Das Abschaffen des Bargelds als Verzweiflungstat

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Ernst Wolff / 26. Feb 2016 - Geldwäscherei und Terrorismus dienen plötzlich als Vorwand, um grosse Banknoten abzuschaffen und Bargeld möglichst zu verbieten.

Das geplante und aus heiterem Himmel zur Diskussion stehende Eindämmen und sogar Abschaffen des Bargelds ist in Wirklichkeit eine Massnahme, um das aus den Fugen geratene Finanzsystem kurzfristig stabil zu halten. Längerfristig allerdings drohen umso grössere Gefahren.

Manche Bankenvertreter und manche Medien versuchen seit Monaten, der Öffentlichkeit einzubläuen, wie altmodisch, umständlich oder gar lästig der Einsatz von Münzen und Banknoten sei und wie zeitgemäss und effizient dagegen der Einsatz von Kredit- oder Chipkarten ist. Gleichzeitig warnen sie vor Gefahren des Bargeldes: Es fördere die Geldwäsche, begünstige die Steuerhinterziehung, leiste der Korruption Vorschub und erleichtere Terroristen die Geldbeschaffung.

Wieso gerade jetzt?

Der unbefangene Beobachter fragt sich verwundert, wieso diese Themen gerade jetzt aufgebracht werden - schliesslich existieren Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Korruption und auch der Terrorismus seit Jahrzehnten. Die Verwunderung ist berechtigt. Alle vier Gründe sind vorgeschoben und haben mit den wahren Motiven, die hinter der Eindämmung und möglichen Abschaffung des Bargeldes stecken, nicht das Geringste zu tun.

Tatsächliche Beweggründe der derzeitigen Kampagne gegen das Bargeld sind einzig und allein zwei Faktoren: Die inzwischen in der gesamten Eurozone durchgesetzte Ersetzung des Bail-out durch das Bail-in sowie die Auswirkungen von Negativzinsen auf das Finanzverhalten arbeitender Menschen.

Das globale Finanzsystem konnte 2008 nur durch ein Bail-out am Leben erhalten werden: Die Staaten sprangen damals mit Steuergeldern ein und hielten zahlreiche dem Untergang geweihte Finanzunternehmen mit der oft vorschnellen Begründung, sie seien «too big to fail», künstlich am Leben. Diese nahmen die Vorzugsbehandlung nicht etwa zum Anlass, um eigene Risiken einzudämmen, sondern als Freifahrschein, um noch höhere Risiken einzugehen und noch mehr Schulden anzuhäufen. Da die Staaten inzwischen noch stärker verschuldet sind als damals, wird ein weiterer Bail-out in der nächsten Notsituation kaum mehr möglich sein.

Bail-in statt Bail-out

Aus diesem Grunde ist mittlerweile das Bail-in eingeführt worden: Finanzunternehmen werden in Zukunft gerettet, indem zu allererst auf die Vermögen von Aktien- und Obligationenbesitzende zurückgegriffen wird. Das betrifft insbesondere die Pensionskassen-Guthaben. Diese Form der Enteignung ist bereits in verschiedenen Varianten auf Zypern, in Italien und Portugal praktiziert worden. Sie hat allerdings Folgen: Viele Menschen versuchen sich davor zu schützen, indem sie ihre Konten räumen und ihr Vermögen in der Form von Bargeld horten.

Ziel der Eindämmung oder sogar Abschaffung des Bargeldes ist es, den Menschen diese Rückzugsmöglichkeit zu nehmen. Gibt es kein Bargeld mehr, sind sie gezwungen, ihr Geld bei Finanzinstituten zu «lagern» und diesen ihre ganzen Vermögenverhältnisse offenzulegen. Im Krisenfall können Staat und Finanzwirtschaft so ohne Probleme auf private Einlagen zurückgreifen.

Der zweite Grund für die Abschaffung des Bargeldes ist die rasante Talfahrt bei den Leitzinsen der Zentralbanken. Diese liegen fast überall nahe Null, in zahlreichen Ländern bereits im Negativbereich (z.B. Schweiz, Japan, EU). Zwar dauert es eine Weile, bis die Banken diese Negativzinsen an die Einleger weitergeben, aber das anschliessende Szenario ist überall das gleiche: Statt dem Einleger am Ende des Jahres auf sein Sparguthaben Zinsen zu zahlen, wird ihm in Zukunft ein bestimmter Prozentsatz seines Geldes genommen.

Kurzfristige «Rettung» eines bankrotten Systems

Diese Form der schleichenden Enteignung nehmen die arbeitenden Menschen nicht einfach hin. Überschreitet der Negativzins eine minimale Schwelle, holen die Sparenden ihre Guthaben bei den Banken ab und verstecken sie in Form von Bargeld. Das aber versuchen Staat und Finanzindustrie zu verhindern, indem sie das Verwenden von Bargeld drastisch einschränken oder dieses schlussendlich ganz abschaffen.

Die Finanzwirtschaft und der Staat wollen sowohl das Bail-in als auch Negativzinsen und das Abschaffen von Bargeld, weil das Finanzsystems in einer gefährlichen Krise steckt. Massnahmen gegen das Bargeld sind eine Verzweiflungstat, um die unwirksame Finanzpolitik der letzten Jahre noch eine Weile weiterführen zu können, anstatt das Übel der Überschuldungen mir rigorosen Schuldenschnitten anzugehen.

Die letzte der drei Massnahmen, die Abschaffung des Bargeldes, erzeugt ein neues und für das System langfristig existenzgefährdendes Problem. Sie führt nämlich dazu, dass die arbeitenden Menschen andere Möglichkeiten suchen, ihr Erspartes vor dem Zugriff der Banken und des Staates zu retten – und sich deshalb verstärkt Edelmetallen, insbesondere dem Gold zuwenden.

Vertrauen in Gold statt Geld

Die private Nachfrage nach Goldbarren und Goldmünzen hat seit der Einführung von Bail-in und Negativzinsen erheblich zugenommen und den zwischenzeitlich stark gesunkenen Goldpreis wieder ansteigen lassen. Sollte sich dieser Prozess fortsetzen (und er wird im Fall der kompletten Bargeldabschaffung exponentiell zunehmen), wird er das bestehende System aus seinen Angeln heben. Warum? Wir leben seit mittlerweile 45 Jahren (genau: seit dem 15. August 1971, als US-Präsident Nixon den US-Dollar vom Gold abkoppelte) in einem nur noch auf Vertrauen in das Papiergeld aufgebauten System. Dieses Vertrauen allerdings schwindet vor allem seit der Krise von 2008 rasant und wird seither nur durch Manipulation und Täuschung der Öffentlichkeit am Leben erhalten.

Das geschieht im Bereich der Edelmetalle auf verschiedenste Art und Weise. Eine der wichtigsten davon ist der Verkauf von Papieren, die dem Inhaber den Besitz von Gold vorgaukeln: Die Bank verkauft einem Kunden kein physisches Gold, sondern ein Zertifikat, das ihm eine bestimmte Menge Gold zuspricht. Das Problem ist, dass die Banken mangels Kontrolle inzwischen ein Vielfaches der vorhandenen Goldmenge (die genaue Zahl kennt niemand, sie wird auf das 150- bis 250fache geschätzt, kann aber auch darüber liegen) verkauft haben.

Ein Bargeldverbot würde umgehend zu einem Run auf physisches Gold und damit zur Aufdeckung dieses Goldschwindels durch die Banken führen. Das wiederum würde den Goldpreis katapultartig in die Höhe schnellen und den Wert allen Papiergeldes auf der Welt einbrechen lassen – eine Katastrophe für das globale Finanzsystem.

Um die Konsequenzen von Niedrigzinsen und Bail-in zu kompensieren, setzen Politik und Finanzindustrie derzeit auf eine Massnahme, die das System nachhaltig untergräbt - ein weiteres Zeichen dafür, dass das gegenwärtige globale Finanzsystem – historisch gesehen – in seine Endphase eingetreten ist.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches «Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs», erschienen im Tectum-Verlag, Marburg, 26.90 CHF.

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Eine Meinung

Das ist ein sehr wertvoller Artikel, Herr Wolff, weil erstens alles richtig ist, was Sie darin schreiben und weil er hoch relevant ist. Leider scheint es so, dass er unter den Infosperber-Lesern kaum Bauchung findet. Die heilige Staatengemeinschaft ist wieder einmal auf einem gigantischen Raubzug auf das sauer Verdiente seiner Bürger und Bürgerinnen - und türmt dabei gigantische Risiken auf, wie Sie ganz richtig sagen. Ganz traurig ist, dass sich auch der Schweizer Rotfunk für Propaganda in Richtung der Abschaffung des Bargeldes stark macht: «Einstein - Cash oder Kredit: Was ist uns Geld eigentlich noch wert?» Es ist schon traurig: Erst monopolisiert der Staat das Geld, dann verbietet er es schrittweise, um uns auszunehmen. In Italien konnte ich nicht einmal mehr eine Autoreparatur von etwas über EUR 2000.- bar bezahlen!
Hans Neukomm, am 30. Mai 2016 um 15:09 Uhr

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