob die Chinesen den Europäern – und den Amerikanern – mit dem bargeldlosen Bezahlen via Smartphone einmal mehr voraus sind, wird sich weisen. Aber Cash ist in China nach wie vor King. Natürlich hilft das dem organisierten Verbrechen, zum Beispiel dem Drogen-Geschäft am Goldenen Dreieck in der Südwest-Provinz Yunnan. Doch die europäischen Abschaffer der 500-Euro-Note sollten genau hingucken. Die wertvollste Banknote der chinesischen Volkswährung Yuan Renminbi ist die rosarote 100er-Note. Umgerechnet sind das gerade einmal rund 14 Franken. Dafür mit einem Mao-Porträt…

Cash im Koffer

Noch kann man in China relativ hohe Beträge mit Bargeld begleichen. Die meisten Chinesen tun das aber nicht mehr, denn elektronisch zahlen geht schneller und einfacher. Eine Wohnung würde heute niemand mehr bar bezahlen. Doch das ist noch nicht lange so. Am Anfang dieses Jahrhunderts hat Ihr Korrespondent mit eigenen Augen gesehen, wie ein KMU-Unternehmer in Peking drei Wohnungen gekauft hat im Wert von umgerechnet 1,5 Millionen Franken. Der freundliche Herr, ein Feuerzeug-Produzent aus der Provinz Zhejiang im dunkelblauen Mao-Anzug, erklärte damals durchaus zu Recht, dass Wohnungen eine gute Anlage seien. Er bezahlte bar. Drei Lederkoffer voller rosaroter 100er-Mao-Noten. Heute wären wohl neun Koffer nötig. Nur eben nicht mehr aus Leder, sondern elektronisch…

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

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