Karl Heiz, CEO von Rätia Energie 2000 - 2008 © google maps/fdp

Repower-Debakel: Ex-CEO Karl Heiz vernebelt

Kurt Marti / 09. Jun 2016 - Das Debakel des Bündner Stromkonzerns Repower ist eine Folge von Fehlentscheidungen. Das zeigt ein Interview mit dem Ex-CEO.

Letzte Woche berichtete Infosperber über das Versagen der Repower-Verwaltungsräte, insbesondere der alt Regierungsräte und der Alpiq- und Axpo-Manager. Am letzten Dienstag sendete das Regionaljournal Graubünden von Radio SRF ein Interview mit dem ehemaligen Chef von Rätia Energie (seit 2010 Repower) Karl Heiz. Er leitete den Stromkonzern von 2000 bis 2008. Heute sitzt er als Vertreter der FDP im Bündner Kantonsparlament.

Fehleinschätzung: Der stets steigende Strompreis

Auf die Frage, ob er für die Krise des Repower-Konzerns mitverantwortlich sei, antwortete Heiz: «Mitverantwortlich in dem Sinne, dass ich die schlechten Zeiten beziehungsweise den Preiszerfall auf dem europäischen Strommarkt auch nicht habe kommen sehen.»

Diese Fehleinschätzung versucht er, in einer weiteren Antwort zu begründen: Niemand habe die Ursachen des Preiszerfall kommen sehen, nämlich erstens den Druck der «lange dauernden Rezession auf den Stromkonsum» und zweitens «den Vormarsch der erneuerbaren Energien, insbesondere durch die exorbitanten Subventionen in Deutschland».

Damit fühlt sich also Heiz für etwas mitverantwortlich, das angeblich von niemand vorausgesehen werden konnte. Eine Ausrede-Formel, die in letzter Zeit zum Standard-Vokabular der Strombranche geworden ist. Noch halbwegs verstehen kann man, dass man nicht mit dem Ausmass der Subventionierung der neuen erneuerbaren Energien in Deutschland rechnen konnte. Nicht nachvollziehbar jedoch ist die generelle Behauptung, man habe den Preiszerfall nicht kommen sehen beziehungsweise nicht damit gerechnet.

Repower investierte zusammen mit seinen Hauptaktionären Alpiq (Atel) und Axpo (EGL) in grossem Stil in ausländische Gas- und Kohlekraftwerke. Aber auch in subventionierte Windkraftwerke beispielsweise in Italien. Damit haben die Schweizer Stromkonzerne massgeblich zur europäischen Stromschwemme beigetragen und damit den Preiszerfall aktiv gefördert. Von einem CEO, der in seinen letzten sechs Monaten seiner CEO-Tätigkeit stolze 500‘000 Franken einkassierte, sollte man die Kenntnis dieser einfachen Marktgesetze voraussetzen dürfen.

Umso mehr als er von 1987 bis 2000 Chef der Vorläufer-Gesellschaft von Repower beziehungsweise Rätia Energie war und folglich den Mechanismus der sinkenden Preise bei einem Überangebot bereits aus eigener Erfahrung kannte. Denn Ende der 90er Jahre führte ein Stromüberschuss in Europa zum Zerfall des Strompreises, worauf die Strombranche heftig nach Subventionen schrie – ähnlich wie heute. Nicht amortisierbare Investitionen (NAI) lautete damals das Schlagwort.

Fehlentscheidung: Investitionen in ausländische Gas- und Kohlekraftwerke

Radio SRF wollte von Heiz weiter wissen, ob es denn die Aufgabe eines Bündner Stromunternehmens sei, die Leute in Neapel mit Strom aus dem Gaskraftwerk Teverola zu versorgen.

Heiz antwortete zunächst mit einer Gegenfrage, um sich Luft zu verschaffen: «Warum nicht?» Dann tischte er das folgende Argumente auf, um die Fehlentscheidungen der Ausland-Investitionen zu vernebeln: Repower sei «kein Staatsunternehmen», weil der Kanton Graubünden «die Mehrheit an Repower nicht gehabt» habe. Nota bene: Der Kanton Graubünden war zu jener Zeit mit 44% Hauptaktionär von Repower. Zusammen mit den Beteiligungen von Alpiq und Axpo betrug der Anteil der öffentlichen Hand über 90%.

Radio SRF hakte nach: Ist es die Aufgabe von Repower, in Neapel Strom zu produzieren? Mangels schlagkräftigen Argumenten reichte Heiz nun kurzerhand die Verantwortung an die höheren Etagen weiter, insbesondere an den Staat: Der Kanton Graubünden als Aktionär, das heisst die Bündner Regierung, habe das Ausland-Engagement für die fossile Strom-Produktion «ausdrücklich befürwortet». Desgleichen der Verwaltungsrat und die anderen Aktionäre Alpiq (Atel) und Axpo (EGL).

Doch damit ist die Weitergabe der Verantwortung noch nicht zu Ende: Auch die Bündner Regierung schob die Verantwortung weiter. Im Jahr 2008 erklärte sie in ihrer Antwort auf eine Frage aus dem Bündner Grossen Rat bezüglich des Risikomanagements:

«Dass im dynamischen Umfeld der Stromwirtschaft als Folge veränderter Preise im Markt auch mit Ergebnisverschlechterungen gerechnet werden muss, gehört zum unternehmerischen – möglichst abgesicherten - Risiko. Für die Regierung entscheidend ist, dass das Risk-Management der Rätia Energie seitens der externen Revisoren als angemessen beurteilt wird.» Die Revisionsfirma von Repower hiess PricewaterhouseCoopers.

Dass es eine Fehlentscheidung war, im Ausland Gas- und Kohlekraftwerke zu finanzieren, geht auch aus einer weiteren Aussage von Heiz hervor. Dieser erklärte gegenüber Radio SRF, es sei «eben auch gefährlich» gewesen, auf den Stromhandel allein zu setzen. «Viel sicherer» sei es gleichzeitig im Ausland über eine «eigene Produktion» zu verfügen. Das gebe «eine viel solidere Basis». Doch im gleichen Atemzug musste Heiz diese Doppel-Strategie als gescheitert relativieren, indem er eingestand, es sei «eben nicht so gekommen».

Fehlentscheidung: Fossile Energien im Ausland statt erneuerbare in der Schweiz

In seiner aktuellen Energiestrategie setzt Repower auf erneuerbare und neue erneuerbare Energien. Doch schon vor zehn Jahren gab es Kritik am fossilen Kurs. Was wäre also heute anders, wenn Repower damals auf die KritikerInnen gehört hätte und konsequent auf die erneuerbaren Energien gesetzt hätte, wollte Radio SRF von Heiz wissen. Dieser gab zu, man hätte «sicher einiges Ungemach vermeiden können». Das Gaskraftwerk Teverola hätte man «wahrscheinlich» nicht gebaut und bei den Kohlekraftwerken hätte man «einige Millionen gespart». Aber nachher sei «man immer gescheiter».

Vor zehn Jahren, als er noch im Amt gewesen sei, habe man über die Strategie «Nur noch Erneuerbare, keine Kohle und kein Gas» gesprochen. Aber man habe sich «dagegen entschieden, weil fossile Energien noch viele Jahre die Hauptenergieträger in der Welt sein werden.»

Eine folgenschwere Fehlentscheidung und eine Begründung, die nicht stichhaltig ist, denn genau aus diesem Grund hätte Repower auf einheimische und erneuerbare Energien setzen müssen. Sowohl die Bundesverfassung als auch die kantonale Verfassung sowie die eidgenössischen und kantonalen Energiegesetze verpflichten die Akteure der Strombranche zur Förderung von einheimischen, erneuerbaren Energien statt der klimaschädlichen, fossilen Stromproduktion im Ausland:

In der Bundesverfassung steht:

In der Bündner Kantonsverfassung steht:

Im Eidgenössischen Energiegesetz steht:

Im Bündner Energiegesetz (1993) steht:

Im Bündner Energiegesetz (2011) steht:

Die Bündner Regierung, der Repower-Verwaltungsrat und das Repower-Mangement foutierten sich um diese Vorgaben. Stattdessen frönten sie einer hochriskanten Hunter-Strategie, für die es nur einen Grund gab: Kurzfristiges Profitstreben.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Geschäftsleiter, Redaktor und Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Weiterführende Informationen

Dossier: Die Politik der Stromkonzerne

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6 Meinungen

Sie schreiben, dass man «noch halbwegs verstehen kann man, dass man nicht mit dem Ausmass der Subventionierung der neuen erneuerbaren Energien in Deutschland rechnen konnte."

Auch das ist falsch, erstens handelt es sich um keine Subvention, sondern um eine Anschubfinanzierung, da das ErneuerbareEnergienGesetz lediglich eine kostendeckende Einspeisevergütung durch den Netzbetreiber vorsah (eine Subvention ist per Definition eine Unterstützung durch den Staat) die jedoch von Anfang degressiv vorgesehen war, d.h. pro Jahr sank die Einspeisevergütung um 5 ct. pro KWh, da sinkenden Produktionskosten der erneuerbaren Energien vorausgesehen und angenommen wurden. Ich kenne keine einzige Subvention, die degressiv ist.

Zweitens existiert das EEG seit dem Jahr 2000, in den Jahren bis 2005 konnte man bereits eine exponentielle Wachstumskurve der PV und Windenergie in Deutschland beobachten. Somit hätte lediglich diese Kurve von den hochbezahlten Managern extrapoliert werden müssen (hier handelt es sich bestenfalls um Mittelstufenmathematik, Kenntnisse, die von Managern erwartet werden können. Somit war spätestens ab dem Jahr 2005 die «Stromschwemme» zur Mittagszeit vorhersehbar und es wäre folglich bis heute 11 Jahre Zeit gewesen, sich darauf einzustellen und das Geschäftsmodell entsprechend anzupassen.

Offensichtlich für die Manager der Strombranche ein zu kompliziertes Unterfangen.

Prof. Dr. Gerhard Schneider, Prof. für Nachhaltige Unternehmensführung, HEIG-VD, Kanton Waadt
Gerhard Schneider, am 09. Juni 2016 um 12:14 Uhr
Darüber, wie sehr das Fiasko der Repower selbstverschuldet ist, wurde auf retropower.ch (http://bit.ly/selbstverschuldet) berichtet und hier kommentiert (http://bit.ly/ideologie-abgrund). Dort steht auch, wie extrem lange und engstirnig, Repowers CEO Kurt Bobst, der Nachfolger von Karl Heiz, sich zusammen mit dem Verwaltungsrat dem Glauben hingab, die Strompreise würden demnächst wieder steigen und es brauche noch eine Generation fossiler Kraftwerke.
Auch der Erfolg der Erneuerbaren hätte sehr wohl antizipiert werden können, gab es doch in Deutschland die kostendeckende Einspeisevergütung und das starke Erneuerbare Energien Gesetz EEG praktisch seit es die Rätia Energie gab.
Besonders interessant ist die im Infosperber-Artikel festgehaltene, von Heiz äusserst klar gemachte Aussage, Atel [Alpiq] und EGL [Axpo] hätten wie Graubünden und der Verwaltungsrat die Hunter-Strategie «ausdrücklich befürwortet». So vernehmen wir nun also, dass diese beiden Konzerne doch voll mitverantwortlich sind, obschon diese ihre Mitschuld an der gescheiterten Strategie der Repower stets zu verschleiern suchten. (Axpo, immer und immer wieder: «Kohlekraftwerke waren nie Teil unserer Strategie!"); Alpiqs Schweickhardt: ("Zuerst muss ich sagen, dass wir nur einer von drei Aktionären sind.") Besonders der Axpo muss vorgeworfen werden, dass sie die Repower sozusagen als Filiale fürs Grobe missbrauchte — während die Alpiq bezüglich Kohle- und anderen dreckigen Kraftwerken nie Hemmungen vorschützte.
Peter Vogelsanger, am 09. Juni 2016 um 12:15 Uhr
@Gerhard Schneider: Die Summe der jährlich erzeugten EEG-Strommengen aus Solar und Wind stieg zwischen 2000 und 2005 linear und nicht exponentiell an, wie man aus den EEG-Jahresrechnungen entnehmen kann: http://www.netztransparenz.de/de/EEG_Jahresabrechnungen.htm. Die EEG-Strommenge der Photovoltaik allein hingegen war zwischen 2000 und 2005 exponentiell steigend.
Kurt Marti, am 09. Juni 2016 um 12:51 Uhr
Sprachlos, über die Verunglipflichung der erneuerbaren Energien und der Markt- und Gesetzesinkompetenz sich fürstlich belohnende FDP Parteimitglieder. Wenn die Wirtschaftskompetenz der ab Mitte-Links Parteien auch nur halb zählt; doch immer noch die bessere Wahl!
Simon Gisler, am 09. Juni 2016 um 19:40 Uhr
Es passt zur Selbstüberschätzung und Arroganz von Heiz, Karrer, Schweikhard, Rohrbach und wie die ehemaligen CEO der Stromkonzerne alle heissen, dass sie nun, nach dem angerichteten Schaden behaupten, wir seien alle von dieser Entwicklung überrollt worden, man hätte diese Entwicklung nicht vorhersehen können.
Kritische Stimmen, die nicht zum Insider-Zirkel der Strombarone und ihrer Adlaten gehörten, und die genau vor solchen Entwicklungen gewarnt haben und die Chancen der Erneuerbaren optimistischer prognostiziert haben, wurden und werden ignoriert und als Störenfriede gebrandmarkt.
Wir werden es wahrscheinlich auch in den nächsten 5 Monaten erleben, wenn sich die Atomlobby und ihre Adlaten mit allen Mitteln und Behauptungen gegen die Initiative «für einen geordneten Atomausstieg» wehren werden. Wieder in massiver Selbstüberschätzung, in diesem Fall zur Sicherheit der AKW.
Heini Glauser, am 09. Juni 2016 um 20:50 Uhr
Heini Glauser hat recht, wenn er schreibt «wurden und werden ignoriert». Am 4. März 2016 berichtete «Die Südostschweiz» über Aussagen des Bündner Regierungsrats Mario Cavigelli, der meines Erachtens Hauptschuldige am Repower Dekakel, so: «Die Wasserkraft produziere etwa sechsmal günstiger als die Photovoltaik und viermal günstiger als der Wind.» Noch immer sind die Bündner Regierung und die Repower nicht bereit, dazu zu lernen und in die Zukunft zu schauen. Sie sind nicht einmal bereit, Fakten zu anerkennen. Das nächste grosse Debakel der Repower aufgrund von Fehleinschätzungen und verzerrter Wahrnehmung ist die nun bestärkte, einseitige und «langfristige» Fixierung auf Wasserkraftwerke. Gegen die neuen Erneuerbaren (Wind und Sonne) hat Strom aus Wasserkraft keine Chance, langfristig sowieso nicht, weil es eigentlich schon jetzt so ist. Werden neue Wind- oder Sonnen- gegen neue Wasserkraftwerke betrachtet, sind die neuen Erneuerbaren schon jetzt klar überlegen. Ausserdem will das neue Konsortium der Grossaktionäre nicht wahrhaben, dass Repower das Ausland- und besonders das Italiengeschäft schnellstens zurückfahren muss, weil es den ganzen Konzern in den Abgrund reisst, was gerade auf retropower.ch erklärt wurde (http://bit.ly/repower-italien). Man braucht sich angesichts der krassen moralischen Verfehlungen von Repower Italien nicht zu wundern, dass dieses Geschäft viel mehr kostet als es einbringt. Einige der Verfehlungen sind hier beschrieben: http://bit.ly/repower-fragen
Peter Vogelsanger, am 10. Juni 2016 um 08:14 Uhr

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