Bankern kann das Eigenkapital ihrer Bank schnell ausgehen © fertighausbauen.eu

Bankern kann das Eigenkapital ihrer Bank schnell ausgehen

So rasch haben Banken ihr Eigenkapital verbraucht

René Zeyer / 07. Jul 2013 - Grossbanken sollen das Zocken lassen und ihre Geschäfte wie vor 30 Jahren mit genügend Eigenkapital hinterlegen. Ein Erklärstück.

Wie bekommen wir den Finanzzirkus in den Griff? Wie verhindern wir, dass Banken mit wilden Spekulationen alles in den Abgrund reissen? Eine alte Idee erhält wieder Zuspruch: Ein höheres, hartes, transparentes Eigenkapital.

Kontrolle, Aufsicht, Bankenunion, Transaktionssteuer, Verbot von Leergeschäften, Abschalten des Hochfrequenzhandels – die Regierungen der westlichen Staaten haben schon viele Ideen geboren – und beerdigt. Nun kommt aus den USA eine neue Ansage, eine Rückkehr zu besseren alten Zeiten: eine deutliche Heraufsetzung des Eigenkapitals der Banken. Wäre nicht schlecht, zumindest heulen Banker weltweit auf, was immer ein gutes Zeichen ist. Warum der Aufschrei? Dafür muss man das Geschäftsmodell des modernen Risk Managements oder Zockerbanking verstehen.

Der Hebel bringt’s

Ich bin eine Bank, nehme im sogenannten Eigenhandel mein Eigenkapital von 100 Franken in die Hand und mache ein Geschäft. Ich spekuliere auf eine Rendite von 3 Prozent, denn ich bin eine seriöse Bank und will nicht zocken. Im besten Fall kassiere ich 3 Franken Einnahmen, also eine Bruttorendite auf dem Eigenkapital von 3 Prozent. Ist okay, aber nicht wirklich berauschend, und einen Bonus kriege ich dafür auch nicht.

Aber he, Geld ist für mich als Bank doch faktisch gratis. Also leihe ich mir 5000 Franken für nix und haue die auch in ein Geschäft. Ich verwende also einen durchaus handelsüblichen Hebel von 50. Mache ich immer noch eher schlappe 3 Prozent Rendite, sind das 153 Franken. Aber hallo, selbst nach Abzug etlicher Unkosten erziele ich auf meinem Eigenkapital von 100 Franken immer noch eine Eigenkapitalrendite von über 100 Prozent. Wenn wir nun noch eine beliebige Anzahl Nullen hintendran hängen, kommen wir schnell in den Bereich, in dem Champagnerlaune herrscht und dicke Boni sprudeln.

Das Problem ist nur: Mache ich stattdessen mit den 5000 Franken bloss 2 Prozent Verlust, also 102 Franken Miese, dann ist mein Eigenkapital weg, meine Bank ist blank. Schalter zu, Bankrott. Dumme Sache.

Ausser, ich bin systemrelevant. Dann sage ich «Hilfe», und schon kommt Väterchen Staat und hilft mir mit dem Geld seiner Steuerzahler. Oder weist die Notenbank an, mich mit eigentlich gar nicht vorhandenen, weil frisch gedrucktem Geld zu versorgen. Problem scheinbar gelöst.

Der Dschungel

Nun müssen wir einen kurzen Ausflug in den Dschungel der absolut wahnsinnigen Berechnung der Eigenkapitalquote (also des Verhältnisses von Eigenkapital und Bilanzrad) moderner Banken unternehmen und das Zauberwort «Risikogewichtung» einführen. Eine Bank sagt: Wir müssen doch wohl nicht für alle Kredite in unseren Büchern gleich viel Eigenkapital für den schlimmsten aller Fälle, nämlich dass der Kredit hops geht, vorhalten. Beispielsweise ein Staatsschuldpapier ist doch eine bombensichere Sache, eigentlich Bargeld im Tresor. Na ja. Aber wie auch immer, das gilt ja für alle Formen von ausgeliehenem Geld, und die Berechnung des risikogewichteten Eigenkapitals ist eine verdammt knifflige und komplizierte Sache. Riesen-Algorithmen nötig, Supercomputer, Nerds, nichts für Anfänger.

Banken berechnen die Risikogewichte gleich selber

Deswegen wird die Berechnung, leider kein Witz, von allen staatlichen Kontrollorganen den Banken selbst überlassen. Die kommen dann auf einen bunten Strauss von Zahlen, nach Basel 2,5 oder Basel 3, mit «Swiss Finish» oder ohne, aber eines ist so sicher wie eine Bankgarantie: Werden 6, 9, oder gar 19 Prozent risikogewichtete Eigenkapitalquote verlangt: Die Banken erfüllen diese Anforderung spielend. Sind bestens aufgestellt, bereits heute so kapitalisiert, wie sie es eigentlich erst in zwei, drei, fünf Jahren sein sollten. Super Sache.

Blöd nur, dass beispielsweise in Europa immer wieder Banken, nicht nur in Zypern, Griechenland oder Spanien, hops gehen oder mit Multimilliarden gerettet werden müssen, obwohl sie sogar kurz zuvor einen staatlichen «Stresstest» mit Bravour bestanden haben. Mit anderen Worten: All diese risikogewichteten Eigenkapitalberechnungsmodelle sind Schrott.

Die Komplizenschaft

Wenn ein Staatsschuldpapier in den Büchern einer Bank absäuft, weil beispielsweise eine Rating-Agentur seinen Wert auf Ramsch stellt, dann haben Staat und Bank ein Problem. Der Staat sowieso, aber die Bank auch, weil sie ja – selbst risikogewichtet – dieses Papier mit mehr Eigenkapital unterlegen müsste. Hat sie das nicht, säuft sie selbst ab. Das wiederum kann bekanntlich alternativlos schlimm sein, wenn es sich um eine sogenannt systemrelevante Bank handelt.

Also sagt der Staat: Okay, das müssen wir unbedingt verhindern, weil Weltuntergang und um Himmels willen. Also darfst du, liebe Bank, dieses Schrottpapier zur Notenbank tragen, die akzeptiert es als Sicherheit für fast die gleiche Menge Bargeld, alles wieder im Lot. In Wirklichkeit ist das eine elende Komplizenschaft zwischen Privatbanken und Staaten. [Die irischen Bankmanager, deren interne Gespräche publik wurden, haben sich ins Fäustchen gelacht. Red.]

Zurück zum Eigenkapital

Nun spekulieren Banken bekanntlich nicht nur mit Staatspapieren, sondern gehen Risiken ein mit ziemlich Allem, was sich Derivat nennen lässt. Mit allen Schikanen, die dem modernen High-tech Financial Engineering so einfallen. Und mit Hebeln, über die Archimedes in Entzückensschreie ausbrechen würde.

Dagegen gäbe es ein einfaches Mittel. Die sogenannte Leverage Ratio, also das richtig harte Eigenkapital (beispielsweise in Form des Börsenwerts), das eine Bank genauso einfach wie jede Bude in der Realwirtschaft ausrechnen kann, im Verhältnis zur Bilanzsumme sollte gesunde 30, 40 Prozent ausmachen. Wie bei den meisten Firmen ausserhalb des Finanzzirkus auch.

Da heulen die Banker auf. So könnten sie die Wirtschaft nicht mehr mit Krediten versorgen. Müssten schlagartig mehr Zinsen verlangen, Kapital aufnehmen, könnten keine Dividenden mehr ausschütten. Tiefste Rezession, Krise, Weltuntergang, unmöglich.

Alles Unsinn. War vor wenigen Jahrzehnten Standard im seriösen Banking. Ist problemlos machbar. Wieso dann das Geschrei? Ganz einfach; wir erinnern uns: Je weniger Eigenkapital, desto grösser der Hebel, desto mehr Eigenkapitalrendite, desto mehr Bonus, Kohle, Multimillionengehalt. Das wäre dann tatsächlich weg.

Aber das könnten wir Steuerzahler verschmerzen. Locker.

---

Dieser Beitrag erschien auch auf Journal21

---

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. René Zeyer ist Autor des Bestsellers «Bank, Banker, Bankrott» und war viele Jahre lang Kommunikationsberater in der Finanzbranche.

Weiterführende Informationen

Sie machen Geld mit Geld, das sie nicht haben (auf Infosperber)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Eine Meinung

Mein lieber Mann - aber ich darf doch davon ausgehen, dass wenigstens René Zeyer den Unterschied zwischen Eigenkapital und Eigenmittelunterlegung kennt?
Patrick Hafner, am 08. Juli 2013 um 03:38 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.