Viele Afrikaner wissen heute nicht, was sie morgen zu essen haben. © NYT

Viele Afrikaner wissen heute nicht, was sie morgen zu essen haben.

Bedingungsloses Grundeinkommen auch in Afrika?

Christian Müller / 27. Feb 2017 - Die Digitalisierung in der industriellen Produktion macht Millionen von Arbeitsplätzen überflüssig. Die Globalisierung der Armut…

Niemand weiss besser als die Ingenieure einer digitalisierten Welt im Silicon Valley in Kalifornien, dass es dank modernster Technologie immer weniger Arbeitsplätze geben wird. So ist es nicht erstaunlich, dass man sich gerade auch dort Gedanken darüber macht, wie die Menschheit selbst geschaffene – beabsichtigte – Erwerbslosigkeit meistert.

Klar ist, dass schon jetzt Millionen von Menschen, die keinen Arbeitsplatz haben, vor dem Hungertod gerettet werden müssen, heute vor allem in vielen Regionen in Afrika, aber auch in Südamerika und in Asien – und wohl schon bald einmal auch in der nördlichen Hemisphäre.

Die meisten Hilfsorganisationen verteilen in den Hunger-Regionen Nahrungsmittel und Material zum Leben, Kleider zum Beispiel oder Bettwaren. Sie fürchten, dass bares Geld nicht wirklich sinnvoll eingesetzt würde. Ein anderes Konzept ist der Mikrokredit, ein ganz kleiner Kredit, der es den armen Menschen in den Entwicklungsländern erlaubt, irgend ein kleines «Business» aufzubauen. (Bei diesen Organisationen gilt, notabene, dass das Geld den Frauen gegeben wird, weil diese langfristig denken und handeln, während die Männer allzuleicht der Versuchung erliegen, das unerwartete Geld in ein fröhliches und vor allem alkoholträchtiges, aber eben nicht sehr nachhaltiges Fest zu «investieren»...)

In Kalifornien gibt es eine mittlerweile recht grosse Organisation, die nun aber doch anders denkt. GiveDirectly ist überzeugt, dass es besser ist, direkt Geld zu verteilen – in Afrika mit einem ebenfalls im Silcon Valley entwickelten System, wie Geld von einem Handy zum anderen übertragen werden kann. Man habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, sagen sie, und ein Hauptargument dabei ist, dass dann von den Spendengeldern mehr als 90 Prozent wirklich den Ärmsten der Armen zugute kommt, und nicht, wie üblich, ein Grossteil des Spendengeldes von den Hilfsorganisationen für die Administration und die Verteilung der Hilfsgüter verwendet werden muss.

Universal Basic Income – im neoliberalen Amerika?

Ein anderes Konzept gegen die Armut infolge von Arbeitslosigkeit, das Konzept eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE), ist als Idee in Europa schon weitverbreitet. Die Schweizer Bürger hatten sogar das Privileg, über dessen Einführung abstimmen zu dürfen. Die deutliche Ablehnung war allerdings programmiert, der Glaube, dass arbeiten muss, wer leben will, ist noch zu sehr verwurzelt – in Verkennung der Probleme, die auch hierzulande schon in Sichtweite sind. In Finnland sind eben erste Versuche mit dem BGE gestartet worden. Und es gibt kaum ein europäisches Land, in dem über dieses Thema, wenn auch zum Teil als «Spinneridee» missverstanden, nicht wenigstens diskutiert wird. Gerade vor drei Wochen hat auch der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis mit einem eindrücklichen Video dazu aufgerufen.

Aber eine solche Idee in den USA? In den USA, wo nichts so fremd erscheint und sogar als gefährlich taxiert wird, wie der in Europa bewährte Sozialstaat?

Fehlschluss. Auch in den USA existiert diese Idee und wird auch schon zaghaft propagiert. Man sehe etwa die Website Universal Basic Income.

Und in Afrika?

Jetzt ist die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens, die Idee des Universal Basic Income, auch im Silicon Valley angekommen. Und dank den Spenden einiger Millionäre ist man auch bereits soweit, das Modell zu testen – dort nämlich, wo es am meisten Hungernde gibt: direkt in Afrika. In einer wirtschaftlich aussichtslosen Region in Kenya – es handelt sich um einige Dörfer mit zusammen 6000 erwachsenen Personen – erhalten seit zwei Jahren alle erwachsenen Einwohner jeden Monat in der Lokalwährung 2280 Shillings, was 22 US-Dollars entspricht. Das reicht in der lokalen Kaufkraft aus, diesen Menschen eine Existenz zu ermöglichen, sprich: sich zu ernähren und zu kleiden. Und dieses Grundeinkommen ist fix versprochen für einen Zeitraum von zwölf Jahren.

Das Ziel ist, in der Praxis zu erkennen, wie sich das System auswirkt. Beginnen die Menschen dort aufzuleben? Dank sicherer Existenz etwas zu unternehmen? Oder fallen sie erst recht in Fatalismus und Apathie?

Es ist so oder so hocherfreulich, dass solche Versuche gemacht werden. Die im konkreten Beispiel dafür notwendigen 20 Millionen Dollar sind ein Pappenstiel gegenüber den Kosten, die uns aus der unkontrollierten Immigration aus Afrika entstehen. Spätestens seit der Chinesischen Mauer, die sich – je nach Zeitpunkt – über mehrere tausend Kilometer erstreckte, weiss man, dass auch Mauern die Migration nicht aufzuhalten vermögen. Auch Donald Trump wird diese Erfahrung machen müssen.

Der einzige Weg, die Migration in einem für alle Seiten erträglichen Rahmen zu halten oder sogar in eine alle Seiten bereichernde Entwicklung umzuformen, führt über die Schliessung der heute viel zu tiefen Kluft zwischen Arm und Reich. Dieses Problem muss dringend angegangen werden. Warum nicht mit einem Universal Basic Income, einem BGE, in dessen Folge dann, zum Beispiel, auch die Kinder der Ärmsten in die Schule gehen können?

Einen guten Einblick in das Experiment in Kenya gab am 23. Februar 2017 eine Reportage im Magazin der New York Times.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier Bedingungsloses Grundeinkommen
Auch die Deutschen wünschen sich ein BGE (Handelsblatt)
Lesetipp: Der überflüssige Mensch (auf Infosperber)
EU-Parlamentspräsident fordert Marshall-Plan für Afrika (aus der NZZ)
Kopie des Artikels aus dem NYT Magazine

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4 Meinungen

"Bedingungsloses Grundeinkommen» - eher in Afrika als bei uns!!! Wir vermöchten das ja sogar von hier aus zu finanzieren, wenn der Geiz (jaja, ich weiss, es ist nur Existenz-Angst ;-) ) endlich eliminiert werden könnte.
Ilse Czamek, am 27. Februar 2017 um 13:38 Uhr
Afrika ist ein grosses Land.

In vielen Ländern ist Subsistenz-Landwirtschaft immer noch die Regel. Da sind Hilfslieferungen gutmeinender «Helfer» im wesentlichen Instrumente zur Abhängigkeit. Das haben die Missionare schon geschafft. PL480, das Hilfsprogramm der USA, welches die landwirtschaftliche Überschussproduktion der USA auf die Weltmärkte als «Hilfe» warf, hat weiter zu dieser negativen Entwicklung beigetragen.

Der Fisch hilft vielleicht heute, Fische fangen zu können hilft vielleicht etwas dauerhafter.

Helikoptergeld für Afrika fördert im besten Fall die industrielle Bierbrauerei westlicher Provenienz. Für die Entwicklung der betroffenen Länder ist das Unsinn. Um den Wirtschaftsflüchtlingsstrom zu reduzieren ist das vollständig jenseits von gut und böse, schlicht absoluter Blödsinn.

Es wäre an der Zeit, auch aussereuropäischen Leuten auf «Augenhöhe» zu begenen und die missionarischen Phantasmen früherer Generationen ruhen zu lassen.
Josef Hunkeler, am 27. Februar 2017 um 14:04 Uhr
@Sergio Rivoir: Bei der Microsteuer haben wir ähnlich problemeatische Vorschläge zur Finanzierung wies beim bGE war. Beide Finanzierungsvorschläge würden den Reichen zu Gute kommen und die Armen hätten weniger als jetzt. Rechnen wir doch mal gemeinsam nach: angenommen jemand verdient im Jahr 200000 SFR. Er bezahlt jetzt im Jahr ca. 10% Steuern, also 20000 SFR - mit der Microsteuer lacht er sich ins Fäustchen....
Wie sieht es bei jenen aus, die heute grad so am Limit leben und kaum Steuern bezahlen - weils gar nichts zu holen gibt? Diese können dieser Steuer nirgends ausweichen - die Steuer wird abgewälzt und jede Zahlung von Mieten, Strom, Wasser usw. wird mit der Microsteuer belastet - immer noch überzeugt von der Microsteuer für alle?
Luzia Osterwalder, am 27. Februar 2017 um 18:02 Uhr
An der Frage, wie man bessere Verhältnisse in Afrika erreichen könnte, haben sich schon manche die Zähne ausgebissen. Das Ziel muss sicher sein, dass auch die Länder dieses Kontinentes eigenständig funktionieren können. Noch wichtiger, als Entwicklungshilfe zu leisten, wäre es wohl, schädliche Machenschaften auswärtiger Akteure (z.B. Bestechung, unfairer Rohstoffhandel, Waffenlieferungen, ...) zu unterbinden.
Bezüglich Grundeinkommen schliesse ich mich gerne der Meinung von Josef Hunkeler an.
Daniel Heierli, am 27. Februar 2017 um 22:07 Uhr

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